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Die Leber

Unverzichtbare Stoffwechselzentrale

10.03.2014
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Von Annette Immel-Sehr / Die Leber ist das wichtigste Organ des menschlichen Stoffwechsels. Wegen ihrer Aufgaben bei der Synthese sowie Entgiftung unzähliger Substanzen wird sie auch als die »chemische Fabrik des Körpers« bezeichnet. Doch gegen manche Gifte ist selbst die Leber auf Dauer machtlos – beispielsweise Alkohol.

Mit 1500 Gramm ist die Leber das schwerste Organ des menschlichen Körpers. Sie besteht aus zwei Teilen, den Leberlappen. Der große rechte Leberlappen liegt hinter dem rechten Rippenbogen im rechten Oberbauch. Der kleinere linke Leberlappen reicht in den linken Oberbauch hinüber. Die ganze Leber liegt direkt unter dem Zwerchfell. Ist sie gesund, fühlt sie sich beim Tasten von außen weich an. An der Unterseite befindet sich die sogenannte Leberpforte: Hier treten die große Leberarterie und die Pfortader in das Organ ein. Von hier aus verlässt der Gallengang die Leber und mündet – mit einem Abzweig in die Gallenblase – in den Zwölffingerdarm. Das Lebergewebe setzt sich aus einer Vielzahl winziger Leberläppchen zusammen. Nach außen wird die Leber von einer festen Bindegewebskapsel zusammengehalten.

Die Leber hat vielfältige Aufgaben. Zum einen fungiert sie als Drüse und produziert innerhalb von 24 Stunden etwa 1 Liter Gallenflüssigkeit, die für die Fettverdauung im Darm und die Ausscheidung des Abbauprodukts Bilirubin unverzichtbar ist. Darüber hinaus hat das Organ eine wichtige Bedeutung im Kohlenhydrat-, Protein- und Fettstoffwechsel. So bildet sie aus Glucose den Speicherzucker Glykogen, der als Energielieferant für Hungerperioden dient. Weiterhin synthetisiert sie aus den Aminosäuren der Nahrung verschiedene Eiweiße wie Transportproteine und Gerinnungsfaktoren. Proteine, die der Körper nicht benötigt, verarbeitet die Leber zu Glucose. Zudem synthetisiert sie Cholesterin als Grundstoff für die Hormonsynthese und wandelt Fette aus der Nahrung in Lipoproteine um.

Lebenswichtiger Speicher

Über die Pfortader gelangen alle Stoffe, die im oberen Darmabschnitt resorbiert werden, in die Leber. Dort werden sie verarbeitet, gegebenenfalls gespeichert und bei Bedarf abgegeben. Die Leber dient als Speicherort für Eiweiße, Eisen, Fettsäuren, Vitamin A und B12. Des Weiteren ist die Leber zuständig für die Entgiftung körpereigener Abbauprodukte sowie fremder Substanzen wie Medikamente und Alkohol. Diese Aufgabe erledigt sie mit Hilfe einer Vielzahl spezifischer Enzyme wie beispielsweise Cytochrome. Die Leber hat zudem eine Funktion im Abwehrsystem unseres Körpers. Die sogenannten »von-Kupffer-Sternzellen« können Zelltrümmer, Bakterien und andere Stoffe durch Phagozytose aus dem vorbeiströmenden Blut herausfiltern und unschädlich machen.

Angesichts dieser vielfältigen Aufgaben wird deutlich, dass die Leber unverzichtbar für den Organismus ist. Zwei Ursachen sind am häufigsten dafür verantwortlich, dass sie ihre Funktionsfähigkeit verliert: Viren und Gifte. Gefährlich für die Leber sind Hepatitis-Viren. Je nachdem, welcher Viren-Typ die Infektion auslöst, unterscheiden Mediziner Hepatitis A bis G. Die Beschwerden sind jeweils ähnlich, unterschiedlich sind die Art der Ansteckung und die Folgeschäden. Die Hepatitiden B, C und D können chronisch verlaufen und in eine Leberzirrhose übergehen.

