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Demenzerkrankungen

Die Studienlage zu Ginkgo biloba

10.03.2014
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Von Maria Pues, Frankfurt am Main / Demenzen stehen auf der Liste gefürchteter Erkrankungen ganz weit oben. Viele haben nicht nur Angst, dass sie selbst erkranken könnten, sondern auch Angehörige oder Freunde. Denn immer sind sowohl der Patient als auch sein ganzes Umfeld betroffen.

Gegenüber anderen Demenzformen weist eine Alzheimer-Demenz mehrere Besonderheiten auf. So handelt es sich bei ihr definitionsgemäß um eine primär degenerative Erkrankung des Gehirns mit typischen neurologischen Kennzeichen. Zu diesen gehören zum Beispiel der Abbau von Gehirnmasse (Hirnatrophie) und bestimmte Ablagerungen im Gehirn, wie pathologische Fibrillenveränderungen und amyloide Plaques. Ob die Ablagerungen Ursache oder Folge der Erkrankung sind, sei aber bis heute nicht eindeutig geklärt, sagte Professor Dr. Ralf Ihl, Düsseldorf, in seinem Vortrag im Rahmen einer Reihe der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft in Frankfurt am Main. Denn die Ablagerungen treten auch beim normalen Alterungsprozess und bei anderen Erkrankungen des Gehirns auf. Daher muss ein Grenzwert überschritten sein, damit sie zur Identifikation eines Morbus Alzheimer dienen können. Eine Alzheimer-Demenz verschlechtert sich mehr oder weniger schnell, aber sie beeinträchtigt stets die Gehirnfunktion des Patienten – von ersten Vergesslichkeiten bis hin zur möglichen völligen Pflegebedürftigkeit.

Der Effekt eines Arzneimittels lässt sich nur schwer nachweisen, wenn bereits die Nicht-Verschlechterung seiner Erkrankung für den Patienten einen Erfolg darstellt. Frühere Studien hatten bereits Hinweise darauf geliefert, dass Patienten mit Alzheimer-Demenz von der Anwendung eines Ginkgo-Extraktes profitieren, berichtete Ihl. Die Ergebnisse waren aber teilweise uneinheitlich, zum Beispiel, weil in den Untersuchungen verschiedene Dosierungen zum Einsatz kamen. Wenn eine Studie eine Wirkung nicht abbilde, müsse dies nicht unbedingt am Wirkstoff liegen, gab Ihl zu bedenken. Auch das Design spiele für das Ergebnis und die Aussagekraft einer Studie eine große Rolle.

Konzentration getestet

In neuere Studien wurden Patienten mit wahrscheinlicher oder möglicher Alzheimer-Demenz (oder wahrscheinlicher vaskulärer Demenz) eingeschlossen. Zu Beginn absolvierten die Teilnehmer standardisierte Tests, mit denen Aufmerksamkeit und Konzentration gemessen wurden. Dabei stoppten Ärzte die Zeit, die Patienten für die verschiedenen Aufgaben benötigten. Der Vergleich der Werte zu Beginn und am Ende der Studie erlaubt Hinweise auf den Effekt der Behandlung. Die Verum-Gruppe erhielt dabei täglich 240 Milligramm des Ginkgo-Extraktes EGb 761, die andere ein Placebo. Wer in die Ginkgo- und wer in die Placebo-Gruppe gelost wurde, wussten weder Patienten noch Therapeuten.

Die Studien liefen über 22 beziehungsweise 24 Wochen – im Vergleich zur Erkrankungsdauer eine relativ kurze Zeit. Dennoch ließen sich Effekte feststellen, berichtete Ihl. Danach verbesserten sich in allen gezeigten Studien die in den Tests gemessenen Werte in der Ginkgo-Gruppe. Und nicht nur im Vergleich zu Placebo: Die Teilnehmer der Ginkgo-Gruppe konnten ihre Ergebnisse auch gegenüber ihrem Ausgangswert verbessern. Die Werte der Placebogruppe hatten sich hingegen verschlechtert.

Hinsichtlich der Sicherheit konnte gezeigt werden, dass die mit Ginkgo-Extrakt behandelten Patienten weniger Nebenwirkungen berichteten als Patienten der Placebo-Gruppe. Dies gibt auch einen Hinweis auf Beschwerden, die sich durch den Verlauf der Erkrankung einstellen oder verschlechtern.

