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Selbstmedikation bei Konjunktivitis

Klare Sicht für rote Augen

25.03.2011  11:34 Uhr

Von Andrea Gerdemann / Gerade im Frühjahr, zu Beginn der Heuschnupfensaison, fragen viele Kunden in der Apotheke nach einem geeigneten Mittel gegen ihre geröteten Augen. Haben PTA oder Apotheker geklärt, dass der Patient seine Beschwerden selbst behandeln darf, stehen eine Reihe von Arzneimitteln zur Auswahl.

Die Konjunktivitis oder Bindehautentzündung gehört zu den häufigsten Augenerkrankungen. Wie der Name bereits sagt, ist die Bindehaut des Auges irritiert oder entzündet. Die Konjunktiva bedeckt mit Aussparung der Hornhaut den vorderen Teil des Augapfels sowie die Innenseite der Lider. Zu ihren Aufgaben gehört die Bildung der Muzinschicht im Tränenfilm. Mithilfe dieser schleimhaltigen Schicht haftet der Tränenfilm an der Oberfläche des Auges. Darüber hinaus spielt die Bindehaut bei der Immunabwehr eine wichtige Rolle.

Auf starke physikalische und chemische Reize oder auch auf Erreger reagiert die Bindehaut mit einer Irritation oder einer Entzündung. In beiden Fällen nimmt die Durchblutung zu, was zu den bekannten »roten Augen« führt. Die Ursachen einer Konjunktivitis sind sehr verschieden, wobei zwischen infektiösen und nicht infektiösen Auslösern unterschieden wird. Infektiöse Bindehautentzündungen können durch Bakterien, zum Beispiel Staphylokokken oder Streptokokken, durch Viren, beispielsweise Adenoviren, und sehr selten durch Pilze wie Candidia albicans ausgelöst werden.

Neben der starken Rötung klagen die Patienten meist darüber, dass ihre Augen jucken, brennen und tränen. Viele haben zusätzlich ein unangenehmes Fremdkörper-, Trockenheits- oder Druckgefühl. Insbesondere bei der allergischen Konjunktivitis sind Lider und Bindehaut geschwollen. Patienten mit allergischer Konjunktivitis berichten häufig, dass auch ihre Nase juckt und ständig läuft. Dann liegt die sogenannte Rhinokonjunktivitis vor.

Zunächst müssen PTA oder Apotheker im Beratungsgespräch mit einigen wenigen Fragen klären, ob der Patient die Beschwerden im Rahmen der Selbstmedikation behandeln darf. Eine Auswahl geeigneter Fragen enthält der Kasten.

Enge Grenze der Selbstbehandlung

Bei Augenerkrankungen sind die Grenzen der Selbstmedikation eng gefasst. Grundsätzlich gilt: Jeder Patient, der sich die Ursache der geröteten Augen nicht erklären kann oder der zusätzlich über starke Schmerzen und/oder Sehstörungen klagt, muss einen Augenarzt aufsuchen. Gleiches gilt, wenn Kinder, Kleinkinder und Säuglinge betroffen sind. Auch Schwangere und Stillende sollten mit ihrem Arzt Rücksprache halten, bevor sie ein Arzneimittel aus der Selbstmedikation anwenden.

Geeignete Fragen an den Patienten

  • Seit wann haben Sie denn diese Beschwerden?
  • Sind die Beschwerden im Tagesverlauf unterschiedlich stark?
  • Kennen Sie eventuell die Ursache der Beschwerden? Wenn ja, können Sie diese näher erläutern?
  • Haben Sie außer den geröteten Augen noch weitere Symptome?
  • Nehmen Sie regelmäßig bestimmte Arzneimittel ein?
  • Haben Sie bereits gute Erfahrungen mit einem bestimmten Arzneimittel gemacht?

Ebenfalls zum Arztbesuch raten müssen PTA oder Apotheker allen Patienten, bei denen sie vermuten, dass die Augenbeschwerden durch bestimmte Arzneimittel ausgelöst wurden. Bei manchen Patienten, vor allem älteren, könnten die Symptome auf ein Glaukom, ein Katarakt, eine altersbedingte Makuladegeneration sowie eine diabetische Retinopathie hinweisen. Auch eine infektiöse Bindehautentzündung ist kein Fall für die Selbstmedikation. Ob diese vorliegt, lässt sich allerdings im Beratungsgespräch kaum herausfinden. Daher sollten PTA oder Apotheker den Patienten unbedingt darauf hinweisen, dass er einen Arzt aufsuchen muss, wenn sich die Beschwerden nach Anwendung der empfohlenen Augentropfen nicht innerhalb von 24 bis 48 Stunden deutlich bessern.

Haben Reize wie Zugluft oder Allergene die Konjunktivitis verursacht, spricht nichts gegen eine Selbstmedikation. Für die Selbstbehandlung haben sich verschiedene Substanzen bewährt.

