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Forsa-Umfrage

Der Traum vom Kind

25.03.2011  11:50 Uhr

Von Annette Behr, Berlin / In Deutschland werden immer weniger Kinder geboren. Und das, obwohl sich die Mehrheit der jungen Generation Nachwuchs wünscht, wie eine aktuelle Umfrage zeigt. Experten raten den potenziellen Eltern, nicht alles so perfekt planen zu wollen.

Viele junge Menschen haben feste Vorstellungen darüber, wie ihr Leben ablaufen soll. Zunächst einmal wollen sie beruflich Karriere machen, danach sollen Familie und Kind punktgenau folgen. Bisweilen ordnen sie eigene Kinder in ihren Lifestyle genauso ein wie die Anschaffung einer Eigentumswohnung oder einen Auslandsaufenthalt. Auf der Suche nach dem idealen Leben passen Kinder erst einmal nicht ins Konzept junger Menschen. Wenn dann irgendwann aber die Sehnsucht nach dem Nachwuchs stärker wird, bleibt der Kinderwunsch immer häufiger unerfüllt.

»Die Entscheidung für ein Baby sollte weniger verkopft getroffen werden«, kommentierte Marie-Luise Lewicki, Chefredakteurin der Zeitschrift »Eltern«, die Ergebnisse einer Studie mit dem Thema »Warum kriegt ihr keine Kinder?« Das Meinungsforschungsinstitut Forsa befragte dazu rund 1000 kinderlose Frauen und Männer im Auftrag der Eltern-Family-Magazine. In Berlin diskutierte Lewicki jetzt mit weiteren Experten unter anderem die Tatsache, dass sich eigentlich 66 Prozent der befragten 25- bis 45-Jährigen Nachwuchs wünscht. Bei den unter 30-Jährigen waren es sogar 86 Prozent. Schlechter sieht es allerdings mit der Umsetzung aus. Denn immer wieder führt zu langes Aufschieben letztlich zur Kinderlosigkeit.

Die biologische Uhr tickt

Überrascht waren die Auftraggeber schon über die Antwort auf die erste Frage: »Wollen sie einmal Kinder haben?« 70 Prozent der Männer sagten »Ja« zum Kind und nur 61 Prozent der Frauen. Schwanger werden viele trotzdem nicht. Bisweilen planten die Befragten ein Baby wie ein berufliches Projekt, meinten die Experten. Viele Frauen warteten zu lange, bis schließlich ihre biologische Uhr abgelaufen ist. »Die Entscheidung, wann ich ein Kind möchte, kann eben nicht auf den 39. Geburtstag gelegt werden«, meinte Lewicki.

Außerdem suggerierten Medienberichte den Frauen heute zusätzlich, sie könnten auch noch mit 51 Jahren problemlos ein Kind bekommen, so ihre Erfahrung. »Doch wenn der Kinderwunsch am größten ist, klappt es häufig nicht mehr«, ergänzte Kerstin Ruckdeschel, Soziologin am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. 63 Prozent der Befragten wollen zunächst für eine solide finanzielle Basis sorgen, ehe sie ein Kind bekommen. Bei Akademikern hat häufig der Job erste Priorität. 48 Prozent der Befragten verstehen ihren Beruf als Berufung und nicht etwa die Elternrolle. Erschwerend kommt hinzu, dass 44 Prozent noch auf ihren Traumpartner warten.

Mr. und Mrs. Perfect gesucht

Wer zwischen 25 und 35 den Partner fürs Leben noch nicht gefunden hat, tut sich immer schwerer. Auf der Suche nach der oder dem »Richtigen« bleibt der Traum vom Kind oft auf der Strecke. So verwundert es nicht, dass von den 35- bis 39-Jährigen 57 Prozent angaben, ihnen fehle der passende Partner für ein Kind. Bei den über 40-Jährigen waren es sogar 61 Prozent. Laut Studie suchen 50 Prozent der Männer ihre Traumfrau, hingegen nur 33 Prozent der Frauen ihren Traummann. Diese Zahlen widerlegen die verbreitete Meinung, dass es vor allem die Frauen sind, die Kinder wollen, aber keinen Mann finden.

