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Arzneimitteltherapie

Neue Arzneistoffe im Mai 2010

30.04.2010  13:55 Uhr

Arzneimitteltherapie

Neue Arzneistoffe im Mai 2010

von Sven Siebenand

Zwei weitere Therapieoptionen für Leukämie-Patienten kamen im Mai auf den Markt: Ofatumumab und Histamindihydrochlorid. Wie wirken die Neulinge?

Mit Ofatumumab (Arzerra® 100 mg Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung, GSK) gibt es seit Mitte Mai einen neuen monoklonalen Antikörper für Leukämie-Patienten. Zugelassen ist das Mittel für die Behandlung der chronischen lymphatischen Leukämie (CLL), die auf die Wirkstoffe Fludarabin und Alemtuzumab nicht anspricht. CLL ist die häufigste Leukämieform bei Erwachsenen. Die empfohlene Dosis beträgt 300 mg für die erste Infusion und 2000 mg für alle nachfolgenden. Das Behandlungsschema umfasst acht Infusionen im wöchentlichen Abstand, vier bis fünf Wochen später folgen vier weitere Gaben in monatlichen Abständen.

Bei vielen bösartigen B-Zell-Erkrankungen spielt das sogenannte CD20-Molekül eine wichtige Rolle. Ofatumumab ist ein monoklonaler CD20-Antikörper. Durch die Bindung an das Molekül CD-20 wird ein Teil des körpereigenen Immunsystems, das Komplementsystem, verstärkt aktiv und zerstört die bösartigen B-Zellen. Ofatumumab bindet allerdings an einer anderen Stelle als der zweite, derzeit verfügbare CD20-Antikörper Rituximab.

Die Infusion von Ofatumumab kann laut Fachinformation zu Reaktionen führen, die es erforderlich machen, die Behandlung vorübergehend zu unterbrechen oder ganz zu beenden. Dazu zählen Hautausschlag, Nesselsucht, Schmerzen, Fieber, kardiale und anaphylaktoide Ereignisse. Die unerwünschten Wirkungen treten vor allem zu Beginn der Therapie auf und nehmen tendenziell bei den nachfolgenden Infusionen ab. Patienten mit verringerter Lungenfunktion oder mit einer Herzerkrankung muss der Arzt engmaschig überwachen. Um die Reaktionen abzuschwächen, kann der Mediziner dem Patienten zwei Stunden bis 30 Minuten vor der Infusion ein Arzneimittel geben, zum Beispiel ein Antihistaminikum wie Cetirizin, ein Analgetikum wie Paracetamol oder intravenös ein Corticoid wie Prednison.

Klinisch signifikante Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln sind nicht bekannt. Jedoch kann Ofatumumab die Wirksamkeit von Lebend- oder inaktivierten Impfstoffen beeinträchtigen. Die gleichzeitige Gabe ist deshalb zu vermeiden. Schwangere sollten den Antikörper nicht erhalten, es sei denn, der erwartete Nutzen für die Mutter übersteigt das potenzielle Risiko für das Ungeborene. Frauen im gebärfähigen Alter müssen während und bis zu einem Jahr nach der letzten Behandlung mit einer zuverlässigen Methode verhüten. Das Stillen sollten Frauen für die Dauer der Behandlung und noch zwölf Monate danach unterbrechen. In Studien traten unter der Behandlung mit Ofatumumab bei mindestens 10 Prozent der Patienten Infektionen der Atemwege, Hautausschläge sowie Anämie und Neutropenie (Verminderung der neutrophilen Granulozyten im Blut) auf. Derzeit wird untersucht, ob Ofatumumab auch bei weiteren Krebsarten, rheumatoider Arthritis und Multipler Sklerose hilft.

