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Neue Erkenntnisse

Wie Entschäumer wirken

25.05.2010  10:28 Uhr

Neue Erkenntnisse

Wie Entschäumer wirken

PTA-Forum / Wenn sich Gase im Darm ansammeln, dann in Form eines feinen und relativ stabilen Schaums. Dieser quält Betroffene oft stundenlang mit Schmerzen oder Krämpfen. Bekannt war bislang, dass Entschäumer wie Dimeticon und Simeticon Abhilfe schaffen können. Forscher haben nun den genauen Wirkmechanismus entdeckt.

Unter Schaum verstehen Wissenschaftler die Ansammlung kleiner Gasblasen, die durch hauchdünne Flüssigkeitslamellen voneinander abgetrennt sind. Per se ist er relativ instabil: Er zerfällt über kurz oder lang. Entsteht Schaum jedoch im Darm, ist er verhältnismäßig zäh, da Proteine, Kohlenhydrate und Fette aus der Nahrung die Schaumblasen stabilisieren. Luft sitzt eingeschlossen über Stunden hinweg in den Bläschen, kann daraus weder resorbiert, noch abgeatmet werden oder aus dem Darmausgang entweichen.

Vor kurzem haben Forscher am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Golm/Postdam näher untersucht, wie die Wirkstoffe Dimeticon und Simeticon in dieses System eingreifen und die Schäume auflösen. Sie fanden sogar heraus, dass die Entschäumer eine Zeit lang auch die Neubildung des Schaumes verhindern.

Mit und ohne feste Partikel

Das Europäische Arzneibuch nennt als Entschäumer die zwei Wirkstoffe Simeticon und Dimeticon. Während in Simeticon flüssiges Polydimethylsiloxan-Öl (PDMS) mit festen Siliciumdioxidpartikeln kombiniert ist, besteht Dimeticon lediglich aus dem reinen Öl ohne feste Partikel. Beide Substanzen sind nicht toxisch und sehr gut verträglich.

Die unterschiedliche Zusammensetzung bedingt, dass die Arzneimittel unterschiedlich schnell wirken. Das reine Polydimethylsiloxan-Öl durchdringt nach und nach die Flüssigkeitslamellen im Schaum und drückt die Flüssigkeit zusammen, bis der Druck so groß wird, dass es an die Wasser-Luft-Grenzfläche gelangt. Dort löst das Öl einen schaumzerstörenden Prozess aus: Das Öl spreitet auf der Oberfläche und zieht die darunterliegende Flüssigkeitsschicht mit, bis die Lamelle so ausgedünnt ist, dass sie reißt. Die Blasen platzen. Doch es dauert über mehrere Stunden, bis sich der Schaum vollständig »in Luft« aufgelöst hat.

Enthält ein Entschäumer neben der Ölkomponente auch feste Partikel, beschleunigen diese den Schaumabbau erheblich. Die spitzen Siliciumdioxidpartikel erleichtern dem Öl das Eindringen in die Grenzfläche. Sie dringen tiefer in die wässrige Flüssigkeitsphase ein, bilden Brücken zwischen den Gasphasen aus und ziehen bei der Spreitung des Öls die darunter liegenden Flüssigkeitsschichten deutlich besser mit als das Öl allein. Diesen Vorgang filmten die Forscher in ihren Experimenten sogar mit einer Videokamera.

Die Kombination der festen Siliciumdioxidpartikel mit dem Öl kann jedoch noch mehr bewirken: In den Labor-Testreihen verhinderte sie etwa über 24 Stunden hinweg, dass sich ein neuer stabiler Schaum aufbaut. Damit hat Simeticon nicht bloß schaumzerstörende Eigenschaften, sondern verhindert effektiv eine Schaumneubildung. Wissenschaftler nennen die beiden Effekte Defoaming (Entschäumung) und Antifoaming (Schaumverhütung).

Dass diese Laborversuche nicht nur Theorie sind, sondern sich auch unter Alltagsbedingungen zeigen, belegt eine Anwendungsbeobachtung. Die Studie lief im gesamten Bundesgebiet in 739 Apotheken. Dabei wurden Patienten nach dem Kauf eines von drei Simeticon-Präparaten (Lefax® Kautabletten mit 42 mg, Lefax® extra Kautabletten mit 105 mg oder Lefax® extra Flüssigkeitskapseln mit 125 mg Simeticon) gebeten, Fragebögen auszufüllen. Darin sollten sie Art und Ursache ihrer Beschwerden, ihre Medikation, den Wirkeintritt und den Verlauf protokollieren.

Vorbeugende Wirkung

Insgesamt konnten 1054 Fragebögen ausgewertet werden. Einige Ergebnisse daraus: Als Leitsymptom des Beschwerdekomplexes wurden von 90 Prozent der Patienten Blähungen beziehungsweise »Luft im Bauch« angegeben. Rund die Hälfte der Patienten klagte über krampfartige Bauchschmerzen und ein Drittel über Oberbauchschmerzen. Patienten mit geringen Beschwerden wählten eine vergleichsweise niedrigere Dosierung als Patienten mit starken Beschwerden. Trotzdem gingen bei allen Dosierungen die Symptome rasch zurück: 67 Prozent der Patienten verspürten bereits innerhalb der ersten 30 Minuten nach der Einnahme eine deutliche Besserung. Spätestens nach zweieinhalb Stunden waren alle Patienten von den Beschwerden, auch von krampfartigen Bauchschmerzen nahezu ganz befreit. Kehrten die Probleme innerhalb von 48 Stunden wieder, und die Patienten wiederholten daraufhin die Einnahme innerhalb dieses Zeitraums dreimal, waren die Ausgangswerte für die Beschwerden von Mal zu Mal geringer ausgeprägt. Diese Beobachtung spiegelt den Antifoaming-Effekt des Wirkstoffs wider. Durch die schaumverhütenden Eigenschaften von Simeticon kann sich neuer Schaum nur schwer entwickeln. Den Beschwerden lässt sich also auch vorbeugen.

Was gaben die Studienteilnehmer als Auslöser für ihre Beschwerden an? 61 Prozent der Teilnehmer hielten blähende Speisen für die Ursache ihrer Symptome, 43 Prozent allgemein Ernährungsgewohnheiten, 38 Prozent Stress und 22 Prozent kohlensäurehaltige Getränke. 15 Prozent der Befragten hielten Süßstoffe für die Verursacher. Weitere Teilnehmer nannten als Grund ihrer Probleme funktionelle Verdauungsschwäche, Reizdarm, Nebenwirkungen von Medikamenten, Bewegungsmangel, Laktoseunverträglichkeit, Operationen und Lebensmittelunverträglichkeiten.

Indikationen für Entschäumer

  • funktionelle Beschwerden durch vermehrte Gasansammlung im Magen-Darm-Trakt, was sich äußern kann in Blähungen, Völlegefühl, krampfartige Bauchschmerzen, vorzeitiges Sättigungsgefühl, Oberbauchschmerzen
  • Vorbereitung von abdominalen Ultraschalluntersuchungen oder Röntgenaufnahmen zur Reduzierung von Gasschatten
  • Dreimonatskoliken bei Säuglingen
  • Notfalltherapie bei Spülmittelvergiftungen