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Alkohol-Kater

Feiern ohne Reue

09.02.2015  11:45 Uhr

Von Inga Richter / Gerade jetzt zur Karnevalszeit folgt auf manch durchfeierte Nacht ein böses Erwachen. Zwar gibt es viele mehr oder weniger hilfreiche Tipps, einem Kater vorzubeugen oder die Symptome abzumildern. Doch lässt sich dadurch weder ein Rausch verhindern noch der Alkoholabbau beschleunigen.

Der Kopf dröhnt. Grelles Licht und laute Geräusche erscheinen unerträglich. Herz und Puls rasen, Schwindel und Müdigkeit benebeln die Sinne, schlimmstenfalls führt die Übelkeit zum Erbrechen. Die Symptome des »alkoho­lischen Post-Intoxikationssyndroms«, im Volksmund schlicht »Kater« genannt, setzen etwa sechs bis acht Stunden nach übermäßigem Alkoholkonsum ein und können 24 Stunden oder länger anhalten.

»Verantwortlich für den Kater ist das Acetaldehyd, das beim Alkoholabbau im Körper entsteht«, so Kristina Schmid, Referentin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Acetaldehyd ist giftig und entsteht während des Alkoholstoffwechsels durch Enzyme namens Alkohol-Dehydrogenasen (ADH) in der Leber. In einem weiteren Schritt verwandeln Aldehyd-Dehydrogenasen (ALDH) das Zwischenprodukt in unschädliche Essigsäure.

Zwischen 0,1 und 0,15 Promille Blutalkohol werden auf diese Weise pro Stunde eliminiert. Bei Frauen dauert der Abbau hormonbedingt etwas länger als bei Männern, auch werden sie schneller betrunken und erleiden eher einen Kater. Der Grund: Ethanol verteilt sich im Körperwasser. Der weibliche Organismus verfügt im Verhältnis über weniger Wasser, dafür aber über mehr Körperfett als der männliche, sodass Frauen bei gleicher getrunkener Menge einen höheren Blutalkoholspiegel aufweisen als Männer. Allerdings spielt auch das Körpergewicht eine Rolle.

Abgesehen von diesen Unterschieden dauert der Abbau von 200 ml Wein (etwa 0,51 Promille) oder 500 ml Bier (etwa 0,6 Promille) im Durchschnitt etwa vier bis fünf Stunden. Je mehr Alkohol pro Zeiteinheit über eine längere Zeitspanne zugeführt wird, desto überforderter sind die beteiligten Enzymsysteme. Folglich reichert sich Acetaldehyd an und ist später maßgeblich an den unangenehmen Folgen einer langen Party­nacht beteiligt.

Eine weitere Ursache für die Kater-Symp­tome ist die Dehydrierung des Körpers. Alkohol hemmt das antidiuretische Hormon (ADH, Vasopressin), welches normalerweise den Wasserverlust über die Nieren begrenzt. Durch die Hemmung verliert der Körper bei jedem Gang auf die Toilette zu viel Flüssigkeit und Elektrolyte. Das fehlende Wasser wird zunächst dem Blut entzogen, sodass der Blutdruck steigt, später den Organen sowie dem Gehirn. Es entsteht ein starkes Durstgefühl, begleitet von Schwäche, Schwindel, Benommenheit, Kopfschmerzen und Übelkeit.

Gefährliches Rauschtrinken

Im Jahr 2012 hatte die BZgA eine Befragung unter 5000 jungen Menschen durchgeführt: Zwar hatte ein Drittel der 12- bis 17-Jährigen die Finger vom Alkohol gelassen, knapp jeder Fünfte dieser Altersgruppe und fast jeder Zweite der 18- bis 25-Jährigen gab jedoch an, sich einmal im Monat zu betrinken, jeder Dritte der Über-16-Jährigen sogar einmal in der Woche. 26 000 Kinder und Jugendliche wurden 2013 mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert. Diese Zahlen erschrecken insofern, da sich Körper und Gehirn der Jugendlichen noch in der Entwicklung befinden. Rauschtrinken (auch: Binge Drink­ing) während der sensiblen Umbauphase des Gehirns birgt die große Gefahr, Struktur und Leistungs­fähigkeit des Gehirns irreversibel zu schädigen. »Die Auswirkungen auf Hirnleistungen sind dann besonders groß, wenn man häufig Rauschtrinken betreibt, also regelmäßig so viel trinkt, dass man einen Kater erlebt«, erklärt Professor Manfred Laucht vom Zentral­institut für Seelische Gesundheit in Mannheim auf dem Informations­portal der BZgA »Kenn dein Limit«. Forschungen hätten gezeigt, dass das Risiko einer späteren Suchtentwicklung umso höher ist, je früher Jugendliche mit dem Alkoholkonsum beginnen. Ein Grenzwert für risikoarmes Trinken existiert demnach für Unter-20-Jährige nicht.