Eine Studie, in der Ginkgo-Extrakt nicht im Vergleich zu Placebo, sondern zu Donepezil und zur Kombination aus beiden getestet wurde, zeigte, dass Patienten, die Ginkgo und Donepezil erhielten, kaum mehr Nebenwirkungen berichteten als Patienten, die ausschließlich den Ginkgo-Extrakt erhalten hatte. »Es gibt auch positive Wechselwirkungen«, kommentierte Ihl. In diesem Fall haben die extrapyramidal-motorischen Nebenwirkungen des Donepezils durch die zusätzliche Gabe von Ginkgo-Extrakt abgenommen. Ginkgo-Extrakt könne aber auch die Wirkung anderer Arzneistoffe verstärken, berichtete er. Zu diesen gehören Diazepam, Trazodon und Haloperidol. Hier müsse die Dosis reduziert oder die Therapie umgestellt werden, um keine unerwünschten Effekte hervorzurufen.

Unterschiedlich zusammengesetzt

Der in den Studien verwendete Standardextrakt war EGb 761. Grundsätzlich müsse man zwischen den Blättern von Ginkgo biloba und den daraus gewonnenen Extrakten unterscheiden, betonte Ihl, da diese unterschiedlich zusammengesetzt seien. Die Extraktgewinnung erfolgt aus Pflanzen aus Plantagenanbau über ein Verfahren mit mehr als 20 Schritten. Dabei werden toxische Inhaltsstoffe wie Alkylphenole und Ginkgolsäuren aus den Blättern weitestgehend herausgefiltert und die wirksamen Bestandteile im Extrakt angereichert. Zu diesen gehören Flavonoidglykoside wie Quercetin, Kaempherol und Isorhamnetin sowie Terpentrilactone wie Ginkgolide und Bilobalide.

Die Wirkung des Extraktes kommt nicht durch einen einzelnen Bestandteil zustande, sondern durch das Zusammenwirken vieler Inhaltsstoffe. Hier besteht Forschungsbedarf, denn noch seien nicht alle Bestandteile identifiziert, berichtete Ihl.

Inhaltsstoffe der Ginkgoblätter beeinflussen verschiedene Faktoren innerhalb und außerhalb von Gehirnzellen, die bei der Alzheimer-Erkrankung eine Rolle spielen. Wissenschaftler gehen von einer »multiplen Form des Wirkens« aus. Aktive Inhaltsstoffe des Ginkgo-Extraktes beeinflussen demnach unter anderem Insulinrezeptoren im Gehirn. Über diese Rezeptoren üben beispielsweise die Hormone der HPA-Achse einen negativen Einfluss auf das Gedächtnis aus. HPA ist die englische Abkürzung für die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse, die Laien auch als »Stress-Achse« kennen. Zur Erinnerung: Im Hypothalamus kommt es zunächst zur Ausschüttung des Corticotropin-Releasing-Hormons (CRP), daraufhin gibt die Hypophyse das adrenocorticotrope Hormon (ACTH) ab und danach die Nebennierenrinde Cortisol. Die Achse besteht aus einer Reihe von Regelkreisen, durch die über Sensoren und Rückkopplungen die Menge der ausgeschütteten Hormone reguliert wird. Bei Stress produziert der Körper so mehr Cortisol. Auch der Tumornekrosefaktor (TNF), der üblicherweise Entzündungsreaktionen vermittelt, kann über den Insulinrezeptor die Gedächtnisfunktion beeinflussen.

Innerhalb der Zelle beeinflussen Bestandteile des Ginkgo-Extraktes auch die Mikrotubuli, kleine röhrenförmige Zellbestandteile, die in ständigen Auf- und Abbau begriffen sind und eine Rolle bei der Zellteilung spielen. Sogenannte τ-Proteine, die die Mikrotubuli normalerweise miteinander verbinden, häufen sich bei Alzheimer-Patienten an, werden übermäßig phophoryliert und wandeln sich zu Fibrillen um. In der Folge sterben Nervenzellen ab. Außerdem vermindert Ginkgo über das Vorläuferprotein APP die Bildung von Alzheimer-typischen Amyloidablagerungen. APP ist das Amyloid-Precursor-Protein. Es wird bei Gesunden zu zwei Teilstücken abgebaut, die kein Amyloid bilden. Bei Alzheimer-Patienten hingegen entsteht bei der Spaltung von APP ein pathologisches Proteinstück, das sich in Form von Plaques ansammelt.

Langsames Fortschreiten

Kein Antidementivum heile oder stoppe eine Alzheimer-Demenz, fasste Ihl zusammen. Mit den derzeit verfügbaren Arzneimitteln könne allenfalls eine Verlangsamung der Verschlechterung erreicht werden. Bereits dies könne man als Erfolg werten. Da die Alzheimer-Demenz eine Erkrankung des höheren Lebensalters darstellt, könne man so deren Fortschreiten in manchen Fällen so weit verlangsamen, dass Patienten bis zu ihrem Tode nicht mit schweren Symptomen kämpfen müssten. Die derzeit verfügbaren Wirkstoffe ermöglichten »einen moderaten Effekt für eine begrenzte Zeit bei einem Teil der behandelten Patienten«. /