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Was ich noch erzählen wollte ...

Genussvoller Verzicht

26.03.2012  15:48 Uhr

Von Annette Behr / In der konsumorientierten, oft hektischen Welt fragen sich Menschen immer häufiger, was sie wirklich ­brauchen und was verzichtbar ist. Manchem eröffnen sich bei ­diesen Überlegungen ganz neue Einsichten und Ausblicke.

»Muss nur noch kurz die Welt retten, danach flieg ich zu dir. Noch 148 Mails checken, wer weiß, was mir dann noch passiert, denn es passiert so viel«, singt Tim Bendzko. Das Lächeln über das schöne, melodische Lied vergeht mir in letzter Zeit. In der U-Bahn, im Bus oder Zug, selbst bei privaten Treffen scheinen manche Menschen ohne MP3-Player und Smartphone nicht mehr leben zu können. Autistisch hört jeder, mittels Ohrstöpseln, seine Musik und schottet sich systematisch von der Außenwelt ab. SMS oder E-Mails senden und lesen muss jederzeit sein. Echte Kommunikation, bei der sich die Gesprächspartner Auge in Auge unterhalten, ist mit manchen Menschen gar nicht mehr möglich. Stattdessen starren sie auf ein kleines elektronisches Gerät. »Ich erwarte noch eine wichtige Mail«, sagte meine Freundin Gabi kürzlich entschuldigend, als wir uns mittags auf einen Kaffee trafen und sie mir nicht ihre volle Aufmerksamkeit schenkte.

In Besprechungen schielen die Kollegen auf ihre zeitweise vibrierenden iPhones oder sie werden durch einen Piepton informiert, dass eine Nachricht aus dem World Wide Web bei ihnen eingetroffen ist. Schnellstmöglich lesen und antworten gehört zum geschäftigen Gebaren. Schöne neue Kommunikation! Ist es nicht toll, immer und überall erreichbar zu sein, noch dazu so schnell? Oder ist es nicht manchmal viel schöner, sich ausschließlich auf eine Person oder Tätigkeit, beispielsweise die Freundin oder den Spaziergang am See, zu konzentrieren? Ich finde schon. Einen zeitweisen Verzicht auf das Handy bewertet fast jeder dritte Deutsche mit »gut«. Nach einer Forsa-Umfrage im Auftrag der DAK-Gesundheit vom Februar 2012 sind unter den 1013 Befragten mehr Frauen (34 Prozent) als Männer (27 Prozent), die ab und zu auf das elektronische Spielzeug verzichten wollen. Den Computer und das Internet würden nur 22 Prozent ausgeschaltet ­lassen.

Richtig interessant wird so manche Diskussion, wenn man sich radikal gegen einen Trend entscheidet. Weil ich nicht bei Facebook angemeldet bin, gelte ich für viele als hinterwäldlerisch. Meine sechzehnjährige Tochter denkt aktuell ebenfalls laut darüber nach, ob sie zukünftig auf das Posten, Kommentieren und Chatten via Facebook verzichten soll. »Markus hat gar kein Profil. Noch nie gehabt!«, berichtete sie mir über den Sprecher ihrer Schule. Es geht also auch bei den jungen Menschen anders! Gegen den Strom zu schwimmen, ist häufig anstrengend, stärkt aber langfristig das Selbstbewusstsein.

Zeitweise ohne

Auch auf Fernseher oder Auto könnte mancher Deutsche theoretisch für eine gewisse Zeit verzichten. So würden 34 Prozent mindestens für einige Wochen den Fernseher ausgeschaltet lassen und 13 Prozent mal auf das Auto verzichten. Zugegeben, viele Pendler können ihren Arbeitsplatz gar nicht anders als mit dem Pkw erreichen. Da habe ich es etwas leichter: Ich fahre neuerdings den größten Teil meines Arbeitsweges mit dem Fahrrad und den Rest mit öffentlichen Verkehrsmitteln. So fit wie jetzt war ich selten, und dazu spare ich auch noch Geld!

Mancher Verzicht wiegt schwer. Obwohl meine Tochter seit Weihnachten keine Süßigkeiten mehr essen will, wurde sie bisweilen rückfällig, besonders bei Mango-Kokos-Schokolade. Das finde ich verzeihlich; auch mit Rückschlägen muss man lernen umzugehen. Viele würden sich ihr in der Theorie anschließen, denn 60 Prozent geben bei Umfragen an, einen Verzicht auf Süßigkeiten fänden sie gut und außerdem noch gesund. Manchen gelingt es sogar, regelmäßig für eine bestimmte Zeit ganz auf feste Nahrung zu verzichten. Einige streichen nur bestimmte Nahrungs- und Genussmittel von ihrem Speiseplan, andere nehmen ausschließlich Flüssigkeit zu sich.

