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Resilienz

Robust gegenüber Schicksalsschlägen

10.03.2014
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Von Inga Richter / Trauer, Krisen und Konflikte gehören zum Leben. Während einige Menschen daran zerbrechen, gehen andere ihren Weg unbeirrt weiter. Der recht junge Zweig der Resilienzforschung untersucht, welche Faktoren die Betroffenen entweder zur Resignation treibt – oder ihnen Kampfgeist verleiht.

Familien verlieren durch Flutkatastrophen ihr Hab und Gut. Andere müssen mit ansehen, wie ihre Angehörigen Bomben zum Opfer fallen. Doch auch jenseits von Naturkatastrophen und Krieg schlägt das Schicksal zu: Die Diagnose einer tödlichen Krankheit. Der Tod eines geliebten Menschen. Körperliche oder psychische Gewalt, Vernachlässigung, Diskriminierung. Die Liste ist endlos. Während einige Menschen sich davon nie mehr erholen, gelingt es anderen, nach einer Weile erneut Fuß zu fassen. Irgendwann jedoch brechen die Wunden der Vergangenheit wieder auf. Psychosomatische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen oder auch Migräne können die Folge sein.

Neuer Blickwinkel

Einst richtete sich der Blick von Forschern und Therapeuten nur auf die Betroffenen. Lange Zeit unbeachtet von der Wissenschaft blieben diejenigen, die trotz widriger Umstände körperlich und seelisch gesund sind, die nicht verdrängen, aber auch nicht zerbrechen, und die, ohne sich dessen bewusst zu sein, einen vergleichsweise neuen Zweig der positiven Psychologie prägten: die Resilienz. Es war eine Studie der US-amerikanischen Entwicklungspsychologin Emmy Werner von der University of California, welche Ende des vergangenen Jahrhunderts das Augenmerk auf das Phänomen lenkte. »Diese Untersuchung hat den Blickwinkel geändert«, sagt Professor Dr. Klaus Fröhlich-Gildhoff, Leiter des Zentrums für Kinder- und Jugendforschung (ZfKJ) in Freiburg, im Gespräch mit PTA-Forum. Vorher habe man nur darauf geschaut, wie Defizite im Umfeld zu schlechter Entwicklung führten: »Seit Werners Experiment aber weiß man, dass auch hoch belastete Kinder sich ganz normal entwickeln können.« Vielleicht sogar wegen dieser schlechten Erfahrungen.

Werner hatte gemeinsam mit Psychologen, Kinderärzten, Krankenschwestern und Sozialarbeitern die Entwicklung des kompletten Geburtsjahrganges von 1955 auf der hawaiianischen Insel Kauai dokumentiert – von der pränatalen Entwicklungsphase über einen Zeitraum von 40 Jahren. Das Ergebnis: Jedes dritte von 700 Kindern wuchs unter denkbar schlechten Voraussetzungen auf, in Armut und/oder mit psychisch labilen Eltern. Von diesen 210 Kindern wiederum waren zwei Drittel verhaltensauffällig, hatten Lernschwierigkeiten, Drogenprobleme, nicht selten folgten Straftaten. Das letzte Drittel jedoch entwickelte sich wider Erwarten zu zuversichtlichen, standhaften und fürsorglichen Erwachsenen.

Risiko und Schutz

Der Begriff Resilienz kommt aus dem Englischen und steht für Belastbarkeit, Stabilität oder Strapazierfähigkeit. Im Vorwort ihres Buches »Gedeihen trotz widriger Umstände« schrieb die Paar- und Psychotherapeutin Rosmarie Welter-Enderlin: »Resilienz bedeutet nicht einfach ein schönes Gefühl, sondern die Fähigkeit, den Herausforderungen des Lebens zu begegnen und gegen alle Wahrscheinlichkeit daran sogar zu gedeihen.« Nun ist es mitnichten so, dass resiliente Menschen keine Trauer, Wut oder Verzweiflung empfinden. Sie verbleiben jedoch nur eine gewisse Zeitspanne in diesem Zustand, verharren nicht lange in ohnmächtiger Trübsal, sondern wenden sich irgendwann aufs Neue den positiven Aspekten des Lebens zu.

