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Allergische Rhinitis

Jagd nach den Pollen

11.03.2013  06:33 Uhr

Von Verena Arzbach / Niesen, Jucken, gerötete Augen: Für Heuschnupfen-Geplagte gehören diese Symptome genauso zum Frühling wie die ersten wärmenden Sonnenstrahlen. Anhand der Pollenflugvorhersage können sie einschätzen, wann sie mit Beschwerden rechnen müssen. Wann wo welche Pollen fliegen, ermittelt in Deutschland die Stiftung Deutscher Pollen­informationsdienst (PID).

Im Jahr 1883 legte der englische Arzt Charles Blackley (1820 bis 1900), selbst Allergiker, den Grundstein zum modernen Pollenflugkalender: Blackley stellte senkrecht und waagerecht klebrige Objektträger auf und baute so die erste Pollenfalle. Die Flugphasen der einzelnen Pollen konnte er damit aber nur sehr ungenau bestimmen.

Fallen wie Staubsauger

Inzwischen bestimmt der PID mit genaueren Methoden die Pollenkonzen­tration in der Luft. Die Stiftung betreibt in Deutschland zusammen mit dem Deutschen Wetterdienst (DWD) aktuell ungefähr 45 Messstationen auf Dächern von Kliniken oder Privathäusern, um die Pollenbelastung zu bestimmen. Die dafür eingesetzte sogenannte Burkard-Pollenfalle funktioniert ähnlich wie ein Staubsauger. Ein Motor saugt durch einen kleinen Schlitz einen konstanten Luftstrom an. Der Luftstrom trifft auf eine rotierende Trommel, die mit einer Haftfolie versehen ist. Auf dieser Folie bleiben alle Luftpartikel, also auch die Pollen, kleben. Die Trommel ist mit einem Uhrwerk verbunden und dreht sich 2 Millimeter pro Stunde, sodass der Pollengehalt in der Luft auch zeitlich genau bestimmt werden kann. Nach 24 Stunden Messdauer hat die Falle ein Luftvolumen aufgenommen, das in etwa der Luftmenge von zehn Litern pro Minute entspricht. Diese Menge ist auch ungefähr das maximale Atemvolumen eines Menschen.

Ambrosia: Hochallergene Pollen

Die aus Nordamerika eingeschleppte Ambrosia artemisiifolia (Beifuß-Ambrosie oder Aufrechtes Traubenkraut) blüht seit einigen Jahren auch in Deutschland und verlängert mit ihrer Blühzeit von August bis Oktober die Beschwerden von Allergikern deutlich. Denn die aggressiven Pollen von Am­brosia artemisiifolia sind hochallergen: Eine Berührung löst Juckreiz und Hautrötungen aus, bereits geringe Pollenmengen können Asthma aus­lösen. In Deutschland wächst das Kraut hauptsächlich an Straßenrändern oder in privaten Gärten. Verbreitet wird die Pflanze vor allem durch Vogelfuttermischungen, die häufig Ambrosia-Samen enthalten.

Der PID rät dazu, beim Kauf von Vogelfutter explizit nach Ambrosia-­freien Produkten zu fragen. Um die weitere Ausbreitung von Ambrosia zu verhindern, sollten Gartenbesitzer ihre Grünflächen von Juni bis Oktober regelmäßig nach der recht unscheinbaren Pflanze absuchen und mit der gesamten Wurzel ausreißen. Entsorgen sollten sie das Unkraut in einem Plastikbeutel im Hausmüll und keinesfalls auf den Komposthaufen werfen oder zur Grünabfuhr geben, so der PID. Größere Pflanzenbestände auf öffentlichen Flächen sollten die Entdecker dem örtlichen Grünflächen- oder Pflanzenschutzamt melden.

