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Ernährungsstudie

Kochen fällt aus

11.03.2013
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Von Michael van den Heuvel / Ein gesundes Gericht selbst kochen und in Ruhe genießen: laut einer aktuellen Ernährungsstudie ist das in deutschen Haushalten kaum noch Realität. Zeitdruck und Stress lassen Konsumenten immer häufiger zu Fertiggerichten oder zu Junk Food greifen. Aus Sicht der Ernährungsforschung ist diese Entwicklung mehr als bedenklich. PTA und Apotheker sollten vor allem Risikopatienten raten, auf gesunde Kost zu achten.

Ein Mahl soll mehr als satt machen. Doch worauf legen Bürger in Deutschland besonderen Wert? Dieser Frage gingen Forsa-Meinungsforscher im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK) nach. Sie befragten 1000 Bürger verschiedenen Alters und mit unterschiedlichem Schulabschluss. Die Daten geben ein teilweise ernüchterndes Bild der Ernährungsgewohnheiten. Rund 45 Prozent gaben bei der Befragung an, ihre Gerichte sollten in erster Linie lecker schmecken, während 35 Prozent primär auf gesunde Kost Wert legen. Weitere 6 Prozent bevorzugen schnelle Kost, und 5 Prozent schauen nur auf den Preis. Für 9 Prozent sind wenige Kalorien das wichtigste Kriterium.

Fertiggerichte im Trend

Längst sind die Zeiten vorbei, als in Familien regelmäßig gekocht und gemeinsam gegessen wurde. Nur noch in jedem zweiten Haushalt gibt es täglich selbst zubereitete Speisen. Vielen der Befragten fehlt einfach die Zeit oder die Lust, sich abends noch an den Herd zu stellen. Stattdessen stehen Convenience-Produkte ganz oben auf dem Einkaufszettel. Nicht immer stimmt deren Qualität, wie der bundesweite Pferdefleischskandal vor Augen geführt hat. Obwohl Ernährungsforscher viele der Inhaltsstoffe kritisch bewerten, sind Fertig­gerichte nach wie vor beliebt. Der Studie zufolge verzehren vier von zehn Menschen ein- bis zweimal pro Woche Fertigsuppen oder Tiefkühlpizzen. Besonders beliebt sind sie bei jungen Menschen bis 25: Bei 59 Prozent stehen mindestens einmal pro Woche Fertiggerichte auf dem Speiseplan. Junge Erwachsene sind bei der Wahl ihres Essens nicht wählerisch. Nur jeder Zehnte erklärt, Wert auf eine gesunde Ernährung zu legen. Diese Einstellung ändert sich laut Studienautoren mit dem Alter. In der Gruppe der 46- bis 56-Jährigen kaufen nur 31 Prozent regelmäßig Päckchensuppen oder Tiefkühlpizzen. Über 56-Jährige geben an, bewusster auf ihre Lebensmittel zu achten. Senioren ab 66 achten besonders auf kalorien­arme, vitamin- und mineralstoffreiche Kost.

Dass sich Frauen gesünder ernähren als Männer, war keine Überraschung. So stimmten 74 Prozent aller Frauen der Aussage zu, sich immer beziehungsweise überwiegend gesund zu ernähren und größeren Wert auf Zutaten und deren Zubereitung zu legen. Dem vermeintlich starken Geschlecht ist es egal, welche Qualität die Speisen haben, Hauptsache es schmeckt ihnen. Nur 52 Prozent achten auf hochwertige Lebensmittel. Allerdings greifen Frauen deutlich häufiger zu salzigen oder süßen Knabbereien. 40 Prozent der Befragten geben an, bei schlechter Laune richtig zuzuschlagen, bei Männern sind es lediglich 20 Prozent.

Keine Zeit, kein Geld

Auf der Suche nach den Ursachen der schlechten Ernährungsgewohnheiten fanden die Meinungsforscher zwei entscheidende Faktoren: Meist steht der Zeitdruck einer ausgewogenen Ernährung im Wege. Bei den unter 25-Jährigen klagten drei von vier, zwischen Job, Familie und Freizeit bleibe kein Spielraum mehr für die Zubereitung hochwertiger Mahlzeiten.

Menschen mit geringem Einkommen fehlt oft das nötige »Kleingeld«. Letztlich bestimmt ihr Budget, was sie essen. Je niedriger das Einkommen und je geringer der Bildungsstand, desto mehr Fleischprodukte füllen den Einkaufswagen. Haushalte mit monatlich weniger als 1500 Euro kaufen besonders oft an der Wurst- oder Fleischtheke. Zum Vergleich: Bei Familien oder Singles mit monatlich 4000 Euro konsumiert nur jeder Dritte täglich Fleisch oder Wurst.

»To go« statt in Ruhe

Für Speis und Trank nehmen sich die Befragten generell immer weniger Zeit. Morgens auf dem Weg zur S-Bahn ein »Coffee to go« und ein belegtes Brötchen, mittags Currywurst, Pommes oder Döner vom Schnellimbiss, und abends liefert der Pizzaservice. Das schnelle Mahl nebenbei ist besonders bei Menschen mit guten Einkommen und hoher Bildung beliebt. Unterwegs etwas Gesundes zu erwerben, scheitert häufig auch am Angebot: Hotdogs und Burger werden fast an jeder Ecke verkauft, Obst und Gemüse aber nicht. Auch am Arbeitsplatz setzen sich die ungesunden Ernährungsgewohnheiten fort. Wer Kantine oder Mensa besucht, ernährt sich meist nicht gesund. Studienteilnehmer kritisieren die begrenzte Auswahl und die teils schlechte Qualität der Speisen.