Seit der Kauai-Untersuchung befassen sich Wissenschaftler weltweit mit Fragen wie diesen: Welche Risiken gefährden die Psyche am meisten? Welche Schutzfaktoren verhelfen Kindern zu einer positiven Lebenseinstellung, obwohl sie mehreren solcher Risikofaktoren ausgesetzt waren? Kommen Schutzfaktoren von innen oder eher aus dem Umfeld? Was genau hilft Menschen, traumatische Erlebnisse zu überleben und neu anzufangen? Wie können sich manche chronisch Erkrankte mit der lebensbedrohlichen Gefahr arrangieren? Ist Resilienz genetisch bedingt oder ist es möglich, sie zu erlernen? Und falls ja: Wie?

In Deutschland folgten auf die Kauai-Studie die Mannheimer Risikokinderstudie und die Bielefelder Invulnerabilitätsstudie, sowie 16 weitere in den USA, Großbritannien, Neuseeland, Australien, Dänemark und Schweden, allesamt mit unterschiedlichen Ansätzen und Verlauf. Gemeinsamer Kontext war jedoch folgender: Ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung von psychischem Stress resultiert aus dauerhafter Armut, schlechten Bildungsmöglichkeiten sowie einem zerrütteten Elternhaus. Die Eltern waren überfordert, entweder zu jung oder alleinerziehend, psychisch- oder alkoholkrank. »Je länger und regelmäßiger solche Faktoren auf ein Kind einwirken, desto mehr verfestigen sich die Eindrücke in der Wahrnehmung«, so Fröhlich-Gildoff. Am wichtigsten sei eine liebevolle Bindung an eine Bezugsperson. Wenn dafür die Eltern nicht zur Verfügung stehen, könnten dies durchaus Großeltern sein, ein Nachbar oder eine engagierte Lehrperson. Jemand, auf den sich ein Kind in jeder Beziehung verlassen und im Bedarfsfall auf Hilfe hoffen kann. Aber auch jemand, der Grenzen setzt. Denn ein zu gut gemeintes Erziehungsverhalten kann die gesunde Entwicklung der Menschen ebenfalls beeinträchtigen: »Ein Kind, das zu behütet aufwächst, von den Eltern in jeder erdenklichen Beziehung verteidigt wird, kann mögliche Konflikte in der Kindertagesstätte und auch spätere Krisen selbst nicht bewältigen«, sagt Fröhlich-Gildoff

Viele Einflussfaktoren

Weiterhin stellten Forscher fest, dass gewisse individuelle Eigenschaften einen gefährdenden oder schützenden Charakter haben können: Die Verletzlichkeit eines Menschen (Vulnerabilität) erhöht sich beispielsweise durch eine Frühgeburt, chronische Krankheit, durch ein unruhiges Temperament oder ungeförderte Intelligenz. Resiliente Menschen dagegen sind aufgeschlossen, selbstbewusst, meist begabt und optimistisch. Sie gehen auf andere zu, versuchen Konflikte zu lösen und glauben an die Wirkung ihrer Handlung. »Ob Anlage oder Förderung durch Bezugspersonen oder beides wichtig ist, lässt sich am besten im Einzelfall und mit einer Langzeitperspektive beantworten«, schrieb Welter-Enderlin.

Einen großangelegten Längsschnitt lieferte kürzlich die deutsche BELLA-Studie (»BEfragung zum seeLischen WohLbefinden und VerhAlten«). In einem zeitlichen Abstand von vier Jahren interviewten Wissenschaftler zwischen 2004 und 2012 etwa 4000 Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern per Telefon. Das Ergebnis: 880 der 7- bis 17jährigen (22%) zeigten zumindest Hinweise auf psychische Auffälligkeiten. Vorrangig handelte es sich um Angsterkrankungen, soziale Auffälligkeiten, Depressionen sowie die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Wieder zeigte sich ein Zusammenhang mit einem niedrigen sozioökonomischen Status sowie mit Konflikten und Belastungen im familiären Leben.

