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Gender Medicine

Frauen sind anders

25.03.2011  11:17 Uhr

Von Claudia Borchard-Tuch, München / Frauen gehen häufiger zum Arzt, haben öfter Depressionen und rheumatische Erkrankungen und reagieren auf zahlreiche Medikamente nicht so wie Männer. Dass sich auch die Symptome vieler Krankheiten bei Frauen und Männern unterscheiden, berücksichtigen Ärzte noch immer zu wenig.

»Männer sind anders. Frauen auch.« Dieser Bestsellertitel des amerikanischen Paar- und Familientherapeuten John Gray könnte das Leitmotiv der Gender-Medizin sein. Die Vertreter der geschlechtsspezifischen Medizin fordern, dass beispielsweise in klinische Studien mit neuen Arzneistoffen beide Geschlechter einbezogen und die Unterschiede präzise dokumentiert werden. Von dieser Methode würden Frauen wie Männer profitieren.

Mehr Herzversagen bei Frauen

Bereits 1991 schrieb das britische Fachmagazin New England Journal of Medicine: »Eine Frau muss erst beweisen, so herzkrank zu sein wie ein Mann, um dieselbe Behandlung zu erhalten.« Doch wie wahr dieser Satz ist, dringt nur langsam in das Bewusstsein von Ärzten und Laien vor. Inzwischen sterben mehr Frauen am plötzlichen Herztod als Männer: Nach einer Statistik starben im Jahr 2006 30 Prozent der Frauen am plötzlichen Herzversagen, bei den Männern lediglich 26 Prozent. Am häufigsten trifft es Frauen im Alter zwischen 45 und 60 Jahren. Hinzu kommen Todesfälle aufgrund von Kreislauferkrankungen: Auch hier liegen die Frauen mit 20 Prozent vorn, bei Männern sind es 12 Prozent.

Die Ursachen hierfür sind vielschichtig. Eine wichtige Rolle spielt, dass Frauen bei einem Herzinfarkt oft andere Symptome bemerken als Männer. Als klassische Symptome gelten Atemnot, Brustschmerzen und Taubheitsgefühl im linken Arm. Frauen wird hingegen oft übel, sie spüren ein Druckgefühl im Oberbauch oder Schmerzen zwischen den Schulterblättern. »Ärzte rechnen zumeist nicht damit, dass eine Frau einen Herzinfarkt bekommen hat«, erklärte Professor Dr. Vera Regitz-Zagrosek, die das Institut für Geschlechterforschung in der Medizin (GiM) in Berlin leitet, auf einem Kongress in München. Diese Fehleinschätzung hat zur Folge, dass Frauen nach Einsetzen der ersten Symptome durchschnittlich zweieinhalb Stunden später in ein Krankenhaus eingeliefert werden als Männer.

Auch wenn die Risikofaktoren für eine koronare Herzerkrankung für beide Geschlechter gleich sind, wiegen sie bei Frauen schwerer. Der weibliche Körper reagiert auf Rauchen, zu hohe Cholesterol-Werte, Bluthochdruck, Übergewicht oder Diabetes weitaus empfindlicher als der männliche. Während beispielsweise Diabetes das Infarktrisiko bei Frauen um das Fünffache erhöht, steigt es bei Männern nur um das Dreifache.

Männlich oder weibliche Chromosome

Geschlechtsunterschiede gibt es auch bei zahlreichen anderen Erkrankungen. Ursache sind zum einen biologische, zum anderen soziale Faktoren. Immerhin liegen auf dem X-Chromosom 1500 Gene, die wichtig für Herz und Kreislauf, Hirnfunktion und Immunsystem sind. Dieses Chromosom haben Frauen bekanntermaßen doppelt, das zweite Exemplar dient als Reserve. Auf dem Y-Chromosom der Männer befinden sich aber nur 78 Gene, vor allem mit Informationen für die Sexualfunktion. Als zweiter wichtiger biologischer Faktor gelten die Sexualhormone. Das Östrogen wirkt lange Zeit schützend auf das Herz. Andererseits ist es aber auch an der Blutstillung beteiligt, was das Thromboserisiko erhöht.

Tipps für den Apothekenalltag

  • Bei Nebenwirkungen spielt das Körpergewicht eine wichtige Rolle. Besonders bei Frauen, die weniger als 50 Kilogramm wiegen, und bei älteren Frauen mit niedriger Muskelmasse ist das Risiko für Nebenwirkungen erhöht.
  • Da Frauen häufig frei verkäufliche Präparate einnehmen, müssen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten ausgeschlossen werden.
  • Auch bei Frauen, die Kontrazeptiva nehmen, sollten Wechselwirkungen geprüft werden.

Nach einer Erkrankung wirken sich die Unterschiede in der sozialen Rollenverteilung aus. So belasten sich Frauen schon sehr früh wieder mit Hausarbeit und erholen sich dadurch langsamer. Möglicherweise trägt auch das soziale Umfeld dazu bei, dass Frauen doppelt so oft an Depressionen, Angsterkrankungen, Panikstörungen, Phobien und Essstörungen erkranken.

