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Selbstmedikation der Windeldermatitis

Wunder Po ist keine Lappalie

31.05.2007  21:09 Uhr

Selbstmedikation der Wunder Po ist keine Lappalie

Andrea Gerdemann, München

Zarte Babyhaut braucht besondere Pflege. Bei etwa jedem dritten Baby entzündet sich die Haut ein- oder mehrmals, während es Windeln trägt. Der ganze Po wird wund, und eine Windeldermatitis entsteht. Bleibt sie unbehandelt, kann sich daraus eine schwerwiegende, hartnäckige Entzündung entwickeln, die das Baby für eine lange Zeit quält. Daher sollten Mütter bereits die Anfänge einer Windeldermatitis nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Windeldermatitis ist die Fachbezeichnung für eine lokale Hautirritation in der Windelregion von Säuglingen und Kleinkindern. Die betroffene Haut rötet sich, nässt und schuppt. Die Hauptursachen einer Windeldermatitis sind Feuchtigkeit und Wärme, da sich die Keime aus Urin und Stuhl in einem feuchtwarmen Milieu besonders gut vermehren. Darüber hinaus lässt Feuchtigkeit die Haut aufquellen und macht sie anfälliger gegenüber Pilzen und Bakterien. Der aus dem Harnstoff im Urin freigesetzte Ammoniak reizt die Haut zusätzlich und verschiebt den natürlichen Säureschutz der Haut in den basischen Bereich. Die im Stuhl enthaltenen Pilze, vor allem Candida albicans, können auf der irritierten und geschädigten Haut eine Pilzinfektion, die Bakterien eine Superinfektion verursachen.

Eine junge Frau, Anfang 30, betritt mit einem Kinderwagen die Apotheke und bittet die PTA um Rat, wie sie den wunden Po ihrer kleinen Tochter behandeln soll. Sie erzählt, dass sie bei jedem Wickeln einen Kampf mit ihr austrägt, da die Kleine niemanden an ihren geröteten Po heranlassen will. Die PTA versucht zunächst, mehr über den Hautzustand des Säuglings zu erfahren. Ist der Po nur gerötet oder nässt die Haut bereits? Wie groß ist die zu behandelnde Region? War die Mutter schon beim Kinderarzt? Fragen, die bei dieser ersten »Bestandsaufnahme« hilfreich sein können, enthält der Kasten.

Fragen zur Erfassung der Symptome (Beispiele)

  • Wie alt ist das Kind oder das Baby? Wie groß und wie schwer ist es?
  • Welche Beschwerden hat das Kind? Wie hat sich die Haut verändert?Ist sie rot?
  • Nässen einige Stellen? Sind Pusteln oder Bläschen entstanden?Haben Sie eitrige Stellen bemerkt?
  • Seit wann hat das Kind die Beschwerden?
  • Ist nur der windelbedeckte Gesäßbereich betroffen, der Anus, die Analregion oder auch Leisten und Hüftregion?
  • Haben Sie schon Arzneimittel oder Hautpflegemittel ausprobiert?Wenn ja, hatten Sie Erfolg damit?
  • Welche Windeln benutzen Sie?

Aus Braun/Schulz, Selbstbehandlung, 7.Erg.Lfg. 2006

Grenzen der Selbstmedikation

PTA oder Apotheker sollten nur dann ein Präparat zur Selbstmedikation empfehlen, wenn ein Kinderarzt die Erkrankung diagnostiziert und eventuell ein Arzneimittel empfohlen hat oder wenn die Mutter bereits durch Erfahrung mit älteren Geschwistern die Symptome und Therapie der Windeldermatitis kennt. Ist die Windeldermatitis großflächig oder rezidivierend, hat sie sich bereits auf andere Hautareale ausgedehnt, muss die Mutter einen Kinderarzt aufsuchen. Gleiches gilt bei Fieber über 39°C, bei anhaltendem oder starkem Durchfall oder bei Verdacht auf eine bakterielle Superinfektion. Außerdem muss die Mutter mit dem Kind unbedingt den Kinderarzt konsultieren, wenn die Symptome auf eine Psoriasis, Neurodermitis, auf Störungen des Immunsystems oder eine Nahrungsmittelallergie hinweisen.

Im Gespräch mit der Kundin erfährt die PTA, dass der Analbereich des kleinen Mädchens stark gerötet ist und einige Stellen bereits nässen. Die Kleine ist sechs Monate alt, wiegt 7 kg und wird drei- bis viermal täglich gestillt. Zwischendurch füttert die Mutter Babynahrung aus Gläschen. »Seit zwei Tagen ist der Po so wund. Es ist eher schlimmer als besser geworden«, berichtet die junge Frau. Sie hat keine neuen Cremes oder Salben ausprobiert, sondern zur Pflege die übliche Windelcreme weiterbenutzt.