Schlimmster Feind

Zahlenmäßig bedeutsamer als virale Leberinfekte sind Leberschädigungen durch langdauernden übermäßigen Alkoholkonsum. Nach den Angaben der Drogenbeauftragten der Bundesregierung konsumieren in Deutschland etwa 9,5 Millionen Menschen Alkohol in gesundheitlich riskanter Menge. Rund 1,3 Millionen Menschen gelten als alkoholabhängig. Laut Statistischem Bundesamt starben im Jahr 2012 mehr als 32000 Menschen in Deutschland an einer alkoholischen Leberzirrhose. Auch andere Substanzen können die Leber schädigen, beispielsweise Pilzgifte, Pyrrolizidinalkaloide in manchen Arzneipflanzen oder auch hochdosierte Arzneistoffe wie Paracetamol oder Tetracycline. Verglichen mit der Zahl alkoholbedingter Leberschäden sind die Schäden, die durch Arznei- oder Pflanzeninhaltstoffe verursacht werden, allerdings gering.

Ärzte teilen die Leberschädigung durch Alkohol in drei Stadien ein: Zu Beginn steht die Fettleber, aus der sich mit der Zeit eine Alkoholhepatitis entwickelt. Das Endstadium ist die Leberzirrhose.

Stopp zu Beginn möglich

Nach dem Genuss von Bier oder Wein wird der Alkohol im Dünndarm resorbiert und gelangt über die Pfortader zur Leber und über den Blutkreislauf weiter in alle Organe. Mehr als 90 Prozent des Alkohols werden in der Leber metabolisiert. Der Abbau erfolgt in zwei Stufen: Im ersten Schritt wird Ethanol zu Acetaldehyd oxidiert, in einem zweiten Oxidationsschritt entsteht Acetat, das unter anderem zum Aufbau von Fett verwendet wird. Alkohol hemmt die Fettsäureoxidation und die Abgabe von Lipoproteinen. Auf diese Weise führt erhöhter Alkoholkonsum über Jahre zu Fetteinlagerungen in der Leber. Die Prozesse sind zunächst noch komplett reversibel: Bei Alkoholabstinenz bildet sich die Fettleber innerhalb einiger Wochen zurück. Das Problem ist, dass die Betroffenen nicht bemerken, wie sich ihre Leber verändert hat, denn eine Fettleber macht in aller Regel keine Beschwerden. So wird meist die Chance verpasst, rechtzeitig mit dem Trinken aufzuhören.

Das eigentliche Gift

Das eigentliche Lebergift ist nicht der Alkohol selbst, sondern sein Abbauprodukt Acetaldehyd. Über eine Aktivierung der Kupffer-Zellen stimuliert Acetaldehyd bestimmte Leberzellen, verstärkt Kollagen zu bilden. Außerdem entstehen vermehrt Sauerstoffradikale, welche die Zellmembranen so schädigen, dass die Zellen zugrunde gehen. Die fortschreitende Schädigung der Leberzellen als Folge überhöhten Alkoholkonsums bezeichnen Ärzte als Alkoholhepatitis. Sie äußert sich meist mit einem Druckgefühl im Oberbauch, Mattigkeit und Leistungsschwäche. Im weiteren Verlauf kommt es zu knotig-narbigen Veränderungen im Lebergewebe und zu einer Schrumpfung der Leber. Eine solche Schrumpfleber wird auch als Leberzirrhose bezeichnet.

