PTA-Forum online
Antiepileptika

Neue Therapieoption für Kinder

10.03.2014
Datenschutz

Von Maria Pues, Kehl-Kork / Erkranken Kinder an Epilepsie, stellt dies Eltern und Ärzte oft vor besondere Herausforderungen. Die Zulassung des Wirkstoffs Zonisamid wurde kürzlich erweitert: Das Arzneimittel ist jetzt auch zur Anwendung bei Kindern ab sechs Jahren zugelassen.

Epilepsien gehören zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen in Deutschland. Jährlich erkranken 40 bis 60 Menschen pro 100 000 Einwohner neu daran. Neben älteren Menschen betrifft die Epilepsie vorwiegend Kinder und Jugendliche. Allen Formen ist gemeinsam, dass Nervenzellen im Gehirn plötzlich beginnen »im Gleichschritt zu marschieren«: Aus meist unbekannter Ursache synchronisieren sich die Neuronen und entladen sich zeitgleich, was sich durch einen Anfall zu erkennen gibt. Dies kann begrenzt auf ein bestimmtes Hirnareal lokal erfolgen (fokale Anfälle), aber auch verbreitet (primär generalisierte Anfälle); zudem können sich zunächst fokale Anfälle ausbreiten (sekundär generalisierte Anfälle).

Verschiedene Faktoren können eine Rolle dabei spielen, dass das Gehirn eine Anfallsneigung entwickelt: Dazu gehören neben einer genetischen Disposi­tion, die zu Veränderungen an Ionen­kanälen oder Transmittersystemen führen kann, verschiedene Stoffwechseldefekte sowie Hirnschäden, zum Beispiel nach Kopfverletzungen.

Der Grand-Mal-Anfall mit Schaum vor dem Mund und Krämpfen am ganzen Körper trete bei Kindern eher selten auf, erläuterte Privatdozent Dr. Thomas Bast im Rahmen eines Fachpresseworkshops des Zonegran-Herstellers Eisai, der im Epilepsiezentrum Kork stattfand. Bei Kindern komme es häufig unter anderem zu sogenannten Absencen. Die Muskulatur des Körpers erschlafft – manchmal nur für den Bruchteil einer Sekunde –, und die Kinder lassen alles fallen, was sie gerade in der Hand halten. Dass es sich dabei um einen epileptischen Anfall handelt, bleibt ungeschulten Beobachtern häufig verborgen. Kommt es aber zu einem solchen Anfall, während das Kind beispielsweise mit dem Rad fährt oder an einem Kletter­gerüst turnt, so läuft es Gefahr zu stürzen und sich schwer zu verletzen. Darüber hinaus besteht – je nach Epilepsieform – im Verlauf der Jahre die Gefahr bleibender Schädigungen am Gehirn. Eine Übersicht über häufige Epilepsieformen im Kindesalter zeigt der Kasten.

Häufige Epilepsien des Kindesalters

West-Syndrom (Blitz-Nick-Salaam-Krämpfe)

  • tritt ab dem 1. Lebensjahr auf
  • myoklonisches Hochreißen der Arme und Beine, Nicken mit dem Kopf und anschließendem tonischen Vorbeuten des Rumpfes; kann in Serien auftreten
  • Folge von frühkindlichen Hirn­schäden, ZNS-Fehlbildungen oder Stoffwechselstörungen
  • schlechte Prognose

Lennox-Gastaut-Syndrom

  • tritt zwischen dem 2. und 7. Lebensjahr auf
  • unter anderem myoklonisch- astatische Anfälle
  • Folge einer Hirnschädigung vor oder während der Geburt
  • manchmal nach West-Syndrom
  • schlechte Prognose

Rolando-Epilepsie

  • tritt zwischen dem 2. und 12. Lebensjahr auf
  • aus dem Schlaf heraus auftretende Missempfindungen und Kloni (unwillkürliche rhythmische Muskelzuckungen) in Mund und Gesicht; Unfähigkeit zu Sprechen bei erhaltenem Bewusstsein
  • gute Prognose

pyknoleptische Absencen

  • tritt zwischen dem 5. und 9. Lebensjahr auf
  • kurze Absencen mehrmals täglich
  • relativ gute Prognose

juvenile myoklonische Epilepsie

  • tritt zwischen dem 12. und 20. Lebensjahr auf
  • meist nach dem Aufwachen kurz andauernde beidseitige Myoklonien der Schultern und Arme; Bewusstsein leicht getrübt
  • gute Prognose

