PTA-Forum online
Abhängigkeit

Was im Gehirn passiert

23.03.2012  17:11 Uhr
Bitte beachten Sie

Dies ist ein Beitrag aus unserem Archiv. Die Inhalte sind unter Umständen veraltet. Aktuelle Informationen zum Thema finden Sie auf unserer Themenseite Sucht.

Von Maria Pues / Warum Menschen auf Suchtstoffe ­unterschiedlich reagieren, beschäftigt Hirnforscher intensiv. ­Manche Menschen entwickeln innerhalb kurzer Zeit eine ­Abhängigkeit, andere hingegen nicht.

Im Drogen- und Suchtbericht erfasst die Bundesregierung jährlich die Situation in Deutschland. Den aktuellen Bericht stellte die Drogenbeauftragte Mechthild Dyckmans im Mai 2011 der Öffentlichkeit vor und nannte folgende Zahlen: Nach repräsentativen Studien rauchen 16 Millionen Menschen, 1,3 Millionen Menschen sind alkoholkrank und 1,4 Millionen medikamentenabhängig. 600 000 Menschen konsumieren Cannabis in bedenklichen Mengen, 200 000 sonstige illegale Drogen und bis zu 600 000 Menschen gelten als glücksspielsüchtig. Aktuelle internationale Studien gehen von 1,6 bis 8,2 Prozent abhängigen Internetnutzern aus. Doch der Blick auf die Abhängigen alleine reicht nicht aus, um das gesamte Problem zu erfassen. Auf verschiedene Arten sind deren Partner, Familien und Freunde mitbetroffen. Doch was passiert im Gehirn, wenn eine Abhängigkeit entsteht? Warum ist der Weg aus der Sucht so schwierig? Und warum werden ehemals Süchtige auch noch nach Jahren wieder rückfällig? Die Vorgänge sind vielfältig und komplex.

Das Belohnungssystem

So seltsam es klingen mag: Abhängigkeit setzt Lernfähigkeit voraus. Das Heimtückische ist, dass die Sucht genau die Mechanismen ausnutzt, die der Mensch zum Lernen benötigt. Das dopaminerge Belohnungssystem spielt hierbei eine zentrale Rolle, ebenso Bereiche im Gehirn, die für Motivation, Kontrolle und Gedächtnis zuständig sind. Dazu zählen der Nucleus accumbens, Teile des präfrontalen Cortex sowie bestimmte Areale im Mittelhirn. Das Belohnungssystem sorgt für positive Empfindungen – ursprünglich als Reaktion auf Dinge, die der Erhaltung der Art dienen – zum Beispiel nach gutem Essen, Sex oder Erfolgserlebnissen. Sein Wirken verspürt man direkt in Form des Wunsches nach Wieder­holung. Physiologischer Reiz und belohnende Antwort stehen dabei in einem bestimmten Verhältnis. Das Gehirn merkt sich den Effekt, das auslösende Verhalten wird positiv verstärkt. Direkt entsteht so der Wunsch nach Wiederholung.

Suchtstoffe stimulieren das Belohnungssystem ebenfalls, allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Es geht kein physiologischer Reiz wie durch ein köstliches Essen voraus. Da der Organismus besonders intensiv auf Erlebnisse reagiert, die für einen »Kick« sorgen, kann ein Teufelskreis entstehen. Diese »Über-Belohnung« kann sogar dazu führen, dass die Suchtgefährdeten andere Bedürfnisse immer mehr vernachlässigen. Sie stellen ihre Hobbys und Interessen, Familie und Freunde hinten an. Auch frühere Freuden, beispielsweise Gitarren- oder Fußballspiel, verlieren an Bedeutung. Auch fällt es Partnern, Freunden und der Familie zunehmend schwerer, den Betroffenen eine Freude zu bereiten, denn deren Interessen fokussieren sich mehr und mehr auf das, was ihr Belohnungssystem am stärksten stimuliert: das jeweilige Suchtmittel.