Von den befragten Paaren waren 87 Prozent zuversichtlich, den Alltag auch mit einem Kind gemeinsam meistern zu können. Nur 12 Prozent befürchteten, als Eltern die gleichberechtigte Rollenverteilung zu verlieren. Diese Angst ist durchaus berechtigt, denn die Realität sieht nach einer Geburt meist ernüchternd aus. Sogar Paare, die vorher alle Aufgaben geteilt haben, rutschen von einer gleichberechtigten in eine traditionelle Partnerschaft. Die Mutter bleibt beim Kind, und der Vater verdient das Geld. Daraus entstehen früher oder später oft Diskussionen und Konflikte über Finanzen, die Erziehungsmethoden und die Arbeit im Haushalt.

Zwischen Kind und Karriere

Kein Wunder, dass vielen jungen Menschen das Kinderkriegen vergeht, wenn sie im Freundes-, Bekannten- oder Familienkreis diese Entwicklung beobachten. Zusätzlich geht vielen die Lust auf ein Baby verloren, weil ihre Mitmenschen das »Management« einer Familie kaum anerkennen. Mehr als 80 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass die Gesellschaft berufliche Leistungen höher bewertet als den Einsatz von Müttern und Vätern. Kinder- und Elterngeld reichten als Anreiz nicht aus, um die Geburtenzahlen zu steigern, waren sich die Experten einig. »Zusätzlich begünstigt das deutsche Steuersystem noch immer die Hausfrauenehe«, beklagt die 51-jährige Lewicki.

Frauen hätten nach wie vor Schwierigkeiten, Familie und Beruf zu vereinbaren, so der Forsa-Geschäftsführer Professor Dr. Manfred Güllner. Sie müssten ihre Arbeitszeiten flexibler gestalten können, forderte er. Noch immer gäbe es in Deutschland keine optimalen Betreuungsmöglichkeiten für Kinder, und das gesellschaftliche Klima sei wenig kinderfreundlich. Außerdem hätten viele junge Menschen große Existenzängste, häufig sei ihr Arbeitsplatz unsicher. Von Praktikantengehältern könne keine Familie existieren. Erst eine an­gemessene, menschenwürdige Bezahlung ermögliche die Familiengründung, so Güllner. Momentan ist den meisten jungen Menschen (79 Prozent) ihr Leben auch ohne Kinder schon stressig genug. 53 Prozent der 25- bis 34-Jährigen gab an, dass sie den zunehmenden Stress mit einem Kind nicht wünschen. »Gestresste Eltern haben eine empfängnisverhütende Wirkung auf junge Menschen«, sagte Lewicki.

Alles soll bleiben, wie es ist

74 Prozent der Befragten wollen ihren Lebensstil nicht aufgeben, nicht auf ihre Unabhängigkeit verzichten. Insgesamt gaben 81 Prozent an, sie wären auch ohne Kind mit ihrem Leben zufrieden. Gar keinen Kinderwunsch hatten 22 Prozent. »Eine Familie zu gründen, ist heute eben nur eine Lebensform von vielen«, sagte Ruckdeschel. Vor 50 Jahren hatten in Deutschland verheiratete Paare noch im Durchschnitt zwei Kinder, heute ist Kinderlosigkeit nichts Ungewöhnliches.

Ein weiterer Grund für die niedrige Geburtenrate ist, dass 36 Prozent der Befragten sehr hohe Ansprüche an sich und ihre Elternschaft stellen. Alles soll perfekt sein. Bereits lange vor der Geburt ist das Kinderzimmer wunderschön durchgestylt. Mit dem hochmodernen Kinderwagen möchte die junge Mutter joggen gehen, damit sie schnell wieder die postnatalen Pfunde verliert. Sie selbst will schön und attraktiv bleiben, alles nicht nur gut, sondern sehr gut erledigen.

Wer sich für ein Leben mit Kind entscheidet, gerät schnell unter Druck. Da wundert es kaum, dass 51 Prozent der Frauen und 55 Prozent der Männer angaben, sie wären froh, wenn ihnen die Entscheidung für ein Baby abgenommen würde. Das sind wahrscheinlich die besten Aussichten, unverkrampft Eltern zu werden. Experten plädieren daher für mehr Gelassenheit bei der Familienplanung. /

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