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Kaffee

Besser als sein Ruf

10.03.2014
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Von Andrea Pütz / Es gibt wohl kaum ein Lebensmittel, zu dem so viele Mythen kursieren, wie zu Kaffee und seinen schädlichen Wirkungen auf die Gesundheit. Dabei ist Kaffee bei weitem nicht so schlecht wie sein Image. Zahlreiche Studien zeigen sogar, dass er vor verschiedenen Krankheiten schützen kann – vor allem bei einem moderaten Konsum von zwei bis vier Tassen täglich.

Kaffee ist unbestritten eines der beliebtesten Getränke der Deutschen. Für viele gehört das Heißgetränk zu einem guten Start in den Tag mit dazu. Durchschnittlich mehr als 150 Liter trinkt jeder Deutsche jährlich davon – mehr als Mineralwasser mit etwa 140 Liter pro Jahr. So ist es verständlich, dass Kaffee im Fokus ernährungsmedizinischer Forschung steht. Ernährungswissenschaftler warnten lange Zeit vor dem Getränk, starker Kaffeegenuss war mit einem Gesundheitsrisiko assoziiert. Nach zahlreichen positiven Studienergebnissen können pauschale Warnungen vor einem höheren Kaffeekonsum aber mittlerweile ad acta gelegt werden.

Lange Zeit glaubten Wissenschaftler, Kaffee führe zu einem erhöhten Wasserverlust. Der Flüssigkeits­räuber dürfe somit nicht mit zur täglichen Flüssigkeitsbilanz gerechnet werden. In der Tat hemmt das enthaltene Coffein das antidiuretische Hormon (ADH) der Hirnanhangdrüse, aber: Wer regelmäßig und moderat Kaffee genießt, der bildet eine Toleranz gegenüber dieser diuretischen Wirkung aus. Nachweislich führt Kaffee nicht zu einer vermehrten Wasserausscheidung – das bestätigt auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Nur bei einer höheren Dosierung von etwa 300 Milligramm (in etwa drei Tassen Kaffee) kann Coffein bei nicht gewöhnten Menschen zu einer harntreibenden Wirkung führen, die aber nur kurzfristig anhält.

Komplexer Cocktail

Vermutlich 800 bis 1000 Substanzen tragen zur Wirkung und Sensorik von Kaffee bei. Das macht es schwer, Studienergebnisse auf einzelne Substanzen zurückzuführen. Kaffeebohnen weisen einen bedeutenden Anteil an Mineralstoffen (zum Beispiel Kalium) und Chlorogensäuren als bioaktive Pflanzenstoffe auf. Forscher vermuten, dass diese antioxidativen Polyphenole einen großen Beitrag zu den gesundheitspräventiven Effekten von Kaffee leisten. Coffein als der wohl bekannteste Inhaltsstoff macht nur etwa 1 bis 2 Prozent der gerösteten Kaffeebohne aus. Das Alkaloid aus der Stoffgruppe der Xanthine, die ebenso in Kakaobohnen, Teeblättern und anderen Pflanzen vorkommen, zählt zu der Gruppe der psychotropen stimulierenden Drogen.

Eine Tasse Filterkaffee bringt es mit rund 150 Millilitern auf etwa 80 Milligramm Coffein, 50 Milliliter Espresso enthalten etwa 50 Milligramm. Daneben ist auch das Alkaloid Trigonellin zu nennen, das beim Röstvorgang teilweise zu Nicotinsäure abgebaut wird. Bereits vier Tassen Kaffee decken etwa 50 Prozent des täglichen Bedarfes des B-Vitamins, das unerlässlich für die Regenation der Muskel- und Nervenzellen sowie der DNA ist. Im ungefilterten Kaffee spielen noch die beiden Diterpene Cafestol und Kahweol mengenmäßig eine Rolle. Die Pflanzenstoffe besitzen ebenfalls gesundheitsfördernde Wirkungen, aber: Vor allem Cafestol hemmt auch gleichzeitig Enzyme in den Leberzellen, die wichtig für den Abbau von Cholesterin zu Gallensäure sind. Beide Substanzen können nur in geringen Mengen Papierfilter passieren, so dass vor allem Menschen mit erhöhten Blutfett-Werten Filterkaffee bevorzugen sollten.