Herausfordernde Therapie

Epilepsien lassen sich häufig gut behandeln. »In fast der Hälfte der Fälle führt bereits die Monotherapie mit dem ersten eingesetzten Antikonvulsivum zur Anfallsfreiheit«, berichtete Bast. In den anderen Fällen erreiche man oft mit weiteren Therapieversuchen – auch mit Kombinationen verschiedener Wirkstoffe – nicht das gewünschte Ziel. Speziell in der Behandlung von Kindern und Jugendlichen, deren Gehirne sich ja noch in der Entwicklung befinden, müssen Mediziner neben der Wirksamkeit der Therapie weitere Aspekte berücksichtigen: So müssen die Arzneimittel auch auf Dauer gut verträglich sein, da es sich um langjährige, oft sogar lebenslange Therapien handelt. Das bedeutet zum Beispiel, dass die Arzneimittel das Lernen möglichst nicht negativ beeinflussen sollten. Aber auch die Epilepsie selbst könne Lernen und Verhalten beeinflussen, gab Neuropsychologe Dr. Hans Mayer zu bedenken: »Verhaltensprobleme können mit Hyperaktivität, Aggressionen, autistischen Zügen, Depressionen sowie geringem Selbstvertrauen einhergehen und sowohl die Leistungen in Schule und Ausbildung als auch die psychosoziale Entwicklung beeinträchtigen.« Auch mögliche Komorbiditäten – Erkrankungen, die im Rahmen der Grunderkrankung Epilepsie auftreten können – und mögliche Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln müssen jeweils berücksichtigt werden.

Seit vergangenem Jahr ist das Antikonvulsivum Zonisamid (Zonegran®) zur Zusatztherapie der Epilepsie bei Kindern ab sechs Jahren und bei Jugendlichen zugelassen, die an fokalen Anfällen mit und ohne sekundäre Generalisierung leiden. Es ergänzt eine Gruppe von anti­epileptischen Arzneistoffen, deren Wirkung über unterschiedliche Mechanismen zustande kommt. Verschiedene Ansatzpunkte sind notwendig, da auch den Epilepsien unterschiedliche Patho­mechanismen zugrunde liegen.

Der Wirkstoff Zonisamid ist mit keinem anderen Antiepileptikum chemisch verwandt. Seine Wirkung kommt vermutlich über verschiedene Mechanismen zustande, die noch nicht vollständig aufgeklärt sind. Sie beruht wohl unter anderem auf einer Beeinflussung spannungsabhängiger Natrium- und Calciumkanäle, wodurch die erwähnten synchronisierten Entladungen unterbrochen und die Ausbreitung von Anfällen unterbunden werden. Zusätzlich wirkt die Substanz modulierend auf die durch Gamma-Amino-Buttersäure (GABA) vermittelte neuronale Hemmung.

Bei der Eindosierung von Zonisamid gilt es, nicht zu schnell voranzuschreiten, da aufgrund der langen terminalen Halbwertszeit der Substanz von etwa 60 Stunden andernfalls mit additiven Effekten gerechnet werden muss. Wenn der Patient ungewohnt ruhig oder schläfrig erscheint, kann die Ursache zu Anfang einer Therapie in einer zu raschen Dosis­steigerung liegen. Muss das Medikament abgesetzt werden, sollte dies ebenfalls schrittweise geschehen, da sich andernfalls die Anfallsneigung erhöhen kann. Packungsbeilage und Fachinformation geben dazu detailliert Auskunft.

Bei Kindern beachten

Neben anderen unerwünschten Wirkungen, die bei Erwachsenen und Kindern gleichermaßen auftreten können, weist die Fachinformation auf Besonderheiten der Therapie bei Kindern hin. So kann Zone­gran bei Kindern zu verminderter Schweißbildung mit der Gefahr der Überhitzung und Austrocknung führen. Besonders hoch ist das Risiko bei heißem Wetter. Eltern sollten darauf achten, dass es dem Kind nicht zu warm wird. Bei Hitze sollte es körperliche Anstrengungen meiden. Es sollte viel kaltes Wasser trinken. Eltern sollten dringend ärztliche Hilfe anfordern, wenn sich die Haut des Kindes heiß und trocken anfühlt oder wenn das Kind unter Verwirrheitszuständen und/oder Muskelkrämpfen leidet und/oder Puls und Atmung beschleunigt sind. Sie sollten darauf achten, dass sich das Kind im Schatten aufhält, dessen Haut mit Wasser kühlen und ihm kaltes Wasser zu Trinken geben.

Studien zu Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln sind nur bei Erwachsenen erfolgt. In der Therapie bei Kindern sollte eine Kombination mit Carboanhydrasehemmern oder Anticholinergika vermieden werden, um Wechselwirkungen über das Cytochrom-P-450-System vorzubeugen. Vorsicht ist zum Beispiel bei Diphenhydramin geboten, das es gegen (Reise-)Übelkeit und Erbrechen rezeptfrei auch für Kinder gibt. Die Plasmaspiegel anderer Antikonvulsiva wie Phenytoin, Carbamazepin und Valproat beeinflusst Zonisamid nicht in nennens­werter Weise. /