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Pflanzen

Erste Boten des Frühlings

10.03.2014
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Von Edith Schettler / Pflanzen, die zu Beginn des Frühjahrs blühen, haben in Mitteleuropa ein schweres Los. Meist müssen sie das letzte Aufbäumen des Winters überstehen. Ihre Inhaltsstoffe helfen ihnen, Frost, Sturm und Eis zu trotzen und schützen sie gleichzeitig vor Fraßfeinden.

In Mitteleuropa unterscheiden die Menschen vier Jahreszeiten. Keine ersehnen die meisten so sehr wie den Frühling. Meteorologisch dauert er vom 1. März bis zum 30. Mai. Astronomisch oder kalendarisch beginnt er am 21. März mit der Frühlingstagundnachtgleiche und dauert bis zum längsten Tag des Jahres am 21. Juni. Die Natur hält sich jedoch nur selten an diese Einteilung.

Fällt der Winter wie in diesem Jahr sehr mild aus, beginnt die Blüte der Frühlingsboten schon im Januar oder Februar. Ist der Winter hart und streng, müssen sich die Menschen oft bis zum März gedulden, bevor sich die ersten Spitzen der neuen Vegetation zeigen. Gärtner und Landwirte benutzen deshalb einen phänologischen Kalender für ihre Tätigkeiten, der sich an den Gegebenheiten der Natur orientiert. Dieser Kalender geht zurück auf den Botaniker Carl von Linné (1707–1778), der Mitte des 18. Jahrhunderts in Schweden systematische Beobachtungsstudien durchführte. Seine Einteilung ist abhängig vom Klima und vom Wetter, der Höhenlage, der Beschaffenheit des Bodens und vielen anderen Besonderheiten des Ökosystems. Weil der phänologische Kalender die Entwicklung der Pflanzen zugrunde legt, ist er jedes Jahr anders. Zeigerpflanzen bestimmen Beginn und Ende der Jahreszeiten, die von Ort zu Ort verschieden sind.

Das Jahr beginnt nach der biologisch-gärtnerischen Einteilung mit dem Vorfrühling. Er setzt ein, wenn die Schneeglöckchen blühen und die Haselnusssträucher ihre Pollen ausschicken. Im Vorfrühling blühen auch die Schwarzerlen, und wenn die Sal-Weide und die Kornelkirsche in voller Blüte stehen, geht der Vorfrühling zu Ende. Ihm folgt der Erstfrühling, der sich gemeinsam mit dem Laub der Stachelbeere entfaltet und seinen Höhepunkt mit der Blüte von Löwenzahn, Schlehdorn, Süßkirsche und Spitzahorn erlebt. Treiben dann die Lärche, die Weißbirke und die Rosskastanie ihr Laub aus, geht der Erstfrühling in den Vollfrühling über, an dessen Beginn Klarapfel, Rosskastanie und Flieder blühen.

Unter dem Schnee

Lange bevor der Schnee schmilzt, blühen schon die ersten Pflanzen. In milden Wintern erscheinen die Blüten der Christrose oder Nieswurz (Helleborus niger) bereits im Dezember. Ganz entgegen den Gewohnheiten der Natur, die im Herbst in den Winterschlaf fällt, treibt die Christrose im Oktober grünes Laub, um spätestens im Vorfrühling für viele Wochen zu blühen, meist bis in den April hinein.

Dieses unübliche Verhalten interessierte schon seit jeher Alchemisten, Magier und Biologen. Im Altertum glaubten Heilkundige, mit der Christrose Geisteskrankheiten heilen zu können. Nach der Säftelehre war die Ursache für diese Leiden ein Überschuss an schwarzer Galle, dem sie mit der schwarzen Wurzel der Pflanze entgegenwirken wollten. Im Mittelalter galt das Hahnenfußgewächs als Mittel zur Bewahrung der ewigen Jugend. Ganz ungefährlich ist die Einnahme der Pflanze nicht, denn die Kombination der Alkaloide Celliamin, Sprintillamin und Sprintillin mit dem Saponin Helleborin macht die Droge giftig. Sie wirkt harntreibend und ähnlich wie Digitalis auf das Herz, ruft Übelkeit und Erbrechen hervor. Lange Zeit war die gepulverte Wurzel als Niespulver in Gebrauch, beispielsweise ein Bestandteil des berühmten Schneeberger Schnupftabaks. Mit den Inhaltsstoffen der Christrose beschäftigt sich zur Zeit auch die Krebsforschung.