»Es gibt nicht ›den‹ resilienten Menschen«, betont Fröhlich-Gildoff. Diese Fähigkeit unterliege einem ständigen Prozess der Entwicklung und sei dennoch situationsbezogen und dynamisch. So mag ein Mensch furchtbare Kindheitserfahrungen mit der Zeit verkraften, die ständigen Streitigkeiten bei der Arbeit aber nicht. Auch kann die Anhäufung von Krisen dazu führen, dass ein vermeintlich resilienter Mensch seine seelische Widerstandskraft verliert.

Das Zusammenspiel der verschiedenen Risiko- und Schutzfaktoren ist längst noch nicht komplett entschlüsselt. Im zusammenfassenden Bericht mit dem Namen »Schutzfaktoren bei Kindern und Jugendlichen« aus dem Jahr 2009 schloss die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) mit den Worten: »Zukünftige Studien sollten Querverbindungen und Verknüpfungen der verschiedenen personalen und sozialen Ressourcen offenlegen.«

Kinder stark machen

Klar ist allerdings schon jetzt: Je früher man lernt, mit Konflikten und Krisen umzugehen, desto positiver verläuft die Zukunft. Daher führt das ZfKJ in Zusammenarbeit mit diversen Hochschulen, Universitäten und der BZgA regelmäßig Projekte an Kindertagesstätten und Grundschulen durch. »Durch Spiele und Übungen unterstützen wir die Kinder darin, das Spektrum ihrer Gefühle zu erkennen«, so Fröhlich-Gildoff. Viele Kinder setzten Angst vor bestimmten Situationen oder Trauer mit Wut gleich. Es ginge darum, zu lernen, die Gefühlswelt zu differenzieren und dementsprechend zu handeln. Die Anleitung dafür sollten bestenfalls die Eltern geben, aber auch Erzieher und Lehrer werden eingebunden. »Gerät ein Kind in eine stressige Situation und bekommt eine Anleitung, wie es diese meistern kann, kann es diese Erfahrung bei der nächsten Situation wieder aktivieren«, sagt der Psychotherapeut. Auch lernen die Kinder zu entdecken, wann sie Hilfe brauchen und wen sie darum bitten können. Eine solch erfolgreiche Erfahrung wird womöglich mit mehr Selbstbewusstsein einhergehen, mit dem Glauben an die eigenen Fähigkeiten und auch mit einem gewissen Optimismus, die nächste Krise ebenfalls zu meistern. Damit wäre das Fundament zu den meisten Resilienzfaktoren gelegt (siehe Kasten).

Sieben Wege zur Resilienz

Die US-amerikanische Psychologenvereinigung (APA) nennt in ihrer Broschüre »Road to Resiliance« sieben Wege, um Resilienz zu erlangen:

  • Soziale Kontakte knüpfen (Netzwerken): Enge Kontakte pflegen zur Familie, zu Freunden, zu Menschen in sozialen Gruppen oder Gemeinden, um Hilfe zu geben und Hilfe zu erhalten
  • Akzeptanz der Situation, die man nicht ändern kann; Konzentration auf Belange, die man ändern kann
  • Optimismus, dass das Problem zeitlich begrenzt ist und einer besseren Zukunft weicht. Es hilft, sich diese Zukunft bildhaft vorzustellen
  • Realistische Pläne für diese Zukunft schmieden
  • Weg von der Opferrolle - hin zur Eigeninitiative
  • Lösungsorientierung: Überlegen, was man selbst tun kann, damit das Problem nicht zur dauerhaften Beeinträchtigung führt
  • Selbstwertschätzung, Vertrauen in sich selbst, damit umgehen zu lernen

Gleichwohl bestehen auch im höheren Alter reelle Chancen, das Leben in geordnete Bahnen zu lenken, wie es der Großteil der problembehafteten Jugendlichen aus der Kauai-Studie bewies. Durch eine stabile Ehe und/oder das Engagement in Glaubensgemeinschaften, durch eine kontinuierliche Fortbildung oder, allerdings nur im geringen Umfang, eine Psychotherapie entwickelten sich die meisten von ihnen bis zum 40. Lebensjahr zu zufriedenen und lebensbejahenden Menschen. /