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Historisches

Beste Pestprophylaxe

26.03.2012  15:42 Uhr

Von Ernst-Albert Meyer / Die Ärzte im Mittelalter standen der Pest hilflos gegenüber. Viele flohen vor der Seuche, statt die Kranken zu behandeln. Ihre Therapieempfehlungen spiegeln das niedrige Niveau der Heilkunst wider und waren von Unwissenheit und Aberglauben geprägt.

Die Vertreter der Kirche machten es sich leicht: Sie sahen in der Pest eine Strafe Gottes für das sündige Leben der Menschen. Viele Ärzte waren hingegen davon überzeugt, die Pest entstünde durch ein »Miasma«. Dieser Begriff bezeichnete eine diffuse Vorstellung von einer krank machenden Materie, die durch Fäulnis in Luft und Wasser im ­Zusammenhang mit Planetenkonstella­tionen, Vulkanausbrüchen und Erdbeben entstehen sollte.

Andere Ärzte vertraten hingegen die Ansteckungstheorie und sahen das »contagium« als Auslöser der Pest. Diesen »Ansteckungsstoff« stellten sie sich als kleine, unsichtbare Krankheitserreger vor – manche sprachen von Würmern –, die den Menschen befallen. So schrieb der Jesuitenpater Athanasius Kircher (1602 bis 1680), die Pest sei nichts anderes »als eine Schar kleiner Tierchen und Würmelein, welche in der Luft herumfliegen und wenn sie in den Leib durch den Atem eingezogen werden, desselben Geblüt verunreinigen, den Geist verderben und endlich Fleisch und Drüsen zernagen«.

Duftfeuer und Mist

Der französische König Philipp VI. (1293 bis 1350) gab der Medizinischen Fakultät in Paris den Auftrag, die Ursachen der Pest zu untersuchen. Deren Professoren bekannten sich zur Miasma-Theorie und empfahlen im Oktober des Jahres 1348 duftende Feuer, um die giftigen Dämpfe zu beseitigen: »Man soll dann große Feuer aus Weinreben, aus Lorbeerzweigen oder anderem grünen Holz anzünden; ferner soll man große Massen Weihrauch und Kamillen auf den öffentlichen Plätzen … und im Inneren der Häuser verbrennen.«

Weiterhin rieten die führenden französischen Ärzte des 14. Jahrhunderts zur Pestprophylaxe, auf kalte, feuchte und wässrige Speisen zu verzichten. Gefährlich sei auch nächtliches Ausgehen – wegen des Taues. Fisch und zu viel Bewegung seien zu vermeiden. Außerdem solle man sich vor Kälte, Feuchtigkeit und Regen schützen und nicht mit Regenwasser kochen. Olivenöl in Speisen habe den Tod zur Folge.

Zorn und andere heftige Gemütserregungen, Trunkenheit und Bäder stellten nach Ansicht der Ärzte ebenfalls eine Gefahr dar. So lautete ihr Rat: »Man halte den Leib mit Klistieren offen. Umgang mit Weibern ist tödlich; man soll sie weder begatten, noch in einem Bette mit ihnen schlafen.«

Die Anhänger der Miasma-Lehre glaubten, die Luft sei gewissermaßen »steif« geworden und die tödlichen Pestilenzdämpfe könnten deshalb nicht abziehen. Laute Geräusche sollten daher die Luft »aufbrechen«, beispielsweise das Geläut der Kirchenglocken, Vogelgezwitscher in Wohnungen, später auch Schüsse mit Feuerwaffen in die Luft.