Immunmodulator bei Leukämie

Als zweites Leukämiemittel im Mai ist Histamindihydrochlorid (Ceplene® Injektionslösung, EpiCept) auf den Markt gekommen. Der Wirkstoff wird in Kombination mit Interleukin-2 als Erhaltungstherapie bei erwachsenen Patienten mit akuter myeloischer Leukämie (AML) angewendet. Das Orphan Drug (ein Mittel gegen seltene Krankheiten) wird während der ersten Remission, das heißt während eines Zeitraums ohne Krankheitssymptome nach dem ersten Behandlungszyklus eingesetzt. Die empfohlene Dosis besteht aus einer subkutanen Injektion von zweimal täglich 0,5 mg ein bis drei Minuten nach einer Interleukin-2-Injektion. Histamindihydrochlorid und Interleukin-2 werden über zehn Zyklen angewendet. Bei der erstmaligen Anwendung muss der Arzt Blutdruck, Puls und Lungenfunktion des Patienten überwachen. Je nachdem, wie der Patient auf die Behandlung anspricht und welche Nebenwirkungen auftreten, kann der Arzt die Therapie aussetzen oder die Dosis verändern. Jede Injektion muss langsam über einen Zeitraum von 5 bis 15 Minuten hinweg an einer anderen Stelle als die Interleukin-2-Injektion, vorzugsweise in den Oberschenkel oder in die Bauchdecke, erfolgen. Nach entsprechender Schulung können die Patienten das selbst.

Histamindihydrochlorid ist ein Immunmodulator, das heißt er verändert die Aktivität des Immunsystems. Es wird angenommen, dass der Wirkstoff die Zellen des Immunsystems vor Schäden schützt. Dadurch kann das Arzneimittel Interleukin-2 besser wirken, das das Immunsystem dazu veranlasst, Krebszellen anzugreifen. Die Kombination der beiden Substanzen hilft dem Immunsystem, die Leukämiezellen zu vernichten, die im Körper verblieben sind. Dadurch kann das erneute Auftreten der AML verzögert werden.

Die häufigsten Nebenwirkungen in Studien betreffen das Blutbild: So können die Konzentrationen bestimmter weißer Blutkörperchen erhöht und die der Blutplättchen erniedrigt sein. Die Reihe der häufigen unerwünschten Wirkungen ist lang, dazu gehören Kopfschmerzen, Schwindel, bitterer oder ungewöhnlicher Geschmack im Mund, Herzrasen, niedriger Blutdruck, Husten, Atemnot, Übelkeit, Verdauungsbeschwerden, Diarrhö, Ausschlag, Gelenk- und Muskelschmerzen, Fieber, Schüttelfrost, Müdigkeit, grippeähnliche Symptome, Hitzegefühl und Reaktionen an der Injektionsstelle.

Vorsicht geboten ist bei Patienten mit schweren Nierenproblemen oder mittelschweren bis schweren Leberproblemen. Auch die Anwendung bei Patienten unter 18 Jahren wird nicht empfohlen. Zudem ist die Wirksamkeit bei Patienten über 60 Jahre nicht erwiesen. Histamindihydrochlo-rid darf nicht bei Patienten mit schweren Herzproblemen, bei Schwangeren oder Stillenden zum Einsatz kommen. Gleiches gilt für Patienten, die ein Knochenmarktransplantat von einem Spender erhalten haben oder die Steroide, Clonidin oder Histamin-H2-Blocker wie Cimetidin, Ranitidin oder Famotidin einnehmen.

Histamindihydrochlorid wurde unter »außergewöhnlichen Umständen« zugelassen. Dies bedeutet, dass es aufgrund der Seltenheit der Krankheit bisher nicht möglich war, umfassende Informationen über das Präparat zu erlangen. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) wird jährlich neue Informationen zu dem Arzneimittel prüfen.

Dienogest als Monopräparat

Dienogest ist zwar kein neuer Wirkstoff, seit Mai gibt es jedoch auch ein Monopräparat mit dem Gestagen: Visanne® 2 mg Tabletten (Bayer Schering Pharma). Zugelassen ist das neue Präparat zur Behandlung der Endometriose. Dies ist bei Frauen im gebärfähigen Alter eine häufige Erkrankung: Sie tritt bei etwa 5 bis 10 Prozent aller Frauen in dieser Altersgruppe auf. Zu den typischen Symptomen gehören Unterleibsschmerzen, schwere krampfartige Regelschmerzen (Dysmenorrhoe), Schmerzen beim Geschlechtsverkehr (Dyspareunie) und eingeschränkte Fertilität. Patientinnen nehmen Visanne einmal täglich ein.

E-Mail-Adresse des Verfassers:
siebenand(at)govi.de