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Interview

Vitamin D richtig dosieren

10.03.2014  14:00 Uhr

Von Susanne Poth / In Deutschland hätten viele Menschen zu niedrige Vitamin D-Spiegel, da der heutige Lebensstil verhindert, dass der Körper selbst genügend Vitamin D produziert, sagt Professor Dr. Jörg Spitz. Der Vitamin D-Experte empfiehlt sowohl Kindern als auch Erwachsenen, das »Sonnenvitamin« zu supplementieren.

PTA-Forum: Kann ein ausreichend hoher Vitamin-D-Spiegel verhindern, dass wir krank werden?

Spitz: Vitamin D ist nicht das allein-selig-machende Wundermittel. Doch gehört es zu einer Reihe von Faktoren, die das Leben gesünder machen. Neben der ohnehin schon seit Langem bekannten Senkung des Fraktur- und Sturzrisikos zeigen Untersuchungen, dass zahlreiche Erkrankungen wie Asthma oder Brust- und Dickdarmkrebs mit einem Mangel an Vitamin D einhergehen.

Die regelmäßigen Grippewellen im Winter lassen sich beispielsweise auf einen Vitamin-D-Mangel zurückführen. Eine evidenzbasierte, das heißt doppelblinde, Placebo-kontrollierte und randomisierte Studie von japanischen Kollegen zeigte, dass Schulkinder durch die tägliche Gabe von 1200 Einheiten Vitamin D bereits im ersten Winter wirkungsvoll vor Grippe geschützt werden können. Gleichzeitig reduzierte sich die Zahl der Asthmaanfälle um 80 Prozent im Vergleich zur Kontrollgruppe. Auch die Ergebnisse der bisher vorliegenden Studien zu Autoimmunerkrankungen, kardiovaskulären Erkrankungen und Krebserkrankungen rechtfertigen meiner Meinung nach die Empfehlung, den Vitamin-D-Status bei Kindern und Erwachsenen zu verbessern.

PTA-Forum: Die Empfehlungen für den Calcidiol-Wert im Serum sind recht unterschiedlich. Welche Konzentration halten Sie für sinnvoll?

Spitz: Ich schließe mich dem von der US-amerikanischen Fachgesellschaft für Endokrinologie publizierten Wert von mindestens 30 ng/ml als physiologisch sinnvolle, suffiziente Versorgung an.

PTA-Forum: Sonne oder Supplement, was halten Sie für gesünder?

Spitz: Ich plädiere für die Sonne, weil sie nicht nur für die Bildung von Vitamin D wichtig ist, sondern auch sonst zahlreiche Vitalfunktionen aktiviert, die für unser gesamtes Wohlbefinden wichtig sind. Problematisch ist für einen Großteil der Bevölkerung jedoch, dass wir nicht nur im Winter zu wenig Sonne abbekommen. Unser Lebensstil hält uns – mal abgesehen von ein paar Urlaubswochen – eigentlich ganzjährig aus der Sonne fern und verhindert auch die schrittweise Gewöhnung der Haut an die Sonne.

Wir fahren heute mit dem Auto oder Bus ins Büro und wenn wir am Wochenende mal rauskommen, cremen wir uns mit Sonnenschutzmitteln ein, um Hautkrebs zu vermeiden. Bereits mit Lichtschutzfaktor 15 wird jedoch nahezu 100 Prozent UVB gefiltert. Wer berufstätig ist, kommt kaum vor 16 Uhr in den Genuss der Sonne und dann steht sie bereits zu tief, um in der Haut noch für die Produktion von Vitamin D zu sorgen. Als Faustregel gilt: Ist der Schatten länger als man groß ist, werden keine nennenswerten Mengen an Vitamin D gebildet. Die meisten Menschen sind deshalb auf eine exogene Zufuhr von Cholecalciferol angewiesen.

PTA-Forum: Wie lautet Ihre Dosierungsempfehlung für die Supplementierung von Vitamin D?

Spitz: Bei Kleinkindern im ersten Lebensjahr gilt weltweit die Empfehlung, 400 bis 600 Internationale Einheiten (IE) täglich zu verabreichen. Danach meinen konservative Fachgesellschaften, die Kinder würden sich nun lange genug in der Sonne aufhalten, um ausreichend Vitamin D in der Haut zu bilden. Leider sieht die Realität heute anders aus, wie Studien belegen. Ich empfehle deshalb in Analogie zu den Säuglingen für Kinder 1000 IE Cholecalciferol pro 12 bis 15 Kilogramm Körpergewicht. Erwachsene sollten bei einem Körpergewicht von 70 Kilogramm in den Monaten Oktober bis März 4000 IE pro Tag zu sich nehmen. In den restlichen Monaten kann dies je nach Sonnenexposition reduziert werden.

PTA-Forum: Wie muss ich Vitamin D bei einem nachgewiesenen Mangel dosieren?

Spitz: Um den Vitamin-D-Spiegel um 1 ng/ml Serum zu erhöhen, muss eine 70 Kilogramm schwere Person rund 10 000 IE einmalig zu sich nehmen. Das heißt, bei einem Laborwert von 14 ng Calcidiol müsste die Person etwa zehn Tage lang eine Dosierung von jeweils 20 000 IE pro Tag einnehmen, um einen Blutwert von über 30 ng/ml zu erreichen.

PTA-Forum: Besteht bei solch hohen Dosierungen nicht die Gefahr einer Hypervitaminose?

Spitz: Vitamin D besitzt eine sehr hohe therapeutische Breite. Damit bei Erwachsenen eine chronische Überdosierung auftritt, sind normalerweise täglich 40 000 IE über mehrere Monate notwendig. Eine Hypervitaminose ist erst ab Werten von größer als 150 ng/ml im Serum zu erwarten. /

Professor Dr. Jörg Spitz ist Facharzt für Nuklear-, Ernährungs- und Präventionsmedizin. Er war Chefarzt am Städtischen Klinikum Wiesbaden und Professor für Nuklearmedizin an der Universität Mainz. Seit etwa zehn Jahren widmet sich Spitz ausschließlich der Erarbeitung von Präventionskonzepten und deren Umsetzung in der Praxis. Er hat mehrere Bücher zum Thema Vitamin D geschrieben. Spitz gründete im Jahr 2009 außerdem die gemeinnützige deutsche Stiftung für Gesundheitsinformation und Prävention (dsgip).