Diejenigen Mediziner, die hingegen ahnten, dass sich die Pest durch Ansteckung verbreitete, propagierten, die Luft zu reinigen. Ihrer Meinung nach eigneten sich dazu alle stark riechenden Stoffe. So könnten beispielsweise in den Häusern Beutel mit stark riechenden Kräutern die ansteckenden »Würmeleien« vertreiben. Selbst stinkende Ziegen kamen zu Ehren: Sie wurden in den Schlafzimmern gehalten, um die Pesterreger zu verjagen. Aus demselben Grund trieb man in manchen Städten Viehherden durch die Gassen. Und wer ganz sichergehen wollte, schlief auf einem Misthaufen – wenn er den Gestank ertrug.

Kampf gegen die Pest

In einer Zeit, in der Hygienemaßnahmen völlig unbekannt waren, konnte die Pest ungehindert zuschlagen. Die Mediziner waren hilflos und stellten ­Diagnosen aufgrund des Pulsschlags und der Harnschau. Ihre Therapie beschränkte sich auf den Aderlass, das Abführen und die Verabreichung bestenfalls harmloser Kräutermittel.

Die Ohnmacht der Mediziner gegenüber der Seuche beschrieb der berühmte Chirurg Guy de Chauliac (um 1300 bis 1368), Leibarzt von Papst Clemens VI., folgendermaßen: »Die Seuche ist für die Ärzte, da sie nicht zu helfen vermögen, höchst beschämend, um so mehr als sie – aus Furcht vor Ansteckung – die Kranken nicht zu besuchen wagen. Wenn sie etwas tun, so richten sie nichts aus …«

Viele Ärzte flohen zusammen mit den reichen Bewohnern bei den ersten Anzeichen der Pest aus den Städten. Doch es gab auch Ausnahmen: Guy de Chauliac blieb während der Pest im Jahr 1348 in Avignon, das bereits von allen anderen Ärzten verlassen worden war. Er erkrankte zwar selbst, doch überlebte zunächst und wurde erst im Jahr 1368 ein Opfer der Seuche.

Oft waren es Heiler, Wundärzte, Chirurgen und Bader, die in den Städten die Kranken versorgten. Aus Angst vor einer Infektion trugen sie bei ihren Krankenbesuchen eine Pestmaske, die ihnen den Namen »Schnabeldoktor« eintrug. Sie versuchten, sich mit einem langen Mantel mit eng anliegenden Ärmeln und einer Kapuze vor der Ansteckung zu schützen. Die Kapuze mündete vor dem Gesicht in eine Maske mit einem langen Schnabel, der mit aromatischen Kräutern und Zaubermitteln gefüllt war. In Augenhöhe waren in die Maske Gläser eingearbeitet. Oft wurden die Pestärzte von Fackeln tragenden Dienern begleitet, ebenfalls zur Luftreinigung.

Die einzige hin und wieder erfolgreiche Therapie bestand bei der Beulenpest im Aufschneiden und Aufbrennen der reifen, äußerst schmerzhaften Bubonen (Pestbeulen). Vorab wurden diese mit einem aufweichenden Umschlag aus zerkleinerten Feigen, Zwiebeln, Hefe und Butter bestrichen. »Esset Eberwurz und Bibernell, damit ihr sterbet nit so schnell!« Diese Worte soll der Sage nach ein geheimnisvoller Vogel den Menschen zugerufen haben – und angeblich hat das große Sterben dort aufgehört, wo man diesen Rat befolgte. Der Arzt und Botaniker Tabernaemontanus (1522 bis 1590) schrieb über Bibernell (Pimpinella saxifraga) in seinem Kräuterbuch: »Es soll diese Wurtzel in Sterbensläuffen/ wann die Pestilentz regiert/ fürnemlich in allen Speisen und Tranck genützet werden ... sie behütet den Menschen vor der ­Pestilentzischen Contagion (Ansteckung).«

In allen Ländern galt der Knoblauch als bewährtes Pestmittel. Begehrt war auch Theriak, eine aus pflanzlichen und tierischen Bestandteilen zusammengesetzte Universalarznei – für die meisten Bürger jedoch unerschwinglich. Da der Theriak in dem Ruf stand, alle Gifte im Körper unschädlich zu machen, sollte er natürlich auch vor dem Schwarzen Tod schützen.

