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Grün

Hommage an die Farbe der Hoffnung

11.03.2013  06:13 Uhr

Von Annette Behr / Junge Triebe, erste Grashalme, weite Wälder, Frühling – mit der Farbe Grün assoziieren die Menschen Natur, Wachstum und Leben. Der Blick ins Grüne beruhigt gestresste Nerven und inspiriert gleichermaßen.

»Leise weht ein erstes Blühn von den Lindenbäumen, und, in meinen Träumen kühn, seh ich dich im Laubengrün …« schrieb Rainer Maria Rilke in einem Gedicht. Mir geht es ähnlich: Ich schaue hoffnungsfroh aus dem Fenster in die Bäume und denke an den Frühling und seine Farbe, auch wenn der Himmel noch grau ist. Manchmal wie über Nacht und aus dem Nichts wachsen an allen Zweigen neue Blätter. Ihr frisches, sattes, glänzendes und helles Grün habe ich auch dann schon vor Augen, wenn es noch gar nicht zu sehen ist. Von Tag zu Tag wächst die Vorfreude auf alles Grüne, was kommt. Es steht für Neubeginn, Aufbruch und unberührte Schönheit der Natur. In allen Nuancen, von gras- über neon- bis tannengrün verbinden wir mit der Hauptfarbe der Vegetation Leben und Wachstum. Besonders zu Beginn der Vegetationszeit sind die vielen, satten Grün­töne zu bewundern, weil der Gehalt an Chlorophyll in den Pflanzen und Blättern dann hoch ist. Im Frühling, nach den langen dunklen Tagen im winter­lichen Einheitsgrau, sehnt sich der Mensch nach dem Auf- und Ausbruch der Natur. Die Farben sind der Ort, wo sich unser Gehirn und das Universum begegnen«, befand der impressionistische Maler Paul Cézanne.

Erneuerung und Liebe

Das Wort »grün« stammt aus dem germanischen »ghro«, das so viel wie wachsen und gedeihen bedeutet. So ist es nicht verwunderlich, dass Ältere einen jungen, noch unerfahrenen Menschen als »Grünschnabel« und »noch grün hinter den Ohren« bezeichnen. Im Mittelalter und der Zeit des Minnesangs galt Grün auch als Farbe der Liebe, das zarte Maigrün stand für das Verliebtsein. Vermutlich ist auch die Bezeichnung »Grüne Hochzeit«, für den Tag der Eheschließung dieser Epoche entsprungen. Frisch Vermählte müssen ihre Erfahrungen in der gemeinsamen Lebensgestaltung erst noch sammeln. Daher steht Grün in diesem Zusammenhang für Wachstum und Fruchtbarkeit. Manche Brautpaare tanzen, auch heute noch, durch ein Spalier aus geflochtenen grünen Zweigen. Das soll ihnen Glück bringen, damit die lebenslange Gemeinschaft gelingt.

Glaube

Grün als Farbe des Wachstums und der Hoffnung ist auch in der christlichen Liturgie von Bedeutung, sowohl in der lutherischen Kirche als auch bei den Katholiken. Sie ist sozusagen die Standardfarbe des Messgewandes beziehungsweise zum Schmuck des Kirchenraumes, die nur zu besonderen Festen gewechselt wird. Im Islam hat die Farbe eine ähnliche Bedeutung: So soll der Prophet Mohammed sich überwiegend in seiner Lieblingsfarbe grün gekleidet haben und dazu passend leuchten viele Ornamente in den Moscheen in unterschiedlichen Nuancen der Farbe Grün. Unter den Muslimen steht alles Grüne sinnbildlich für Oasen und blühende Landschaften. Auch findet sich Grün in den Flaggen vieler islamischer Staaten.

Die Chinesen stellen Drachen traditionell leuchtend grün dar. In ihrer Kultur symbolisieren Drachen die göttliche Macht der Umwandlung und der übernatürlichen Weisheit.

Mystisches

Nicht nur die Liebe, sondern auch einige böse Kräfte kamen im Mittelalter in einem grünen Gewand daher: Destruktive und böse Dämonen, Schlangen und Drachen erhielten ein teuflisch-grünes Antlitz sowie eine grüne Haut- und Augenfarbe. Die Farbe Grün stand hier beispielsweise für ungezügelte Sexualität, die die christlichen Sittenwächter mit allen Mitteln unterbinden wollten. Grün galt als anrüchig und Teufelsfarbe und die meist grünäugigen, paarungsfreudigen Katzen galten als Verbündete des Teufels. Viele wurden gefangen und getötet, ähnlich wie als Hexen verfolgten Frauen mit roten Haaren und grünen Augen.

Noch heute umweht grünäugige Frauen etwas Mystisches. Wohl weil diese Augenfarbe, im Vergleich zu blauen und braunen Augen, eher selten ist. Außerdem gelten »Katzenaugen« als schön und magisch. Wie den eleganten Schmusekatzen werden grünäugigen Frauen Eigenschaften wie Eigenwilligkeit, Freiheitsliebe und eine erotische Ausstrahlung zugesprochen.