Jeder Zweite verbringt seine Mittagspause nicht in Ruhe. Dringende Gespräche mit Kollegen oder ein »Business Lunch« mit Kunden rauben die wohlverdiente Auszeit. Vier von zehn Berufstätigen haben im Job wenig bis keine Gelegenheit, etwas zu essen. Also fällt ihr Mahl nach Dienstschluss umso üppiger aus. Das ist aus physiologischer Sicht keine gute Lösung. Fast jeder Zweite vergisst vor lauter Stress auch, genug zu trinken. Pro Tag benötigt der Körper mindestens 1,5 Liter. Wer sich nicht an diese Menge hält, riskiert Konzentrationsschwäche, Müdigkeit oder Kopfschmerzen. Über entsprechende Probleme klagten bei der Befragung vor allem Frauen, jüngere Menschen sowie Arbeitnehmer mit hohem Bildungsniveau und gutem Einkommen.

Nur eine Nebensache?

In Haushalten ist das Kochen immer noch Frauensache: In 80 Prozent der Fälle stehen Frauen am Herd, während lediglich 35 Prozent der Männer selbst zu Werke gehen. Nach ihren Kochkünsten gefragt, schätzen sich 93 Prozent der Frauen als gut bis sehr gut ein. Vier von zehn Männern geben an, gerade ein bisschen kochen zu können. Allerdings möchten Viele dies verändern: Mehr als die Hälfte aller Frauen und vier von fünf Männern würden eigentlich gerne mehr kochen. Zeitmangel, Stress oder die eigene Trägheit halten sie jedoch davon ab. Selbst beim Essen zu Hause gönnen sie sich keine Ruhe. Vier von zehn jungen Erwachsenen schalten zeitgleich den Fernseher an, verschicken SMS oder surfen im Web. Ernährungswissenschaftler kritisieren dieses Verhalten und weisen darauf hin, dass in Ruhe verzehrte Speisen deutlich bekömmlicher seien.

Falsche Gewohnheiten

Patienten mit chronischen Erkrankungen bilden hinsichtlich ihrer Essgewohnheiten keine Ausnahme. Sie achten nicht stärker auf eine gesunde Ernährung, berichten die Meinungsforscher. Das ist besonders fatal, da beispielsweise Herz-Kreislauf- oder Stoffwechsel-Erkrankungen durch falsche Ernährungsgewohnheiten schneller voranschreiten. Auf Fleisch und fettreiche Speisen wollen viele Menschen trotz Vorbelastung nicht verzichten.

Besonders profitieren Allergiker, das sind immerhin 17 Prozent aller Befragten, von selbst zubereiteten Speisen. Beispielsweise berichten Zöliakie-Patienten, die das Getreideprotein Gluten nicht vertragen, dass Convenience-Produkte gelegentlich Weizen enthalten, obwohl der Hersteller dies nicht deklariert hat. Andere Lebensmittelproduzenten drucken Textpassagen wie »kann Spuren von Nüssen enthalten« schon routinemäßig auf ihre Produkte, auch wenn die Aussage nicht zutrifft.

Die Erfahrung, dass Diäten keinen langfristigen Erfolg bringen, machen viele übergewichtige Menschen. Jede zweite Frau und jeder vierte Mann kennen den Jo-Jo-­Effekt: Nach kurzfristiger Gewichtsreduktion schnellt die Waage umso stärker nach oben. Der durchschlagende Erfolg gelang sechs von zehn Befragten nur durch eine grund­legende Umstellung von Verhaltensmustern respektive Ernährungsgewohnheiten, um ihr Körpergewicht dauerhaft zu verringern.

Kleine Schritte zum Erfolg

Wie schwierig es ist, alle aufgezeigten Problemfelder von heute auf morgen zu lösen, wissen auch die Autoren der Ernährungsstudie. Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der TK, rät deshalb zu kleinen Schritten: Warum nicht eine Fertigpizza mit frischem Gemüse anreichern? Beim Mittagessen statt einer Currywurst die Ofenkartoffel mit Quark wählen. Ist ein Asia-Imbiss in der Nähe, gibt es meist frisches Gemüse aus dem Wok. Und wer schon den ganzen Tag von Termin zu Termin hetzt, sollte mit einem entspannten, qualitativ hochwertigen Abendessen bewusst einen Gegenpol setzen.

PTA oder Apotheker können Kunden im Kampf gegen den inneren Schweinehund unterstützen, der laut vier von zehn Befragten alle guten Vorsätze zunichtemacht. Mit ihren Beratungsangeboten leisten sie oft wertvolle Beiträge zur Prävention. Typ II-Diabetes, Adipositas oder koronare Herzerkrankungen stehen mit langjährigen Ernährungssünden in engem Zusammenhang. Je früher Patienten die Notbremse ziehen, desto besser lassen sich teils lebensbedrohliche Folgen verhindern. /

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