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Als Heilkraut fast vergessen

Schwarznessel

26.03.2012  15:46 Uhr

Von Monika Schulte-Löbbert / Vermutlich liegt es an ihrem ­unangenehmen Geruch, dass die Schwarznessel als Heilpflanze bis heute nur wenig angewendet wird. Nach Überlieferungen soll das Kraut gut Krämpfe lösen und beruhigend wirken. So wird es traditionell bei Husten und leichter Schlaflosigkeit eingesetzt.

Die Schwarznessel mit dem botanischen Namen Ballota nigra L. gehört zur Familie der Lippenblütler (Lamiaceae). Von den weltweit etwa 35 Arten der Gattung der Schwarznesseln kommt nur Ballota nigra in Mitteleuropa vor. Ihre Heimat ist das Mittelmeergebiet. Von dort aus hat sie sich bis nach Irland, Schottland und Südskan­dinavien ausgebreitet. Inzwischen ist sie auch in Nordamerika zu finden, da sie dorthin eingeschleppt wurde.

Die mehrjährige Pflanze wächst bevorzugt an Wegrän­dern, Zäunen und Bahndämmen auf lockeren, etwas feuchten und stickstoffhaltigen Böden. Die typische »Dorfpflanze« findet im Umfeld von Viehweiden und -ställen besonders geeignete Lebensbedingungen. Durch zunehmende Verstädterung ging ihr Bestand zwar zurück, ist aber noch nicht gefährdet.

 

Die krautige Pflanze erreicht Wuchshöhen von 50 bis 100 Zentimetern und ähnelt in ihrem Aussehen der Taubnessel. Aus dem kriechenden Wurzelstock entspringen meist mehrere aufrechte, kräftige Stängel, die der Schwarznessel eine buschige Gestalt verleihen. Ihre weichhaarigen Blätter sitzen mit kurzem Stiel kreuzgegenständig an dem ebenfalls weich behaarten, vierkantigen Stängel. Zur Blütezeit von Juni bis September stehen jeweils vier bis zehn kurze Blüten in lockeren Halbquirlen in den Achseln der Stängelblätter. Aus dem trichterförmigen, flaumig behaarten, mit fünf Grannen versehenen Kelch ragt die purpurfarbene zweilippige Blütenkrone heraus. Die obere Lippe ist an der äußeren Oberfläche behaart, die untere Lippe besteht aus drei Lappen, deren mittlere eingekerbt ist.

 

Reifen im Herbst die Früchte heran, läuft die graugrüne Schwarznessel braunviolett an – daher stammt vermutlich der Name »Schwarznessel«. Gleichzeitig wird auch ihr Geruch zunehmend unangenehm und erinnert an Moder und feuchten Ruß. Selbst Weidevieh meidet die Schwarznessel, da die Pflanze bitter und scharf schmeckt. Der botanische Name »Ballota nigra« ist vermutlich abgeleitet von dem griechischen »ballo«, was ablehnen bedeutet, und dem lateinischen »nigra« für »schwarz«. Bienen und Hummeln sammeln hingegen aus den Blüten der Wildpflanze einen vorzüglichen Nektar, sodass die Schwarznesseln auch als Bienenweide gelten. Für die Pflanze existieren noch einige andere Namen, beispielsweise Stinkandorn, Schwarzer Gottvergeß oder Schwarze Taubnessel.

 

Gegen die Tollwut

Als im mediterranen Raum heimische Pflanze war die Schwarznessel schon im Altertum bekannt. Bereits der griechische Arzt Dioscurides beschrieb sie in seiner Materia Medica im 1. Jahrhundert unter »Ballote« als übel riechende, der Melisse ähnelnde Pflanze. Ein Umschlag mit ihren Blättern sollte gegen den Biss tollwütiger Hunde wirken. Auch der deutsche Heilkundler und Mediziner Leonhart Fuchs (1501 bis 1566) widmete in seinem Kräuterbuch aus dem Jahr 1543 eine Monographie dem »Schwarz Andorn«, wie er die Schwarznessel bezeichnete. Fuchs schrieb über deren Wirkung Folgendes: »Die bletter grün zerstossen unn übergelegt / seind gut denen so von einem wütenden hund gebissen werden«. Außerdem empfahl er sie getrocknet und mit Honig vermischt zur Heilung von Geschwüren. Diese medizinische Verwendung übernahmen auch Heilkundler der späteren Jahrhunderte. Erst der Pharmazeut Georg Dragendorff (1836 bis 1898) nannte zum ersten Mal eine innerliche Anwendung der Pflanze gegen Hysterie und Hypochondrie sowie die äußerliche gegen Gicht.

