PTA-Forum online
Neu im Februar

Innovation bei Multipler Sklerose

20.02.2018  11:12 Uhr

Von Sven Siebenand / Im Februar kam das Ocrevus® 300 mg Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung von Roche Pharma auf den deutschen Markt. Der monoklonale Antikörper Ocrelizumab ist eine neue Option zur Behandlung der Multiplen Sklerose (MS). Das Besondere: Es ist das erste Medikament, das auch für die primär progrediente Verlaufsform zugelassen ist.

In Deutschland leben schätzungs­weise 200.000 Menschen mit MS. Die chronisch-entzündliche Erkrankung, bei der das Immunsystem Nerven­fasern im Gehirn attackiert und zerstört, geht mit fortschreitender Behinderung einher. Ocrelizumab ist die erste Substanz, die gegen beide Verlaufsformen der MS wirkt – sowohl gegen die schubförmige als auch gegen die primär progrediente Form. An letztgenannter leidet etwa jeder zehnte MS-Patient. Bislang gab es für diese Patienten keine zu­gelassene Therapie. Das hat sich mit der Markteinführung von Ocrevus nun geändert.

Der Antikörper darf sowohl bei Erwachsenen mit schubförmig verlaufender MS als auch bei Erwachsenen mit primär progredienter MS zum Einsatz kommen. Grundlage dieser Zu­lassung sind Studien, die zeigen, dass der Wirkstoff die Anzahl der Schübe bei Patienten mit schubförmiger MS wirksamer reduziert als Interferon beta-1a. Bei Patienten mit primär progredienter MS konnte Ocrelizumab das Risiko für ein Fortschreiten der Behinderung in einer klinischen Studie deutlich reduzieren.

Reduzierte B-Zell-Aktivität

Ocrelizumab führt dazu, dass die Aktivität von B-Zellen herunterreguliert wird. Diese weißen Blutzellen attackieren im Rahmen des Entzündungsgeschehens die Myelinscheiden der Nervenzellen und spielen deshalb bei MS eine wichtige Rolle. Der Antikörper erkennt auf den B-Zellen das Protein CD20 und bindet daran. Die Aktivität der B-Zellen verringert sich, dadurch wird das Krankheitsgeschehen positiv beeinflusst.

Patienten wird der Antikörper intravenös infundiert. Die ersten beiden Infusionen à 300 mg bekommen sie im Abstand von zwei Wochen. Danach wird ihnen alle sechs Monate einmalig 600 mg Ocrelizumab per Infusion verabreicht. Vor jeder Applikation erhält der Patient eine Prämedikation gegen infusionsbedingte Reaktionen wie Juckreiz, Hautausschlag und Atembeschwerden. Neben Infektionen sind diese die häufigsten Nebenwirkungen der Behandlung. Die Prämedikation besteht aus einem Glucocorticoid und einem Antihistaminikum. Zudem kann der Arzt die Gabe eines Antipyretikums wie Paracetamol in Betracht ziehen. Während der Infusion und mindestens eine Stunde danach sollten die Patienten überwacht werden, und eine Ausrüstung zur Behandlung schwerer Reaktionen sollte leicht zugänglich sein. Für den Fall des Auftretens infusionsbedingter Reak­tionen finden sich in der Fachinformation Handlungshinweise und Erläuterungen zur Dosisanpassung.

Nach Impfung warten

Ocrelizumab darf bei Patienten mit aktiven Infektionen, einem stark geschwächten Immunsystem oder Krebs nicht angewendet werden. Bei Patienten, die eine Impfung benötigen, sollte die Immunisierung mindestens sechs Wochen vor der ersten Anwendung von Ocrelizumab abgeschlossen sein. Eine Impfung mit Lebendimpfstoffen wird während einer Behandlung mit Ocrelizumab und bis zur B-Zell-Reple­tion nicht empfohlen. In Studien ­betrug die durchschnittliche Zeit bis zu dieser 72 Wochen.

Sicher verhüten

Das neue Präparat soll bei Schwangeren nicht angewendet werden, es sei denn, der potenzielle Nutzen für die Mutter überwiegt das Risiko für den Fötus. Ferner sollten Mütter während der Therapie mit Ocrevus nicht stillen. Zudem müssen Frauen im gebärfähigen Alter während der Behandlung mit dem Antikörper und für zwölf Monate nach der letzten Infusion eine sichere Empfängnisverhütung anwenden. Ein Hinweis zur Aufbewahrung: Ocrevus ist im Kühlschrank bei 2 bis 8 Grad Celsius zu lagern. /

TEILEN
Datenschutz