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Historisches

Mit »Palmen« in den Frühling

11.03.2013  06:35 Uhr

Von Ernst-Albert Meyer / Schon die Germanen begrüßten den Beginn des Frühlings als Sieg der Lichtgottheiten über die Winterdämonen. Mit Mariä Lichtmess am 2. Februar, einem Feiertag der katholischen Kirche, begannen früher die Feste, um den Frühling willkommen zu heißen. Diese Feiern dauerten bis Pfingsten und waren mit bestimmten Bräuchen und altem Aberglauben verbunden.

Nach langen Wintermonaten erwacht im Frühling die Natur zu neuem Leben, und die Menschen fassen neuen Lebensmut. Schon in der Antike wurden die ersten Schwalben oder Störche als Frühlingsboten begrüßt. Der Frühlingsbeginn sei auch die richtige Zeit, um die Fruchtbarkeit der Tiere zu wecken und zu stärken, so die damalige Meinung. Das versuchte man durch das Schlagen des Viehs mit einer »Lebensrute« zu erreichen, die aus Zweigen der Eberesche, Wacholder, Haselnuss, Birke oder Weide bestand. Eine Fortsetzung dieses heidnischen Brauchs ist zweifellos die christliche »Palmweihe«, eine Zeremonie, in der am Palmsonntag – dem Sonntag vor Ostern – in allen katholischen Kirchen unter dem Kreuz frisches Grün mit Weihwasser geweiht wird. Dieser christliche Brauch geht auf den in der Bibel geschilderten Einzug von Jesus Christus in Jerusalem zurück: Dort streuten die Bürger ihm und seinen Jüngern frische Palmenzweige auf den Weg. Da in Mitteleuropa keine Palmen wachsen, fanden die Gläubigen Ersatz in immergrünen Bäumen wie Eibe, Buchsbaum, Stechpalme und Sadebaum. Oder sie nutzten für die »Palmweihe« die Zweige von Bäumen und Sträuchern, die ganz früh grünen wie Salweide, Hasel, Birke und Silberpappel. In manchen Gegenden ließen die Gläubigen nicht nur einzelne Zweige in der Kirche weihen, sondern ganze Bäume und Sträucher. An die »Palmweihe« schloss sich meist eine feier­liche Prozession an. Erste Berichte über die Palmweihe und -prozession stammen aus dem 7. und 8. Jahrhundert.

Besondere Zauberkräfte

Die geweihten »Palmen« besaßen eine große Heil- und Zauberkraft, glaubten die Menschen damals. Mit ihrer Hilfe konnten sie den Teufel, böse Geister und Hexen vertreiben und Menschen, Tiere und Häuser vor Krankheit und Schäden bewahren. Der lutherische Theologe Andreas Osiander (1498 bis 1552) schrieb zu diesem Glauben: »Am Palmentag beschweret (beschwört) man die Palmen das alle krafft, alle macht, aller Anlauff und alles herr (Heer) des Teuffels auß dem außgewurtzelt vnd verjagt wer, das wer sie tregt alle anfechtung des teuffels mag überwinden. item das die stett (Stadt) darin man sie trägt geheiligt werde, also dass alles teuffel gespenst davon weychen muß…« Kein Wunder, dass die Kirchen zur »Palmweihe« vor Grün überquollen, denn jeder wollte einen geweihten »Palm« besitzen.

Zu Hause stellten die Menschen die »Palmen« in den Stuben auf, steckten sie hinter Heiligenbilder und Kruzifixe, nagelten sie über die Tür des Hauses oder des Stalles, befestigten sie auf dem Dach oder hingen sie in den Rauchfang. Die »Palmen« des Vorjahres hatten, sobald neue vorhanden waren, ausgedient. Sie wurden verbrannt und die Asche im Garten und auf den Feldern verstreut. Bei Gefahr, zum Beispiel beim Anzug eines schweren Gewitters oder dem Ausbruch eines Feuers, holten die Menschen die »Palmen« hervor. Der Prediger Geiler von Kaysersberg (1445 bis 1510) bemerkte dazu: »Darum so sol man die palmen, die geweiht sind, eerlich halten, in den hüssern (Häusern) uffstekken und ist recht, das man sie verbrennt, wan es wyttert (wettert) oder hagelt oder dunnert.«