Das abgestorbene Lebergewebe ist für immer verloren. Die Narben und Bindegewebsknoten schränken die Funktionalität der Leber zunehmend ein: Sie kann nicht mehr genügend Gerinnungsfaktoren synthetisieren, was zu Blutungen führt. Da nicht mehr ausreichend Albumin und andere Transporteiweiße gebildet werden, kommt es zu Ödemen in den Beinen bis hin zur Bauchwassersucht. Das Blut kann nicht mehr ungehindert durch die Leber zum Herzen fließen, sondern staut sich an der Pfortader. Der sogenannte Pfortaderhochdruck bewirkt Folgeerkrankungen wie eine Milzschwellung, die mit einem vermehrten Abbau von Blutkörperchen verbunden ist. Eine weitere gefürchtete Komplikation ist eine Schädigung des Gehirns durch Giftstoffe wie Ammoniak, die nicht mehr ausreichend abgebaut werden können. Zunächst kommt es nur zu Konzentrationsschwächen, verzögerten Reaktionen und Stimmungsschwankungen, die sich mit der Zeit bis zu Bewusstseinsstörungen und Bewusstlosigkeit verschlimmern. Ärzte bezeichnen diese leberbedingte Störung der Gehirnfunktion als hepatische Enzephalopathie.

Weitere Symptome einer schweren Leberzirrhose sind beispielsweise gelbe Augen, eingerissene Mundwinkel, Juckreiz, Wachstum der Brüste auch bei Männern, Krampfadern in der Speiseröhre, Ausfall der Schambehaarung und Schrumpfung der Hoden. Kann die Zerstörung nicht gestoppt werden, führt die Leberzirrhose innerhalb von Monaten bis wenigen Jahren zum Tod infolge Leberversagens.

Nicht viel Auswahl

Für die Therapie viral-bedingter Lebererkrankungen gibt es eine ganze Reihe von Medikamenten. Hier werden spezifische Virustatika, wie Lamivudin oder Entecavir, sowie Interferon α erfolgreich eingesetzt. Anders sieht es bei der Behandlung Alkohol-induzierter Leberschäden aus. Hier sind nur wenige Arzneistoffe mit beschränkter Wirksamkeit verfügbar. Eine Heilung ist bislang nicht möglich. Eingesetzt werden insbesondere Extrakte aus Mariendistelfrüchten, Phospholipide, Aminosäuren und Lactulose beziehungsweise Lactitol. Wenn bereits eine Leberzirrhose eingetreten ist, verordnen Ärzte Diuretika, um das Wasser in der Bauchhöhle (Aszites) auszuschwemmen und weitere Schäden zu verhindern oder zumindest hinauszuzögern.

Phytopharmaka an der Spitze

Als Wirkstoffe der Mariendistelfrüchte haben Pharmakologen ein Gemisch aus Flavolignanen identifiziert, das als Silymarin bezeichnet wird. In genügend hoher Dosis stabilisiert Silymarin die Zellmembran der Leberzellen, so dass Gifte diese nicht durchdringen können. Somit hat Silymarin einen Schutzeffekt für die Leberzellen. Zudem stimuliert es die Proteinsynthese in den Leberzellen und fördert so die Regeneration des Lebergewebes. Präparate mit dem Trockenextrakt aus Mariendistelfrüchten können PTA und Apotheker unterstützend bei chronischen Leberkrankheiten und zum Schutz vor Lebergiften empfehlen. Als Initialdosis wird eine Extraktmenge mit bis zu 420 Milligramm Silymarinin pro Tag empfohlen. Bei Langzeittherapie kann die Dosis auf 210 bis 280 Milligramm pro Tag reduziert werden.

Phospholipide, aus Sojabohnen gewonnen, werden ebenfalls zur Behandlung von Leberschäden eingesetzt. Die Substanzen sollen in die Zellmembranen eingebaut werden und so deren Fluidität und Funktionalität verbessern.

Ammoniak abfangen

Mit zunehmendem Funktionsverlust schafft es die Leber nicht mehr, den im Stoffwechsel anfallenden Ammoniak zu entgiften. Die Zweifachzucker Lactulose und Lactitol können Ammoniak im Dickdarm »entschärfen«. Beide Substanzen sind vor allem als Mittel gegen Obstipation bekannt. Im Dickdarm bauen die Darmbakterien Lactulose und Lactitol zu Milch-, Butter-, Propion- und Essigsäure ab, die dann die Darmtätigkeit anregen. Wenn aufgrund einer Lebererkrankung Ammoniak in erhöhter Konzentration im Darm vorliegt, wird dieser nun durch die Säuren protoniert. Es entstehen Ammoniumionen, die kaum resorbiert werden. So kann der Körper Ammoniak in Form von Ammoniumionen über den Stuhl ausscheiden. Die Einnahme von Lactulose und Lacticol bei Leberfunktionsstörungen sollte nicht im Rahmen der Selbstmedikation erfolgen, sondern nur unter ärztlicher Überwachung.