Mastzellstabilisatoren

Zur Behandlung der allergischen saisonalen oder perennialen (ganzjährigen) Konjunktivitis sowie der Konjunktivitis vernalis (Frühjahrskartarrh), eignen sich Mastzellstabi­lisatoren wie Cromoglicinsäure, Nedocromil oder Lodoxamid. Diese Substanzen hemmen die Freisetzung von Histamin und weiteren Entzündungsparametern aus den Mastzellen. Dadurch verringern sie die Entzündung, im Optimalfall unterdrücken sie diese sogar. Die Patienten sollten jedoch wissen, dass diese Arzneistoffe die Wirkung von bereits freigesetztem Histamin nicht mehr hemmen können. Aus diesem Grund eignen sich Mastzellstabilisatoren eher zur Prophylaxe als zur Akuttherapie. Daher drei Tipps für die Patienten: Bei akuten Beschwerden hilft, die erste Woche über zusätzlich ein Antihistaminikum einzunehmen, bis die Wirkung der Tropfen einsetzt. Wer jedes Jahr wieder mit Heuschnupfen kämpft, sollte die Tropfen-Therapie etwa eine Woche, bevor er mit Symptomen rechnet, beginnen. Auch sollte niemand das Präparat zu früh wieder absetzten, sondern im Zeitraum des Pollenfluges weiter anwenden.

Die Patienten müssen zwei- bis achtmal täglich 1 Tropfen des Präparats in den Bindehautsack geben. Kontraindikationen und Interaktionen sind nicht bekannt. Mastzellstabilisatoren sind in der Regel gut verträglich und für die Langzeiteinnahme geeignet. Als Nebenwirkungen werden verschwommenes Sehen unmittelbar nach der Anwendung, Augenbrennen, Stechen, ein meist vorübergehendes Fremdkörpergefühl sowie ein bitterer Geschmack beschrieben.

Antihistaminika

Für die lokale Anwendung am Auge stehen in der Selbstmedikation die zwei Histamin-H1-Antagonisten Azelastin und Levocabastin zur Verfügung. Diese Substanzen hemmen die Wirkung des Histamins, indem sie es kompetitiv oder auch selektiv vom Rezeptor verdrängen. Dadurch gehen Juckreiz, Schwellung und Rötung der Augen zurück. Azelastin ist geeignet zur Behandlung der allergischen saisonalen Konjunktivitis bei Kindern ab 4 Jahren sowie der allergischen perennialen Konjunktivits bei Patien­ten ab 12 Jahren. Die Anwendung ist auf 6 Wochen begrenzt. Levocabastin hat noch zusätzlich die Indikation Konjunktivitis vernalis (Frühjahrskartarrh) und kann bei Erwachsenen und Kindern ab 1 Jahr angewendet werden. Der Einsatz dieser Substanz ist zeitlich nicht begrenzt. Interaktionen sind nicht bekannt. Die empfohlene Dosierung beträgt zwei- bis viermal täglich 1 Tropfen in den Bindehautsack.

Wer seine allergische Konjunktivitis zusätzlich oral behandeln möchte, kann beispielsweise ein Präparat mit Cetirizin oder Loratadin einnehmen.

α-Sympathomimetika

Da α-Sympathomimetika gefäßverengend wirken, bessern sie das Symptom »rotes Auge«. Gleichzeitig gehen Juckreiz und Schwellung der Bindehaut zurück. Ihr Einsatzgebiet sind ebenfalls allergisch bedingte Augenreizungen oder Entzündungen sowie andere nicht infektiöse Reizzustände der Augen. Die Dosierungsempfehlung lautet zwei- bis dreimal täglich 1 Tropfen in den Bindehautsack. Allerdings ist die Wirkdauer der einzelnen Substanzen unterschiedlich: Phenylephrin wirkt 0,5 bis 4 Stunden, Naphazolin 2 bis 6 Stunden, Tramazolin 4 bis 5 Stunden, Xylometazolin 5 bis 6 Stunden und Tetryzolin 4 bis 8 Stunden. Eine lange Wirkdauer ist von Vorteil für den Patienten, denn umso weniger häufig muss er die Tropfen applizieren. Wegen der Gewöhnungsgefahr sollten PTA oder Apotheker die Patienten darauf hinweisen, dass sie die Augentropfen nur kurzzeitig anwenden, das heißt ein bis maximal zwei Tage lang. Als Nebenwirkungen können verschwommenes Sehen sowie eine reaktive Hyperämie der Bindehaut auftreten.

Regeln für die Anwendung von Augentropfen

  • Vor der Anwendung gründlich die Hände waschen.
  • Kalte Augentropfen vor der Anwendung in der Hand anwärmen.
  • Bei der Anwendung Kopf in den Nacken legen und mit einem Finger das Unterlid vorsichtig herunterziehen. Dann 1 Tropfen in den Bindehautsack fallen lassen (am besten vor einem Spiegel).
  • Auge oder Lidrand nie mit dem Tropfer berühren.
  • Tropfflasche nach der Anwendung sofort schließen.
  • Nach der Anwendung die Augen für etwa 2 Minuten schließen. Dabei sanft auf die inneren Augenwinkel drücken.
  • Bei der Anwendung mehrerer Augentropfen zwischen den Anwendungen einen Abstand von 15 bis 30 Minuten einhalten.
  • Kontaktlinsen vor Anwendung herausnehmen und erst 30 Minuten danach wieder einsetzen.