Nach und nach bestimmen Lügen die Beziehung, denn Abhängige versuchen alles, um ihre Sucht befriedigen zu können. Nicht selten werden sie in ihrem Suchtverhalten unterstützt durch co-abhängige Partner, Freunde oder Familienangehörige, die sie immer wieder beim Chef krankmelden, leere Flaschen entsorgen und dazu beitragen, dass sonst niemand die Abhängigkeit bemerkt. Nicht umsonst gibt es nicht nur Selbsthilfegruppen für Abhängige, sondern auch für Angehörige, die – oft mit dem Wunsch zu helfen – die Abhängigkeit verstärken.

Kontrolle abgekoppelt

Zum überstimulierten Belohnungssystem kommt hinzu, dass bei einer Abhängigkeit die Kontrollinstanz im Gehirn abgekoppelt wird oder – im Fall von Jugendlichen und jungen Erwachsenen – noch gar nicht vollständig entwickelt ist. Bei der Gier nach immer mehr kommt dem Botenstoff Dopamin eine besondere Bedeutung zu. Bei manchen Abhängigen nimmt die Anzahl der Dopamin-Rezeptoren ab. Um einen vergleichbaren Effekt zu erzielen, muss der Körper immer mehr Dopamin ausschütten, eine »Resistenz« entsteht. In der Folge sind immer höhere Dosen des Suchtmittels notwendig. Diesen Vorgang bezeichnen Mediziner als Toleranzentwicklung. Bleibt die »Belohnung« aus, reagieren Betroffene mit schlechter Laune, gereizt oder depressiv verstimmt.

Diese Abläufe sind im Wesentlichen immer dieselben – unabhängig davon, ob der Betroffene von Nicotin, Heroin oder Onlinespielen abhängig ist. Gemeinsam ist jeder Abhängigkeit außerdem, dass Nervenzellen sich verändern. Das gilt sowohl für deren Aufbau und Funktionsfähigkeit als auch für ihre Verbindungen untereinander: Neue Axone entstehen, andere verkümmern. Manche dieser Veränderungen bleiben über einen langen Zeitraum bestehen, ähnlich wie bei Bahngleisen. Auch wenn längere Zeit kein Zug darübergefahren ist, bleiben die Schienen voll funktionsfähig. Erst nach und nach erobert die Natur das Terrain zurück. So erklärt sich, dass manche Betroffene sogar nach Jahrzehnten der Abstinenz wieder anfangen zu rauchen oder zu trinken. Wissenschaftler vermuten den Ursprung dieses »Suchtgedächtnisses« im sogenannten Glutamat-System. Manche gegen davon aus, dass dieses Suchtgedächtnis sogar löschungsresistent ist. Auch ein überempfindliches Dopaminsystem könnte die Ursache für einen Rückfall sein. Nach einer Zeit der Abstinenz spricht es überproportional stark auf den Suchstoff an – reagiert also mit einem »Kick«. Mediziner sprechen hier von Sensitivierung, dem umgekehrten Vorgang der Toleranz.

Risiko der Sucht

Wenn jeder dasselbe Belohnungssystem besitzt und auch die eine oder andere Droge schon einmal probiert hat – wieso ist die Zahl der Abhängigen nicht viel größer? Das Suchtmittel allein macht – meistens – nicht süchtig. Experten sind sich darüber einig, dass individuelle und äußere Faktoren ebenfalls eine Rolle spielen. Nicht jeder hat ein gleich hohes Risiko, eine Sucht zu entwickeln. Diesen Schluss legen unter anderem Tierversuche nahe. In diesen hat man beispielsweise Ratten zunächst zwangsweise Opium verabreicht. Ergebnis: Die Ratten entwickelten eine Abneigung dagegen. Durften die Ratten wählen, ob sie Wasser trinken wollten oder Wasser mit verschiedenen Konzentrationen des Suchtmittels, zeigten einige von ihnen Gefallen daran und nahmen dieses immer wieder zu sich, zumeist ohne die Dosis zu steigern. Erst später benötigten manche von ihnen immer höhere Dosierungen. Nachdem alle Ratten zwischenzeitlich »auf Entzug« gesetzt worden waren, nahmen nachher diejenigen von ihnen immer größere Mengen der Suchtstoffs zu sich, die auch zuvor schon die Dosis gesteigert hatten. Offenbar spielen individuelle und äußere Faktoren eine Rolle. So wirkte anscheinend der Zwang zum Konsum der Entwicklung einer Sucht entgegen. Auch das umgekehrte Phänomen kennt man: Die Steigerung des Reizes durch Verbote. Daraus allein eine Forderung nach Legalisierung abzuleiten, wäre allerdings ziemlich kurzsichtig. Man müsste zusätzlich auch ein entspanntes und ausgeglichenes Leben verordnen. Schließlich erhöht auch Stress das Abhängigkeitspotenzial.