Die meisten Menschen halten Osteoporose für eine typisch weibliche Erkrankung nach den Wechseljahren. Dabei verkennen sie, dass Knochenschwund eine allgemeine Alterserscheinung ist und daher auch Männer nach dem 70. Lebensjahr häufig betroffen sind. Regitz-Zagrosek berichtete, dass bisher noch keine hormonbasierte Therapie für Männer existiert.

Als typisch männliche Krankheiten gelten beispielsweise Lungenkrebs, Nierenerkrankungen, Schizophrenie, Alkoholismus sowie die chronische Hepatitis C. Zu den typischen Frauenleiden zählen dagegen Autoimmunerkrankungen, bei denen Antikörper körpereigenes Gewebe zerstören. Hierzu gehören die Multiple Sklerose, die rheumatoide Arthritis und die Hashimoto-Thyreoiditis. Bei dieser Erkrankung wird langfristig Schilddrüsengewebe zerstört. Verschiedene Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass an der Entstehung einer Autoimmunerkrankung Gene des zweiten X-Chromosoms beteiligt sind. Normalerweise muss in jeder einzelnen weiblichen Zelle eines der beiden X-Chromosome nach dem Zufallsprinzip inaktiviert werden. Ist diese Unterdrückung unvollständig, entstehen Proteine, die eine Autoimmunerkrankung auslösen können.

Probanden jung und männlich

Während in den USA an Studien für Medikamente mittlerweise 40 Prozent Frauen teilnehmen müssen, gibt es in der EU keine genauen Vorgaben. Seit 2004 schreibt ein Paragraf im deutschen Bundesarzneimittelgesetz vor, Studien geschlechtsspezifisch aufzubauen und auszuwerten. Nichtsdestotrotz werden die meisten Tests für die Zulassung von Medikamenten überwiegend mit jungen, männlichen Mäusen und später mit Männern durchgeführt. Aktuelle Analysen zeigen, dass mit 25 bis 35 Prozent in Phase-I-Studien beziehungsweise 35 bis 40 Prozent in Phase-II- und -III-Studien Frauen deutlich unterpräsentiert sind. Die Gründe für den weiblichen Ausschluss sind vielfältig. So fürchten die Studienärzte beispielsweise, eine Frau könnte während der Studie schwanger werden. Dann wäre das Risiko für das Ungeborene nur sehr schwer abschätzbar. Als problematisch bei der Auswertung der Ergebnisse erweisen sich außerdem die hormonellen Schwankungen durch den weiblichen Zyklus und eventuell Wechselwirkungen des zu prüfenden Medikaments mit oralen Kontrazeptiva.

Geschlechtsspezifische Enzymausstattung

Bei einer für den Abbau von Arznei- stoffen sehr wichtigen Enzymfamilie, den Cytochrom-P450-Enzymen, existieren deutliche Unterschiede zwischen Mann und Frau. Frauen verfügen über drei- bis viermal mehr CYP3A4 als Männer. Verschiedene Medikamente wie die Calciumantagonisten Verapamil und Nifedipin oder das Glucocorticoid Methylprednisolon baut der weibliche Organismus deshalb rascher ab.

Dagegen haben Männer mehr CYP2D6. Dies wirkt sich besonders auf den Blutspiegel von Betablockern aus. So ist beispielsweise bei gleicher Metoprolol- Dosierung der Blutspiegel von Frauen um 50 Prozent höher als von Männern. Dementsprechend senken Betablocker Blutdruck und Herzfrequenz bei Frauen deutlich ausgeprägter. Auch der Lipidsenker Simvastatin wirkt bei Frauen stärker und länger.

Das Enzym CYP1A2, das unter anderem Theophyllin und Coffein verstoffwechselt, ist bei Frauen ebenfalls weniger aktiv. Dies führt zum Beispiel zu höheren Plasmakonzentrationen des Antidepressivums Sertralin.

Dabei hat die Frage nach möglichen geschlechtsspezifischen Unterschieden in Pharmakokinetik, Pharmakodynamik, Wirk­samkeit und Verträglichkeit von Arzneistoffen seit Beginn der 1990er-Jahre zunehmend das Interesse der Wissenschaftler geweckt. Die Plasmaspiegel von Männern und Frauen unterscheiden sich schon allein aufgrund der Tatsache, dass Frauen durchschnittlich etwa zehn Kilogramm leichter sind als Männer. Während der weibliche Körper einen deutlich höheren Fettanteil hat als der männliche, sind bei diesem Muskelgewebe und Wasseranteil deutlich größer. Dieser Unterschied wirkt sich beispielsweise auf die Pharmakokinetik aus: Lipophile Arzneistoffe verweilen bei Frauen länger im Fettgewebe als bei Männern. Wirkungen und Nebenwirkungen halten länger an. Bei hydrophilen Arzneistoffen ist dies genau umgekehrt. Auch bei Enzymen, die Medikamente abbauen, gibt es Unterschiede (siehe Kasten).