 

Bei Krämpfen

Die Schwarznessel gilt als beruhigend und krampflösend. Traditionell wird sie, vor allem in Frankreich, zur Behandlung von Husten und Nervosität, insbesondere bei leichter Schlaflosigkeit, eingesetzt. Außerdem soll sie bei Magenkrämpfen, Übelkeit und nervösen Verdauungsbeschwerden helfen. Die Wirksamkeit wurde jedoch bisher für keine der angegebenen Indikationen nachgewiesen. Weder die Kommission E für Phytotherapeutika beim ehemaligen Bundesgesundheitsamt noch die Kommission zur Beurteilung traditioneller Arzneimittel nach § 109a erteilten der Droge keine Positivmonographie.

Dennoch ist das Kraut im Europä­ischen Arzneibuch (Ph.Eur. 6. Ausgabe, Grundwerk 2008) unter »Schwarznesselkraut – Ballotae nigrae herba« aufgeführt. Die Droge besteht aus den getrockneten, blühenden oberirdischen Teilen von Ballota nigra L. und stammt aus dem Anbau oder aus der Sammlung von Wildbeständen in den Ländern des südlichen Mittel- und Ost­europas.

 

Das Kraut enthält diterpenoide Bitterstoffe vom Labdan-Typ mit Ballotenol als Hauptkomponente sowie Flavonoide, Chlorogensäure und wenig ätherisches Öl (0,01 Prozent) sowie Kaffeesäurederivate, deren Gehalt nach Ph.Eur. mindestens 1,5 Prozent betragen muss. Für den unangenehmen Geruch soll das ätherische Öl mit seinen Hauptkomponenten β-Caryophyllen und Germacren D verantwortlich sein.

 

Auf dem deutschen Markt sind keine Fertigarzneimittel im Handel, die Ballota nigra enthalten. Daher können Patienten die Droge nur als Tee anwenden und den Aufguss dreimal täglich trinken. Dazu müssen sie zwei bis vier Gramm Droge mit kochendem Wasser übergießen, fünf bis zehn Minuten stehen lassen und dann durch ein Teesieb geben.

 

Einige Nahrungsergänzungsmittel, als natürliche Beruhigungsmittel beworben, enthalten einen Trocken­extrakt aus Ballota nigra. Da es sich jedoch nicht um einen standardisierten Pflanzenextrakt handelt, ist die Anwendung eher kritisch zu sehen. Unerwünschte Wirkungen und Wechselwirkungen von Schwarznessel sind nicht bekannt. Dennoch sollte aufgrund fehlender toxikologischer Studien eine Anwendung über einen längeren Zeitraum sowie die Verwendung höherer Dosen vermieden werden.

 

Asiatische Schwarznessel

Im deutschen Sprachraum wird unter dem Begriff Schwarznessel üblicherweise Ballota nigra verstanden. Die ebenfalls als Schwarznessel bezeichnete asiatische Pflanze Perilla frutescens gehört zwar auch zur Familie der Lamiaceae, ist aber mit Ballota nigra nicht verwandt.

 

Perilla frutescens, auch Chinesische Melisse oder Wilder Sesam genannt, ist in Ost- und Südostasien beheimatet. Die Pflanze schmeckt und riecht herb aromatisch und entfernt nach Anis oder Zimt. In Asien sind zwei Arten bekannt, verwendet wird die Pflanze mit den krausen Blättern, die je nach Sorte rot oder grün gefärbt sind. Die rotblättrige Sorte wird frisch als Küchenkraut geschätzt. Von der grünblättrigen Sorte werden die Samen genutzt, da sie reich an ungesättigten essenziellen Fettsäuren sind. Das durch Kaltpressung gewonnene fette Öl, Perillaöl, enthält 55 Prozent Linolensäure (eine dreifach ungesättigte Omega-3-Säure), 11 Prozent Linolsäure (eine zweifach ungesättigte Omega-6-Säure), 21 Prozent der einfach ungesättigten Ölsäure und 9 Prozent gesättigte Fettsäuren.

 

Perillaöl ist in Präparaten enthalten, die als diätetische Lebensmittel oder Nahrungsergänzungsmittel zur Ge­sund­erhaltung der Gefäße beitragen können, beispielsweise in TUIM® Arteria. Homöopathen verwenden die frischen, oberirdischen Teile von Perilla frutescens bei Patienten mit Störungen des Harnstoffwechsels. Die gebräuchliche Potenz ist D2 und sollte über vier bis acht Wochen eingenommen werden. In der traditionellen chinesischen Medizin dienen die Blätter wegen ihres ätherischen Öls und Flavonoidgehalts zur Behandlung von Erkältungskrankheiten. /

E-Mail-Adresse der Verfasserin

schulte-loebbert(at)t-online.de

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