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Adipositas

Der lange Weg zum Wunschgewicht

21.04.2011
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Von Christiane Berg, Hamburg / Adipositas macht krank. Ein Leben im »XXL-Format« geht mit körperlichen und psychosozialen Komplikationen einher. Das Wissen um die Zusammenhänge zwischen Psyche, Ernährung und Bewegung ist die Voraussetzung, um dauerhaft sein Gewicht zu senken.

Aufgrund mangelnder Lebenserfahrung sind übergewichtige Kinder und Jugendliche zumeist nicht in der Lage, die tieferen Ursachen ihrer extremen Korpulenz zu erkennen. Kids und Teens müssen jedoch die meisten Sticheleien und Hänseleien ertragen. Das kann so weit gehen, dass Heranwachsende sich weigern, zur Schule zu gehen, und das Haus auch zum gemeinsamen Spiel oder Treffen mit Freunden nicht mehr verlassen.

Komplexe Ursachen

Im Übermaß beleibte Teenager leiden ­besonders unter der gesellschaftlichen Diskriminierung, die durch entwürdigen-de TV-Doku-Soaps wie »Biggest Loser« auch noch geschürt wird. Wer (kindliche) Adipositas auf Undisziplin und individuelles Fehlverhalten zurückführt, denkt zu oberflächlich. Die Gründe liegen tiefer. Falsche Ernährung und mangelnde Bewegung sind nur die Spitze eines gewaltigen Eisberges.

Zu den Entstehungsursachen gehören:

  • konstitutionelle und (epi)genetische Faktoren, das heißt generationsübergreifende Erbanlagen sowie die Ernährungsweise und das Körpergewicht der Mütter in der Schwangerschaft,
  • Negativ-Entwicklungen der Esskultur, insbesondere exzessiver Fast-Food-Konsum mit zunehmenden Portionsgrößen, zu schnelles, hastiges Essen,
  • mangelnde Bewegung durch vorwiegend sitzende Freizeitbeschäftigungen vor Fernsehgeräten, Spielkonsolen und Computern, motorisierter »Transport«,
  • sozioökonomische Aspekte wie geringes Familien-Einkommen, Arbeitslosigkeit, niedriger Bildungsstand,
  • ein negatives Selbstbild durch falsche Erziehung, Übergriffe durch zu dominante und autoritäre Eltern, Trennungserlebnisse, emotionale Vernachlässigung, Missbrauch oder körperliche Gewalt in der Familie.

16 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland leiden unter Übergewicht, 6 Prozent gar unter »Fettleibigkeit«, also Adipositas mit einer übermäßigen Vermehrung des Fettgewebes. In den letzten Jahren beobachten Wissenschaftler eine steigende Tendenz.

Adipositas kann in einem fatalen Teufelskreis enden. Die quälende Leibesfülle geht oft mit Depressionen und Angstzuständen einher. Häufig verstärkt sie das Minderwertigkeitsgefühl. Wer sozial ausgegrenzt wird, steht in der Gefahr, sich selbst noch stärker zu isolieren, immer noch mehr zu essen und damit die Probleme zu potenzieren.

Nicht nur die Seele nimmt Schaden. Schon bei Kindern und Jugendlichen führt Adipositas zu Bluthochdruck, Glucose- und Fettstoffwechselstörungen, orthopädischen Schäden durch Überforderung des Stütz- und Halteapparates, chronischen Entzündungen, Kurzatmigkeit oder auch verstärktem Schwitzen bei körperlicher Anstrengung.

Dickleibige Kinder- und Jugendliche sind in hohem Maße gefährdet, an Diabetes mellitus Typ 2, Gicht, hormonellen Störungen bis hin zur Unfruchtbarkeit, Fett­leber und metabolischem Syndrom zu erkranken. Im fortgeschrittenen Alter sind sie häufiger von Herzinfarkt, Schlaganfall, Krebs oder Demenz betroffen.

