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Fortbildung

Verbrechen mit zarter Hand

25.03.2011  12:07 Uhr

Von Gerhard Janssen und Raphaela Weber, Leer / »Frauen morden zu 90 Prozent mit Gift«, informierte Dr. Erika Eikermann während ihres Vortrags an der PTA-Schule Leer. Die Kölner Pharmaziehistorikerin fesselte 60 ostfriesische PTA und Apotheker mit ihrem Vortrag über spektakuläre Giftmordfälle von der Antike bis in die heutige Zeit.

Als Urmutter aller Giftmischerinnen nannte Eikermann Medea. Die Frauengestalt aus der griechischen Mythologie soll die römische Kaiserin Agrippina inspiriert haben, ihren Gatten Kaiser Claudius mit Eisenhut-Extrakt umzubringen. Das ermöglichte die Inthronisierung ihres Sohnes Nero aus früherer Ehe. Der bekannt grausame, neue Kaiser streckte dann später auch die Mutter brutal nieder, seine Form der »Dankbarkeit«.

Um 1800 löste das Arsen, als König aller Gifte, den bis zur Renaissance beliebten Eisenhut mit seinem lähmenden Aconitin ab. Die vornehme Berliner Geheimrätin Sophie Ursinus tötete, bestens durchdacht und ausgeführt, nacheinander ihren Ehemann, dann den Geliebten und die Erbtante. Da Arsenik (Arsentrioxid) auch für viele andere Morde zur »Regelung« von Erbschaftsangelegenheiten genutzt wurde, hieß das Gift daher auch Erbschaftspulver.

Berüchtigte Serienmörderin

Die Referentin betonte, 1831 sei ein ganz besonderes Jahr in der Kriminalgeschichte weiblicher Giftmorde gewesen: Die öffentliche Hinrichtung der Gesche Gottfried auf dem Bremer Marktplatz ist bis heute ein lebendig gebliebenes Gesprächsthema in der Hansestadt. Die Serienmörderin hatte mehr als 30 Personen in ihrer Umgebung wahllos, aber raffiniert vergiftet, denn Arsen war damals nicht nachweisbar. Ihr Geständnis erschütterte die Stadt, in der bis heute Gesches Spuckstein vor dem Rathaus eine eher traurige Attraktion für Touristen ist.

Als es dem Engländer James Marsh gelang, mit der nach ihm benannten Marsh-Probe Arsen eindeutig nachzuweisen, erlebten die Giftpflanzen ihre Renaissance. Nicotin, Atropin und Morphin waren die zarten Waffen der Frauen ebenso wie Strychnin im noch bitterer schmeckenden Bier oder der Klassiker Aconitin im Kaffeepulver oder der präparierten Praline.

Modernere Methoden

Fantasie kennt keine Grenzen: So wurden viele neue Substanzen erst einmal auf ihre Tauglichkeit als Gifte getestet, oft an Hunden. Bei Erfolg gaben die Mörderinnen dann Zyankali in Eierlikör, E 605® unauffällig in Marmorkuchen oder Zelio®, eine Rattenvernichtungspaste mit Thallium, in Pudding. Auf das Applikations-Medium käme es oft an, informierte Eikermann.

Doch die Apothekerin stellte nicht nur Beispiele aus der Geschichte vor, sondern erinnerte die Zuhörer auch an den »Todesengel von Wuppertal«, die Krankenschwester, die ihre Patienten in Serie mit Kaliumchlorid-Infusionen tötete. Denn wie jede PTA oder jeder Apotheker weiß: Dosis sola facit venenum – Allein die Dosis macht das Gift!

Eikermann freute sich nach ihren mit viel rheinischem Humor vorgetragenen Ausführungen über den langen, herzlichen Beifall des dankbaren, nun auch toxikologisch fortgebildeten Publikums. /