PTA-Forum online
Gesunde Ernährung

Eine Frage des Geldes

19.02.2016  13:23 Uhr

Von Ulrike Becker / Jeder Mensch braucht für eine gesunde ­Entwicklung bedarfsgerechtes Essen. In den reichen Industrie­ländern werden zwar die meisten Kinder und Erwachsenen satt. Doch auch hier gibt es Menschen, die nicht mit allen lebens­notwendigen Nährstoffen versorgt sind. Das Risiko für Folge­erkrankungen ist hoch.

Deutschland gilt als eines der reichsten Industrie­länder. Dennoch sind gerade bei uns die Unterschiede zwischen Arm und Reich enorm. Laut einer aktuellen Studie der Wohltätigkeitsorganisation Oxfam besitzen die reichsten 10 Prozent der deutschen Haushalte 63 Prozent des Gesamtvermögens. Das Bild von Armut, das in vielen Köpfen herrscht – ausgemergelte Körper und abgerissene Kleidung –, ist in unserer Wohlstandsgesellschaft tatsächlich selten.

Durch die seit Jahren größer werdende Kluft zwischen Gering- und Höchst­ver­dienern nimmt aber die sogenannte relative Armut zu. Mit diesem Begriff vergleichen Sozialwissenschaftler die Einkommensverhältnisse in Relation zum übrigen Wohlstand. Als armuts­gefährdet gilt, wer einschließlich sozialer Leistungen über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügt. Im Jahr 2014 waren demnach 20,6 Prozent der deutschen Bevölkerung von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen.

»Deutschland hat in Sachen sozialer Gerechtigkeit noch einigen Nachhol­bedarf.« Dieser Satz stammt aus einem Bericht zur sozialen Gerechtigkeit der OECD. Die Organisa­tion für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (Organisa­tion for Economic Co-operation and Development) hat 2010 einen internationalen Vergleich zu sozialer Gerechtigkeit, Zugang zu Bildung und Armut vorgelegt. Darin bescheinigt sie Deutschland, dass Einkommens­armut und Ungleich­ver­teilung der Einkommen in den letzten 20 Jahren so stark zugenommen haben wie in kaum einem anderen OECD-Mitglieds­land. Leidtragende sind ins­besondere die ­Kinder: Nahezu jedes fünfte Kind lebt hierzulande unter der Armutsgrenze.

Auswirkungen der Armut

Wer vom sozialen Status eines Menschen spricht, meint damit seine Posi­tion in der sozialen Hierarchie. Ein nie­driger Sozialstatus geht mit eher ungünstigen Lebensbedingungen einher: Sozial benachteiligte Menschen haben nur sehr wenig Geld zur Verfügung, sie wohnen in einem Umfeld mit günstigem Wohnraum, das Städteplaner als soziale Brennpunkte bezeichnen. Viele haben keinen Schulabschluss und keine Berufsausbildung. Andere geraten aufgrund von Jobverlust, persönlichen Schicksalsschlägen oder Krankheit ins soziale Abseits. Diese Lebensumstände beeinflussen den Gesund­heits­zustand der Betroffenen und nehmen auch Einfluss auf die Qualität der Ernährung.

Etliche Studien belegen, dass ein niedriger sozioökonomischer Status mit einer ungünstigen Lebensmittelauswahl korreliert. So essen Menschen mit geringem Einkommen selten Obst und Gemüse, konsumieren aber oft fett- und zucker­reiche Lebensmittel. Diese Ergebnisse stammen beispiels­weise aus der Nationalen Verzehrs­studie, bei der insgesamt knapp 20 000 Menschen zu ihren Essgewohnheiten befragt wurden. Auch das Trinkverhalten unterscheidet sich abhängig vom Haushaltseinkommen. Menschen, die unte­ren Sozialschichten zugehören, greifen beispielsweise erheb­lich häufiger zu Limonade: Sie trinken drei- bis viermal so viel süße Getränke wie Besser­verdienende.

Durch das ungünstige Ernährungs- und Trinkverhalten steigt das Risiko für ernährungsabhängige Erkrankungen. Dazu zählen vor allem Übergewicht, Adipositas und Typ-2-Diabetes. Als besonders schädlich gilt hierbei der Konsum süßer Getränke. Bereits ein Softdrink am Tag erhöht Wissenschaftlern zufolge das Risiko für Typ-2-Diabetes um 20 Prozent. Gleichzeitig rauchen Menschen mit geringem sozioöko­nomischem Status mehr, leiden häu­figer unter Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen – zusätzliche Risikofaktoren für die Entstehung eines Typ-2-Diabetes und von Herz-Kreislauf-­Erkrankungen.