In homöopathischer Potenzierung ist die Christrose als Arzneimittel der anthroposophischen Therapierichtung auf der Grundlage einer positiven Monographie der Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes (BGA) registriert. Naturheilkundler setzen sie gegen Kopfschmerzen, Depressionen und zur Verbesserung der Lebensqualität von Tumorpatienten in der Palliativtherapie ein.

Ein weiterer Überlebenskünstler, der bereits im Winter blüht, ist die Zaubernuss (Hamamelis virginiana). Sie kam im 18. Jahrhundert als Zierstrauch aus Amerika nach Europa. Ihre Blüten erscheinen mit dem Laubfall und öffnen sich an sonnigen Tagen im Winter. Wird das Wetter unfreundlicher, rollt der Baum die Blütenblätter nach innen und wartet auf bessere Tage. Im Vorfrühling ist die Blütezeit der Zaubernuss zu Ende, die Samen reifen im darauf folgenden Sommer.

Nordamerikanische Indianer verwendeten die Zaubernuss als Wundmittel. Ihre Blätter enthalten vor allem Gerbstoffe wie Hamamelitannin und Ellagtannin sowie Proanthozyanidine, Saponine, Flavonoide und etwas ätherisches Öl. Diese sind verantwortlich für die entzündungshemmende und adstringierende Wirkung der Droge. Äußerlich kommt der Hamamelisextrakt heute noch zum Einsatz in Wundsalben und in Hämorrhoidenmitteln. Für die Anwendung gegen Krampfadern, leichte Verletzungen und Entzündungen der Haut sowie Hämorrhoiden hat die Kommission E der Zaubernuss eine positive Monographie erteilt. Homöopathen setzen Hamamelis gegen venöse Blutungen ein.

Schneeglöckchen läuten den Vorfrühling ein

Blühen die ersten Schneeglöckchen (Galanthus nivalis), ist der Winter so gut wie vorüber. Die Pflanze wirkt stimmungsaufhellend – nicht durch ihre Inhaltsstoffe, sondern durch ihre bloße Anwesenheit.

»Ich sage euch, keine Siegespalme, kein Baum der Erkenntnis, kein Ruhmeslorbeer ist schöner als dieser weiße, zarte Kelch am blassen Stengel, der im frostigen Wind schaukelt«. So drückte der tschechische Schriftsteller Karel Cˇapek (1890 – 1938) seine Freude über die Frühlingsboten aus.

Viele halten das Schneeglöckchen für eine einheimische Pflanze, tatsächlich kam es aber erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts von der Balkan-Halbinsel zu uns nach Deutschland. Hier fühlte es sich schnell so wohl, dass es aus den Gärten mit Hilfe von Ameisen, die die Samen gern verschleppen, in die freie Natur auswanderte und dort verwilderte. Mit Biowärme, die beim Austreiben der Zwiebel entsteht, schafft sich das Schneeglöckchen eine warme schneefreie Umgebung und bewässert sich mit dem Tauwasser selbst.

In seiner Urheimat, dem Kaukasus, wenden Einwohner die Zwiebeln seit Jahrhunderten gegen altersbedingte Konzentrations- und Gedächtnisstörungen an. Wissenschaftliche Studienergebnisse zeigen, dass der Inhaltsstoff Galantamin in der Lage ist, Symptome der Demenz zu lindern und das Fortschreiten der Alzheimer-Erkrankung zu bremsen. Seit 1997 wird Galantamin synthetisch hergestellt. Der Wirkstoff ist in Deutschland zugelassen zur symptomatischen Behandlung von leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Demenz.

