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Zecken

Plage auf acht Beinen

01.06.2007  10:54 Uhr

Zecken

Plage auf acht Beinen

Sabine Schellerer

Ob es in diesem Jahr tatsächlich mehr Erkrankungsfälle nach Zeckenstichen geben wird, kann kein Experte verlässlich sagen. Tatsächlich ist das milde Klima während der vergangenen Monate den Zecken zugute gekommen. Deshalb begannen die Plagegeister ungewöhnlich früh mit der Wirtssuche und vermehrten sich.

Wer jetzt durch Wald und Feld streift oder sich eine Pause im weichen Gras des Gartens gönnt, denkt oft nicht an die unangenehmen Zeitgenossen, die dort lauern. Die Rede ist von den Zecken (Ixodoidae) aus der Klasse der Arachnida und der Ordnung der Milben. An die 800 verschiedene Arten bevölkern den Globus, in Zentral-Europa vor allem die Schildzecke, auch gemeiner Holzbock genannt (Ixodes ricinus).

Die Plagegeister halten es in Höhen bis zu 2000 m aus. Sie werden aktiv, sobald das Thermometer über 7 Grad Celsius klettert, und bevorzugen Luft mit über 80 Prozent Feuchtigkeit (daher Achtung in verregneten Sommern). Geduldig hocken sie auf Gräsern oder Sträuchern, bestenfalls in 1,50 m Höhe, und warten, bis ein Wirt sie abstreift. Sein Opfer macht der Ektoparasit übrigens nicht mit den Augen aus (die hat er nicht), sondern mit dem Hallerschen Organ, das an den Enden der Vorderbeine sitzt. Je nach dem Entwicklungsstadium der Zecke, ändert sich die Vorliebe für den Wirt: Die Larven mögen Mäuse, Nymphen dagegen kleinere Säuger wie Eichhörnchen, Füchse, Igel oder Vögel.

Adulten Zecken bevorzugen Rehe, Haustiere und Menschen. Auf dem Körper des Wirts sucht der Parasit nach der perfekten Stelle zum Blutsaugen, was manchmal bis zu 12 Stunden dauert. Er schätzt dünne Hautstellen, zum Beispiel die Kniekehle, Leiste, Achsel oder den Kopf- und Halsbereich. Sein Stechapparat verfügt über hochentwickelte, scherenartige Mundwerkzeuge (Cheliceren). Damit reißt das Tier die Haut auf und gräbt mit einem rüsselartigen Stachel (Hypostom) eine Grube ins Gewebe, die mit Blut vollläuft. Diesen Saft saugt die Zecke immer wieder aus, mitunter ganze 15 Tage lang. Etwa die Hälfte der betroffenen Wirte bemerken den Einstich des Blutsaugers nicht, weil das Tier aus einem zweiten, etwas kleineren Rüssel eine speichelartige, anästhesierende Flüssigkeit absondert.

Das Blut brauchen die Parasiten, um sich von der Larve zur Nymphe und schließlich zur adulten Zecke entwickeln zu können. Für jeden Schritt benötigt die Zecke nur eine Blutmahlzeit. Es kommt daher vor, dass der gemeine Holzbock Jahre auf einen Wirt warten muss, ohne sich weiter entwickeln zu können.

Stiche, die Leiden bringen

Abgesehen davon, dass sich die meisten Menschen vor den Krabbeltieren ekeln, ist das Blutsaugen an sich harmlos. Leider schleusen die Zecken aber beim Stechen diverse Erreger in den Wirtsorganismus ein. In Europa übertragen sie häufig Krankheiten wie FSME und Borreliose, auf anderen Kontinenten unter anderem die japanische Encephalitis (JE-Virus), die Hasenpest (Francisella tularensis), die Ehrlichiose (Ehrlichia-Bakterien), das Fleckfieber (Rickettsia-Bakterien), das Texasfieber (Babesia-Balterien) sowie das Q-Fieber (Coxiella burnettii).