Deutliche Unterschiede bei der Lebens­mittel­auswahl bestehen auch zwischen den Bildungsschichten. Je höher die Schulbildung, desto mehr Gemüse, Obst und Getreide stehen auf dem Speiseplan – unabhängig vom Ein­kommen. Eine Studie über das Ernährungs­verhalten von Armutshaus­halten (GESA) von Wissenschaftlern der Universität Gießen zeigt jedoch auch, dass einkommensschwache beziehungsweise armutsgefährdete Haus­­halte gezwungenermaßen auf ein kleineres Spektrum an Nahrungsmitteln zurückgreifen. Am Ende eines Monats, wenn das Geld aufgebraucht ist, kommt es bei den untersuchten Haushalten häufig zu Engpässen. Teilweise verzichten die Betroffenen dann auf bestimmte Nahrungsmittel und hungern.

Unter ernährungsphysiologischen Gesichtspunkten ist die Lebensmittelauswahl sozial Schwacher wenig ausgewogen. Zwar gibt es reichlich preisgünstige Grundnahrungsmittel wie Brot, Kartoffeln und Teigwaren, doch auch Wurst- und Fleischwaren stehen oft auf dem Speiseplan. Milch und Milchprodukte, Obst und Gemüse werden dagegen selten gekauft. Das liegt auch daran, dass gesunde Lebensmittel in der Regel teurer sind als verarbeitete Produkte mit einem ungünstigen Nährwertprofil. Im Discounter kostet bei­spiels­weise ein Dreierpack Pizza ebenso viel wie ein Kilogramm Äpfel, ein Liter Milch genauso viel wie 1,5 Liter Limo­nade. Die Folge: Menschen aus Armuts­haus­halten nehmen zu viel Energie, Fett, gesättigte Fettsäuren und Cholesterol auf und zu wenig komplexe Kohlenhydrate und verschiedene Vitamine. Verbände wie die Deutsche Adipositas Gesellschaft befürworten daher schon länger, gesunde Lebens­mittel kostengünstiger und fett­reiche, nährstoffarme Produkte da­gegen teurer anzubieten, beispielsweise über eine Zucker- oder Fettsteuer.

Die Betroffenen selbst empfinden die eigene Lage als schmerzlich, wie die Gießener Armutsstudie belegt. Das versuchen sie teilweise mit dem Konsum von Genussmitteln auszugleichen. Während die Kinder vermehrt Süßigkeiten bekommen, greifen die Erwachsenen häufig zu Kaffee, Zigaretten und Alkohol. Die Ernährungs­situation verschlechtert sich so noch zusätzlich. Vielen Armutshaushalten fehlen darüber hinaus Kenntnisse über gesunde Ernährung und Haushalts­führung.

Wohnumfeld beeinflusst Gesundheit

Nicht nur die Höhe des Einkommens, auch das Wohnen in benachteiligten Regionen wirkt sich auf die Ernährung und die Gesundheit aus. Als benach­teiligt gelten Regionen, in denen Bewohner über ein niedriges Durchschnittseinkommen verfügen und Arbeitslosigkeit oder ein geringes Beschäftigungs- und Bildungsniveau verbreitet sind. Geringe Einnahmen der Kommunen führen etwa dazu, dass es kaum oder unattraktive Freizeitmöglichkeiten gibt und die Umwelt durch Luftverschmutzung und Lärm belastet ist. Besonders hoch ist dagegen die Verfügbarkeit von Fast Food und Discountern. Das Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken, ist in sozio­ökonomisch benachteiligten Regionen um rund 20 Prozent und das für Adipositas um fast 30 Prozent höher als in den am wenigsten benachteiligten Regionen. Das zeigen aktuelle Daten einer telefonischen Gesundheitsbefragung des Helmholtz-Zentrums München und des Robert-Koch-Instituts Berlin. Bei Frauen zeigt sich dieser Unterschied deutlicher als bei Männern.

