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Celesio

Mehr Henker als Retter

01.06.2007  10:30 Uhr

Celesio

Mehr Henker als Retter

Daniel Rücker, Eschborn

Bis zum 26. April war Gehe in Deutschland ein reiner Pharmagroßhändler. An jenem Tag jedoch berichtete die Gehe-Muttergesellschaft Celesio auf ihrer Bilanzkonferenz von der Übernahme des niederländischen Versandhändlers DocMorris. Damit wurde der Großhändler zum direkten Konkurrenten seiner eigenen Kunden.

Dieses Bild hätten sich viele PTAs und Apotheker bis vor wenigen Wochen wohl kaum vorstellen können: Celesio-Chef Dr. Fritz Oesterle und DocMorris Gründer Ralf Däinghaus stellten sich gemeinsam der Presse.

Am Abend des 26. April verkündete das Alptraumpaar der Apothekerschaft, das Franichise-Konzept DocMorris-Markenpartner-Apotheken ebenso wie die niederländische Versandapotheke unter dem Dach von Celesio weiter zu betreiben. Mit dem Kauf sichere sich Celesio die einzige deutschlandweit bekannte Apothekenmarke, frohlockte Oesterle.

Der Vorstandsvorsitzende hatte sich schon seit einiger Zeit für die Aufhebung des Fremdbesitzverbotes eingesetzt. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) werde das deutsche Fremdbesitzverbot in kurzer Zeit kippen, wiederholte Oesterle gebetsmühlenartig. Dann drohe ein ungeregelter Marktumbruch. Um dieses zu verhindern, sollte die Bundesregierung den Fremdbesitz schon heute erlauben und gleichzeitig die Niederlassungsfreiheit für Apotheker einschränken. Dann dürften nur noch dort neue Apotheken eröffnet werden, wo es einen tatsächlichen Bedarf gibt. So will Celesio verhindern, dass branchenfremde Unternehmen, zum Beispiel Drogerieketten, in den Markt drängen. Damit präsentierte sich Gehe den Apothekern als Retter der deutschen Apotheke. Doch der selbsternannte Retter ist in Wirklichkeit ein Henker. Es ist nämlich keinesfalls ausgemacht, dass das deutsche Fremdbesitzverbot gegen europäisches Recht verstößt. Und das Urteil  kommt frühestens Mitte 2008, wahrscheinlicher aber später.

Der Europäische Gerichtshof wurde im vergangenen Herbst vom Verwaltungsgericht Saarlouis angerufen. Dort war das Verfahren anhängig über die Rechtmäßigkeit der von DocMorris mit behördlicher Genehmigung eröffneten Apotheke in Saarbrücken. In dem Verfahren geht es darum, ob die nach deutschem Recht gesetzeswidrige Genehmigung für die DocMorris-Apotheke nach europäischem Recht zwingend zu erteilen war. Damit würde das Fremdbesitzverbot gegen europäisches Recht verstoßen und müsste geändert werden. Oesterle behauptet dies. Es gibt allerdings gute Gründe dafür, dass die deutsche Regelung einer europarechtlichen Prüfung standhält.

Auch mit seinem zweiten Vorschlag stößt Oesterle auf den Widerspruch zahlreicher Juristen. Die Einführung einer Niederlassungsbeschränkung bei gleichzeitiger Aufhebung des Fremdbesitzverbotes sei widersinnig, sagt die ABDA. Der EuGH sehe in der Niederlassungsbeschränkung einen größeren Eingriff in die freie Berufsausübung als im Fremdbesitzverbot.

Celesio/Gehe betreibt bereits in zahlreichen europäischen Ländern Apothekenketten und wittert hier mehr Gewinn als mit dem Großhandelsgeschäft. Oesterle hat alle Bundestagsabgeordneten angeschrieben, um ihnen den Fremdbesitz schmackhaft zu machen. Außerdem möchte er Gesundheitspolitiker zu einer Dienstreise nach England einladen, um ihnen dort Celesio-Kettenapotheken vorzustellen.

Bei all dem geht Celesio/Gehe ein erhebliches Risiko, denn viele Apotheken haben dem Stuttgarter Großhändler den Rücken gekehrt. Sie wollen nicht mit einem unmittelbaren Marktkonkurrenten zusammenarbeiten, der zudem noch das Ziel hat, die aktuellen Strukturen für immer zu zerstören. Wie groß der Kundenschwund bei Gehe ist, lässt sich nicht genau beziffern. Zwischen 10 und 30 Prozent schätzen andere Großhandlungen, die sich ihrerseits über Zuwächse natürlich freuen. Bei Celesio drückt das auf den Gewinn und auf den Aktienkurs. Der stieg am Tag der DocMorris-Übernahme an, sank danach allerdings um satte 10 Prozent. Sollte sich der Trend fortsetzen, dürfte dies für Oesterle ein Problem werden.

Der Streit zwischen Apothekern und Gehe dürfte sich noch einige Zeit hinziehen. Bis dahin wird der Großhändler weitere Markenpartner-Apotheken eröffnen. Mit jedem Betrieb, der das rote A gegen das grüne Kreuz austauscht, erhöht Celsio/Gehe ein wenig seinen Umsatz und macht sich gleichzeitig neue Feinde, die ihren Großhändler nicht als direkten Konkurrenten haben wollen.

Klare Abwendung von der unabhängigen Apotheke

Zur Übernahme des Arzneimittelversenders DocMorris durch die Celesio AG erklärt die Vorsitzende des Bundesverbandes der pharmazeutisch-technischen AssistentInnen (BVpta), Sabine Pfeiffer: »Mit der Übernahme von DocMorris hat die Celesio klar gemacht, wohin ihre unternehmerischen Ziele gehen. Offenkundig setzt das Unternehmen, zu dem auch der Pharma-Großhändler GEHE gehört, nicht mehr auf die inhabergeführte, unabhängige Apotheke. Celesio hat nach eigenen Angaben mit DocMorris die einzige deutschlandweit bekannte Apothekenmarke übernommen und bereitet sich offenkundig auf die Gründung einer eigenen Apothekenkette vor. Es gibt zu denken, dass GEHE als Pharmagroßhändler nun versucht, seinen unabhängigen Apothekenkunden diesen Schritt als Sicherung des Markennamens DocMorris für die eigene Apotheke zu verkaufen. Ich glaube allerdings, dass viele Apotheker diesen Erklärungsversuch nur noch als Lippenbekenntnis werten.«

E-Mail-Adresse des Verfassers:
ruecker(at)govi.de