Nach 24 Stunden wird die Spule der Pollenfalle ausgewechselt. PID-Mitarbeiter zählen die Pollenkörner auf der Folie anschließend unter dem Mikroskop aus und ermitteln für den jeweiligen Tag die Konzentration pro Kubikmeter Luft. Da jede Pollenart charakteristische Strukturen aufweist – gewissermaßen einen »Fingerabdruck« besitzt – lassen sich die einzelnen Pollentypen mikroskopisch gut unterscheiden. Die ermittelten Werte meldet der PID dem DWD, der daraus zusammen mit den Wetterdaten eine Pollenflugvorhersage erstellt. Die Pollenmenge hängt nicht nur von der Jahreszeit, sondern auch von nicht genau vorhersehbaren Parametern wie Temperatur, Wind und Niederschlagsmenge ab: Je stärker beispielsweise der Wind weht, desto weiter verbreitet er die Pollen. Bei Regenwetter hingegen fallen viele Pollen direkt auf den Boden. Die Kombination aus Pollenkonzentration und Wetter­daten ergibt schließlich eine relativ zuverlässige Pollenflugvorhersage.

Pollentagebuch und Pollenflugkalender

Unter www.pollenstiftung.de/pollentagebuch bietet der Pollen­informationsdienst Allergikern ein elekt­ronisches Pollentagebuch. Die Nutzer können täglich angeben, wie stark jeweils Augen, Nase oder Lunge von Allergiesymptomen betroffen waren, ob zusätzliche Beschwerden wie Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit, Schlafstörungen auftraten und welche Medikamente sie eingenommen haben.

Nach sieben Tagen informiert der PID die Nutzer, welche Pollenarten in welchen Konzentrationen an ihren Aufenthaltsorten gemessen wurden und ermöglicht es so, einen Zusammenhang zwischen Symptomen und Pollenarten herzustellen.

Die tagesaktuelle Pollenflugvorhersage des Deutschen Wetterdienstes finden Allergiker auf ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de oder www.pharmazeutische-zeitung.de. Mit der App PZ-Info für iPhone, Android und iPad steht die Pollenflugvorhersage für jede Region auch mobil zur Verfügung.

Pollenflugkalender für das ganze Jahr gibt es unter www.pollenstiftung.de/pollenvorhersage/ pollenflug-kalender zum Download.

Pollenflug-Trends

Durch den Klimawandel setzt seit einigen Jahren die Pollensaison früher ein und dauert länger. Deshalb leiden Heuschnupfen-Patienten länger unter den typischen Symptomen. Als Forscher die Daten von 97 europäischen Wetter­stationen der vergangenen zehn Jahre, manchmal sogar mehr als zehn, auswerteten, konnten sie zeigen, dass im Laufe der Jahre während der Saison sich in der Luft immer mehr Pollen befinden. Sie führen die erhöhte Pollenbelastung vor allem auf einen durch den Klimawandel bedingten CO2-Anstieg zurück. Die höheren CO2-Konzentrationen in Städten erklärten zudem, dass die Pollenkonzentrationen in der Stadt noch stärker als auf dem Land gestiegen sind, schreiben die Autoren der Studie.

In Deutschland sind sieben Pollentypen für nahezu alle Allergien verantwortlich: Hasel, Erle, Birke, Roggen, Beifuß, Gräser und Ambrosia. Alle diese Pflanzen werden nur durch den Wind bestäubt, daher sind vor allem diese Pollen für Allergiker relevant. Die Pollen anderer Pflanzen sind schwerer und werden nicht vom Wind transportiert. Leider blühen die allergierelevanten Pflanzen nicht alle zur gleichen Zeit, sondern über das Jahr verteilt. Haselpollen fliegen zur Blütezeit im Februar, die Erle blüht von Februar bis März, Birke im April, die verschiedenen Gräser von Mai bis Juli, Roggen im Juni, Beifuß im Juli und August und die Beifuß-Ambrosie (siehe Kasten) von August bis Oktober. /

E-Mail-Adresse der Verfasserin

v.arzbach(at)govi.de