Zecken in Litauen, der Tschechischen Republik, Russland, Estland und Lettland verursachen besonders häufig die Frühsommermeningoencephalitis, kurz FSME. Aber auch in Deutschland grassiert die Virusinfektion. Wer in andere europäische Länder reist, sollte sich vor Reiseantritt nach der Verbreitung von FSME erkundigen. Denn die Ausbreitung schreitet fort: Jedes Mal, wenn Experten die FSME-Landkarte aktualisieren, schwärzen sie neue Endemiegebiete. 2004 zählte das Robert-Koch-Institut hierzulande nur 274 Erkrankungen, 2005 schon 432 und 2006 bereits 546, wobei über 90 Prozent der Fälle in Bayern, Baden-Württemberg und Hessen auftraten. Auf den Websites des Robert-Koch-Institutes oder des Paul-Ehrlich-Institutes erfahren Interessierte, in welchem Risikogebiet sie sich aktuell vorsehen müssen.

Doch nicht jeder infiziert sich nach einem Zeckenstich automatisch. Ganz im Gegenteil: Das Infektionsrisiko hält sich sehr in Grenzen, sogar in Landstrichen mit Alarmzustand. Je nach Durchseuchungsgrad führt nur einer von 300 bis einer von 2000 Zeckenstichen zu einer Meningitis oder anderen Erkrankung.

Nicht nur zur Sommerzeit

Obwohl die Infektion Frühsommermeningoencephalitis heißt, kann das Virus das ganze Jahr über zur FSME führen. Wissenschaftler haben den Erreger 1937 entdeckt und 1954 isoliert. Es sind Viren aus der Familie der Flaviviridae. Fachleute unterscheiden den europäischen vom zentralsibirischen und fernöstlichen Subtyp (RSSE; russian spring summer encephalitis) mit einer deutlich schlechteren Prognose für den Erkrankten. Wer allerdings einmal an FSME erkrankt war und wieder gesundet ist, den schützt eine lebenslange Immunität.

Nach der Infektion mit dem Virus beginnt 6 bis 14 Tagen später das Podromalstadium mit unspezifischen grippalen Symptomen, die einige Tage andauern. Daran schließt sich ein fieberfreies Intervall von 1 bis 20 Tagen an, bevor bei etwa 10 Prozent der Patienten die Krankheit erneut ausbricht, diesmal aber stärker und als Meningitis (50 Prozent), Meningoencephalitis (40 Prozent) oder Meningoencephalomyelitis (10 Prozent, bei Kindern selten). Generell ist die Prognose, vor allem bei jungen Menschen, günstig. Bei Kindern treten neurologische Komplikationen oder bleibende Behinderungen seltener auf als bei Erwachsenen.

Ein Piks schützt

Wie bei den meisten Virusinfektionen existiert keine kausale Therapie der FSME. Fieber, Kopfschmerzen oder Krampfanfälle lassen sich nur symptomatisch behandeln. Atemlähmungen, Bewusstseinsstörungen oder ein epileptischer Status bedürfen intensivmedizinische Therapien. Neurologische Störungen behandeln Krankengymnasten, Ergotherapeuten und Logopäden.

Seit 1976 kann sich jedermann durch eine Immunisierung vor der FSME schützen. Ließen sich früher fast nur Waldarbeiter impfen, so nutzen inzwischen Wanderer und auch Sonntagsspaziergänger die Impfung. Einige Experten möchten das Serum zur Indikationsimpfung erheben. Wie erfolgreich flächendeckende Massenschutzimpfungen sind, hat Österreich vorgemacht: Dort sind Kinder und Jugendliche fast zu 100 Prozent und Erwachsene zu 80 bis 95 Prozent immunisiert. Statt der rund 700 Erkrankungsfälle, die früher jedes Jahr gemeldet wurden, verzeichnet Österreich heute nur noch 50.

Impfschema gegen FSME

Standardimpfschema
1. Impfung: Tag 0
2. Impfung: 1-3 Monate nach 1. Impfung
3. Impfung: 9-12 Monate nach 2. Impfung
Auffrischimpfungen: 1. Auffrischung nach 3 Jahren, dann alle 5 Jahre (bei über 50-Jährigen das 3-Jahres-Schema beibehalten)

Schnellimmunisierung
1. Impfung: Tag 0
2. Impfung: Tag 7
3. Impfung: Tag 21
4. Impfung: 12-18 Monate nach 3. Impfung
Auffrischimpfungen: alle 5 Jahre (bei über 50-Jährigen das 3-Jahres-Schema beibehalten)

