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­Depressive Verstimmungen

Selbstmedikation nur mit Beratung

10.03.2014
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Von Ulrike Viegener / Der Einsatz von Johanniskraut bei leichten bis mittelschweren depressiven Störungen ist ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig eine ausführliche Beratung bei der Abgabe rezeptfreier Medikamente ist. Wichtige Aspekte im Gespräch müssen Arzneimittelinteraktionen und die richtige Indikationsstellung sein.

Johanniskraut (Hypericum perforatum) ist für die Behandlung leichter Depressionen ohne Rezept erhältlich, bei mittelschweren Depressionen dagegen ist eine Verordnung erforderlich. Die Rezeptpflicht wurde zum 1. April 2009 mit der Begründung eingeführt, dass Menschen mit mittelschweren Depressionen in ärztliche Behandlung gehören. Seitdem stehen PTA und Apotheker vor der Aufgabe, im Beratungsgespräch zu klären, ob im jeweiligen Fall eine leichte depressive Verstimmung oder eine handfeste Depression vorliegt.

Gezielt nachfragen

Doch wie sollen PTA oder Apotheker »auf die Schnelle« feststellen, ob jemand, der ein Johanniskraut-Präparat zur Stimmungsaufhellung verlangt, leicht oder mittelschwer erkrankt ist? Angesichts einer hohen Dunkelziffer behandlungsbedürftiger Depressionen besteht die Kunst darin, sich mit wenigen gezielten Fragen ein Bild zu machen (siehe auch Kasten weiter unten).

Schwerwiegendere Depressionen treten mit einer Vielzahl von Symptomen in Erscheinung und maskieren sich regelrecht. Die Kardinalsymptome – die nicht immer offen zu Tage treten – sind eine anhaltend traurige Stimmung mit und ohne Angst, Interesse- und Freudlosigkeit sowie schnelle Ermüdung bis hin zur Erschöpfung. Aber auch hinter Schlafstörungen, Schwindel, Kopf- und Nackenschmerzen verbirgt sich schon einmal eine depressive Episode.

Möchte jemand mit solch diffusen Beschwerden ein pflanzliches Medikament einnehmen, sollten PTA oder Apotheker nachhaken. Wegweisend für die Abgrenzung leichterer von schwereren Depressionen sind Fragen nach Ausmaß und Dauer der Symptome sowie nach möglichen Auslösern. Verdichtet sich im Gespräch der Eindruck, dass nur eine leichte und/oder passagere depressive Verstimmung vorliegt, ist die Abgabe eines Hypericum-Präparats zur Selbstmedikation unbedenklich.

Ergeben sich dagegen Anzeichen für eine ernstere Erkrankung, sollten PTA oder Apotheker dem Betroffenen empfehlen, sich in ärztliche Behandlung zu begeben. Für diesen Rat sind Behutsamkeit und Fingerspitzengefühl erforderlich.

Wichtig ist weiterhin zwischen Schlafstörungen, die durch eine Depression bedingt sind, und Schlafstörungen ohne Vorliegen einer Depression zu differenzieren. Johanniskraut wirkt nicht gegen jede Form einer Schlafstörung, sondern ausschließlich bei Schlafstörungen im Rahmen einer Depression. Bei leichteren Schlafproblemen anderer Ursache bieten sich pflanzliche Arzneimittel mit Baldrian (Valerianae radix), Hopfen (Lupuli strobulus), Lavendel (Lavendulae flos), Melisse (Melissae folium) und Passionsblume (Passiflorae herba) an.

Rezeptfrei bei leichter Depression

Bereits im Mittelalter kannten die Menschen die stimmungsaufhellende Wirkung von Hypericum. Wissenschaftliche Studien haben mittlerweile das antidepressive Potenzial bestätigt und zu einer Renaissance der Heilpflanze geführt. Inzwischen ist die antidepressive Wirkung von Hypericum bei leichten bis mittelschweren Depressionen wissenschaftlich gut dokumentiert und mit synthetischen Wirkstoffen vergleichbar. Auch Menschen mit Ängsten und psychomotorischen Unruhezuständen sprechen laut Studien auf Hypericum an. Bei schweren Depressionen stößt das pflanzliche Antidepressivum hingegen an seine Grenzen und ist allenfalls als Begleittherapie indiziert. Allerdings sollten Johanniskraut-Präparate wegen des Risikos eines Serotonin-Syndroms möglichst nicht mit Selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern (SSRI) kombiniert werden.

Für standardisierte Johanniskraut-Extrakte wird der sogenannte Blütenhorizont – Stängel, Blätter und Blüten – verarbeitet. Bis heute ist nicht eindeutig geklärt, welche Substanzen im Extrakt welche Wirkung entfalten. Gesichert ist, dass Hypericum-Inhaltsstoffe sowohl die serotonerge wie auch die noradrenerge Signalübertragung beeinflussen. Als wichtigster Inhaltsstoff gilt Hyperforin.

Angesichts der breiten Palette an OTC-Präparaten haben PTA und Apotheker die Qual der Wahl. Besonders gut untersucht sind Hypericum-Extrakte, die sowohl in verschreibungsfreien als auch in rezeptpflichtigen Präparaten enthalten sind.

Die Tagesdosis standardisierter Hypericum-Extrakte liegt bei 600 bis 900 Milligramm. PTA oder Apotheker sollten den Anwender bei der Abgabe eines Johanniskraut-Präparates darauf hinweisen, dass er die empfohlene Dosis nicht eigenmächtig erhöhen darf. Dieser Beratungshinweis ist nicht zuletzt deshalb wichtig, weil viele Menschen irrtümlich glauben, pflanzliche Arzneimittel seien grundsätzlich harmlos.

Die stimmungsaufhellende Wirkung von Hypericum entfaltet sich nach ein bis zwei, manchmal auch erst nach vier Wochen. Auch das sollten Anwender wissen, damit sie die Behandlung nicht vorzeitig abbrechen. PTA oder Apotheker sollten ansprechen, dass sie das Präparat bis zum Eintritt der Stimmungsaufhellung und auch danach regelmäßig einnehmen müssen. Zur Stabilisierung wird eine mehrmonatige Behandlung empfohlen, auch wenn die Beschwerden ganz verschwunden sind. Tritt dagegen unter einer Selbstmedikation mit Hypericum innerhalb von vier Wochen keine Besserung ein, sollten die Betroffenen in jedem Fall einen Arzt aufsuchen.

Vorsicht Interaktionen

Ein besonders wichtiger Aspekt im Beratungsgespräch sind mögliche Arzneimittelinteraktionen von Johanniskraut. Im Herbst 2005 hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zwar entsprechende Hinweise in den Produktinformationen angeordnet, aber nicht alle Hersteller sind dieser Forderung bislang nachgekommen. Wer sich über mögliche Wechselwirkungen von Hypericum-Extrakten informieren will, sollte deshalb die ABDA-Datenbank zu Rate ziehen.

Bei der Abgabe eines Johanniskraut-Präparats müssen PTA oder Apotheker auf jeden Fall immer fragen, ob der Käufer weitere Arzneimittel einnimmt. Johanniskraut aktiviert verschiedene Enzymsysteme, die bei der Elimination von Arzneimitteln eine Rolle spielen. Kontraindiziert ist deshalb die Kombination mit Antikoagulanzien, Zytostatika wie Imatinib und Irinotecan, Immunsuppresiva wie Ciclosporin und Tacrolismus sowie Arzneimittel gegen HIV.

Auch die Anti-Baby-Pille ist vor Wechselwirkungen mit Johanniskraut nicht sicher. Bei gleichzeitiger Einnahme sind Zwischenblutungen und – allerdings in sehr seltenen Fällen – ungewollte Schwangerschaften aufgetreten. Auf dieses Risiko sollten PTA oder Apotheker bei der Beratung hinweisen und für die Dauer der Hypericum-Einnahme zu einer anderen sicheren Art der Verhütung raten.

Die Verträglichkeit von standardisiertem Hypericum-Extrakt ist grundsätzlich gut. Vor allem hellhäutige Menschen sollten jedoch über das Risiko einer Photosensibilisierung aufgeklärt werden, das heißt, während der Einnahme eines Hypericum-Präparats müssen sie intensive Sonneneinstrahlung meiden und ihre Haut mit speziellen Blockern schützen.

Angstlöser Lavendel

Auch Lavendelöl wird eine antidepressive Wirkung zugeschrieben. Im Vordergrund steht bei diesem Phytopharmakon, das als Weichgelatinekapsel zur oralen Einnahme auf dem Markt ist, der anxiolytische Effekt. Die Inhaltsstoffe Linalool und Linalylacetat entfalten ihre psychotropen Effekte, indem sie den Calciumeinstrom in Nervenendigungen drosseln.

Der Stellenwert von Lavendelöl bei der Behandlung depressiver Verstimmungen ist noch nicht abschließend geklärt. Einerseits wird das Phytopharmakon nicht zuletzt wegen des offenbar fehlenden Abhängigkeitspotenzials als interessante Alternative zu synthetischen Wirksubstanzen gesehen. Andererseits sehen einige Experten – ähnlich wie bei Hypericum – bei der Abgabe des OTC-Präparats die Gefahr, dass gravierende psychische Erkrankungen nicht erkannt werden. Das wäre fatal, da die Heilungschancen der generalisierten Angsterkrankung umso besser sind, je früher sie diagnostiziert und konsequent behandelt wird.

Wegen möglicher Interaktionen soll Lavendelöl nicht gleichzeitig mit Barbituraten oder Benzodiazepinen eingenommen werden. Das Phytopharmakon stand außerdem im Verdacht, bei oraler Anwendung genotoxische Effekte zu haben. Das BfArM hat das Präparat aber auf Basis der vorliegenden Daten als sicher eingestuft. /

Schweregrad der Depression

PTA-Forum/ Laut ICD-10, einem internationalen Klassifikationssystem für Erkrankungen, werden depressive Störungen nach den Symptomen, dem Schweregrad, der Dauer und dem Verlauf der Erkrankung eingeteilt.

Die Symptome einer depressiven Verstimmung gliedern sich in Haupt- und Zusatzsymptome. Von einer leichten depressiven Episode sprechen Experten, wenn zwei Hauptsymptome (siehe unten) über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen und gleichzeitig zwei Zusatzsymptome vorhanden sind. Eine mittelschwere depressive Episode besteht, wenn Betroffene mindestens zwei Wochen unter zwei Hauptsymptomen und zusätzlich unter drei bis vier Zusatzsymptomen leiden. Bei drei Hauptsymptomen und mindestens vier Zusatzsymptomen über einen Zeitraum von zwei Wochen handelt es sich um eine schwere depressive Episode. /

Hauptsymptome:

  • Gedrückte Stimmung (tiefe Traurigkeit): Gefühle der Verzweiflung und inneren Leere, ohne erkennbaren Anlass
  • Interessenverlust: Betroffene verlieren die Fähigkeit, Freude über bestimmte Dinge oder Aktivitäten des Alltags zu empfinden und daran teilzunehmen. Der Interessenverlust kann sich auf alle Lebensbereiche, also Familie, Freundeskreis, Beruf sowie Hobbies oder Sport erstrecken.
  • Energieverlust, verminderter Antrieb: Das Gefühl einer starken inneren Müdigkeit und Energielosigkeit lähmt die Betroffenen und lässt jegliche Aktivität beschwerlich erscheinen. Die Motivation, selbst zu einfachen Alltagsaktivitäten wie Kochen oder Körperpflege, nimmt ab.

Zusatzsymptome:

  • Verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit: Betroffenen fällt es oft schwer, sich auf eine Tätigkeit oder Aufgabe zu konzentrieren. Unentschlossenheit und ein verlangsamtes Denken sind weitere Anhaltspunkte.
  • Mangelndes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen: Depressive Menschen bewerten ihre eigenen Leistungen und Fähigkeiten häufig als sinn- oder nutzlos. Sie sehen sich selbst als unfähig oder als Belastung für andere.
  • Schuld und Wertlosigkeit: Betroffene neigen dazu, sich Fehler und Versäumnisse vorzuwerfen, sich verantwortlich und wertlos zu fühlen.
  • Pessimistische Zukunftsperspektive: In ihrer negativen Selbst- und Weltsicht sehen depressive Menschen jeden neuen Tag als Belastung, die Zukunft scheint aussichtslos.
  • Suizidgedanken: Bestimmen Sinnlosigkeit und innere Leere das Denken, können sich im schlimmsten Fall Suizidgedanken entwickeln.
  • Schlafstörungen: Depressive Patienten sind häufig von Schlaflosigkeit betroffen. Es treten Durchschlafstörungen und Früherwachen auf; auch Einschlafstörungen sind möglich. Vermehrter Schlaf tagsüber oder ein verlängerter Nachtschlaf sind selten.
  • Verminderter Appetit: Der Genuss beim Essen lässt bei Betroffenen nach; sie müssen sich zum Essen regelrecht überwinden. Häufig verlieren Patienten daher an Gewicht. Seltener ist ein deutlich gesteigerter Appetit.


Quellen: S3-Leitlinie/Nationale Versorgungsleitlinie Unipolare Depression; modifiziert nach Kompetenznetz Depression (www.depression-leitlinien.de).