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Allergie

Beschwerdefrei nach Hypo­sensibilisierung

10.03.2014
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Von Marion Hofmann-Aßmus / Während sich viele Menschen im Frühjahr an den ersten warmen Sonnentagen erfreuen, beginnt für Allergiker die Leidenszeit. Denn die laue Luft enthält nicht nur Vorboten des nahenden Sommers, sondern auch jede Menge Pollen. Bei starken Beschwerden profitieren insbesondere junge Patienten von einer Hyposensibilisierung.

Als Allergie bezeichnet man die überschießende Reaktion des Immunsystems gegenüber eigentlich harmlosen Substanzen (Allergenen) wie Pollen, Hausstaubmilben, Tierhaaren oder Schimmelpilzen. Die Zahl der Allergiker ist in den letzten Jahren stark angestiegen. So leiden aktuell bereits fast 9 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland unter Heuschnupfen und mehr als 3 Prozent an Asthma.

Niesen und Jucken

Die meisten allergischen Reaktionen fallen unter die Typ-I-Allergie, bei der es bereits wenige Sekunden nach dem Kontakt mit einem Allergen zu einer allergischen Reaktion mit Nies­attacken, tränenden Augen, Juckreiz oder Atemnot kommt. Diesen oft heftigen Reaktionen geht eine Sensibilisierung voraus, die beim ersten, vom Menschen unbemerkten Kontakt mit dem Allergen erfolgt. Dabei produzieren die sogenannten B-Zellen des Immunsystems Immunglobulin E (IgE)-Antikörper, die sich an bestimmten Zellen, den Mastzellen, anheften.

Mastzellen kommen überall im Körper, insbesondere jedoch in den Schleimhäuten vor. Beim nächsten Zusammentreffen binden die auf den Mastzellen sitzenden IgE-Antikörper an das Allergen. Dadurch regen sie die Mastzellen dazu an, das in ihnen enthaltene Histamin auszuschütten. Dieser Botenstoff vermittelt dann die sofortige allergische Reaktion (siehe Grafik ).

Zu den Typ-I- oder Soforttyp-Allergien zählen zum Beispiel die Nesselsucht, der Heuschnupfen, Nahrungsmittelallergien, allergisches Asthma oder der anaphylaktische Schock. Die einzige Möglichkeit, diese Allergien ursächlich zu bekämpfen, besteht in der Hyposensibilisierung, die auch als Desensibilisierung, Allergieimpfung oder spezifische Immuntherapie (SIT) bezeichnet wird.

Bei der Typ-I-Allergie produzieren die B-Zellen des Immunsystems nach dem ersten Kontakt mit dem Allergen IgE-Antikörper. Beim wiederholten Kontakt binden diese an Mastzellen, die Histamin ausschütten.

Grafik: Mathias Wosczyna

Einfaches Prinzip

Das Prinzip der Hyposensibilisierung ist leicht verständlich. Indem man dem Körper eine immer höhere Konzentration des Allergens zuführt, gegen das er fälschlicherweise reagiert, bewirkt man einen Gewöhnungseffekt. Dies hat zur Folge, dass das Immunsystem nicht mehr so stark reagiert, wenn es mit dem Allergen in Kontakt kommt. Dahinter stecken verschiedene immunologische Reaktionen. Zum Beispiel produziert der Körper mehr Immunglobulin G (IgG), welches die IgE-Produktion und weitere entzündungsvermittelnde Immunzellen hemmt. Im Verlauf der Behandlung nehmen die Allergie-Symptome langsam ab und können bei einem Teil der Patienten schließlich ganz ausbleiben.

Früh beginnen

Zunächst einmal muss ein Arzt feststellen, auf welche Allergene der Patient reagiert. Dazu führt er meist einen Allergietest an der Haut durch. Dabei ist zu beachten, dass die Einnahme von Antihistaminika oder Corticosteroiden den Test verfälschen und zu falschen Ergebnissen führen kann. Die Allergie kann auf nur einem Allergen (etwa Hausstaubmilben) oder auch auf verschiedenen Auslösern beruhen (zum Beispiel Tierhaare sowie Pollen von Gräsern und Bäumen).

Eine Hyposensibilisierung kommt in Frage, wenn es sich um eine Typ-I-Allergie handelt, keine Möglichkeit vorhanden ist, den Allergenen auszuweichen und der Betroffene stark unter den allergischen Symptomen leidet. Die größten Aussichten auf einen Behandlungserfolg bestehen, sofern eine Pollenallergie dominierend und das Spektrum der verantwortlichen Allergene nicht zu breit ist, die Erkrankung erst kurz andauert und der Betroffene noch jung ist. Ein wichtiges Ziel der Therapie besteht darin, mit einer erfolgreichen Hyposensibilisierung den Etagenwechsel, also den Übergang von einer allgemeinen allergischen Reaktion in ein allergisches Asthma bronchiale, zu verhindern. Daher sollte rechtzeitig, am besten noch im Kindesalter (ab fünf Jahren) mit der Behandlung begonnen werden.

Unter bestimmten Umständen raten Ärzte auch von einer Hyposensibilisierung ab. Etwa wenn die betroffene Person unter unkontrolliertem, mittelgradigem oder schwerem Asthma bronchiale leidet, mit Betablockern behandelt wird, eine koronare Herzerkrankung (KHK) oder eine schwere Autoimmunerkrankung aufweist. Ein erhöhtes Alter spricht inzwischen nicht mehr von vorne herein gegen die Hyposensibilisierung. PTA und Apotheker sollten Betroffenen auf jeden Fall raten, für die Behandlung einen Facharzt aufzusuchen, der über eine allergologische Weiterbildung verfügt.

Subkutane Hyposensibilisierung

Die am besten untersuchte und am häufigsten angewandte Methode ist die subkutane Immuntherapie (SCIT). Ihre Wirksamkeit wurde bei Heuschnupfen (allergische Rhinokonjunktivitis), Pollen- und Hausstaubmilbenallergie sowie bei Tierhaar- (Katzen) und Schimmelpilzallergie (Alternaria, Cladosporium) anhand kontrollierter Studien nachgewiesen.

Die SCIT untergliedert sich in zwei Behandlungsabschnitte: die Anfangsbehandlung, auch Grundbehandlung genannt, und die Erhaltungstherapie (oder Fortsetzungsbehandlung). Während der Anfangsbehandlung spritzt der Arzt jede Woche ein standardisiertes Allergenpräparat subkutan, also unter die Haut, in den Arm, bis die zuvor festgelegte Höchstdosis erreicht ist. Diese Phase kann zwischen sechs Wochen und vier Monaten andauern. Anschließend wird die Behandlung in größeren Abständen weitergeführt. Die Patienten erhalten in der Regel über drei Jahre alle vier bis sechs Wochen eine gleichbleibende (maximale) Allergendosis. Bei einer Insektengiftallergie erstreckt sich die Immunisierung häufig über fünf Jahre. In manchen Fällen sind auch abweichende Behandlungsschemata möglich. So werden beispielsweise bei einem Cluster- oder Rush-Steigerungsschema bis zum Erreichen der Maximaldosis mehrere Injektionen pro Tag verabreicht. Während dieser Zeit gewöhnt sich das Immunsystem an das Allergen und reagiert bei einem erneuten Kontakt zunehmend schwächer. Nach einem, spätestens aber nach zwei Jahren sollte ein erkennbarer Erfolg eintreten. Die Wirksamkeit der SCIT liegt mit einer Erfolgsquote von 100 Prozent bei einer Allergie gegen Insektengifte am höchsten, gefolgt von 80 Prozent bei Pollenallergien und 60 Prozent bei Milbenallergie.

Lokale Reaktionen möglich

An der Einstichstelle können lokale allergische Reaktionen in Form von Juckreiz, Rötungen oder Schwellungen auftreten, die jedoch in den meisten Fällen von alleine oder mit etwas Kühlung wieder abklingen. Seltener kommt es zu plötzlich auftretenden allergischen Allgemeinreaktionen wie Nesselsucht oder Asthma bronchiale. In sehr seltenen Fällen kann die Hyposensibilisierung einen allergischen (anaphylaktischen) Schock auslösen. Da dieser lebensbedrohliche Zustand sofort behandelt werden muss, bleibt der Patient nach der Injektion zunächst für eine halbe Stunde unter ärztlicher Beobachtung.

Eine relativ neue Methode der Hyposensibilisierung ist die sublinguale Immuntherapie (SLIT). Sie funktioniert im Prinzip wie die SCIT, außer dass sich der Patient den Allergen-Extrakt in Form von Tropfen oder einer Tablette selbst unter die Zunge (sublingual) träufelt oder legt. Beim ersten Mal sollte dies unter ärztlicher Aufsicht erfolgen, damit eine mögliche systemische allergische Reaktion sofort behandelt werden kann. Diese tritt allerdings bei dieser Behandlung noch seltener auf als bei der SCIT. Lokale Beschwerden wie Juckreiz im Mund- und Rachenraum oder leichte Schwellungen der Zunge können vorkommen.

Vorteile der SLIT

Insbesondere für Kinder oder für Menschen mit Spritzenangst ist diese Methode von Vorteil. Auch bestehen weniger Kontraindikationen: So dürfen Patienten, die Betablocker einnehmen oder unter einer KHK leiden, eine SLIT erhalten, da die Wahrscheinlichkeit, dass aufgrund einer schweren anaphylaktischen Reaktion Adrenalin eingesetzt werden muss, noch geringer ist als bei einer SCIT. Allerdings ist zu bedenken, dass auch diese Anwendung zuverlässig über drei Jahre durchgeführt werden muss, wenn sie Erfolg zeigen soll. Das ist im Alltag nicht immer einfach.

Weitere Daten nötig

Zur SLIT liegen noch nicht so viele Studiendaten vor wie zur SCIT. Eine kürzlich veröffentlichte Zusammenfassung verschiedener Untersuchungen hat ergeben, dass sie bei Erwachsenen und Kindern mit allergischem Schnupfen, Bindehautentzündung und Asthma eine deutliche Besserung der Symptome bewirkt. Die SLIT ist jedoch nicht bei allen Allergien möglich. Bislang stehen beispielsweise Extrakte gegen Gräser- oder Baumpollen-Allergie (Birke, Hasel und Erle) sowie gegen Milben zur Verfügung. /