Erster Hinweis auf die Ursache

Die Mutter erzählt, dass sie am Wochenende bei Freunden zu einem Frühstück eingeladen war. Dort habe sie mehrere Gläser frisch gepressten Orangensaft getrunken. Danach hätten die Beschwerden ihrer Tochter begonnen. »In drei Tagen muss ich mit ihr für die nächste Vorsorgeuntersuchung zum Kinderarzt. Doch so lange wollte ich nicht warten. Sie tut mir so leid, wenn ich sie neu wickeln muss und sie dann so weint.« Die PTA rät der Mutter: »Sprechen Sie bitte beim Besuch des Arztes das Thema noch einmal an.«

Zinkpasten als Mittel der Wahl

Zubereitungen mit Zinkoxid eignen sich gut zur Behandlung der unkomplizierten Windeldermatitis. Je nach Hautzustand stehen Weiche Zinkpaste (Pasta Zinci mollis), Lotio alba, Zinköl oder Talköl zur Auswahl. Das schwerlösliche Zinkoxid deckt den Wundbereich ab und absorbiert Sekret. Darüber hinaus werden aus den Zubereitungen allmählich Zinkionen freigesetzt, die mild adstringierend, entzündungshemmend und schwach desinfizierend wirken. Das Wirkspektrum der Zinkoxid-Zubereitungen umfasst die häufigen Erreger von Hautinfektionen wie Staphylokokken und Streptokokken. Nachgewiesen ist auch ihr günstiger Einfluss auf die Wundheilung. Dieser hängt möglicherweise mit der durch die Zinkionen induzierten Steigerung der Proteinbiosynthese zusammen. Mütter oder Väter müssen Zinkoxid-haltige Cremes mehrmals täglich vorsichtig auf die betroffenen Hautareale auftragen, in der Regel bei jedem Windelwechsel.

Hat der Hefepilz Candida albicans die geschädigte Haut infiziert, sprechen Fachleute von Windelsoor. Dann helfen topische Antimykotika. Manche Zubereitungen enthalten neben dem Antimykotikum noch Zinkoxid.

Das bei Windelsoor am häufigsten angewendete Antimykotikum ist das Nystatin. Der Arzneistoff wird nicht resorbiert und ist lokal gut verträglich. Sein Wirkspektrum umfasst vorrangig Hefepilze; der Wirkmechanismus beruht darauf, dass er die Sterole in den Zellmembranen der Pilze komplex bindet. In der Folge ändert sich die Permeabilität der Membran, Zellplasmabestandteile treten aus, und die Zelle stirbt.

Hautzustand entscheidend

Bei der topischen Anwendung von Nystatin kommt es selten zu einer lokalen Irritation der Haut oder zu einer Kontaktdermatitis, die wahrscheinlich durch die enthaltenen Konservierungsstoffe und nicht durch das Nystatin bedingt ist. Nystatin ist in Pasten, Softpasten, Salben oder Cremes enthalten. Der Hautzustand (nässend oder trocken) entscheidet über die passende Darreichungsform. Bei jedem Windelwechsel sollte die Mutter das Nystatin-haltige Präparat vorsichtig auf die betroffenen Hautpartien auftragen, das heißt drei- bis viermal täglich. Die Therapiedauer beträgt mindestens eine Woche, durchschnittlich zwei bis vier Wochen.

Das Antimykotikum Miconazol gehört zur Gruppe der Azole, die ein breites Wirkspektrum gegen Dermatophyten, Hefen, Schimmelpilze und gram-positive Bakterien besitzen. Azole hemmen die Biosynthese von Ergosterol, einem essenziellen Bestandteil der Zellmembran von Pilzen. Bei der topischen Anwendung kommt es in seltenen Fällen zu Hautirritationen: Die Haut rötet sich und brennt. Miconazol-haltige Zubereitungen müssen die Mütter etwa dreimal täglich bis zum vollständigen Verschwinden der Hautläsionen anwenden; dazu ist im Allgemeinen eine Behandlungsdauer von einer bis drei Wochen notwendig.

Die PTA empfiehlt der Kundin eine weiche Zinkpaste, die sie am besten bei jedem Windelwechsel auftragen soll, also drei- bis viermal täglich. Salbenreste von der vorherigen Anwendung soll sie mit einem warmen Waschlappen oder mit reinem Olivenöl entfernen.

Sobald  sich die Hautsymptome gebessert haben, kann die Mutter die betroffenen Bereiche mit einer Wund- und Heilsalbe bis zur vollständigen Abheilung weiterbehandeln. Je nach Hautzustand sollte sie die Wund- und Heilsalbe ein- bis zweimal täglich auftragen.

Feuchttücher, die es mittlerweile in unendlicher Zahl am Markt gibt, sind bei einer akuten Windeldermatitis nicht zu empfehlen. Häufig reizen sie den Windelbereich zusätzlich oder »brennen« bei der Anwendung.

Da die PTA vermutet, dass der frisch gepresste Orangensaft die Windeldermatitis verursacht haben könnte, empfiehlt sie der Mutter, so lange sie stillt am besten auf diesen zu verzichten. Zusätzlich weist sie die Kundin auf nicht medikamentöse Maßnahmen hin, um die Windeldermatitis schneller »in den Griff« zu bekommen.

