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Schlank und Schön

Dem Wahnsinn ein Ende

10.03.2014
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Von Annette Behr / Haben Sie schon mal etwas von der »Bikini-Bridge« oder der »Thigh Gap« gehört? Es handelt sich dabei um Körperideale, vielmehr um Zwischenräume, die derzeit zum Schönheitskult erhoben werden. Schlank- beziehungsweise Dünnsein mutiert leider immer mehr zum Statussymbol, das es zu erreichen und unter allen Umständen zu erhalten gilt.

Beim Friseur lief neulich ein von mir nicht sonderlich geschätzter Radio-Sender. Dort schwadronierten die Moderatoren gefühlte 30 Minuten unaufhörlich über die »Thigh Gap«. Dabei handelt es sich um nichts weiter als eine Lücke, also um etwas, das gar nicht da ist. Genauer gesagt geht es um das Loch zwischen den weiblichen Oberschenkeln, das möglichst groß sein sollte. Dieses Nichts wird derzeit zum neuen Schönheitskult stilisiert. Irgendein dünnes Magermodel hat sogar einen Twitter-Account und dazu einen verrückten Fan, der ständig neueste Infos zu »CarasThighGap« postet. Meine Friseurin fand das Thema ebenfalls gruselig. Die Oberschenkellücke gehört aber heute wohl dazu, wenn Frau en vogue sein möchte.

Auch meine Tochter hatte schon einmal davon erzählt: »Möchte ich auch haben, ist Kult – und sexy«, sagte sie. Zum Glück hat sie das Lücke-Projekt nicht weiter ausgebaut, weil sie einfach gerne »lebt und isst«. Letzteres muss aber nahezu eingestellt werden, denn eine deutliche Lücke bei geradem Stand und geschlossenen Füßen ist für viele Frauen nur durch eisernes Hungern und/oder Fettabsaugung zu erreichen. Die meisten neigen ja eher zu kräftigeren Oberschenkeln mit lästigen Dellen. Die galt es früher noch durch Sport und Massagen etwas abzumildern. Das aber war gestern. In Zeiten der Thigh Gap geistern die Geschichten von Mädchen in Form von Tweets und Blogs im Internet herum, die über ihren Weg zur Lücke detailliert berichten. Und damit dieser Trend zum Magerwahn nicht so allein ist, wurde auch noch die »Bikini-Bridge« erfunden. Es handelt sich angeblich ursprünglich um einen Internetscherz, der inzwischen in vielen Foren zum neuen Schönheits-Must-Have erklärt wurde. »Wenn ein Mädchen in einem Bikini auf dem Rücken liegt und ihre Hüftknochen so weit hervorstehen, dass ihr Höschen gespannt wird und eine Lücke entsteht«, heißt es hier zur »Thinspiration«.

Total irre finde ich dieses neue gepuschte Ideal, dass besonders junge Mädchen in Essstörungen und Magerwahn treibt. Das hatten wir ähnlich schon einmal in den 1970er-Jahren. Da galten Kindfrauen wie das Model Twiggy mit 41 Kilogramm und Stockbeinchen als Schönheitsideal. In einer Gesellschaft mit Lebensmitteln im Überfluss gilt es wohl als schick, seine Essgewohnheiten so zu disziplinieren, dass man eine möglichst schlanke Figur zur Schau stellt. Nun wird es wieder Frühling und – wie jedes Jahr wieder – haben Fitness- und Diätprogramme Hochkonjunktur.

Abgerechnet wird am Strand

Kennen Sie auch die Werbung mit der Bikini-Schönheit am Strand, gesendet direkt in der teuersten Werbezeit vor der Tagesschau? Ein kleiner dicker Hund läuft mit einer schönen, schlanken Frau am Strand entlang und wird von sportlichen jungen Männern bestaunt. Diesem Ideal gilt es nachzueifern, beziehungsweise zu laufen. Wer das allein nicht schafft, dem helfen Nahrungs­ergänzungsmittel, Pülverchen und Shakes. Beworben mit Botschaften wie »Restlos schlank« und zu hohen Preisen verkauft, denn mit diesen Produkten und der Sehnsucht nach dem Idealkörper lässt sich viel Geld verdienen. Auf einer Personal-Trainer-Fitness-Internetseite lese ich dann auch, dass am Strand abgerechnet wird. Will heißen, wer sich dort entsprechend präsentieren kann und in eine Jeans der Größe Zero, also 0, passt, hat es geschafft.

Einen straffen Bauch, schlanke Beine und einen knackigen Po erreicht man nur mit viel Disziplin und eisernem Fitnesstraining. Dass es machbar ist, führen Schauspieler, Sportler und andere Prominente omnipräsent vor. Diesen vermeintlichen »Idealen« wollen viele Menschen nacheifern, denn das medial und gesellschaftlich aufgebaute Schönheitsideal gilt als Erfolgskonzept. Der Körper und seine Attraktivität stehen im Vordergrund und stellen allgemein anerkannt einen Großteil der Persönlichkeit dar. Ich finde, es sollte für beide Geschlechter erstrebenswert sein, vor allem sportlich, gesund und somit attraktiv zu sein. Da Übergewicht gesundheitsschädlich ist, kann ich persönlich mich mit dem Ideal von sportlicher Fitness recht gut anfreunden – aber nicht mit Magerwahn und Hungern.