Quelle: Pädiatrische Praxis 2006

Der Impfstoff selbst ist ein Totimpfstoff. Prinzipiell ist er gut verträglich und ausgezeichnet wirksam. In Studien besaßen noch nach fünf Jahren knapp 95 Prozent der Impflinge ausreichend schützende Antikörper im Blut. Probleme machen nur die mitunter heftigen Fieberschübe von über 39 Grad Celsius. Etwa 20 Prozent der Kinder unter 3 Jahren bekommen innerhalb von 24 Stunden nach der ersten Dosis hohes Fieber. Ursprünglich sollte deshalb das Serum nur Kindern über vier Jahre vorbehalten sein. Als aber bald nach Einführung ein 18 Monate altes Baby an FSME starb, setzte ein Expertengremium die Altersgrenze auf ein Jahr herab, in besonderen Fällen auf sechs Monate.

Alarmierend sind die Neuerkrankungen durch Borreliose: In Deutschland schätzen Experten diese auf etwa 100.000 pro Jahr. Verantwortlich für diese Infektion ist der gram-negative Keim Borrelia burgdorferi aus der Familie der Spirochaetaceae. Nur drei der verschiedenen Unterarten machen den Menschen krank: B. afzelii, B. garinii (vor allem in Europa) und B. burgdorferi sensu stricto (USA). 

Bis eine Zecke während des Stechens Borrelien aus ihren Speicheldrüsen ins menschliche Blut überträgt, vergehen zwischen 24 und 48 Stunden. Daher sollten Menschen die Zecke möglichst rasch entfernen. Wichtig im Gegensatz zur FSME: Eine Infektion mit Borrelien hinterlässt keine bleibende Immunität. Eine Impfung gibt es in Europa nicht.

Prognose günstig

Wichtig: Nur bei 10 Prozent aller Menschen, die von einer Borrelien-verseuchten Zecke gestochen wurden, ist eine Infektion nachweisbar und bei lediglich 5 Prozent aller Infizierten zeigen sich Symptome, vor allem an der Haut, den großen Gelenken und/oder am Nervensystem, daneben an Augen oder dem Herzen. Typisch ist eine handtellergroße, kreisförmige Rötung der Haut, die Tage bis Wochen rund um die Einstichstelle erscheint:  das Erythema migrans. Die Infektion führt aber manchmal auch zu generalisierten Beschwerden, zum Beispiel zu grippeähnlichem Krankheitsgefühl mit Fieber, Myalgie und Abgeschlagenheit.

Die Therapie richtet sich nach der Manifestation der Erkrankung: Gegen kutane Beschwerden (Erythema migrans, knötchenförmige Hautverdickungen) kommen orale Antibiotika (1. Wahl: Amoxicillin, Cefuroxim-Axetil; 2. Wahl: Makrolide wie Azithromycin, Doxycyclin) zum Einsatz. Gegen alle anderen Symptome wie eine Neuroborreliose, Lyme-Arthritis oder -Karditis werden intravenös Antibiotika (Ceftriaxon, Cefotaxim, Penicillin G) gegeben. Idealerweise erstreckt sich die Therapie über 10 (oral) bis 14 (parenteral) Tage, je nach Symptomatik mitunter auch länger. Danach dauert es oft mehrere Wochen, bis sich der Patient wieder wohl fühlt. Die Prognose beurteilen Experten trotzdem als günstig; je früher die Antibiose einsetzt, umso besser.

Beim Wandern vorsorgen und hinterher immer kontrollieren

Die beste Vorsichtsmaßnahme gegen Zecken ist gute Kleidung. Deshalb: Wald und hohe Wiesen nur mit geschlossenen Schuhen und langen Hosen durchqueren und die Hosenbeine in die Socken stopfen. Zusätzlich langärmelige Shirts oder Hemden tragen. Auf alle unbedeckten Hautstellen Insektenrepellentien auftragen oder sprühen. Achtung: Die Wirkdauer gegen Zecken beträgt höchstens zwei bis drei Stunden. Abends den Körper von Kopf bis Fuß nach Zecken absuchen lassen. Wird man fündig, muss die Zecke möglichst rasch entfernt werden. Dabei den Körper des Parasiten nicht quetschen und weder Öl noch Kleber darauf träufeln. Am besten das Tier mit einer feinen Pinzette oder Zeckenzange aus der Apotheke dicht über der Einstichstelle fassen und den Sauger behutsam heraushebeln, eventuell leicht drehen.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
s.schellerer(at)web.de