Muntermacher und Schlafmittel

Im Tee liegt Coffein unter anderem gebunden an Polyphenole vor. Dadurch wird es erst im Darm langsam freigesetzt und in den Blutkreislauf aufgenommen. Im Kaffee hingegen ist es wesentlich schneller verfügbar, da das Molekül im Chlorogen-Kalium-Komplex vorliegt. Daraus setzt sich das Coffein schon im Magen frei, kann die Blut-Hirn-Schranke schnell passieren und im Gehirn schnell seine durchblutungsfördende Wirkung entfalten. In der ersten Viertelstunde kann Kaffee sogar einschläfernd wirken, denn auch das Schlafzentrum profitiert. Viele Altenheime und Krankenhäuser schwören auf die alternative Einschlafhilfe und stellen ihren Bewohnern oder Patienten abends eine Tasse Kaffee ans Bett.

Nach dieser beruhigenden Zeitspanne dominiert aber der wachmachende Effekt. Denn Coffein bindet an dieselben Rezeptorproteine wie Adenosin. Dieser Neurotransmitter wird ab einer gewissen Nervenaktivität zum Schutz vor Überanstrengung ausgeschüttet – als eine Art Bremse. Er blockiert Botenstoffe wie Noradrenalin und Dopamin. Der Blutdruck sinkt, die Gefäße weiten sich und der Körper wird in den Ruhemodus versetzt. Coffein wirkt antagonistisch an den Adenosin-Rezeptoren, das heißt es fördert die Aufmerksamkeit, Reaktionsfähigkeit und die Konzentration. Diese Wirkung als kognitiver Verstärker (»cognitive enhancer«) belegen zahlreiche Studien und Metaanalysen.

Wissenschaftler untersuchten beispielsweise Schichtarbeiter sowie Lastkraftwagenfahrer. Kaffeetrinker absolvierten neuropsychologische Tests mit weniger Fehlern als die Vergleichspersonen und verursachten weniger Unfälle beim Autofahren. Am besten ist es, die Kaffeeportionen gleichmäßig über den Tag zu verteilen. Bei Menschen, die regelmäßig viel Kaffee trinken, setzt mit der Zeit ein Gewöhnungseffekt ein. Dann werden größere Mengen für dieselbe Wirkung benötigt. Auch die Anzahl der Adenosin-Rezeptoren kann im Laufe des Alters abnehmen, so dass der stimulierende Effekt nachlässt. Da Kaffee den ganzen Körper vermehrt durchblutet und sich auch im Herz und in den Nieren Adenosin-Rezeptoren befinden, steigert es nicht nur die kognitive, sondern auch die körperliche Leistungsbereitschaft. Bei einer Überdosierung kann es aber zu Nervosität und Zittern kommen, welche die Wahrnehmung und geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Die Schwelle dafür ist individuell unterschiedlich. Coffein-sensible Menschen, die bereits bei geringen Mengen mit Unruhe und Angsttacken reagieren, sollten Kaffee besser komplett den Rücken zuwenden. Für diese gravierenden Unterschiede in den Coffein-Reaktionen soll eine Gen-Variante verantwortlich sein, die den Abbau von Coffein verzögert.

Positive Effekte

Studienergebnisse legen nahe, dass Kaffeeliebhaber ein geringeres Risiko haben, an neurodegenerativen Erkrankungen wie Morbus Alzheimer oder Morbus Parkinson zu erkranken. Auch die Überlebensdauer betroffener Patienten soll verlängert sein. Parkinson-Patienten müssen zudem nicht befürchten, dass sich motorische Symptome wie der Tremor durch Kaffee-Konsum verstärken. Ganz im Gegenteil: Es können sich sogar teilweise Verbesserungen zeigen. Coffeinfreier Kaffee zeigt diese positiven Effekte nicht. Die vermehrte Ausschüttung des Botenstoffes Dopamin durch Coffein könnte diesen positiven Effekt auslösen, so die Vermutung der Forscher.

Regelmäßiger, moderater Kaffeekonsum bringt auch kein erhöhtes Risiko für koronare Herzkrankheiten und Herzrhythmusstörungen mit sich, sondern kann Studienergebnissen zufolge sogar das Risiko eines Schlaganfalls senken. Allerdings können manche Patienten mit Bluthochdruck und Personen, die selten Kaffee trinken, empfindlich auf Coffein reagieren; bei ihnen kann der Blutdruck kurzfristig ansteigen. Vorsicht ist geboten bei Medikamenten wie Sympathomimetika, die die Herzfrequenz steigern, denn Coffein kann deren Wirkung verstärken.

Kaffee und Diabetes-Risiko

Einige Studien haben gezeigt, dass Kaffee womöglich auch Diabetes mellitus Typ 2 vorbeugen kann. In einer Studie senkten drei bis vier Tassen Kaffee pro Tag das Diabetes-Risiko um 25 Prozent im Gegensatz zu Abstinenzlern. Das Risiko sank auch bei entcoffeiniertem Kaffee. Vermutet wird, dass die antioxidativ wirkende Chlorogensäure diesen präventiven Effekt auslöst, denn sie verlangsamt nach einer Mahlzeit die Aufnahme von Zucker ins Blut und verbessert die Insulin-Sensitivität.

Schonende Röstung für Magenempfindliche

Kaffee steht nicht direkt im Zusammenhang mit dyspeptischen Beschwerden, kann jedoch den Reflux fördern. Schuld daran ist aber nicht das Coffein, sondern Röststoffe wie Chlorogensäure. Somit ist entcoffeinierter Kaffee für magenempfindliche Personen keine Lösung, sie sollten stattdessen eine schonend geröstete, säureärmere Kaffeesorte bevorzugen. Auch Espresso ist wesentlich bekömmlicher, denn die Bohnen werden mit einem speziellen Verfahren bei hohen Temperaturen länger als normal geröstet, wodurch sich mehr Chlorogensäure abbaut. Zudem wird das Wasser in der Maschine nur kurz und kräftig durch das Espressopulver gepresst, so dass sich weniger Bitter- und Gerbstoffe lösen.

Ob Kaffee auch vor Krebserkrankungen schützen kann, dazu gibt es ebenfalls positive Studienergebnisse. So soll das Getränk beispielsweise das Risiko für Dickdarm- und Blasenkrebs, Brust- und Gebärmutterhalskrebs sowie Nieren- und Hautkrebs senken. Für den krebspräventiven Effekt sind vermutlich ebenso die im Kaffee enthaltenen Antioxidantien verantwortlich. Es besteht jedoch noch großer Forschungsbedarf.

Coffein wird rasch im Verdauungstrakt resorbiert und kann die Plazenta frei passieren. Untersuchungen zufolge ist die Alkaloid-Konzentration im Blutplasma des Fetus in etwa so hoch wie bei der Mutter. Schädliche Wirkungen wie Wachstumsretardierungen oder eine Frühgeburt können bei extrem hohem Kaffeekonsum (mehr als acht Tassen täglich) drohen. Nach einer aktuellen Studie kann sich aber mit jeder Tasse Kaffee das Risiko für eine geringes Geburtsgewicht erhöhen. Solange noch keine Klarheit darüber besteht, welche Folgen dies im späteren Leben des Kindes haben wird, sollten Schwangere die Coffein-Dosis (Cola-Getränke und Tee inklusive!) möglichst reduzieren oder komplett darauf verzichten.

Immer wieder wurde Kaffee auch als vermeintlicher Calciumräuber mit einem erhöhten Osteoporose-Risiko in Verbindung gebracht. Aber auch dabei handelt es sich höchstwahrscheinlich um einen Irrglauben. Kaffee macht die Knochen nach aktuellen Erkenntnissen nicht porös und steigert auch nicht das Fraktur-Risiko. /

Homöopathischer Kaffee

Die Homöopathie macht sich ebenso die Wirkungen von Kaffee zu Nutze – nach der Philosophie »Gleiches mit Gleichem behandeln«. So soll homöopathischer Kaffee (Coffea) positiv bei Menschen mit Einschlafstörungen wirken; beispielsweise wenn sie als Folge von Kaffeegenuss am Nachmittag durch Gedanken überwach im Bett liegen und nicht abschalten können.