Vorteile und Nachteile für Frauen

Geschlechtsspezifische Unterschiede wurden für viele Substanzen nachgewiesen. Inzwischen ist bekannt, das niedrige ASS-Dosen zur Prophylaxe von Herzinfarkt und Schlaganfall bei Frauen zwar die Häufigkeit von Schlaganfällen verringern, jedoch nicht die eines Herzinfarktes. Bei Männern sinkt dagegen das Risiko für einen Herzinfarkt, doch gleichzeitig steigt sogar die Gefahr für einen Schlaganfall. Die Einnahme von ACE-Hemmern reduzierte hingegen nur bei Männern die Sterblichkeit, nicht aber bei Frauen.

Große Unterschiede wurden auch beim Opiatbedarf gefunden. So benötigen Männer um 40 Prozent höhere Konzentrationen der Opiate am entsprechenden Rezeptor als Frauen, damit ihre Schmerzen ausreichend gelindert werden. Während Opiate bei Frauen stärker wirken und daher niedriger dosiert werden können, sind Anästhetika weniger stark wirksam. Auch Glucocorticoide, Antiemetika und Benzodiazepine sollten Ärzte für Männer und Frauen unterschiedlich dosieren. Die Therapie mit nahezu allen Thrombozyten­aggregationshemmern und Antikoagulantien ist bei Frauen mit einem erhöhten ­Blutungsrisiko verbunden.

Doch nicht nur die Wirkungen, sondern auch die unerwünschten Wirkungen können je nach Geschlecht mehr oder weniger stark ausfallen oder sogar sehr gefährlich werden. So führen beispielsweise Antiarrhythmika bei Frauen deutlich häufiger als bei Männern zu einem lebensgefährlichen Herzrasen, das »Torsade de pointes« genannt wird. Auch andere Medikamente können diese Rhythmusstörung auslösen (siehe Tabelle).

Medikamente, die lebensgefährliches Herzrasen (Torsade de pointes) auslösen können

Gruppe Substanzen (Beispiele)
Antiarrhythmika Chinidin, Procainamid, Disopyramid, Propafenon, Sotalol, Ibutilid, Dofetilid
Calciumantagonisten Isradipin, Bepridil
Neuroleptika Thioridazin, Chlorpromazin, Haloperidol, Pimozid
Antidepressiva Amitriptylin, Desipramin, Imipramin, Doxepin, Fluoxetin, Paroxetin, Venlafaxin, Sertralin, Citalopram, Lithium
Dopaminerge und serotoninerge Wirkstoffe Domperidon, Dolasetron, Zolmitriptan, Sumatriptan, Naratriptan, Cisaprid
Andere zentral wirksame Arzneimittel Budipin, Droperidol, Chloralhydrat, Felbamat, Fosphenytoin, Cocain, Levomethadon
Antihistaminika Terfenadin, eventuell auch Azelastin, Loratadin und Cetirizin, Astemizol
Antiinfektiva Makrolide: Azithromycin, Clarithromycin, Erythromycin, Roxithromycin, Spiramycin
Gyrasehemmer: Sparfloxacin, Grepafloxacin, Moxifloxacin, Gatifloxacin, Levofloxacin
Andere Antibiotika: Pentamidin, Clindamycin
Antimykotika: Fluconazol
Antimalariamittel: Halofantrin, Chinin, Chloroquin
Andere Arzneimittel Immunreaktionshemmer: Tacrolimus
Zytostatika: Arsentrioxid, Tamoxifen

Vieles zu hoch dosiert

Als Nebenwirkungen von ACE-Hemmern sind Reizhusten und Hautausschlag bekannt, diese traten bei Frauen deutlich häufiger auf als bei Männern. Manchmal verursachen Arzneimittel deshalb mehr unerwünschte Wirkungen bei Frauen, weil die Dosierung für 75 Kilogramm schwere Männer standardisiert wurde und sie daher für viele Frauen zu hoch dosiert sind. So erhöhte die Therapie mit Digitalis sogar noch die Sterblichkeit von Frauen mit Herzinsuffizienz, während Männer von der Behandlung profitierten. Da Digitalis zu den Arzneistoffen gehört, die ganz exakt dosiert werden müssen, war bei den Frauen möglicherweise der Blutspiegel zu hoch.

Noch steht die Erforschung geschlechtsspezifischer Unterschiede bei Krankheiten und Medikamenten am Anfang. »Die Grundlagenforschung und die forschende pharmazeutische Industrie tragen hier eine besondere Verantwortung«, betonte Regitz-Zagrosek und forderte: »Der Gender-Aspekt muss bei der Arzneimittelforschung und -zulassung gestärkt werden.« /

E-Mail-Adresse der Verfasserin

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