In Baden schlugen die Bauern beim ersten Weideaustrieb mit der Palmrute auf dem Rücken der Tiere ein Kreuz. Das sollte das Vieh gesund und leistungsfähig erhalten. Die Menschen steckten die geweihten »Palmen« auch in die Beete des Hausgartens. In den vier Ecken eines Ackers sollten die Zweige die Felder vor Hagel und Missernte bewahren. In Böhmen schlugen sich die Kinder gegenseitig mit Palmenzweigen, um keine Rückenschmerzen zu bekommen und nicht faul zu werden. Die Blätter geweihter »Palmen« in den Schuhen sollten eine Wöchnerin beim ersten Kirchgang vor Hexen schützen.

Geheimnis der Frühblüher

Im Volksglauben besaßen auch manche Frühlingsblüher geheimnisvolle Kräfte. So brachte es Unglück, bestimmte Pflanzen abzureißen oder ins Haus zu bringen. Das galt zum Beispiel für die Frühlings-Küchenschelle (Pulsatilla vernalis). Wer dagegen verstieß, bei dem legten die Hühner keine Eier mehr oder es schlug sogar ein Blitz ins Haus ein, glaubten die Menschen. Wer Lerchensporn (Corydalis cava) oder Märzenbecher (Leucojum vernum) anfasste, bekam Sommersprossen oder eine »böse Nas«. Und in Bayern waren die Menschen davon überzeugt, dass das Berühren des Frühlings-Enzians einem Mitmenschen den Tod brachte.

Im Unterschied dazu sprachen die Menschen manchen Frühlingsblumen besondere Heilkräfte zu, beispielsweise der Schlüsselblume (Primula veris) und dem Veilchen (Viola tricolor). Schlüsselblumen-Wein wurde früher als Medizin für hochgeborene Kranke verwendet, »für fürnehme Persohnen.« Während das aus dem Veilchen gebrannte Wasser gut war »den jungen Kinden / wann sye die unnatürlich hitz (Fieber) überfellet.«

Der grüne Donnerstag

Ein traditioneller Höhepunkt der Frühlingsfeierlichkeiten ist das Osterfest. Hinter der Bezeichnung »Gründonnerstag«, dem Tag vor Karfreitag, verbirgt sich eine heute meist unbekannte Bedeutung: In der Kirchensprache hieß dieser Tag der Karwoche lateinisch »viridium«, der »Tag der Grünlinge«. Als Grünlinge wurden losgesprochene Büßer bezeichnet, die erneut in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen wurden, nachdem sie während der Fastenzeit öffentlich Buße getan hatten. Am Gründonnerstag durften diese Büßer erstmals wieder am Abendmahl teilnehmen. Aus diesem Grund nannten die Menschen den Gründonnerstag in manchen Gegenden auch »Ablass-Tag«.

Aus der falschen Deutung des lateinischen Namens entwickelte sich in Deutschland der weit verbreitete Brauch, am Gründonnerstag die ersten grünen Kräuter des Jahres auf den Tisch zu bringen. Dieser Brauch ist erstmals als der »grüene donnerstac« in Erfurt um das Jahr 1220 belegt. Mit den Kräutern in ihrem Mahl wollten die Menschen die frische Kraft des Frühlings in sich aufnehmen. In Westfalen stellte man an diesem Tag die sogenannte »Negenstärke« her, einen Trank aus neun (negen) verschiedenen Frühlingskräutern: Malve, Brunnenkresse, Rapunzel, Scharbockskraut, Kälberkopf, Giersch, Taubnessel, Brennnessel und Sprossenkohl.

In manchen Gegenden Deutschlands wurden die Frühlingskräuter in Teig gebacken. So sind an diesem Tag in Bayern die Spinatkrapfen (mit Spinat gefüllte Krapfen), in Schwaben grüne Maulschellen oder Laubfrösche (mit Gemüse gefüllte Nudeln) und in Berlin mit Schnittlauch gefüllte Pfannkuchen beliebte Gerichte. Wer am Gründonnerstag Grünes isst, wird das ganze Jahr nicht krank und hat immer Geld im Beutel, so der Aberglaube aus jener Zeit. Auf diese Bräuche und die heilsame Wirkung der Frühlingskräuter gehen auch die Frühjahrskuren zurück, die heute noch viele Anhänger finden.