Gesunde Steine

Die mystisch wandelbare Kuh- und Himmelsgöttin Hathor stellten die alten Ägypter in der Gestalt eines grünen Baumes dar. Hathor galt als Herrin über die Liebe und das Leben. Eine besondere Bedeutung besaß in Ägypten auch der grüne Stein Malachit.

Gemahlen und vermischt mit Akazienharz, Feigenmilch und Eiweiß entstand eine smaragdgrüne Paste, mit der die Ägypterinnen ihre Augenlider schminkten. Pulverisiert galt der Malachit, in der arabischen Welt, als wirksames Mittel gegen Geschwüre.

Als Talisman und Schmuckstein soll er auch heute noch manche Träger vor Unfällen und Krankheit schützen. Auch dem grünen Smaragd werden verschiedene Eigenschaften zugeschrieben: Er steht für Freundschaft, Harmonie und Ruhe. Manche Anhänger der Farbenlehre weisen dem tiefen Grün einige gesundheitsfördernde Eigenschaften zu: Das Tragen grüner Schmucksteine soll die Durchblutung verbessern sowie Nerven und Herz stärken

Wichtigste Heilfarbe

Grün symbolisiert Hoffnung und Heilung und hilft, Körper und Seele ins Gleichgewicht zu bringen. Ein Spaziergang im Wald beruhigt die Sinne, wirkt erfrischend und vitalisierend. Wie wichtig die grüne Farbe für die menschliche Seele ist, wussten Rudolf Steiner sowie Hildegard von Bingen, und auch Johann Wolfgang von Goethe kannte die Wirkung. Der deutsche Dichter ließ Mephisto zu Faust sprechen: »Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und Grün des Lebens goldener Baum.«

Leben, Wohlbefinden, Wachstum, Hoffnung und Genesung sind nur einige Attribute, die wir mit der grünen Farbe verbinden. Daher wird sie bewusst in vielen Bereichen unseres Lebens eingesetzt, beispielsweise in Arzt- und Zahnarztpraxen, damit sie ängstliche Menschen beruhigt.

Obwohl die eigentliche Krankenhausfarbe weiß ist, sind seit den 1960er-Jahren Kopfbedeckung, Mundschutz, Kittel und Schuhe des gesamten Personals in einem Operationssaal in Einheitsgrün gehalten. Da die Chirurgen sich lange auf eine Operationswunde, und damit auf die Farbe rot konzentrieren müssen, wurde die Komplementärfarbe grün für die Kleidung gewählt. Beim Blick auf weiße Flächen entstünden auf der Netzhaut nicht reale Flecken in der Komplementärfarbe. Außerdem würde das helle Operationslicht in Kombination mit zu viel weißer Fläche die Ärzte blenden.

Professor Dr. Patrick Friedrich vom Städtischen Klinikum München Bogenhausen erklärt die Farbwahl noch unter einem philosophischen Aspekt. In einem Fernsehinterview sagte der Chefarzt für Intensivmedizin: »Grün ist darüber hinaus auch die Farbe der Hoffnung. Und wo Wissen und Können ist, da ist auch Hoffnung. Das machen wir für uns geltend.«

Sein und Schein

Grün ist häufig durchweg positiv besetzt. Vielfach bedeutet es freie Fahrt: Wir fahren ins Grüne mit der grünen Welle. Manche haben auch einen sogenannten grünen Daumen, wenn unter ihrer Pflege Pflanzen blühen und gedeihen. Zumindest schauen wir aber auf den grünen Punkt oder haben uns für grünen Strom entschieden, wegen der Nachhaltigkeit. Grün ist in und daran ist die Grüne Partei sicher mitbeteiligt. Denn seit »Die Grünen« 1980 mit vielen Aktivisten aus der Umwelt- und Anti-Atomkraft-Bewegung, antraten, stieg das Bewusstsein vieler Menschen für Nachhaltigkeit und »grüne« Themen.

Das machen sich mittlerweile allerdings auch Firmen aller Couleur und die Werbebranche zunutze. Weil viele Menschen grün mit »gutem Tun« verbinden, geben sich selbst Banken gerne einen lind-grünen Anstrich, um ihr Image aufzupolieren. Eine Fast-Food-Kette hat ihr weltweit bekanntes rotes Logo gegen ein sattgrünes ausgetauscht und sogar einen ehemaligen Greenpeace-Chef als Berater engagiert.

Trend zum Grünen

Die unterschiedlichsten Produkte verkaufen sich besonders gut mit einem »sauberen« grünen Image. Mit der Farbe wollen die Hersteller Natur, Nachhaltigkeit und Modernität transportieren. So baut Floraldesigner und Floristmeister Kay Bunjes beispielsweise grün dekorierte Messestände für Skoda und Porsche, weil sich auch Auto­konzerne gerne mit der Naturfarbe schmücken. Er meint: »Es werden immer mehr Flächen versiegelt, aber das Bedürfnis nach Natur bleibt bestehen. Der Trend zum Grünen wird sich sogar noch verstärken.« Das wünsche ich mir auch und halte es ansonsten mit der Weisheit des populärsten aller grünen Lebewesen: mit Kermit dem Muppet-Show-Frosch. Er sang bereits in den 1970er-Jahren: »I am green and itll do fine / Its beautiful / And I think its what I want to be.« /

E-Mail-Adresse der Verfasserin

blaubehr(at)gmx.net