Übergewicht ist ansteckend

Gerade Kinder und Jugendliche brauchen Unterstützung. Eltern, Großeltern, Lehrer und Therapeuten sind jedoch oftmals überfordert. Das »schwerwiegende« Pro­blem ­kehren viele gern unter den Tisch. Selbst Ärzte, so Studien, scheuen davor zurück, ihre jungen Patienten auf die Notwendigkeit der Gewichtsreduktion anzusprechen.

Die Mütter und Väter übergewichtiger Kinder sind häufig selbst viel zu dick und ignorieren bereits ihre eigenen Probleme. So schätzen sie auch die Körperfülle ihres Nachwuchses völlig falsch ein. Es geht um ein gravierendes Verdrängungsproblem mit drastischen Folgen für die Gesamtgesundheit der Bevölkerung. Ohne allgemeine Richtungsvorgabe und Motivation wird es zu keiner Verhaltensänderung kommen. Übergewicht ist ansteckend. Studien zeigen, dass vor allem diejenigen extrem dick werden, deren engere Freunde, Geschwister oder (Ehe)partner ebenfalls zu üppig gepolstert sind. Forscher interpretieren die Befunde als »Effekt der unbewussten Verbreitung von Normen und Werten in sozialen Netzwerken«. Lediglich die Studienteilnehmer mit einem höheren Bildungsabschluss seien eher in der Lage gewesen, sich aus diesem Kreis abzugrenzen und (selbst)kritischer zu sehen.

Nach neuen Erkenntnissen trägt auch der steigende Zeit- und Leistungsdruck zur verwickelten Gesamtsituation bei, denn Stress macht »von Haus aus« dick. Nicht zufällig haben Menschen an stressreichen Tagen Heißhunger auf Süßigkeiten. Ständige körperliche und seelische Überlastung führt zu erhöhten Adrenalin- und Cortisol-Spiegeln. Da gleichzeitig der Serotonin-Spiegel sinkt, leidet das Gemüt. Kohlenhydrat- und fettreiche Nahrung lässt den Serotonin-Spiegel im Gehirn und somit die Stimmung wieder steigen.

Wer sich hauptsächlich von Cola, Chips, Schokolade und Pommes rot-weiß ernährt, kann eine »Zucker- und Fett-Sucht« entwickeln. Diese mündet ebenso wie Alkoholmissbrauch in einer Abhängigkeit. Wenn »Koma-Saufen« oder »Stress-Fressen« dazu dienen, die eigene Überforderung zu betäuben, wird der Entzug schwierig, wenn nicht gar unmöglich.

Bewusstsein schärfen

Nicht nur in den USA, auch in Deutschland steige die Zahl Übergewichtiger (BMI über 25) und Adipöser (BMI über 30) seit Jahren, warnt die Deutsche Adipositas-Gesellschaft. Derzeit sind etwa 50 Prozent der erwachsenen Männer und 35 Prozent der Frauen zu schwer, circa 18 Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen adipös. Daher fordert die Adipositas-Gesellschaft auch, die Bevölkerung müsse wesentlich stärker über die mit Fettleibigkeit verbundenen Krankheiten und die Möglichkeiten der Prävention informiert werden. Das Bewusstsein für das Gesundheitsproblem Adipositas müsse dringend geschärft werden. Neben der Ernährungs- und Bewegungstherapie schreibt die Organisation der Ursachenforschung eine besondere Rolle zu.

Hypnose- und Psychotherapie helfen, ein neues Essverhalten zu erlernen und zu stabilisieren. Dabei geben auch Selbsthilfegruppen viel Rückhalt. Ein wichtiges Element der Verhaltenstherapie, vor allem bei Erwachsenen, ist die Aufforderung, das eigene Ess-, Trink- und Bewegungsverhalten in einem Ernährungstagebuch und Bewegungsprotokoll festzuhalten.