Quelle: www.kenn-dein-limit.info (Kampagne der BZgA für Jugendliche)

Den Kater milde stimmen

Nach Eingabe von »Tipps gegen Katerstimmung« liefert Google 520 000 Ergebnisse. Die hilfreichsten Tipps zur Symptombekämpfung entspringen augenscheinlich der Hausapotheke und dem Kühlschrank. Als Klassiker gegen Katerkopfschmerzen gilt Acetylsalicylsäure (ASS). Aber hier ist Vorsicht geboten: ASS belastet den Magen zusätzlich. Auch Paracetamol sollte nicht in größeren Mengen eingenommen werden, denn es belastet die Leber. Pfefferminzöl dagegen – auf Stirn und Schläfen gerieben – wird als unkritisch angesehen. Ingwer hilft gegen Übelkeit, manche schwören auf die homöo­pathischen Globuli Nux Vomica. Was in keiner der Aufzählungen von Anti-Katermaßnahmen fehlt, ist das Katerfrühstück. Vorausgesetzt, an ein aufwendiges und deftiges Frühstück ist überhaupt zu denken. Dabei soll das Salz von Salzstangen, Brezeln, Rollmops oder Brühe verlorene Mineralstoffe ersetzen und Obst die Vitamine. Die Säure von sauren Gurken und der Fruchtzucker aus Honig oder Tomatensaft sollen den Alkoholabbau fördern. »Mineralstoffe und viel alkoholfreie Flüssigkeit helfen dem Körper, die Folgen von zu hohem Alkoholkonsum zu verarbeiten«, so Schmid. Sicherlich könne auch eine kalte Dusche erfrischend wirken und ein Spaziergang an der frischen Luft den Körper mit Sauerstoff versorgen. »Die Abbaurate von Ethanol beschleunigen derlei Maßnahmen aber nicht.«

Kann Vorbeugen helfen?

Zahlreich vertreten sind auch Tipps, wie man feucht-fröhlich feiern und dem Kater im Vorfeld ein Schnippchen schlagen kann. Weit oben auf der Liste steht: »Grundlage schaffen«. Es sei jedoch ein Irrglaube, so Schmid, durch viel fettes Essen einen Rausch abmildern oder gar verhindern zu können: »Essen, beziehungsweise ein voller Magen, verlangsamt zwar die Aufnahme des Alkohols im Blut, die Blutalkoholkonzentration reduziert sich dadurch jedoch nicht.«

Inzwischen bietet der Markt auch eine Reihe von Nahrungsergänzungsmitteln, die ein reueloses Gelage versprechen. Zu bestellen sind die Produkte allesamt über das Internet, teilweise auch über die Apotheke. Die Präparate, die zum Beispiel unter den Namen Tios®, Alkorin®, Sunrise Drops®, Katerfrei® und Doc Bahama Partypal Kapseln vertrieben werden, enthalten Mineralstoffe in unterschiedlicher Zusammensetzung und Menge, um den Elektrolytverlust auszugleichen. Einige sind zusätzlich mit dem Radikalfänger Vitamin C bestückt, manche mit B-Vitaminen, da diese durch übermäßigen Alkoholkonsum in großer Menge verbraucht werden. Aminosäuren und leberschützende Inhaltsstoffe wie Mariendistel und Cholin sind ebenfalls in einigen Produkten vertreten. Wer auf die Glaubwürdigkeit von Erfahrungsberichten bei verschiedenen Anbietern vertraut, findet durchaus ein paar mehr Befürworter als Gegner. Ob die Wirkstoffe tatsächlich nutzen und in den Mitteln in ausreichender Menge enthalten sind, um einem Kater vorzubeugen, muss jeder Interessierte selbst herausfinden. Schaden würde ein erfolgloser Versuch wohl wahrscheinlich nur dem Geldbeutel.

Promille und Auswirkungen

  • ab 0,1 ‰: enthemmende Wirkung, Kontaktfreudigkeit nimmt zu, gelöste Stimmung, Fehlein­schätzung von Entfernungen
  • ab 0,3 ‰: Nachlassen von Sehleistung, Aufmerksamkeit, Konzentration, Kritik- und Urteilsfähigkeit sowie Reaktionsvermögen; Anstieg der Risikobereitschaft
  • ab 0,5 ‰: Verminderung der Sehleistung um ca. 15 Prozent sowie des Hörvermögens, Anstieg der Reizbarkeit, Fehleinschätzung von Geschwindigkeiten
  • ab 0,8 ‰: ausgeprägte Konzentrationsschwäche, Einschränkung des Blickfeldes um 25 Prozent (Tunnelblick), Reaktionszeit bis 50 Prozent verlängert, Euphorie, zunehmende Enthemmung, Selbstüberschätzung, Gleichgewichtsstörungen
  • ab 1,0 bis 2 ‰, Rauschstadium: Orientierungs-, Gleichgewichts-, Reaktions-, Seh- und Sprechstörungen, völlige Enthemmtheit
  • 2,0 bis 3 ‰, Betäubungsstadium: starke Gleichgewichts-, Konzentrations-, Gedächtnis- und Bewusstseinsstörungen, Verwirrtheit, kaum noch Reaktionsvermögen, Erbrechen
  • ab 3,0 ‰, Lähmungsstadium: Bewusstlosigkeit, Gedächtnisverlust, schwache Atmung bis Atemlähmung, Lebensgefahr
  • ab 4,0 Promille: Lähmungen, Koma mit Reflexlosigkeit, unkontrollierte Ausscheidungen, Atemstillstand und Tod

