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Betriebsklima

Darf man den Chef kritisieren?

19.02.2016  13:23 Uhr

Von Andreas Nagel / Vermutlich hat jeder schon erlebt, dass der Vorgesetzte Entscheidungen trifft, mit denen man nicht einverstanden ist oder dass seine Verhaltensweisen die eigene Arbeit unnötig erschweren. Den Chef zu kritisieren, ist dann nicht einfach, mit der richtigen Vorgehensweise aber oft leichter als erwartet.

Zunächst gilt: Unterstellen Sie Ihrem Chef grundsätzlich keine böse Absichten oder Gleichgültigkeit bei seinen Entscheidungen. Bedenken Sie, dass sein Verhalten einen Grund haben kann, den Sie nicht kennen oder dass Ihrem Chef die negativen Auswirkungen seines Verhaltens nicht immer bewusst sind. Oft sprechen Angestellte Kritik nicht aus, weil sie glauben, dass der Chef diese aufgrund seiner Position nicht annehmen werde. Das ist nicht immer richtig. Vielen Chefs ist durchaus bewusst, dass auch sie nicht unfehlbar sind, und sie schätzen es daher, wenn sie von Mitarbeitern auf Verbesserungsmöglichkeiten aufmerksam gemacht werden. Es kann daher sein, dass Ihr Chef auf Ihre Kritik mit der Aussage reagiert: »Danke für Ihren Hinweis – das war mir gar nicht bewusst.«

Äußern Sie Kritik niemals spontan oder emotional in Gegenwart von Kollegen oder Kunden. Bei offener Kritik vor anderen Personen wird Ihr Chef befürchten, seine Autorität zu verlieren, wenn er sich »alles bieten« lässt – auch wenn Ihre Kritik berechtigt ist. Bitten Sie ­Ihren Chef daher um ein Gespräch unter vier Augen. Ihr Chef wird vermutlich fragen, worum es geht. Antworten Sie in diesem Fall allgemein, um eine spontane Diskussion zu vermeiden, ­indem Sie etwa sagen: »Es geht um ­einen wichtigen Punkt bei meiner ­Arbeit, den ich einmal in Ruhe mit ­Ihnen besprechen möchte«. Durch die Vereinbarung eines Termins machen Sie außerdem deutlich, wie wichtig ­Ihnen die Angelegenheit ist.

Kritik vorbereiten

Gehen Sie bei wichtigen Themen nicht unvorbereitet in das Gespräch mit ­Ihrem Chef. Notieren Sie vorab alle Punkte, die Sie ansprechen möchten: etwa welche Entscheidung oder Verhaltensweise Ihres Chefs Sie stört, welche negativen Auswirkungen sich daraus für Ihre Arbeit oder für die gesamte Apotheke ergeben. Überlegen Sie dann, wie Sie Ihre Kritik formulieren wollen. Hier gilt: Der Ton macht die Musik! Wie Sie Ihre Kritik formulieren, entscheidet maßgeblich über Erfolg und Misserfolg des Gesprächs. Wortwahl, Stimme, Lautstärke und Tonfall spielen eine ­entscheidende Rolle. Einen wütenden, ­belehrenden oder vorwurfsvollen Ton wird Ihr Chef sicher nicht akzeptieren. Geben Sie ihm keinesfalls das Gefühl, dass Sie seine Autorität oder Kompetenz in Frage stellen.

Für Kritikgespräche gilt immer der Grundsatz: sachlich und nicht persönlich formulieren; nicht die Person, ­sondern die sachlichen Auswirkungen des störenden Verhaltens ansprechen. Emotionale Kritik mit Vorwürfen oder Sarkasmus können das zwischenmenschliche Verhältnis dauerhaft belasten. Eine gute Möglichkeit, Kritik auszudrücken sind Ich-Botschaften. Der Wechsel vom »Sie« zum »Ich« nimmt die Schärfe aus Ihren Aussagen. Statt »Ständig verschieben Sie kurzfristig unsere Teammeetings«, ist es besser zu sagen: »Damit alle Kolleginnen wichtige Themen gemeinsam besprechen können, finde ich es wichtig, dass die Meetings regelmäßig stattfinden.«

Notieren Sie zum Schluss Ihrer Gesprächsvorbereitung alle Lösungs- und Verbesserungsvorschläge, die Sie Ihrem Chef unterbreiten möchten, damit das Gespräch mit einem konstruktiven ­Ergebnis endet. Nehmen Sie Ihre ­Notizen dann mit in das Gespräch, damit Sie nichts Wichtiges vergessen und auch, um deutlich zu machen, wie wichtig Ihnen das Thema ist.