Andere Umstände

Bisher gibt es noch einen einzigen schützenswerten Raum, eine Art Auszeit vom Lebensprojekt »Schlanker Körper«, zumindest für weibliche Wesen. Denn Frauen dürfen endlich mal ungestört doppelt essen, wenn sie Nachwuchs erwarten. So dachte ich zumindest bis vor kurzem. Aber weit gefehlt, denn auch in diesem Fall darf sich nicht auf den anderen Umständen ausgeruht werden.

Im Magazin der Süddeutschen Zeitung las ich neulich, dass jede zehnte Schwangere Verhaltensweisen einer Essstörung zeigt. Hungern, Fressanfälle, freiwilliges Erbrechen, Abführmittel und Darmspülungen gehören demnach bei den Betroffenen zum Programm. Gegen den Babybauch! Völlig widersinnig und gefährlich. Denn der Bauch ist Schutzraum für das werdende Leben. Leider macht die große Angst vor Gewichtszunahme offensichtlich auch vor Schwangeren nicht halt.

Dabei gibt es genügend Beispiele, dass ein Babybauch durchaus nach der Entbindung wieder verschwindet. Allerdings braucht auch das ein wenig Zeit. Nach einer alten Hebammenregel heißt es: »Was neun Monate entsteht, braucht auch neun Monate, um wieder zu verschwinden.« Auch das ist individuell, ganz nach Konstitution, Bewegungsbedarf und Ernährung. Leider gaukeln auch hier die Medien ein zwanghaft verschrobenes »Ideal-Frau-Mutter-Bild« vor.

Großer Druck

Wenn Heidi Klum einige Wochen nach der Niederkunft eines ihrer vier Kinder bereits wieder modelt oder Michelle Hunziker wenige Tage nach der Geburt ihrer Tochter schlank und rank im Fernsehen auftritt, erzeugt das einen hohen Druck auf die normale Frau. Aber es gilt Ruhe zu bewahren und genau hinzuschauen. Radikale Saftkuren, eisernes Personaltraining und Kaiserschnitt vor dem errechneten Geburtstermin sind die prominenten Waffen gegen Mutter Natur.

Da wurde das normale Babybäuchlein von Herzogin Kate im letzten Jahr kurz nach der Geburt ihres Sohnes in den Medien als etwas merkwürdig Besonderes dargestellt und entsprechend darüber berichtet. Die schöne Phase im Leben einer werdenden Mutter bekommt leider immer mehr unentspannte Züge. Mit Freude, Genuss und Lust am Leben hat das alles nichts mehr zu tun. Kein Wunder, dass Essstörungen auch bei Schwangeren zunehmen.

Ein sanfter Hauch an Gegenbewegung macht sich derzeit in den neuen Folgen von »Germanys Next Topmodel« breit. Zusammen mit Mama Heidi laufen sie wieder, die langbeinigsten Mädchen der Republik. Eskortiert von zwei männlichen Juroren ging es bereits in die neunte Staffel. Spektakulär als neues Zugpferd mit dabei: Wolfgang Joop.

Das Potsdamer Wunderkind hält sich in der Beurteilung und Klassifizierung der Mädchen bisher elegant zurück. Die eine sei ihm zu »märchenhaft«, oder zwischen Busen und Kopf gab es bei einer anderen Kandidatin ein bisschen zu wenig Harmonie. Dazu zeichnete er gekonnt individuelle Kreide-Bilder der Mädchen und Model-Mutti Heidi sah daneben etwas alt aus mit ihrem »Für dich habe ich heute leider kein Foto!«

Die Attitude

Die »Attitude« sei ausschlaggebend, natürlich neben einem guten Körper und der entsprechenden Körpergröße, tönte es einhellig. Zwei Magermädchen wurden dann auch mit den Worten: »Also da mache ich mir richtig Sorgen«, von Heidi und ihren Kollegen nach Hause geschickt. Klum gab sich in der Auftaktsendung tatsächlich Essgelüsten hin und verspeiste neben einem Leberwurstbrot auch noch demonstrativ vor laufenden Kameras einen original Berliner Döner. »Ja, ab und zu darf man sich das auch gönnen«, sagte das geschäftstüchtige Model.

Dass ich das noch erlebe. Nun wissen wir nicht, ob sie den Restdöner an den Kameramann verschenkte und dann noch schnell ein Gläschen Zitronensaft zur Entschlackung hinterher spülte. Trotzdem lassen diese Essenseinblicke – ob echt oder nicht – auf eine zukünftig entspanntere Einstellung zur Weiblichkeit hoffen. Außerdem kommt ja bekanntlich wahre und anhaltende Schönheit sowieso von innen. Und »Individualität ist dabei das Plus, das einmalig macht«, weiß Wolfgang Joop. /