Mehr Obst und Gemüse, weniger Zucker, Fett und Fleisch, mehr stilles Wasser: Nach wie vor zählt die gezielte Minderung der Kalorienzufuhr zur Standardtherapie der Adipositas. Eine zu rasche Gewichtsabnahme kann allerdings mit Nebenwirkungen wie einem erhöhten Risiko für Gallensteinerkrankungen einhergehen. Daher sollte sie nur unter ärztlicher Aufsicht erfolgen. Die Gallensteinbildung ist umso häufiger, je schneller und ausgeprägter die Gewichtsabnahme ist. Auch kann sich dabei die Knochendichte verringern. Bei Frauen über dem 50. Lebensjahr, die viel Gewicht verloren hatten, wurde eine erhöhte Rate von Hüftfrakturen festgestellt.

Ausgewogene Mischkost

Kohlenhydratarme Kostformen wie die Atkins-Diät ermöglichen zwar zu Beginn eine rasche Gewichtsabnahme, doch bereits nach zwölf Monaten haben die Atkins-Anhänger nicht mehr Pfunde verloren als Menschen, die sich mit einer ausgewogenen hypokalorischen Mischkost ernährten. Alle Diäten, die auf einer begrenzten Lebensmittelauswahl basieren, sind lediglich für den schnellen Gewichtsverlust, nicht aber für eine langfristige Gewichtsabnahme geeignet.

Sehr niedrigkalorische Nahrung (unter 800 kcal/d) kommt gemäß der S3-Leitlinie »Adipositas« nur für Personen mit einem BMI ≥ 30 in Frage, die aus medizinischen Gründen möglichst schnell abnehmen müssen. Formuladiäten können kurzfristig Mahlzeiten ersetzen. Ihre Anwender müssen sich jedoch stets gleichzeitig auch mehr bewegen. Spätestens nach zwölf Wochen sollte die Umstellung auf eine mäßig hypokalorische Mischkost zur Gewichtserhaltung erfolgen. Adipöse sollten mindestens 2,5 Liter Wasser oder Kräutertees pro Tag trinken. Der Vorteil von Diäten mit niedrigem glykämischen Index (GI) ist nach derzeitiger Datenlage nicht erwiesen. Von extrem einseitigen Diäten und totalem Fasten raten Ernährungswissenschaftler wegen der starken medizinischen Risiken und fehlender Langzeit­erfolge ab.

Wer abnehmen oder sein Gewicht stabilisieren möchte, muss sich gemäß S3-Leitlinie allerdings mindestens fünf Stunden in der Woche körperlich bewegen. Bei nicht ausreichendem Erfolg des Basisprogramms aus Ernährung, Bewegung und Verhaltenstherapie kann eine Pharmakotherapie mit dem Lipaseinhibitor Orlistat angezeigt sein. In niedriger Dosierung ist der Wirkstoff in Deutschland auch rezeptfrei erhältlich. Seit Mai 2010 dürfe er in den USA nicht ohne Beipackzettel mit der Warnung vor schweren Leberschäden abgegeben werden, informiert das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) in seinem Merkblatt »Gesundheitliche Vorteile des Abnehmens«.

Eine Schädigung der Leber durch Orlistat macht sich beispielsweise durch Gelbfärbung der Haut, Juckreiz, auffällig dunklen Urin, hellen Stuhl und Oberbauchbeschwerden bemerkbar. Die Experten des IQWIG empfehlen, bei Auftreten dieser Symptome, das Medikament sofort abzusetzen und den Arzt zu informieren.

Strenge Kriterien bei OP

Gelingt es hoch adipösen Patienten nicht, auf konservative Weise ihr Gewicht zu reduzieren, bleiben als Ausweg nur noch operative Maßnahmen. Dies gilt insbesondere für Patienten mit Adipositas Grad II oder III (BMI ≥ 35 und ≥ 40) oder zusätzlichen schweren chronischen Erkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 2. Bei der Auswahl der Patienten legen die Ärzte allerdings strenge Kriterien an, da die chirurgischen Eingriffe lebensbedrohliche Komplikationen nach sich ziehen können.

In Abhängigkeit von BMI, Risikofaktoren und Erkrankungen gibt es verschiedene operative Verfahren, zum Beispiel die Implantation eines Magenbandes oder Magenbypasses zur Verkleinerung des Verdauungsorgans. