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Was ich noch erzählen wollte ...

Frauen und ihre Taschen

25.03.2011  12:50 Uhr

Von Annette Behr / Viele Frauen sind der Sammelleidenschaft verfallen. Auch in puncto Taschen kann Frau nie genug besitzen. Ursprünglich zum Transport wichtiger Utensilien gedacht, ist die Tasche zum Kult- und Statusobjekt mutiert.

»Ich habe vier Töchter. Zusammen besitzen sie ungefähr einhundertfünfzig Handtaschen«, sagte der irische Musiker Bob Geldof. Im Unterton war sein Unverständnis für diese Tatsache herauszuhören. Die meisten Männer haben keinen Zugang zu dieser primär weiblichen Leidenschaft. Schriftstellerin und Moderatorin Elke Heidenreich meint dazu: »Eigentlich doch schön, dass Männer das mit Frauen und ihren Handtäschchen nicht kapieren – haben wir wenigstens was Eigenes.«

Wichtiges Gesprächsthema

Es ist schon eigenartig, wie Frauen auf die Erwähnung des Wortes Tasche reagieren. Meist geht dann ein Aufschrei durch die Frauenrunde und spontan entwickeln sich Gespräche über Taschen-Größen, Beschaffenheit, Materialien, Form und Farben. »Kennst du schon die neue Longchamp in saphiergrün?« oder »Hast du diese tolle Clutch aus purpurfarbenem Leder von Hermes gesehen?« Oft dreht sich dabei alles um Modelle von Designer X oder Y, die eine Frau einfach dringend braucht.

Die Taschen von »Longchamp« sind schon länger in, ob in Mini- oder Oversize- Ausführung, in allen Farben und Materialien. Mit den größeren Modellen durchstreifen Frauen die Shopping-Center der Welt, möglicherwiese sogar auf der Suche nach noch mehr Taschen. Das Modell »Kelly-Bag« ist da schon spezieller. Diese zeitlos elegante Variante wurde um 1956 nach ihrer Trägerin, der Schauspielerin Grace Kelly, benannt. Die Fürstin von Monaco ist zwar seit langem tödlich verunglückt und mancher jungen Frau völlig unbekannt, nicht so die Tasche. Wer dieses französische Luxus-Modell trägt, möchte sich ein wenig mit dem Hauch der Fürstin umgeben. Sie war sehr schön und trat in der Öffentlichkeit immer äußerst elegant gekleidet auf.

Haben oder sterben

»Wenn eine Tasche attraktiv ist, gibt sie dir auch ein gutes Gefühl«, sagte Designer Tom Ford zum Thema. »Es geht um Linienführung, Oberflächen, Stoffe, ausgewogene Proportionen. Wenn all das perfekt harmoniert, wird sich die Tasche verkaufen. Mehr noch – du willst sie haben oder sterben.« Der US-amerikanische Modedesigner scheint also die Leidenschaft der Frauen zu kennen. Manche seiner Kollegen verdienen mit ihren Taschenmodellen inzwischen mehr als mit allen anderen Entwürfen.

Vorreiter und Erfinder in Sachen Initialen-Tasche ist Louis Vuitton. Sein Monogramm zusammen mit Blumen-Ornamenten ziert Taschen und Köfferchen. Angeblich hat er es erfunden, um Fälschungen vorzubeugen. Inzwischen tragen Heerscharen von Frauen das unangemessen teure Original oder eine gut gemachte Kopie durch die Straßen der Welt. Die klassische »Louis Tasche« galt lange Zeit als das Statussymbol schlechthin. Mir ist dieser Erfolg nach wie vor unverständlich, denn die Täschchen und Köfferchen sind noch nicht einmal aus Leder, sondern aus Plastik gefertigt. Scheinbar stört es die Besitzerinnen auch nicht, dass viele andere Frauen mit dem gleichen Exemplar am Arm herumlaufen. Als eine der teuersten Taschen der Welt gilt das Modell »Louis Vuitton Tribute Patchwork Bag«.

Für Taschenliebhaberinnen

 

Wer sich für die Geschichte von ­Taschen interessiert, sollte sich auf den Weg nach Amsterdam ins ­Tassenmuseum machen. Taschen ­heißen auf Niederländisch Tassen. Über 4000 unterschiedliche Beutel, Geldbeutel, Taschen und Koffer vom Mittelalter bis in die Neuzeit gehören zur Ausstellung. Neben den dauerhaften Stücken aus verschiedenen Jahrhunderten stellen im Museum auch immer wieder zeitgenössische ­Taschendesigner aus. Die ausgefallenen Objekte können besichtigt ­werden im Tassenmuseum Hendrikje, Herengracht 573, 1017 CD Amsterdam, Tel. 0031/ 20 5246452 oder unter www.tassenmuseum.nl.

Welches das Modell der Saison ist, ob eher die klassisch elegante Variante oder die modisch verspielte, bestimmen maßgeblich die sogenannten »IT-Girls«, wie die Hotelketten-Tochter Paris Hilton oder Fußballer-Gattin Victoria Beckham. Paris Hilton trägt in ihrer Gucci-Tasche gerne auch mal den passenden Hund spazieren, während Victoria Beckham mit einer »Birkin Himalayan« von Hermes über den Rasen stöckelte. Das nach der französischen Schauspielerin Jane Birkin benannte Luxusaccessoire ist mit Diamanten besetzt, wird streng limitiert produziert und kostet rund 90 000 Euro.