Wenn Sie nervös sind, dann spielen Sie das Gespräch zunächst mehrfach gedanklich durch. In wichtigen Fällen können Sie Ihre Argumente auch probeweise einer Person Ihres Vertrauens vor­tragen und ein zusätzliches Feedback einholen. Ein Gespräch, das Sie auf diese Weise bereits mehrfach geübt ­haben, führen Sie auch im Ernstfall ­souverän und selbstsicher.

Gespräch führen

Beginnen Sie das Gespräch mit einer positiven Aussage über Ihre Arbeit. ­Sagen Sie kurz, was Sie an Ihrer Arbeit mögen, und nennen Sie am besten konkrete Punkte. So schaffen Sie eine positive ­Gesprächsatmosphäre, denn jeder Chef freut sich über ein positives Feedback von Mitarbeitern. Erwähnen Sie dann, dass es aber auch einen Punkt gibt, mit dem Sie unzufrieden sind. Benennen Sie den Kritikpunkt und verwenden Sie ­dabei Ich-Botschaften. Beschreiben Sie die negativen Auswirkungen der der­zeitigen Situation auf Kunden, Kollegen, Arbeitsabläufe oder Qualität. Bleiben Sie auch dann sachlich, wenn Ihr Chef zunächst verständnislos oder emotional auf die Kritik reagiert.

Betonen Sie stets, dass Sie nach einer konstruktiven Lösung suchen wollen. Wenn Sie Ihre Aussagen in einem an­gemessenen Ton vorbringen, werden sie von einem kritikfähigen Chef sicherlich auch angenommen. Nennen Sie dann Ihre eigenen Lösungs- und Verbesserungsvorschläge und stellen Sie die Vorteile Ihrer Vorschläge dar. Wenn Sie keine eigenen Lösungsansätze ­haben, fragen Sie: »Haben Sie eine Idee, wie das Problem gelöst werden kann?« Nun sollte Ihr Chef konkret antworten. Bleibt er vage, so bestehen Sie freundlich auf eine konkrete Aussage. Versuchen Sie, im Laufe des Gesprächs zu einer verbindlichen Vereinbarung oder einem konkreten Ergebnis zu kommen.

Wenn es in die Situation passt, können Sie zum Gesprächseinstieg auch zunächst Verständnis für das bisherige Verhalten Ihres Chefs zeigen, bevor Sie anschließend Ihren Kritikpunkt äußern. Wenn Ihr Chef zum Beispiel Team­meetings immer wieder kurzfristig verschiebt, können Sie einleitend sagen: »Ich verstehe, dass Sie sich oft sehr kurzfristig um organisatorische Dinge kümmern müssen und daher interne Besprechungstermine nicht immer einhalten können.« Dies ist sicherlich ein besserer Gesprächseinstieg als »Ich finde es unmöglich, dass Sie ständig die Teammeetings verschieben.« Wenn Sie dann als Lösung vorschlagen, dass bei kurzfristiger Verhinderung des Chefs eine angestellte Apothekerin das Meeting leiten könnte und anschließend ein Protokoll mit den Besprechungs­ergebnissen für den Chef erstellt, ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass Ihr Chef diesen Vorschlag annimmt und Meetings zukünftig wie vereinbart stattfinden können. Zum Abschluss des Gesprächs bedanken Sie sich bei Ihrem Chef dafür, dass er sich Zeit für Ihr Anliegen genommen hat und drücken Ihren Wunsch nach einer weiterhin guten Zusammenarbeit aus.

Wenn es um ein besonders schwieriges Thema geht oder wenn Ihnen das persönliche Gespräch mit dem Chef unangenehm ist, können Sie Ihre Kritik auch schriftlich formulieren und Ihrem Chef einen Brief übergeben. Anders als im persönlichen Gespräch muss der Vorgesetzte in diesem Fall auch nicht sofort auf die Aussagen reagieren, sondern kann zunächst in Ruhe über Ihre Vorschläge nachdenken. Er wird Sie dann vermutlich in den folgenden ­Tagen von sich aus ansprechen, um mit Ihnen eine Lösung zu finden.

Im Notfall kündigen?

Leider wird es auch immer Chefs geben, die keine Kritik vertragen. Einen Chef, der jede Kritik sofort als Angriff auf seine Person und seine Autorität versteht, werden Sie auch mit einer diplomatischen Vorgehensweise nicht überzeugen können. Wenn sich im Gespräch keine einvernehmliche Lösung finden lässt, können Sie sich entweder mit der Situation abfinden oder Sie ziehen die Konsequenzen und beginnen mit der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz. /