Zum Teil vererben Eltern ihren Kindern die Disposition für eine Abhängigkeit, die Häufigkeit wird auf 50 bis 60 Prozent geschätzt. »Kandidaten­gene« sind dabei zum Beispiel Gene, die für den Dopamin-D2-Rezeptor (Amphetamin-Abhängigkeit), für GABA-­Rezeptoren (sedierende Wirkung des Alkohols), für die Alkohol-Dehydrogenase (Alkohol-Nebenwirkungen) oder für ­nicotinische Acetylcholinrezeptoren (Raucher) kodieren. Allerdings dürfte es schwerfallen, den Einfluss der Gene von der frühen familiären Prägung durch Vorbilder zu trennen. Viele Kleinkinder erleben tagtäglich vermeintliche Selbstverständlichkeiten, vor allem die gesellschaftliche Akzeptanz von Alkohol und Nicotin.

Auch das Alter, in dem die erste »unerwartete Belohnung« erfahren wird, spielt eine Rolle. Diese wirkt rund um die Pubertät am stärksten, denn in diesem Alter ist das Gehirn in einem grundlegenden Umbau begriffen, bei dem die Strukturen für das Kontrollzentrum erst noch gebildet werden müssen. Das Kontrollzentrum des Gehirns steht etwa ab Anfang bis Mitte Zwanzig zur Verfügung. Darüber hinaus wirken die verschiedenen Substanzen nicht gleich stark abhängig-machend.

Keine Charakterfrage

Sucht ist keine Frage von Charakterschwäche. Das betonen nicht nur Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) immer wieder. Das Umdenken zeigt sich unter anderem auch in der Wortwahl: Experten sprechen heute nicht mehr von »Sucht«, sondern von »Abhängigkeit« und betonen den Krankheitswert und die Behandlungsbedürftigkeit. Dass Abhängigkeit auch nicht-substanzgebunden auftreten kann, ist eine Erkenntnis, die sich seit einigen Jahren langsam durchsetzt. Zur Unterscheidung werden diese häufig als Verhaltensabhängigkeiten zusammengefasst. In den hierzulande gültigen Diagnosekatalog haben diese allerdings noch keinen Eingang gefunden. Auch in der Therapie hat sich ein Umdenken vollzogen: Während als einziges Therapieziel bei Heroinabhängigen noch vor einigen Jahren »komplett clean« galt – Rückfällige verloren ihren Therapieplatz – arbeiten Therapeuten heute individuell abgestuft: von der dauerhaften Substitution bis hin zu »vollständig und dauerhaft clean“. Auch dass eine Abhängigkeit nicht damit endet, dass der Suchtstoff nicht mehr zugeführt wird, ist eine vergleichweise neue Auffassung. Für die Therapie bedeutet diese andere Sichtweise: Es reicht nicht aus, dem Süchtigen seinen »Stoff« wegzunehmen. Die körperliche Abhängigkeit ist meist innerhalb von Wochen überwunden, die psychische Abhängigkeit häufig erst nach Jahren. Dies wurde und wird oft immer noch unterschätzt. Welche Möglichkeiten der Behandlung es für die verschiedenen substanzgebundenen und -ungebundenen Abhängigkeiten gibt, ist Gegenstand weiterer Beiträge. /

E-Mail-Adresse der Verfasserin

maria-pues(at)t-online.de