Segen und Schutz des Honigs

In vielen Gegenden Deutschlands stand am Gründonnerstag Honig auf dem Frühstückstisch, aus folgendem Grund: Wer an diesem Tag Honig aß, dem wurde dessen Segen und Schutz zuteil. Im Harz füllten die Menschen Brötchen mit Honig, die sogenannten »Judasohren«. In Österreich sollte ein am Gründonnerstag nüchtern gegessenes Honigbrötchen das ganze Jahr vor dem Biss toller Hunde schützen.

An diesem Tag warfen in Böhmen die Knechte auf dem Land vor Sonnenaufgang ein mit Honig bestrichenes Stück Brot in den Brunnen und ein anderes in die junge Saat. Das sollte Brunnen und Saat vor Verunreinigung und Ungeziefer bewahren. In manchen Gegenden banden die Menschen am Gründonnerstag in Honig getauchte Fäden um die Obstbäume, damit die Obsternte besonders reich ausfiel. Und schließlich galten am Gründonnerstag gelegte Eier als besonders Heil bringend. Weshalb manche Menschen – was man sich schlecht vorstellen kann – so ein Ei bei sich trugen.

Treffen der bösen Mächte

Im Monat Mai, auch »Wonnemonat« genannt, erreichen die Frühjahrsfeste ihren Höhepunkt, denn die Natur ist jetzt voll erblüht. Der Winter wurde endgültig vom Lenz abgelöst. Eine ganz besondere Nacht ist die »Walpurgisnacht«, die Nacht vom 30. April zum 1. Mai. Hier ist in vielen Gegenden noch der alte Volksaberglauben lebendig, dass in dieser Nacht unheimliche Mächte, vor allem Hexen, ihre bösen Kräfte entfalten und Mensch und Tier schaden wollen. Doch in der Nacht zum 1. Mai gehört nur die Zeit bis 24 Uhr den bösen Geistern. Mit Beginn der Dunkelheit verlassen die Hexen ihre Häuser oder Wohnungen durch den Schornstein und reiten auf Besen, Mistgabeln oder Ziegenböcken durch die Luft zum Treffen mit ihrem Herrn, dem Teufel. Dieser erwartet sie in Gestalt eines Ziegenbocks auf einem Thron und lässt sich von ihnen huldigen, so der Aberglaube. Als Orte dieser Versammlungen sind der Brocken im Harz und der Kniebis im Schwarzwald bekannt. Vermutlich haben noch andere Gegenden einen eigenen Platz für den Hexen-­Sabbat. Nachdem der Teufel und seine Mitarbeiterinnen eine Menge Unheil für die Menschen ausgeheckt haben, gibt der Teufel für die Hexen ein üppiges Mal, das mit Tanz und Sex in einer Orgie endet.

Dass die abergläubische Landbevölkerung versuchte, mit vielen Mitteln – auch pflanzlichen – ihren Besitz vor dem Schadenszauber der bösen Hexen zu bewahren, leuchtet ein. Bei ihrem Ritt durch die Luft würden die Hexen Hagelschauer über die junge Saat ausstreuen, so die Überzeugung der Bauern. Dieser Aberglauben hat in einem Naturphänomen seinen realen Hintergrund: Im Mai gibt es ganz häufig noch einmal einen Kälteeinbruch, der auch drei Eisheiligen (11. bis 13. Mai) genannt wird. Um sich vor den Bosheiten der Hexen zu schützen, ergriffen die Bauern verschiedene Maßnahmen: Manche nagelten drei Kreuze vor Haus-, Stall- oder Scheunentüren oder -tore. In der Oberpfalz benutzten sie hierfür die Zweige des Kreuzdorns (Rhamnus catharticus) und beteten: »Drei Kreuzdornzweige sollen mich schützen, in einem wohnt Gott Vater, im andern Gott Sohn, im dritten Gott der Heilige Geist.«

Auch bei den Gebräuchen taucht wieder die magische Zahl »Neun« auf: Neun Sorten Laubholz wurden als Hexenschutz an den Stalltüren befestigt, das Vieh bekam neunerlei Gras oder neunerlei Blumen zu fressen, um das Verhexen zu verhindern. /

E-Mail-Adresse des Verfassers

MedWiss-Meyer(at)t-online.de

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