Neue Kraft

Wer sich zum Fasten entschließt, will nicht in jedem Fall möglichst schnell an Gewicht verlieren. Manche fühlen sich nach dem Fasten stärker als davor, Wohlbefinden und eine neu gewonnene Kraft sind der Gewinn. Die Gewichtsabnahme ist eigentlich eine Randerscheinung, kann aber auch ein zusätzliches Ziel sein. »Indem der Körper fastet, spart er sich die Verdauungsarbeit, die 30 Prozent des gesamten Energieaufwandes beansprucht«, schreibt Dr. Hellmut Lützner in seinem Buch »Wie neugeboren durch Fasten«.

Fasten braucht immer ein wenig Vorlauf und Vorbereitung. Die meisten Menschen haben sich mit ihrem Vorhaben lange auseinandergesetzt, darüber gelesen und, oder sich einer Gruppe angeschlossen. Ein medizinischer Check ist wichtig, und am besten sollte die Fastenzeit in eine eher ruhige Arbeitsphase oder den Urlaub fallen. Ohne den beruflichen oder privaten Alltagsstress kann auch der Geist »entschlackt« ­werden.

Der Traum vom Hähnchen

»Das möchte ich auch erleben«, sagte mein Cousin Olaf und buchte eine Woche Fasten-Wandern auf Sylt. Er wusste, was ihn erwartete: Den Körper mit Yoga und Nordic Walking ertüchtigen und gleichzeitig nichts essen. Yoga lernen und fünf Kilo abnehmen, waren Olafs erklärte Ziele. Typisch Mann, dachte ich noch. Es muss gleich wieder alles auf einmal sein und schnell gehen. Am Entlastungstag nahm er nur Joghurt, Obst und ganz viel Wasser zu sich und zur Darmentleerung erhielt er Glaubersalz. Auf den Yogi-Tee morgens um halb sieben folgte die erste Yogastunde.

»Die Mitte finden«, beim Ein- und Ausatmen. Während der Darm rumorte, lief die Fastengruppe später durch den tiefen Sylter Sand ans Meer. »Die anderen sind alle viel fitter als ich«, klagte Olaf bei unserem ersten Telefonat. Ich versuchte, ihn aufzumuntern, und erklärte ihm, die ersten drei Tage seien am anstrengendsten.

Olaf hielt durch, auch das Nordic Walking, das er überhaupt nicht leiden kann: »Warum soll ich denn an Stöcken durch den Wald gehen. Wie blöd das aussieht!« Während er die Fastensuppe schlürfte, entwickelte mein Cousin ausgeprägte Essfantasien und träumte von knusprigen Hähnchen. Beim Wandern dachte er an Schwarzbrot mit Bergkäse.

Seine Mutter hätte ihm aus Mitleid schon fast einen Käsekuchen geschickt, doch am vierten Fastentag hatte er seine Krise überwunden. Er fühlte sich fit und frei, atmete tief in seinen flacher gewordenen Bauch und freute sich auf die nächste Strandwanderung. »Es ist toll. Der Wind, die saubere Luft und die Farben, die Sinne werden tatsächlich geschärft«, berichtete Olaf. Zu seiner Freude hat er in dieser Zeit fünf Kilo abgenommen, allerdings auch festgestellt, wie gerne er isst!

Mit Absicht

Bewusster essen und auf manchen Genuss verzichten, das nehmen sich immer mehr Menschen vor. Das eigene gewohnte Verhalten zu durchleuchten und zu reflektieren, ist wie inneres Aufräumen. Einfach öfter zu sagen, es reicht mir. Genug gearbeitet, genug Geld. Mehr brauche ich nicht. Ruhe.

Raus aus dem Hamsterrad wollen viele, arbeiten aber wie selbstverständlich immer weiter. »Wir unterliegen dem Irrglauben, dass wir uns selbst verwirklichen, wenn wir immer noch mehr arbeiten«, schreibt Rüdiger Barth im Wochenmagazin »Stern« über die Spezies der Genussarbeiter. Arbeit und Freizeit verschmelzen mehr und mehr zu einem Einheitsbrei. Der Autor plädiert für den genussvollen Müßiggang. Dazu passt das diesjährige Motto der evangelischen Kirche: «Sieben Wochen ohne falschen Ehrgeiz«. Meine Erfahrung: Wer sind daran hält, beginnt, den Alltag und die Welt etwas entschleunigter und bewusster zu betrachten. /

E-Mail-Adresse der Verfasserin

blaubehr(at)gmx.net