Quelle: www.kenn-dein-limit.de (BZgA-Erwachsenenkampagne)

Nicht zu schnell trinken

Günstiger, garantiert erfolgreich und gesünder sind sicher die Empfehlungen der BZgA: »Es ist nicht nur die Art zu trinken, sondern auch die Art zu feiern, die ganz entscheidend beeinflusst, dass Alkohol keine größeren Schäden anrichtet«, so Schmid. Alkohol in Maßen könne durchaus genossen werden. Doch auf keinen Fall solle man seinen Durst mit Alkohol löschen, nicht zu schnell trinken und bestenfalls das Glas in der Hand halten, damit nicht gleich das nächste angeboten wird.

»Trinken Sie zwischendurch immer wieder ein Glas Wasser oder Saftschorle«, lautet der wohl wichtigste Tipp. Das bremse den Alkoholkonsum und gleiche den alkoholbedingten Flüssigkeitsverlust aus. Als Faustregel gilt: Nach jedem Glas Alkohol ein großes Glas Wasser trinken, möglichst auch noch eines vor dem Einschlafen. Meiden sollte man Trinkspiele und hochprozentige Getränke, weil deren Wirkung sehr schnell und heftig ist. Auch enthalten Cognac, Whiskey oder dunkler Rum je nach Qualität oftmals Fusel­alkohole, unter anderem Methanol. Dessen Abbauprodukte – Formaldehyd und Ameisensäure – sind hochgiftig und entstehen erst, wenn der Alkohol bereits eliminiert ist. Vorsicht ist auch bei heißen und süßen Getränken wie Glühwein oder Bowle geboten. Erwärmte und zuckerhaltige Getränke befördern den Alkohol schneller ins Blut. »Mixgetränke wie Cocktails, Longdrinks oder andere selbst gemischte alkoholische Getränke machen es schwer, den Anteil des enthaltenen Alkohols einzuschätzen«, so Schmid. Einerseits, da die Alkoholmenge stark variiert und andererseits, weil der süße Geschmack der Limonaden und Säfte den des Alkohols überdeckt. Erschwerend auf die Kater-Symptomatik wirkt sich auch das Rauchen während des Feierns aus, da Zigaretten dem Körper Sauerstoff und zusätzliche Vitamine entziehen. Da Sauerstoff für die Stoffwechselfunktionen so wichtig ist, sollten auch Nichtraucher falls möglich in der betreffenden Nacht bei offenem Fenster schlafen.

Gefahren im Rausch

Wissenschaftlich gesehen ist ein Kater nichts anderes als eine mehr oder weniger ausgeprägte Alkoholvergiftung. Dass ein häufig und regelmäßig herbeigeführter Rausch, ob mit oder ohne Kater, der Gesundheit schadet, ist kein Geheimnis. Die Experten der BZgA warnen jedoch ebenso vor den möglichen Folgen eines einmaligen Alkoholexzesses. »Eine leichte Alkoholvergiftung bis zu 2 Promille Blutalkohol äußert sich in enthemmtem Verhalten, verlangsamten Reaktionen, schwankendem Gang und undeutlicher, lallender Sprache«, so Schmid, auch das Seh- und Hörvermögen ist eingeschränkt. Bereits in diesem Stadium ist die Gefahr zu stürzen oder sich zu verletzen, deutlich erhöht. Nicht selten mündet ein Rausch auch in erhöhter Reizbarkeit und Aggression, sodass Betrunkene häufiger Täter oder Opfer in Bezug auf Schlägereien oder sexuelle Übergriffe werden. Ab 2,5 Promille verliert die Person das Bewusstsein und reagiert nicht mehr auf Schmerzreize oder Kälte, ab 4 Promille kann die Atmung aussetzen. Lebensgefahr besteht ebenfalls durch die erhöhte Risikobereitschaft und Selbstüberschätzung von alkoholisierten Personen: 13 980 Verkehrsunfälle ereigneten sich 2013 bundesweit unter Alkoholeinfluss, 314 Menschen starben, 17 520 wurden verletzt. /