Nicht medikamentöse Maßnahmen

Insbesondere bei einer Windeldermatitis müssen die Mütter die Windeln häufiger wechseln, vor allem möglichst rasch nach dem Stuhlgang, die Haut des Säuglings anschließend sorgfältig reinigen und unbedingt moderne Windeln mit Gelkissen benutzen und keine Stoffwindeln. Warmes Wasser mit einem Schuss Olivenöl, Bäder mit Ölzusätzen sowie Kamille- oder Kleiebäder und auch Bäder mit Gerbstoffzusatz können helfen, die angegriffene Haut zu beruhigen oder zu säubern. Zur Hautreinigung sollten nur milde Pflegemittel ohne Farb-, Duft- und Konservierungsstoffe angewendet werden. Alkalische Seifen und eine übertriebene Reinigung reizen die Haut zusätzlich. Fettende Salben oder Puder sind zur Pflege gänzlich ungeeignet. Sie dichten die wunden Stellen ab, verstärken die feuchte Kammer und verschlimmern die Problematik. Das Auftragen einer 20-prozentiger Zinkoxidpaste beim Windelwechsel schützt die empfindliche Haut wie eine Trennschicht vor Stuhl und Urin. Ein Nachteil: Reste sind schwer zu entfernen.

Bei jedem Windelwechsel sollte das Baby eine Weile an der Luft strampeln, damit die gereizte Haut trocknen kann. Kleinkinder sollten so oft wie möglich ohne Windel laufen, denn Luft fördert den Heilungsprozess. Ein Tipp: Den Säugling mit dem Po für circa 10 Minuten in ausreichendem Abstand vor eine Rotlichtlampe legen. Noch ein Hinweis: Auch Muttermilch fördert die Wundheilung. So lange die Mutter den Säugling stillt, können ein paar Tropfen Muttermilch die Hautreizung lindern.

Ursachen einer Windeldermatitis (Beispiele)

  • Infektion durch Candida albicans (Hefepilz)
  • Infektion durch Dermatophyten (Hautpilze)
  • anhaltende Durchfeuchtung oder Aufweichen der Haut, zum Beispiel bei zu seltenem Windelwechsel
  • Durchfall
  • Übertragung von Pilzen, die außerhalb der »Windelregion« Hautinfektionen verursacht haben
  • Kontaktekzem (Kontaktdermatitis)
  • Tragen von Gummihöschen, so dass sich durch das vermehrte Schwitzen die Feuchtigkeit und Wärme, zum Beispiel in der Leistengegend, staut.
  • Reizung durch mechanisches Reiben der Windel
  • Verwendung von Windeln mit Deodorantien oder Geruchsstoffen
  • starkes Schwitzen
  • unzureichende Reinigung und Pflege der Haut, kein gründliches Sauberwischen oder Abtrocknen beim Windelwechsel
  • Nahrungsmittelunverträglichkeit, zum Beispiel durch Obst, Fruchtsäfte oder Milchprodukte
  • Nahrungsumstellung durch Abstillen
  • nach antibiotischer Systemtherapie

Wie sehr der Stuhlgang die zarte Babyhaut reizt, hängt von der Ernährung des Säuglings, beim Stillen auch von der Ernährung der Mutter, ab. Die »Aggressivität« des Stuhls nimmt während der verschiedenen Ernährungsphasen zu: Stillzeit, Beifüttern und Normalkost. Bei Kleinkindern sollten die Mütter deshalb auf Speisen mit scharfen Gewürzen, Zitrusfrüchte wegen des hohen Fruchtsäuregehalts und auch auf Lebensmittel verzichten, die sie als problematisch erkannt haben. Auch Zucker sollten sie meiden, denn er ist der ideale Nährboden für Hefen.

Bei Pilzbefall Süßes meiden

Da die Windeldermatitis häufig mit einem Pilzbefall der Haut einhergeht, ist oft auch der Magen-Darm-Trakt vom Pilz befallen. Daher kann eine »Antipilz-Diät« die topische Therapie ergänzen: Möhren sind beispielsweise geeignet, da ihr Faseranteil hoch ist, zuckerreiche Lebensmittel wie Kekse oder Süßspeisen sollte das Kind nicht essen. Zu den Nahrungsmitteln, die bekannterweise zu einem wunden Popo führen gehören Obst wie Orangen, Johannisbeeren und Erdbeeren, Fruchsäfte und eventuell Milchprodukte wie Jogurt.

Mit zahlreichen Tipps versorgt, verlässt die Mutter mit ihrer kleinen Tochter die Apotheke. Allerdings hat die PTA sie vorher noch einmal daran erinnert, den Kinderarzt aufzusuchen, wenn sich die Hautsymptome innerhalb von ein bis zwei Tagen nicht bessern. Dann muss dieser den Ursachen der Beschwerden auf den Grund gehen. Die unterschiedlichen Auslöser einer Windeldermatitis enthält der Kasten oben.

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andrea(at)gerdemann.info