Bag Stories

Für Frauen geht von Taschen ein ähnlicher Reiz aus wie von Schuhen. 95 Prozent aller Frauen in den Industrieländern besitzen zwischen 2 und 20 Handtaschen. Allerdings sieht eine Londonerin einen entscheidenden Unterschied: »Ich kann mir nicht vorstellen noch High Heels zu tragen, wenn ich alt bin, aber mit Sicherheit trage ich eine schicke Tasche.« Die Britinnen liegen nach einer Umfrage in über 17 Ländern mit ihrer Taschen-Leidenschaft auf einem vorderen Platz. Den ersten Platz belegen, wie könnte es anders sein, die Italienerinnen. Sie besitzen im Durchschnitt 60 Exemplare. Gerüchten zufolge wählen viele morgens erst eine Tasche und dann die passende Kleidung für den Tag.

Die ersten Taschen, wohl eher kleine, flache Exemplare, trugen Frauen schon im 16. Jahrhundert noch unter weiten Kleidern versteckt oder um die Hüfte gebunden. Mit der Zeit wurden größere Modelle populär. Die emanzipierte Frau entschied sich für ein zweckmäßiges Modell mit modischem Erscheinungsbild. Prinzipiell gilt das auch heute noch, meint die Wirtschaftspsychologin Dr. Ute Rademacher der Hamburger Agentur Colibri Research, die Frauen zu Taschen befragte: »Handtaschen sind die tragbare Form der Emanzipation! Je mehr Frauen Heim und Herd verließen, um sich ins Berufsleben zu stürzen, desto wichtiger wurde sie als Transportvehikel, aber auch als Notfallkoffer und Finanzzentrum. Und heute, mit Handy, Blackberry oder Laptop darin, ist sie eine regelrechte Verbindungszentrale.«

Emotionale Stützen

Angeblich kramen Frauen durchschnittlich 76 Tage ihres Leben in ihren Handtaschen, meistens suchen sie ihren Schlüssel. Das wundert mich gar nicht, denn Frauen möchten stets alles Notwendige und Lebenswichtige griffbereit haben, um für den Fall der Fälle gerüstet zu sein. Deshalb sind die Taschen in den letzten Jahren immer größer geworden, denn schließlich haben berufstätige Mütter einen umfangreichen Platzbedarf für das unverzichtbare Portemonnaie mit Bank- und Kreditkarte, für Schlüssel, Notizbuch, Sonnenbrille, Make-up, Kopfschmerztablette, Taschentücher, Handy und mehr. Ein Lippenstift gehöre zwingend dazu, so die Expertinnen. Davon hat manche Frau häufig bis zu acht Exemplare im Gepäck. Neben dem Sammelsurium aus Kassenbons, Gutscheinen und Süßigkeiten finden sich auch Zeitschriften, Bücher, Laptops und Wasserflaschen im transportablen Zweitzuhause. Viele Frauen tragen zusätzlich noch Accessoires ihrer Liebsten durch die Gegend. Babyschühchen und Fotoalben dienen im Alltag als emotionale Stützen und finden daher auch noch ein Plätzchen. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich neuerdings die Taschen in der Tasche, gefüllt mit Brille, Handy und Schmink-Utensilien. So geht auch das Umpacken von einer Lieblingstasche in die andere schneller. Kein Wunder also, dass das Gewicht der Taschen in den letzten Jahren um 38 Prozent gestiegen ist.

Haltung bewahren, egal wie, ist die erste Model-Regel beim Gang über den Laufsteg. Ob in engen Röcken, mit reifengroßen Hüten oder meterhohen Schuhen. Das Ex-Jurymitglied und Männer-Model Bruce Darnell zeigte den »Germany´s Next Topmodells« humorvoll, wie sie eine Tasche würdevoll tragen und in Szene setzen. »Die Handtasche muss leben!« Dabei spiele der Preis einer Tasche keine Rolle, sondern wie Frau sie trägt und präsentiert, meinte er. Wo Frau ihre Tasche trägt, scheint einem ständigen Wandel zu unterliegen: Mal gilt diagonal über der Brust, über eine Schulter, über dem Unterarm oder eben wie zu Großmutters Zeiten in der Hand.

Externe Wohlfühlzone

Die erste Tasche ersetzt, so meinen Experten, das geliebte Kuscheltier. Darin können schon kleine Mädchen ihre liebsten Dinge ganz in ihrer Nähe haben. Die Tasche ist ihre private Wohlfühlzone außer Haus. Die meisten Frauen gewähren anderen gar keinen oder nur ungern Einblick in ihre Tasche. Und wie viele Taschen eine Frau besitzt, darüber gibt sie erst recht keine Auskunft. Manche Exemplare werden irgendwann in Schubladenecken »beerdigt«. Andere liegen in Stoffbeutel gehüllt gut verwahrt im Schrank und sind schon lange vergessen.

Viele Mädchen machen inzwischen mit eigenen Entwürfen den teuren Luxusmodellen Konkurrenz. Sie schmücken Stoffbeutel fantasievoll mit Perlen oder Bändchen, tauschen oder erwerben handgefertigte Einzelstücke auf Taschenparties oder Börsen im Internet. Vielleicht werden sie demnächst wieder anfangen zu stricken oder zu nähen! Ich fänd´s schön. /

E-Mail-Adresse der Verfasserin

blaubehr(at)gmx.net