Eine Tasse für die Leber

Kaffeetrinker erkranken einer Metaanalyse zufolge zu 40 Prozent seltener an Leberkrebs. Vermutlich mehrere Substanzen im Kaffee, darunter Coffein, Cafestol, Kahweol sowie Chlorogensäure sollen über antioxidative Effekte leberprotektiv wirken. Kaffee hat daneben auch noch viele weitere positive Wirkungen (siehe auch PTA 04/2014: Kaffee: Besser als sein Ruf)

Auch Ornithinaspartat ist ein Arzneimittel aus der Gruppe der sogenannten Lebertherapeutika. Es soll die Harnsäuresynthese in der Leber steigern und so zur Ammoniakentgiftung beitragen. Auch in der Muskulatur kann Ornithinaspartat die Ammoniakentgiftung verbessern.

Bei einer fortgeschrittenen Lebererkrankung kommt es häufig zu Veränderungen im Verteilungsmuster der Aminosäuren. Offenbar spielt dies vor allem bei den zerebralen Ausfallerscheinungen eine Rolle. Durch die Gabe bestimmter Aminosäuren, insbesondere den verzweigtkettigen, kann dieser Zustand gebessert werden. Pharmakologen diskutieren, ob auch Orotsäure eine leberschützende Wirkung hat und das Voranschreiten bis zur Leberzirrhose hemmt. Hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Bei einer alkoholinduzierten Lebererkrankung ist der Vitaminstoffwechsel erheblich beeinträchtigt. Es fehlt an Enzymen und Speicherkapazität. Zudem ist die Resorption mancher Vitamine eingeschränkt. Verschiedene Vitamine stehen somit nicht mehr in ausreichender Menge zur Verfügung, was mit entsprechenden Mangelerscheinungen einhergeht. Der Arzt wird dem Patienten deshalb in Abhängigkeit vom Stadium der Lebererkrankung Vitaminpräparate verordnen.

Beratung zu einem unangenehmen Thema

Die Beratung bei Lebererkrankungen ist schwierig. Zwar gibt es einige Präparate, die die Leber in gewisser Weise schützen, ihre Funktionsfähigkeit verlängern oder weitere Schäden verhindern. Die Einnahme darf jedoch nicht als Freibrief verstanden werden, weiter zu trinken. Das sollten PTA und Apotheker behutsam im Beratungsgespräch vermitteln. Die wichtigste Maßnahme ist es, den Alkoholmissbrauch zu beenden. Liegt eine Alkoholsucht vor, ist sie allein mit gutem Zureden nicht zu überwinden. Der Patient braucht eine stationäre oder ambulante Entwöhnungstherapie. /

Beratungstipp

Die Bitterstoffe der Artischocke regen die Gallebildung und damit den Fettstoffwechsel an. Zudem hat der Artischockenextrakt, der aus den Blatt­rosetten hergestellt wird, schützende und kurative Effekte auf die Leber. Bei Verdauungsstörungen und Störungen des Gallensystems nehmen Patienten das Präparat am besten vor beziehungsweise zwischen den Mahlzeiten ein.

Wer unter Gallensteinen leidet, sollte zuerst mit seinem Arzt Rücksprache nehmen, da Artischocken Steine oder Grieß in Bewegung bringen kann. Auch Patienten, die gerinnungs­hemmende Vitamin-K-Antagonisten (Phen­procoumon, Warfarin) einnehmen, sollten vor der Einnahme mit ihrem Arzt sprechen. Abraten müssen PTA und Apotheker bei einer Allergie gegen Korbblütler.