Zeitgleich mit den Schneeglöckchen blühen der Winterling (Eranthis hyemalis), ebenfalls ein Zwiebelgewächs, die Haselnuss (Corylis avellana) und der Gemeine Seidelbast (Daphne mezereum). Letzterer kommt als homöopathisches Mittel gegen Kopf- und Zahnschmerzen und gegen Post-Zoster-Neuralgie zum Einsatz.

Die Haselnuss und der Seidelbast gehören zu den Frühblühern, ebenso die im Vollfrühling blühenden Forsythien und Pfirsichbäume. Frühblüher sind Pflanzen, deren Blüten zeitlich vor den Laubblättern erscheinen.

Den Vorfrühling beschließt die Blüte der Sal-Weide (Salix caprea). Auch bei diesem Baum entwickeln sich die Blüten vor den Blättern. Zunächst erscheinen die Kätzchenblüten. Von diesen gibt es männliche und weibliche; fast alle Weiden sind zweihäusig getrenntgeschlechtig. Für Bienen und Hummeln sind die Blüten die erste Nektar- und Pollenquelle mit nennenswerter Ausbeute im Jahr, auch für viele Schmetterlingsarten ist die Sal-Weide eine wichtige Futterpflanze.

Zur Gewinnung von Weidenrinde werden die zwei- bis dreijährigen Zweige geschält. Die Droge enthält Gerbstoffe, Aldehyde, Pflanzensäuren, Flavonoide und Phenolglykoside, vor allem Salicin. Bereits die Germanen und Kelten nutzten Abkochungen aus Weidenrinde um Schmerzen zu lindern und Fieber zu senken. 1828 isolierte Johann Andreas Buchner (1783 – 1852) aus der Rinde der Sal-Weide Salicin. Aus der Substanz entsteht im menschlichen Körper durch Metabolismus Salicylsäure. Der deutsche Chemiker und Apotheker Felix Hoffmann (1868 – 1946) entwickelte die Salicylsäure weiter zu der magenfreundlicheren Acetylsalicylsäure, die die Firma Bayer 1899 als Aspirin® auf den Markt brachte.

Erste Blüten des Huflattichs

Zeitgleich mit dem Erscheinen der Staubgefäße der Sal-Weide blüht der Huflattich (Tussilago farfara). Er zählt ebenfalls zu den Frühblühern, da seine Laubblätter erst nach der Blütezeit austreiben. Sowohl in den Blättern als auch in den Blüten sind Schleimstoffe, Flavonoide, Gerbstoffe und Pflanzensäuren enthalten. Wegen des stark schwankenden Gehaltes an Pyrrolizidinalkaloiden sollte wild wachsender Huflattich nicht verwendet werden, es besteht die Gefahr einer Leberschädigung. Für Huflattichblüten hat die Kommission E des BGA aus diesem Grund eine Negativmonographie ausgesprochen. Unbedenklich sind hingegen Huflattichblätter aus kommerziellem Anbau, die laborchemisch auf die Schadstoffe untersucht werden. Aus dem Prüfzertifikat muss hervorgehen, dass die Tagesdosis von 1 Mikrogramm Pyrrolizidinalkaloide nicht überschritten wird. Dann ist eine Anwendung von maximal vier Wochen möglich. Bereits Hildegard von Bingen (1098 – 1179) beschrieb in ihren Kräuterbüchern die ­Anwendung gegen Asthma, Husten, Engbrüstigkeit und Schwindsucht. Schleimstoffe und Flavonoide sind verantwortlich für die hustenreizstillende und entzündungshemmende Wirkung.

Narzisse und Primel

Von der Iberischen Halbinsel kamen die Narzissen (Narcissus) nach Mitteleuropa. Die Zwiebelblumen aus der Familie der Amaryllisgewächse sind der Sage nach das Ergebnis der verschmähten Liebe der Nymphe Echo zu dem schönen Jüngling Narcissus, der in sein eigenes Spiegelbild vernarrt war. Die Götter verwandelten ihn zur Strafe in eine totenbleiche Blume mit rotem Herzen – die Narzisse.

Narzissen sind giftig und werden deshalb auch von Wühlmäusen verschmäht. Wichtige Inhaltsstoffe sind die Alkaloide Narcissin, Narcipoetin, Lycorin und Galatamin wie im Schneeglöckchen. Die Stoffe führen zu Übelkeit, Erbrechen, Leberschäden und Herzbeschwerden. Enthaltene Oxalsäure und Chelidonsäure sind verantwortlich für die hautreizende Wirkung des Pflanzensaftes. Gärtner und Floristen leiden manchmal an der so ­genannten Narzissendermatitis, einer Kontaktallergie, die nach kurzer Zeit wieder verschwindet. Liebhaber der Schnittblumen sollten bedenken, dass auch das Vasenwasser die Giftstoffe aufnimmt. Wild wachsende Narzissen sind in Deutschland besonders geschützt und dürfen nicht gepflückt werden.

In der Volksheilkunde fand die Narzisse früher Anwendung als Brechmittel und gegen Keuchhusten. Heute noch setzen Homöopathen Narcissus pseudonarcissus gegen Keuchhusten ein.

Primeln begleiten Gartenfreunde fast das ganze Jahr. Oft bleibt ihr Laub sogar im Winter grün, und auch einige Blüten überstehen die kalte Jahreszeit. Die Primelgewächse (Primulaceae) bilden in der botanischen Systematik eine eigene Familie, zu der auch die wild wachsende Schlüsselblume (Primula veris) gehört. Schlüsselblumenblüten enthalten Flavonoide und Saponine und kleine Mengen ätherischer Öle. In der Wurzel findet man Speicherstoffe in Form von Zuckern, verschiedene Saponine und Alkaloide wie Primulaverin. Saponine regen über eine Reizung der Magenschleimhaut reflektorisch den Sekretfluss in den Bronchien an, daher sind Schlüsselblumenblüten häufig Bestandteil von Hustentees. Zur Anwendung gegen Katarrhe der Luftwege erhielten die Drogen aus der Blüte und aus der Wurzel von der Kommission E des BGA eine positive Monographie.

Nach der deutschen Artenschutzverordnung zählt die Schlüsselblume zu den besonders geschützten Arten und darf nicht gesammelt werden. In der Mythologie spielt die Pflanze eine Rolle als Schutz- und Fruchtbarkeitsmittel und erscheint oft in Begleitung von Elfen und Nymphen, worauf auch der volkstümliche Name Himmelschlüssel hinweist.

Das Jahr geht weiter

Primeln und Narzissen geben neben Buschwindröschen (Anemone nemorosa), Blaustern (Scilla siberica), Hyazinthe (Hyacinthus) und Krokus (Crocus) dem Erstfrühling sein buntes Gesicht. Nach dem phänologischen Kalender geht das Jahr weiter: In der Mitte des Vollfrühlings entwickelt sich das Laub an Linden und Eichen. Das Ende des Frühlings läuten die Blüten von Weißdorn, Goldregen, Himbeere und Eberesche ein. Blüht der Holunder, ist der Frühling unweigerlich zu Ende. Der folgende Frühsommer dauert bis zur Blüte von Sommerlinde und Liguster, im Hochsommer blüht die Winterlinde, im Spätsommer erscheinen die Früchte der Schneebeere. Die Früchte des Holunders läutern das Ende des Sommers ein. Der Vollherbst zieht mit dem Fallen der Kastanien ein und dauert bis zur Laubfärbung der Bäume. Im Spätherbst fällt das Laub, und der Winter beginnt wieder. /