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Untergewicht

Rauf mit den Pfunden

31.05.2007  21:38 Uhr

Untergewicht

Rauf mit den Pfunden

Annette Immel-Sehr, Bonn

Das Thema Übergewicht ist derzeit in aller Munde. Zu Recht, denn viele Menschen sind zu dick. In den Wohlstandsgesellschaften gibt es jedoch auch untergewichtige Menschen. Darüber berichten die Zeitungen selten.

Experten gehen davon aus, dass knapp 4 Prozent der jungen Frauen und rund 1 Prozent der jungen Männer untergewichtig sind. Insgesamt wiegen weit mehr Menschen zu wenig, als allgemein vermutet. Als Maßstab für Untergewicht dient meist der Body-Mass-Index (BMI). Danach gelten Menschen mit einem BMI unter 18,5 als untergewichtig. Bei alten Menschen setzen Wissenschaftler die Grenze jedoch höher an und zwar bei 20, manche sogar schon bei 22. Das bedeutet für die Praxis: Hochbetagte dürfen keinesfalls so extrem »abmagern« wie junge Menschen. Untergewicht kann für sie lebensbedrohlich werden.

»Deine Sorgen möchte ich haben«, so lautet häufig der ironische Kommentar von Angehörigen und Freunden, wenn Menschen sich darüber beklagen, sie nähmen trotz bester Ernährung einfach nicht zu. Kaum jemand glaubt ihnen, dass sie sich ernsthaft bemühen, an Gewicht zuzulegen. Nicht selten wird Frauen heimlich unterstellt, sie seien magersüchtig. Untergewicht ist für die »Superschlanken« meist ein ernstes Problem. Wer unabsichtlich Pfunde verliert, fühlt sich zunehmend schlapp, müde und antriebslos, seine körperliche Leistungsfähigkeit sinkt, und die Infektanfälligkeit steigt . Bei jungen Frauen bleibt häufig die Monatsblutung aus, und als langfristige Folge kann Osteoporose schon früh auftreten. Untergewichtige brauchen außerdem länger, um von einer Erkrankung zu genesen. Eine Redewendung bringt es auf den Punkt: »Dürre haben nichts zuzusetzen!«

Mögliche Erkrankungen abklären

Klagt ein Kunde in der Apotheke über Untergewicht, sollten PTA oder Apotheker sich zunächst nach bestehenden Erkrankungen erkundigen. So können Veränderungen im Mund- und Rachenraum oder im Gastrointestinaltrakt die Resorption der Nahrung erschweren. Bei Erkrankungen wie Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, Mukoviszidose oder bestimmten Verdauungsstörungen wird die Nahrung nicht optimal verwertet. Andere meist chronische Erkrankungen wie Krebs, chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) sowie Infektionen oder die Überfunktion der Schilddrüse (Hyperthyreose) können den Energie- und Nährstoffbedarf erhöhen. Ist dem Kunden keine dieser Erkrankungen bekannt, sollten PTA oder Apotheker ihm den Arztbesuch empfehlen. Nur dieser kann eine potenzielle Erkrankung entdecken und adäquat behandeln.

Bei Menschen mit einer Essstörung werden Tipps zum Zunehmen sicher wenig fruchten. Diese Menschen benötigen in der Regel psychotherapeutische Hilfe. Über das Internet oder eine Beratungsstelle vor Ort können sie Therapeuten finden, die auf diese Erkrankungen spezialisiert sind. Doch Vorsicht: Nicht jeder Untergewichtige ist krank. Auch Kerngesunde sind mitunter zu dünn. Woran liegt das? Zum einen gibt es tatsächlich die »schlechten Futterverwerter«. Jeder kennt Menschen, die so viel essen können, wie sie wollen, ohne Körperfett anzusetzen. Bei ihnen ist, genetisch bedingt, die sogenannte postprandiale Thermogenese (Wärmebildung nach dem Essen) erhöht. Das heißt, ihnen geht viel Nahrungsenergie in Form von Wärme verloren, und zum »Ansetzen« bleibt nichts mehr übrig. Andere Untergewichtige stehen ständig »unter Strom«, sind den ganzen Tag in Bewegung, erledigen alle Alltagstätigkeiten sehr schnell und »zappeln« auch im Sitzen permanent herum. Diese vielen kleinen Bewegungen führen in der Summe dazu, dass der Energieumsatz merklich steigt. Wer also viel verbrennt und gleichzeitig wenig isst, bildet keine Energiereserven.