Weitere Empfehlungen der damaligen Zeit lauteten: Wacholderbüsche zu verbrennen, Wacholderbeeren und die Baumrinde von Lärchen, Fichten oder Tannen zu kauen sowie Baldrian einzunehmen. In Sachsen hieß es in den Pestjahren: »Trinkt Baldrian, sonst müsst ihr alle dran!«

Heilmittel der ­Apotheker

Für die Produktion von Theriak wurden seltene Import-Drogen benötigt. Um Fälschungen zu verhindern, mussten Apotheker die Bestandteile öffentlich ausstellen. Erst wenn amtlich bestallte Ärzte nichts zu beanstanden hatten, fertigten die Apotheker unter deren Aufsicht Theriak an.

Auch die begehrten Riechäpfel gegen die »bösen Dünste« wurden in den Apotheken mit Rosenblättern, Zimt und wohlriechendem Ambra, einem Stoffwechselprodukt aus dem Magen-Darm-Kanal des Pottwals, gefüllt. Anschließend trug man die durchlöcherten Blechkugeln um den Hals.

Aus Heilerden wurden Münzen geformt und darauf ein Siegel gepresst. Diese sogenannten Siegelerden galten als wirksame Mittel gegen die Pest und wurden ebenfalls in Apotheken geführt. Die berühmteste Siegelerde stammte von der Insel Lesbos in der Ägäis. Bei Epidemien und in Kriegszeiten stieg die Nachfrage stark an – die Preise wurden oft unerschwinglich. Auf der Suche nach heilsamen »Ersatz­erden« erlangte Ende des 16. Jahrhunderts die »sächsische Wundererde« aus Planitz auf dem Markt große Bedeutung.

Seltene Edel- und Halbedelsteine aus fernen Ländern gehörten als Pestmittel ebenfalls in das Apothekensor­timent. Der Apotheker pulverisierte die Steine im Mörser, vermischte sie mit anderen Mitteln und stellte daraus ­Pülverchen, Pastillen und Pillen her, die er als Pestmittel verkaufte. Allerdings konnten nur sehr Wohlhabende das »Electuarium de gemmis« erstehen, das sämtliche Edelsteinarten enthielt. Als »Umhängemedikamente« boten Apotheken außerdem Amulette aus Achat, Bergkristall, Karneol, Jaspis, Malachit, Marmor und Feuerstein an.

So unterschiedlich die Mittel, die zum Einsatz kamen, auch waren – eines hatten sie gemeinsam: Alle blieben sie im Kampf gegen die Seuche völlig wirkungslos!

­Todesangst als Geschäft

Die von der Angst angefachte Nachfrage nach Pestmitteln rief zudem Betrüger auf den Plan: Scharlatane, fahrende Händler, Theriak-Krämer, Gaukler und Barbiere verkauften »ganz sicher wirkende Pestmittel«. Im »Ersatz-Theriak« waren die teuren ausländischen Heilpflanzen durch einheimische, preiswertere ersetzt – selbstverständlich bei gleicher Wirkungslosigkeit.

Zeit der Quacksalber

Der englische Schriftsteller Daniel Defoe (1660 bis 1731) beschrieb anschaulich, wie die Menschen versuchten, sich während der Pestepidemie im Jahr 1665 in London zu schützen: Sie »liefen wie verrückt zu Quacksalbern und Kurpfuschern und zu jedem alten Kräuterweib, um sich Medizin und Heilmittel zu kaufen. Viele stopften sich derart voll mit Pillen, Tränklein und Vorbeugungsmitteln, dass sie nicht nur ihr Geld verloren, sondern sich gar schon vorher vergifteten.« Das Resümee des bekannten Schriftstellers lautete: »So ist es doch meine Überzeugung, dass die beste Arznei gegen die Pest das Davonlaufen ist.« /

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