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Alkohol

Aktionswoche gegen die Volksdroge

31.05.2007  21:29 Uhr

Alkohol

Aktionswoche gegen die Volksdroge

Désirée Kietzmann, Berlin

Jeder deutsche Erwachsene trinkt durchschnittlich pro Tag mehr Alkohol, als die Weltgesundheitsorganisation für gesundheitlich unbedenklich hält. Die bundesweite Aktionswoche »Alkohol: Verantwortung setzt die Grenze« rückt das Thema Alkoholkonsum vom 14. bis 18. Juni 2007 in den Fokus der Öffentlichkeit.

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) wollen mit der Suchtwoche in der Bevölkerung ein kritisches Bewusstsein für übermäßigen Alkoholkonsum schaffen. Denn im Alkoholtrinken sind die Deutschen Spitze: Statistisch gesehen nimmt jeder Deutsche im Jahr 10,2 Liter reinen Alkohol zu sich.

Im EU-Vergleich konsumieren lediglich die Tschechen, Ungarn und Iren mehr. Gefährlich wird es, wenn die Konsumenten den maßvollen Umgang mit dem Genussmittel verlieren. »Über 10 Millionen Menschen in Deutschland betreiben einen riskanten Alkoholkonsum, 1,7 Millionen gelten als alkoholabhängig«, sagt Sabine Bätzig, Drogenbeauftragte der Bundesregierung und Schirmherrin der Suchtwoche.

Alkohol ist kein Medikament

Häufig berichten die Medien darüber, maßvoller Alkoholgenuss, besonders von Rotwein, fördere die Gesundheit. Tatsächlich belegen zahlreiche Studien, dass der Konsum von 10 Gramm reinen Alkohols pro Tag das Risiko für koronare Herzkrankheiten senkt. Dabei spielt die Art des Getränkes jedoch keine Rolle, der Effekt geht vom Alkohol an sich aus. PTA und Apotheker sollten ihren Patienten dennoch davon abraten, prophylaktisch Alkohol zu trinken. Denn manche Menschen werden bereits durch den regelmäßigen Konsum kleinster Mengen zu Alkoholikern. Der Nutzen für das Herz steht somit in keinem Verhältnis zu den sonstigen gesundheitlichen und sozialen Folgen.

Neben der potenziellen Anhängigkeit ist Alkohol für 60 Krankheiten und Befindlichkeitsstörungen verantwortlich. Dazu zählen Leberzirrhosen, Bauchspeicheldrüsenentzündungen, Krebs, geistige, gastrointestinale sowie reproduktive Störungen. Bei Frauen erhöhen schon 20 Gramm reinen Alkohols täglich das Risiko einer dieser Folgekrankheiten. Eine Studie im Auftrag der Europäischen Union ergab: Nach Tabakkonsum und Bluthochdruck ist Alkohol der drittgrößte Risikofaktor für Krankheit und frühzeitigen Tod in Europa. Zudem verursacht die Droge zusätzlich viel Leid. Dazu zählen neben 10000 Toten durch alkoholassoziierte Unfälle jährlich auch 5 bis 9 Millionen Kinder, die in Familien mit Alkoholikern leben. Neben den sozialen sind auch die ökonomischen Schäden enorm: Circa 125 Milliarden Euro kostet Alkohol die europäischen Gesellschaften pro Jahr.

Generelles Verbot für Minderjährige?

Besorgniserregend ist insbesondere die  Beliebtheit der Droge bei Kindern und Jugendlichen. Das Einstiegsalter für den regelmäßigen Konsum liegt inzwischen bei 13 Jahren. Nach Angaben der DHS sind heute 100000 Jugendliche unter 25 Jahren alkoholabhängig. In den letzten Monaten häuften sich die Berichte über Alkoholmissbräuche von Jugendlichen. Sein Alkoholexzess kostete einen 16-jährigen Schüler in Berlin Ende März dieses Jahres das Leben. Nach 45 Gläsern Tequila brach er mit 4,8 Promille zusammen und starb nach einem Monat im Koma an den Folgen der Alkoholvergiftung.

Angesichts dieser Entwicklung sprach sich Familienministerin Ursula von der Leyen für eine Verschärfung des Alkoholverbotes für Kinder und Jugendliche aus. »Generell kein Alkohol unter 18« forderte die Ministerin im April. Zunächst müssten jedoch die bestehenden Verbote konsequenter angewendet werden. Um das Bewusstsein der Jugendlichen für die Gefahren der Droge zu schärfen, können sie im Rahmen der Suchtwoche in speziell eingerichteten Schülerparlamenten über das Thema Alkohol debattieren. Die Ergebnisse der Sitzungen sollen die Schüler in Anträgen zusammenfassen und an die entsprechenden Gremien der realen Parlamente weiterleiten.

Ganze Gesellschaft angesprochen

Da der Umgang mit Alkohol ein  gesamtgesellschaftliches Problem ist, richtet sich die Suchtwoche nicht in erster Linie an Betroffene. Vielmehr möchten die Veranstalter mit breit angelegten Aktionen so viele Menschen wie möglich anregen, das eigene Konsumverhalten ehrlich zu überprüfen. Am Samstag suchen Vertreter von Selbsthilfegruppen in Kaufhäusern und Baumärkten das Gespräch mit Kunden, um deren Bewusstsein für den Umgang mit dem Genussmittel zu schärfen. Zahlreiche Gaststätten nehmen am Samstagabend an der »langen Nacht der alkoholfreien Getränke« teil. Über 100 Sportvereine haben den 16. und 17. Juni zum »Sportwochenende ohne Alkohol« erklärt.

Nach der Familie und den Arbeitskollegen sind es nicht selten PTAs, Apotheker oder Ärzte, denen ein verändertes Konsumverhalten auffällt. Viele Apotheken und Arztpraxen leisten deshalb während der Suchtwoche verstärkte Aufklärungsarbeit. Zahlreiche Apotheken planen gemeinsame Aktionen mit Suchtberatungsstellen. Bei Bedarf bieten die Fachleute aus den Beratungsstellen direkt vor Ort ihre professionelle Hilfe an. Die DHS hat für die Suchtwoche einen speziellen Fragebogen entwickelt, der den Einstieg in das Gespräch ebnet. Mit 25 Fragen können Interessierte ihren Umgang mit Alkohol überprüfen.

Nützliche Tipps aus dem Internet

Fragebogen und mehr Infos finden Interessierte unter: www.suchtwoche.de. Auf der Internet-Site www.suchtwoche.de können alle, die die bundesweite Aktionswoche unterstützen möchten, drei verschiedene Sets mit Druckvorlagen herunterladen.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
desireekietzmann(at)gmx.de