Bei Patienten mit trockenen Augen oder Glaukom sind α-Sympathomimetika kontraindiziert. Darüber hinaus ist Vorsicht geboten bei Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Blasenentleerungsstörungen, da nicht ausgeschlossen werden kann, dass die Substanzen bei lokaler Anwendung am Auge systemisch wirken und die Gefäße verengen. Diese systemische Wirkung äußert sich in einer zentralen Erregung, Blutdruckanstieg, Herzklopfen, -rhythmusstörungen, manchmal auch in Kopfschmerzen. Die gleichzeitige Einnahme von MAO-Hemmern oder trizyklischen Antidepressiva ebenso wie weiterer blutdrucksteigernder Arzneimittel erhöht die Gefahr des Blutdruckanstiegs zusätzlich.

Tränenersatzmittel

Hat sich die Bindehaut entzündet, weil die Augen zu »trocken« waren, eignen sich ­Tränenersatzmittel zur symptomatischen Therapie. Die Substanzen wirken filmbildend und stabilisieren so den nicht mehr intakten Tränenfilm. Die Präparate enthalten Hyaluronsäure, Cellulosederivate, wie Carbomer oder Hypromellose, oder sind wässrige Polymerlösungen mit Povidon oder Polyvinylalkohol. Zur Behandlung leichter Beschwerden eignen sich wässrige Polymerlösungen. Bei mittelstarken Beschwerden haben sich Cellulosederivate und bei stärkeren Beschwerden Hyaluronsäure bewährt. Die empfohlene Dosierung beträgt drei- bis fünfmal täglich sowie vor dem Schlafengehen 1 Tropfen in den Bindehautsack. Alle Substanzen können über lange Zeiträume angewendet werden.

Kontraindikationen und Interaktionen sind für die genannten Substanzen nicht bekannt. Unerwünschte Wirkungen sind häufig auf die zugesetzten Konservierungsmittel zurückzuführen. Daher sollten PTA oder Apotheker den Patienten besser konservierungsmittelfreie Augentropfen empfehlen.

Euphrasia und Co.

Als pflanzliche beziehungsweise homöopathische Alternativen stehen für die Selbstmedikation der Konjunktivitis Augentropfen mit Euphrasia (Augentrost) und Calendula (Ringelblume) zur Verfügung. Augentrost wirkt reizlindernd, hemmt Entzündungen und ist zu empfehlen bei Irritationen der Augen durch Überanstrengung oder Zugluft sowie bei allergischer Konjunktivitis. Ringelblume wirkt keimhemmend und ebenfalls entzündungshemmend. Sie eignet sich für die Behandlung von brennenden, roten Augen mit geschwollenen Lidern. Kontraindika­tionen und Wechselwirkungen dieser Präparate sind nicht bekannt. Als Nebenwirkung können die Augen vorübergehend brennen. Die Dosierung beträgt drei- bis mehrmals täglich 1 bis 2 Tropfen in den ­Bindehautsack.

Bei der Abgabe von Augentropfen sollten PTA oder Apotheker dem Patienten einige Anwendungshinweise geben, eventuell auch in Form eines Flyers mit den wichtigsten Regeln (siehe Kasten).

Tipps bei Pollenallergie

Patienten mit einer allergischen Bindehautentzündung sind darüber hinaus sicher auch dankbar für einige nicht medikamentöse Tipps. Selbstverständlich sollten sie ihre persönliche Pollenbelastung so weit wie möglich senken. Über die aktuelle Pollenmengen in der Luft können sie sich informieren bei Pollenflugwarndiensten, zum Beispiel auf der Website der Pharmazeutischen Zeitung unter www.pharma zeutische-zeitung.de. Betroffene sollten möglichst nur zu pollenarmen Tageszeiten lüften, das heißt, in der Stadt morgens zwischen 6 und 8 Uhr, auf dem Land abends zwischen 18 und 24 Uhr. Außerdem empfiehlt es sich, täglich zu saugen und dabei Staubsauger mit HEPA-Filtern zu verwenden, vor dem Schlafengehen die Haare zu waschen, sich außerhalb des Schlafzimmers auszuziehen und die Kleidung dort liegen zu lassen. Die Bettwäsche sollten sie in möglichst kurzen Abständen wechseln und Wäsche nicht im Freien trocknen. Ihre Autofenster sollten Pollenallergiker geschlossen halten und eventuell in Erwägung ziehen, einen Pollenfilter einzubauen und diesen regelmäßig zu erneuern. /

E-Mail-Adresse der Verfasserin

andrea(at)gerdemann.info