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Eierstockkrebs

Grenzen der Vorsorge

19.02.2016
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Von Carina Steyer / Etwa eine von 72 Frauen erkrankt im Laufe ihres Lebens an einem Eierstocktumor. Unspezifische Symptome und fehlende Vorsorgemöglichkeiten führen dazu, dass der Krebs meist erst im fortgeschrittenen Zustand erkannt wird.

Mit 7380 Neuerkrankungen pro Jahr (Zentrum für Krebsregisterdaten, Stand 2012) gehört Eierstockkrebs in Deutschland nicht zu den häufigsten, wohl aber zu den aggressivsten Tumorarten bei Frauen. Die Erkrankungsraten steigen bis zum 85. Lebensjahr kontinuierlich an, das mittlere Erkrankungsalter liegt bei 69 Jahren. Einige seltene Tumorformen können jedoch bereits bei Mädchen und jungen Frauen auftreten.

Erhöhtes Risiko

Neben dem Alter gelten Übergewicht, Kinderlosigkeit und eine Hormon­ersatztherapie nach der Menopause als Risikofaktoren für die Entstehung eines Eierstocktumors. Ein stark erhöhtes Risiko haben Frauen mit familiärem Brust- und Eierstockkrebssyndrom (BRCA1- oder BRCA2-Mutation) und familiärem nicht-polypenförmigen Kolonkarzinomsyndrom (MSH2- oder MLH1-Mutation). Das geschätzte Risiko für Eierstockkrebs liegt bei Frauen mit BRCA1-Mutation bis zum 69. Lebensjahr bei 39 Prozent, mit BRCA2-Mutation bei 11 bis 22 Prozent. Eine MSH2- oder MLH1-Mutation erhöht das Risiko ab dem 40. Lebensjahr von 1 Prozent auf 24 beziehungsweise 20 Prozent.

Auch schützende Faktoren sind ­bekannt. Mehrere Geburten, längere ­Stillzeiten, eine Sterilisation und die Einnahme hormoneller Kontrazeptiva senken das Risiko. Ob eine frühe erste Regelblutung oder ein spätes Einsetzen der Menopause die Entstehung von Eierstockkrebs fördern, wissen Mediziner noch nicht.

Die Überlebensaussichten bei Eierstockkrebs sind im Vergleich zu anderen Krebserkrankungen der Geschlechtsorgane eher schlecht. Das liegt auch daran, dass das Ovarialkarzinom bei über 70 Prozent der Betroffenen erst in fortgeschrittenem Zustand entdeckt wird. Im Frühstadium wächst der Tumor symptomfrei. Beginnt er Beschwerden zu verursachen, konnte er sich bereits ausbreiten. Die Symptome von Eierstockkrebs sind zudem mitunter so unspezifisch, dass es schwer ist, sie richtig einzuordnen. Viele erkrankte Frauen berichten von Völlegefühl, Blähungen, Bauchschmerzen, häufigem Wasserlassen, unerklärlichem Gewichtsverlust, Zunahme des Bauch­umfangs, Blutungen außerhalb der Regel oder nach den Wechseljahren sowie Müdigkeit und Erschöpfung. Solchen Beschwerden können natürlich auch einige andere Ursachen zugrunde liegen. Gynäkologen raten bei anhaltendem oder wiederholtem Auftreten eines oder mehrerer dieser Symptome allerdings zu einer Untersuchung, insbesondere bei Frauen ab dem 50. Lebensjahr sowie jüngeren Frauen mit familiärer Vorbelastung.

Nicht empfohlen

Anders als für Brust- oder Darmkrebs gibt es für Eierstockkrebs keine empfohlenen Früherkennungsmaßnahmen. Zwar findet im Rahmen der jährlichen gynäkologischen Vorsorgeuntersuchung eine Tastuntersuchung statt, für die Erkennung von Eierstocktumoren ist diese aber nur bedingt geeignet. Weitere Möglichkeiten – etwa eine trans­vaginale Ultraschalluntersuchung und die Bestimmung des Tumor­markers C-125 – empfiehlt die aktuelle S3-Leit­linie »Diagnostik, Therapie und Nachsorge maligner Ovarialtumoren« dennoch nicht. Die derzeitige Studienlage könne nicht nachweisen, dass Vorsorgeuntersuchungen mit Ultraschall oder die Tumormarkerbestimmung die Sterb­lichkeit durch Eierstockkrebs verringerten, so das Fazit der Experten in der Leitlinie, die von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften, der Deutschen Krebsgesellschaft und der Deutschen Krebshilfe gemeinsam herausgegeben wurde. Die Empfehlung gilt auch für Frauen mit höherem Risiko. Diese Frauen sollten aber über die Möglichkeit der genetischen Beratung und ­Testung sowie der prophylaktischen Entfernung von Eileiter und Eier­stöcken informiert und umfassend beraten werden. Mit einer Operation lässt sich ihr Erkrankungsrisiko um bis zu 90 Prozent senken.