Kranke Kinder

Armut bedeutet gerade für Kinder ein hohes Gesundheitsrisiko. Denn Kinder, die in sozial schwache Familien hinein-geboren werden, sind von klein auf schlechter ernährt. Sie bewegen sich darüber hinaus weniger, weil entsprechende Vorbilder fehlen, und sie werden daher häufiger übergewichtig. Sie sind zudem eher Zigarettenrauch ausgesetzt oder rauchen selbst. Kinder­ärzte stellen zudem vermehrt psychische Auffälligkeiten und psycho­somatische Beschwerden fest. Diese Faktoren tragen zu schlechteren Ausgangsbedingungen für den weiteren Lebensweg bei und zementieren zugleich soziale Unterschiede. Mediziner gehen davon aus, dass gesundheitliche Defizite und Risiken in jungen Jahren oft noch im mittleren und höheren Lebens­alter die Gesundheit beeinträchtigen können.

Eine Studie aus Großbritannien bestätigt, dass Armut nachweislich das Risiko für Übergewicht bei Kindern erhöht. Die Wissenschaftler untersuchten fünf- bis elfjährige Kinder aus 20 000 Familien und setzten unter anderem den Body-Mass-Index (BMI) in Beziehung zum Einkommen. Kinder aus der geringsten Einkommensgruppe waren mit fünf Jahren schon fast doppelt so häufig übergewichtig wie Fünfjährige aus Familien mit dem höchsten Einkommen. Mit dem Alter stieg das Risiko noch an: Bei den Elfjährigen aus den ärmsten Familien waren dreimal mehr Kinder zu dick, im Vergleich zu finanziell gut gestellten Familien. An den Unterschieden war nicht nur die schlechtere Ernährung beteiligt. Die Wissenschaftler stellten auch Unterschiede hinsichtlich Sportlichkeit und Schlaf­dauer fest.

Folgen schlechter Ernährung

Kinder aus Familien mit niedrigem Sozialstatus sind einerseits häufiger übergewichtig und andererseits oft schlechter mit lebenswichtigen Nährstoffen versorgt – sie leiden am sogenannten verborgenen Hunger (hidden hunger). Das heißt, die Betroffenen werden zwar satt, nehmen aber zu wenig Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente auf – eine fatale Kombination aus Mangel- und Überernährung. Eine solche Mangelernährung beginnt teilweise schon im Mutterleib und bleibt nicht ohne Folgen für das Leben der Kinder. Professor Hans Konrad Biesalski, Ernährungsmediziner an der Universität Hohenheim, macht in seinen Veröffentlichungen deutlich, dass sich so mangel­ernährte Kinder körperlich und auch geistig verzögert entwickeln. Sie werden zum Beispiel häufig später eingeschult und sind oft krank.

Der Ernährungswissenschaftler hält besonders die Ernährung in den ersten beiden Lebensjahren für bedeutsam. Als der entscheidende Zeitraum für die spätere Gesundheit gilt das sogenannte 1000-Tage-Fenster, die ersten Monate eines Säuglings. Falsche Ernährung in dieser Zeit habe massive Konsequenzen für die körperliche und geistige Entwicklung der Kinder, warnt der Experte. In einer Untersuchung der Universität Tübingen und des Landesgesundheitsamts Brandenburg mit 250 000 Kindern stellten die Wissenschaftler fest, dass Arbeitslosigkeit und sozialer Status der Eltern sich auf die Körpergröße ihrer Kinder auswirkt. Die Größe diente den Forschern unter anderem als Indikator für die Qualität der Ernährung. Der Nachwuchs aus sozialschwachen Familien war im Schnitt 1,5 Zentimeter kleiner als Gleichaltrige aus besserverdienenden Elternhäusern. Letztere legten insgesamt mehr Wert auf eine gesunde Ernährung und medizinische Versorgung ihrer Kinder.

