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Typ-2-Diabetes

Die vier Säulen der Therapie

09.02.2015
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Von Isabel Weinert / Essen, Bewegung, Medikamente und Vorsorge: Auf diese vier Grundbausteine stützt sich die Therapie des Typ-2-Diabetes. Für PTA gibt es in diesem Umfeld einige Ansatzpunkte, um Diabetiker zu unterstützen.

Fehlernährung und daraus resultierendes Übergewicht bereiten zusammen mit einer genetischen Disposition und Bewegungsmangel den Weg vom gesunden Menschen zum Typ-2-Diabetiker.

Über 95 Prozent der Betroffenen wiegen zu viel und entwickeln ein metabolisches Syndrom, das heißt, dass sich zu Übergewicht und Diabetes hoher Blutdruck und hohe Blutfettwerte gesellen. Wer es schafft, dem Übergewicht dauerhaft zu Leibe zu rücken und sich mehr zu bewegen, kommt meist mit weniger Medikamenten aus. Die Änderung des Lebensstils ist deshalb eine der wichtigsten Devisen in den Leitlinien der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Aber davor steht für die meisten, sich neu zu sortieren, nachdem der Arzt die Diagnose gestellt hat.

Zunächst einmal wissen viele Typ-2-Diabetiker nicht mehr, wo ihnen der Kopf steht, wenn der Arzt die Diagnose eröffnet. Nicht selten führt der erste Weg dann in die Apotheke. Eine der häufigsten Fragen: Was darf ich denn jetzt überhaupt noch essen? Ganz wichtig ist, darauf hinzuweisen, dass jedem Diabetiker eine Schulung in der Arztpraxis zusteht und dass es sich lohnt, dieses Angebot wahrzunehmen, denn dort lernt man alles, was für den Umgang mit der Krankheit wichtig ist.

Das Essen regeln

Was die Ernährung angeht, hängt die Antwort auf die Frage des Patienten von dessen Therapie ab.

Diabetiker, die Metformin, Gliptine oder SGLT-2-Hemmer verordnet bekommen, müssen in aller Regel nicht mit Unterzuckerungen rechnen und brauchen aus diesem Grund keine festen Essenszeiten mit genau definierten Mengen an Kohlenhydraten. Empfehlenswert sind dennoch drei Mahlzeiten am Tag, bestehend aus einer vollwertigen Mischkost. Das heißt:

  • Gemüse, Vollkorngetreideprodukte und frisches Obst gehören regelmäßig auf den Speiseplan. Die Ballaststoffe in Gemüse und Vollkorn sorgen für einen gewünschten, langsamen Anstieg des Blutzuckers nach dem Essen.
  • Fette und industriell hergestellte Lebensmittel sollten möglichst vermieden werden. Fett gilt heute als wesentlicher Wegbereiter der Insulinresistenz der Muskelzellen. Wenn Fett verzehrt wird, dann auf das richtige achten, nämlich pflanzliche Öle, vor allem Oliven- und Rapsöl, und ab und zu eine Handvoll Nüsse. Auch fetter Seefisch bekommt gut und darf ein- bis zweimal pro Woche auf dem Speiseplan stehen.
  • Prinzipiell ist Zucker nicht tabu, große Mengen allerdings schon. Das gilt auch für Fructose und Fructosesirup, wie er in Getränken gerne eingesetzt wird. Fructose mindert nachgewiesermaßen das Sättigungsgefühl und steigert sogar die Lust aufs Essen, fördert also das Übergewicht.
  • Zwei Gläschen Alkohol dürfen es maximal pro Tag sein. Allerdings bekommt das Image vom gesunden Rotwein derzeit immer mehr Risse, so etwa durch eine schwedische Studie, die zeigt, dass schon moderate Alkoholmengen Herzrhythmus­störungen fördern.

Diabetiker, die mit Sulfonylharnstoffen, Gliniden oder Insulin behandelt werden, brauchen einen genauen Mahlzeitenplan mit Uhrzeiten und Kohlenhydratmengen, denn die genannten Medikamente bergen das Risiko für Unterzuckerungen. Dem lässt sich nur mit planvollem Essen begegnen. Ansonsten gelten die Ernährungsempfehlungen wie oben.

Hilfe im Notfall

PTA und Apotheker können den Patienten, die Sulfonylharnstoffe, Glinide oder Insulin bekommen, helfen, indem sie auf das Unterzuckerrisiko hinweisen und aufzeigen, was im Notfall hilft: Traubenzucker, süße Säfte oder Limonade zum Beispiel. Am besten deponiert der Diabetiker an verschiedenen Stellen Traubenzucker, etwa in der Hand- oder Jackentasche, auf dem Nachttisch oder im Auto.

Achtung: Ein paar einzeln abgepackte Traubenzucker als Mitgabe sind in diesem Zusammenhang zwar eine nette Geste. Diabetiker profitieren aber mehr von Glucosegelen und Traubenzuckerplättchen. Denn gerade im Unterzucker ist es mühsam, Traubenzuckerchen für Traubenzuckerchen aus der Folie zu pulen. Eine Geltube oder die Täfelchen an der Reißnaht zu öffnen, fällt in dieser Situation leichter.

Ein wichtiger Hinweis ist auch, dass Traubenzucker-Plättchen mit der Zeit nachhärten. Wer sie lange zu Hause liegen hat, kann sie kaum mehr zerkauen und auch nicht mit Spucke aufweichen. Sie nutzen dann bei Unterzuckerung nicht. Diabetiker tun deshalb gut da­ran, das Verfalldatum des heimischen Traubenzuckerlagers ab und zu zu kontrollieren und bei Bedarf alten Traubenzucker auszutauschen.

Weniger Gewicht

In aller Regel steht mit einem Typ-2-Diabetiker ein Mensch mit zu vielen Pfunden auf den Rippen in der Apotheke. Und vermutlich hat er ärztlicherseits bereits den Rat bekommen, abzunehmen. Für möglichst erfolgreiches Abnehmen eignen sich entsprechende Gruppenprogramme, wie sie etwa von Krankenkassen, aber auch von Apotheken (zum Beispiel Leichter leben in Deutschland, LliD) angeboten werden. Die Gruppe stärkt das Durchhaltevermögen des Einzelnen. Zudem sind viele Programme auf ihre Wirksamkeit geprüft. Die Teilnehmer lernen neben der Ernährungsumstellung auch, welche Rolle Bewegung spielt, und sie erfahren die Bedeutung der Psyche sowie das Vorgehen für Verhaltensänderungen.

PTA können Typ-2-Diabetikern, die abnehmen wollen, den Start mit einer Formuladiät nahelegen. Der schnelle Abnehmerfolg motiviert weiterzumachen. Zudem scheint die Annahme, dass ein schneller Gewichtsverlust einen ausgeprägten Jo-Jo-Effekt nach sich zieht, widerlegt. Das legen neuere Untersuchungen nahe. Formuladiäten eignen sich auch im weiteren Verlauf des Abnehmprogramms, um das gewünschte Gewicht zu halten. Einzelne Formulatage oder selbst der Austausch einer einzigen normalen Mahlzeit gegen ein Formula-Produkt unterstützen in dieser Phase eine ausgewogene Energiebilanz.

Jeder Diabetiker, der abnehmen möchte, sollte seinen Arzt darüber informieren. Denn eine Gewichtsabnahme verringert meist den Bedarf an Arzneimitteln gegen hohen Blutzucker und gegen hohen Blutdruck. Die Dosis anzupassen, obliegt dem Arzt.

Gewicht zu verlieren und vor allem das erreichte Gewicht zu halten, wird durch Bewegung unterstützt. Außerdem wirkt sie sich positiv auf den Zuckerstoffwechsel, aber auch auf alle anderen relevanten Blutwerte sowie auf den Blutdruck aus. Doch Menschen zu mehr Bewegung zu bringen, ist ein schwieriges Unterfangen. Eine Möglichkeit: einen Schrittzähler anbieten. Viele Menschen gehen tatsächlich mehr, wenn sie jeden Abend ihre Schrittbilanz sehen können. Für den Anfang genügt es, die Schrittzahl etappenweise zu steigern. Am Ende sollten Diabetiker, die sonst nicht in ihrer Bewe­gung eingeschränkt sind, auf 10 000 Schritte täglich kommen oder 20 Minuten pro Tag zügig gehen.

Typ 1 – die andere Krankheit

Beim Typ-1-Diabetes handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung. Die körpereigene Abwehr zerstört die Betazellen der Bauchspeicheldrüse, also die Produktionsorte von Insulin. Verschiedene Auslöser werden diskutiert. Die Krankheit tritt vor allem im Kleinkind- bis jungen Erwachsenenalter auf, kann sich aber auch noch später manifestieren. Typ-1- und Typ-2-Diabetes haben also gemeinsam, dass der Blutzucker zu hoch ist – mit allen daraus entstehenden Folgen. Es sind jedoch pathophysiologisch gesehen verschiedene Erkrankungen.

Typ-1-Diabetiker bekommen grundsätzlich Blutzuckermessstreifen verordnet und müssen ihren Blutzucker täglich mehrmals selbst bestimmen. Sie können in der Regel flexibel essen, gemäß einer Intensivierten Konventionellen Therapie (ICT) oder einer Insulinpumpentherapie. Auch manche Typ-2-Diabetiker profitieren davon.

Medikamentöse Hilfen

Während Typ-1-Diabetes immer mit Insulin behandelt wird, wirken bei Typ-2-Diabetes auch Tabletten.

  • Klassiker und weltweit die Nummer eins gegen Typ-2-Diabetes ist Metformin. Es führt als Monotherapie nicht in Unterzuckerungen, scheint sich positiv auf Herz- und Kreislauf­system auszuwirken und Tumoren vorzubeugen und fördert eine Gewichtsabnahme. Wermutstropfen: Sehr viele Patienten bekommen unter dem Arzneistoff Magen-Darm-Beschwerden.
  • Ebenfalls lange im Handel, aber derzeit mit zurückgehender Verordnungstendenz: Sulfonyl­harnstoffe. Größte Kritikpunkte: Ausgeprägte Unterzuckerungen sind möglich, und viele Unter­suchungen weisen darauf hin, dass Sulfonylharnstoffe Herz und Kreislauf negativ beeinflussen.
  • Glinide haben eine kürzere Wirkung als Sulfonylharnstoffe und sollen vor allem die bei Diabetikern oft nach einer Mahlzeit auftretenden hohen Blutzuckerwerte abfangen. Das Unterzuckerungsrisiko ist geringer als bei Sulfonylharnstoffen. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) schloss sich bereits 2010 der Einschätzung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) an, Glinide hätten keinen Zusatznutzen. Deshalb dürfen Arzneistoffe dieser Gruppe nur noch in begründeten Ausnahmefällen von den Kranken­kassen erstattet werden.
  • Gliptine, zu denen die GLP-1-Analoga und DPP-4-Antagonisten gehören, weisen Vorteile auf: sehr geringes Unterzuckerungsrisiko, GLP-1-Analoga wie Liraglutid und Lixisenatid fördern die Gewichtsabnahme und wirken nach neuesten Studienergebnissen im Alzheimer-Mausmodell gar neuroprotektiv und damit gegen Demenz.
  • SGLT-2-Hemmer sind die neuesten Arzneistoffe gegen Typ-2-Diabetes. Derzeit werden sie in Deutschland für Kassenpatienten nicht erstattet. SGLT-2-Hemmer fördern eine Gewichtsabnahme und können den Blutdruck senken. Zudem besteht unter diesen Arzneistoffen keine Unterzuckerungsgefahr.

Eine Insulintherapie steht an, wenn:

  • sich die Bauchspeicheldrüse erschöpft hat und letztlich ein absoluter Insulinmangel besteht,
  • die Blutzuckerwerte zum Beispiel während eines Infekts so hoch liegen, dass sie sich mit oralen Antidiabetika nicht senken lassen,
  • im Rahmen langer Liegezeiten zu Hause oder im Krankenhaus Tabletten nicht mehr ausreichen.

Patienten tun sich oft schwer mit der Handhabung von Pen und Blutzuckermessgerät. PTA weisen sich als Experten aus, wenn sie die Bedienung verschiedener Pens und Messgeräte kennen und gut erklären können. Damit geben sie dem Diabetiker ein Stück Sicherheit wieder, das als Reaktion auf die Therapie mit Insulin oft vorübergehend verlorengeht.

Folgen früh erkennen

Sowohl für Typ-1- als auch für Typ-2-Diabetiker steht nach Maßgabe des Arztes, aber mindestens einmal jährlich, die Kontrolle des Augenhintergrundes (Augenarzt), der Füße und Nieren (Screening beim Diabetologen, dann eventuell Überweisung an Fachärzte) sowie des Herz-Kreislauf-Systems (am besten beim Kardiologen) an. Vierteljährlich sollte der Langzeitblutzuckerwert HbA1c bestimmt werden. PTA und Apotheker können darauf hinweisen und erfragen, ob alle im Gesundheitspass Diabetes geforderten Werte bestimmt und eingetragen wurden.

Auf die Dauer ist ein gut beratener Diabetiker ein treuer Kunde, der das Know-how seines Apothekenteams zu schätzen weiß. /