Derzeit stehen drei prospektive, randomisierte Studien zur Verfügung, aus denen die Experten ihre Empfehlungen ableiten. Zwei dieser Studien sind noch nicht abgeschlossen. Dazu gehört die »UK Collaborative Trial of Ovarian ­Cancer Screening (UKCTOCS)«-Studie von Professor Dr. Ian Jacobs und Professor Dr. Usha Menon vom Institute for Women’s Health, University College London. Seit 2001 erheben die Wissenschaftler Daten von mehr als 200 000 Frauen zwischen 50 und 74 Jahren.

In den ersten vier Jahren wurde bei einem Teil der Frauen jährlich der ­CA-125-Wert kontrolliert. War das Ergebnis auffällig, folgte eine Ultraschalluntersuchung. Eine zweite Gruppe untersuchten die Mediziner jährlich per Ultraschall, eine weitere Gruppe erhielt keine Untersuchung. Nun haben die Wissenschaftler neue Ergebnisse zum Zusammenhang zwischen Früherkennungsmaßnahmen und Sterblichkeit durch Eierstockkrebs veröffentlicht. Die Auswertung des gesamten Be­obachtungszeitraums bestätigt demnach die derzeitige Expertenmeinung.

Wird allerdings nur ein beschränkter Zeitraum betrachtet, und zwar 7 bis 14 Jahre nach Studienbeginn, zeigte sich eine signifikante Verringerung der Sterblichkeit bei Frauen, die eine kombinierte Vorsorge (CA-125-Wert und eventuell nachfolgender Ultraschall) erfuhren. Die Leiter der Studie stufen das Ergebnis als ermutigend ein, sind sich aber einig, dass es aktuell an den Vorsorgeempfehlungen nichts ändern wird.

Ergänzung Ultraschall

Entgegen dieser Leitlinien-Empfehlung bieten jedoch viele Gynäkologen gesunden Patientinnen ergänzend zur jährlichen Vorsorge eine Ultraschall­untersuchung der Eierstöcke an. Die Experten mahnen allerdings, dass die Frauen auch über die Nachteile der Vorsorgeuntersuchungen aufgeklärt werden müssen. Viele Eierstocktumoren werden trotz jährlicher Früherkennung nicht erkannt. In der UKCTOCS-Studie beispielsweise wurde etwa die Hälfte (40 Prozent Kombinationsgruppe, 58 Prozent Ultraschallgruppe) der Tumoren nicht entdeckt. Dazu kommen falsch positive Ergebnisse, die nicht nur eine psychische sondern auch eine physische Belastung durch weitere dia­gnostische Maßnahmen darstellen.

Operation und Behandlung

Die endgültige Diagnose Ovarialkarzinom kann der Arzt in der Regel erst bei einer Operation stellen. Beim sogenannten operativen Staging wird der Bauch über einen Längsschnitt vom Schambein bis zum Brustbein ­eröffnet. Eine Probennahme durch die Bauchdecke ist aufgrund einer mög­lichen Verteilung von Krebszellen im Bauchraum nicht möglich. Während der Operation wird die gesamte Bauchhöhle abgetastet und begutachtet, Bauchwasser sowie Gewebeproben aus auffälligen und unauf­fälligen Stellen entnommen. Bestätigt sich der Verdacht auf Eierstockkrebs während der Operation, kann der ­Chirurg gleich zur Behandlung übergehen.

In der gleichen Operation entfernen der Arzt dann je nach Verdacht ­einen oder beide Eierstöcke, Eileiter, Gebärmutter, das Bauchnetz, die Lymphknoten entlang der Becken- und großen Bauchgefäße und bei einigen Tumorarten, sofern noch vorhanden, den Blinddarm. Das weitere Vorgehen hängt vom Ausmaß der Erkrankung ab. Häufig werden weitere Organteile und das Bauchfell mit entfernt. Das Ziel der Operation ist die Tumorfreiheit oder zumindest eine möglichst großzügige Verkleinerung des verbleibenden Krebsgewebes. Im Anschluss ­erhalten die meisten Frauen eine ­Chemotherapie. /