Langzeitarbeitslose und Sozialhilfeempfänger erhalten vom Staat den sogenannten Hartz-IV-Satz, zurzeit 404 Euro monatlich für alleinstehende Erwachsene. Voraussetzungen, um sich im Rahmen dieses Budgets gesund zu ernähren, ­wären gute Kenntnisse über Ernährung und Nahrungs­­zu­bereitung sowie ein großes Engagement, sich nicht nur preiswerte, sondern auch gesunde Lebensmittel zu beschaffen. In der Realität ist das oft nicht der Fall. Das bestätigen sowohl wissenschaft­liche Studien als auch der Bundes­verband der Deutschen Tafeln. Deutschlandweit organisieren in den Tafel­vereinen ehrenamtliche Helfer das Einsammeln aussortierter Lebensmittel von Supermärkten, Bäckern und der Industrie und verteilen es an Bedürf­tige. Über 1,5 Millionen Menschen nutzen die 900 Tafeln regelmäßig, um sich mit kostenlosen oder sehr preis­güns­tigen Lebensmitteln zu versorgen. Während wirklich mittellose Obdach­lose nur etwa 2 Prozent der Nutzer aus­machen, nutzen vor allem Allein­erziehende, Rentner, Erwerbslose und Geringverdiener die Ausgabestellen. Knapp ein Drittel der von den Tafeln versorgten Menschen sind Kinder und Jugendliche.

Für sozialbedürftige Kinder ist selbst das günstigste Schulessen zu teuer. Das Mittagessen in Ganztagsschulen kostet rund 2,50 bis 3 Euro und verschlingt damit fast das ganze zur Verfügung stehende Essensgeld. Das Dortmunder Institut für Kinderernährung (FKE) bestätigt in seinen Berechnungen von 2012, dass mit dem aktuellen Hartz-IV-Regelsatz gesundes Essen für Kinder nicht zu finanzieren ist. Bei den Älteren fehlen jeden Tag zwei Euro für ein Essen, das ihren Energie-und Nährstoffbedarf deckt.

Mehr Ernährungsbildung

Das Risiko für eine ungesunde Er­nährung und ernährungsabhängige Erkrankungen wächst also mit einem ­sozialen Ungleichgewicht. Um zu verhindern, dass durch Kinderarmut und damit einhergehende ungesunde Ernährung die junge Generation langfristig benachteiligt ist, braucht es zeitnahe Lösungen. Ernährungsbildung in Kindertagesstätten und Schulen ist zum Beispiel ein Ansatzpunkt, um so­zial benachteiligte Kinder und Jugend­liche zu fördern. Dazu zählt unter anderem ein kostenloses Mittagessen für alle. Das Deutsche Kinderhilfswerk fordert schon seit Jahren, dass im Bereich des Schulessens mehr finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden müssten. Kindergartenkinder und Schüler – von der Grundschule bis zum Abitur – wären auf diese Weise nicht nur mit einem warmen Essen versorgt, sondern könnten gleich­zeitig lernen, was eine gesunde Ernährung ausmacht. Idealerweise üben sie während ihrer Schulzeit in Kochkursen auch die praktische Umsetzung.

Ausgeschlossen

Im reichen Deutschland leben immer mehr Menschen in Armut, für die viele Wohlstandsbürger kaum noch Verständnis aufbringen. Die Autorin Kathrin Hartmann beschreibt in dem Buch »Wir müssen leider draußen bleiben« faktenreich und bissig die Auswirkungen der profitorientierten Wohlstandgesellschaft auf das soziale Miteinander. Denn nicht nur finan­ziell wächst der Unterschied zwischen arm und reich. Die Autorin bemüht sich um die Darstellung aus Sicht der Betroffenen – beispielsweise über die Lebensmittelversorgung der Tafeln. Das lesenswerte Buch macht betroffen und regt zum Nachdenken über unser Wirtschafts­system an.

Kathrin Hartmann: Wir müssen leider draußen bleiben. Die neue Armut in der Konsumgesellschaft.

ISBN: 978-3-89667-457-9 Blessing Verlag, 2012; 18,95 Euro. Bestellen Sie auf www.govi.de.

Doch auch die Erwachsenen müssen erreicht werden. Sinnvoll ist daher gleichzeitig eine möglichst frühe Aufklärung der Eltern, um die Bedeutung einer gesunden Ernährung für die Entwicklung ihres Kindes zu verdeut­lichen – am besten schon vor oder während der Schwangerschaft. Um die sozial schwachen Schichten zu erreichen, sind niedrigschwellige, am besten kostenfreie Angebote für Ernährungs- und Kochkurse ebenso wie für Bewegungsangebote notwendig. Experten sind überzeugt, dass sich nur durch flächendeckende Präventionsmaßnahmen die Folgen der armutsbedingten Fehl­ernährung vermeiden lassen. /