Ein guter Tipp für die Praxis: Menschen, die zu wenig wiegen, sollten einige Tage lang ein Ernährungstagebuch führen. Dann steht dort schwarz auf weiß, was sie tatsächlich gegessen und getrunken haben und in welchen Mengen. Auch die Ernährungsgewohnheiten sollten sie dabei erfassen, beispielsweise: Fällt das Frühstück oder das Mittagessen schon mal aus? Manche Untergewichtige überschätzen die Mengen, die sie am Tag essen. Andere essen zwar viel, bevorzugen jedoch unbewusst kalorienarme Lebensmittel wie Knäckebrot, Blattsalate, Gemüse, Obst und fettarme Produkte und trinken hauptsächlich Wasser oder Tee. Fettreiches steht gar nicht auf ihrem täglichen Speiseplan. Gerade gestresste Berufstätige nehmen sich oft nicht genug Zeit für das Essen oder vergessen sogar eine Mahlzeit ganz.

Energiedichte Lebensmittel wählen

»Zunehmen kann doch kein Problem sein!«, denken viele, die gegen überschüssige Pfunde kämpfen. Doch Zunehmen ist häufig ziemlich schwierig und erfordert Geduld. Mehr als ein bis zwei Kilogramm Gewichtszunahme im Monat sind für einen gesunden jungen Menschen völlig unrealistisch. Grundsätzlich sollte jeder Zunehmwillige seine Ernährung um rund 500 kcal pro Tag erhöhen. Doch das ist leichter gesagt als getan, denn Untergewichtige lehnen meist fettreiche und voluminöse Speisen ab. Für diese Menschen sind deshalb vor allem energiedichte Lebensmittel geeignet wie Trockenfrüchte, Nüsse, Schokoriegel und Säfte, die bei geringem Volumen viele Kalorien liefern.

Noch ein Tipp: Viele Abnehm-Broschüren enthalten Austauschtabellen, die jeweils eine fettarme und eine fettreiche Variante eines Lebensmittels nebeneinander aufführen. Zunehmwillige können diese Tabellen nutzen, indem sie sie »umgekehrt« lesen. Also wählen sie immer die kalorienreiche Variante aus: Sahnequark statt Magerquark, Salami statt Cornedbeef, paniertes Schnitzel statt Schnitzel natur oder Pommes frites statt Pellkartoffeln.

Nicht zu vergessen: Viele Getränke führen dem Körper gezielt Energie zu, ohne schwer im Magen zu liegen. Warum nicht mal zwischendurch eine Limonade oder Cola trinken? Aber bitte nicht die Light-Version! Milchmixgetränke oder Kakao aus Vollmilch liefern neben den Kalorien noch wichtige Mineralstoffe und Vitamine. Wem Malzbier schmeckt, der kann eine Flasche zum Essen trinken. Fruchtsäfte gibt es in großer geschmacklicher Vielfalt, ein Esslöffel eingerührter Schmelzflocken reichert sie noch zusätzlich kalorisch an. Unter Umständen kann es zu Beginn sinnvoll sein, in Getränke und Speisen Maltodextrin einzustreuen oder hochkalorische Trinknahrungen als Zwischenmahlzeit einzusetzen.

Gemüse sollten Zunehmwillige immer mit einem Stich Butter, Soßen und Suppen mit einem Schuss Sahne verfeinern. Wer gerne Blattsalate isst, kann zum Beispiel noch Schafskäse, Tunfisch, Speckwürfel oder hart gekochte Eier untermischen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, nur aller Anfang ist schwer.Untergewichtige Menschen mit großen Schwierigkeiten, an Gewicht zuzulegen, sollten sich von einer Ernährungsberaterin professionell unterstützen lassen.

Tipps für den Alltag

  • Regelmäßig essen, mindestens dreimal täglich.
  • Bei Problemen mit der Verträglichkeit besser viele kleine Portionen verzehren als drei große Hauptmahlzeiten.
  • Mahlzeiten fest in den Tagesablauf einplanen und nicht vergessen.
  • In Gesellschaft essen, denn da schmeckt’s am besten.
  • In Ruhe essen, ohne dabei zu etwas anderes zu tun.
  • Regelmäßig einkaufen, und den Einkauf sorgsam planen.
  • Vorräte anlegen, damit immer etwas Leckeres im Haus ist.
  • Gezielt energiereiche Lebensmittel auswählen (Austauschtabellen verwenden).
  • Nicht mit Pflanzenöl und Butter geizen.
  • Bewusst kalorienhaltige beziehungsweise -reiche Getränke auswählen.
  • Am Arbeitsplatz einen kleinen Vorrat an Nüssen, Trockenobst, Früchteriegeln oder Süßigkeiten als Snack für zwischendurch bereithalten.
  • Wer beruflich viel unterwegs ist, sollte die Verpflegung nicht dem Zufall überlassen, sondern ein ausreichendes »Lunchpaket« inklusive Getränke mitnehmen.

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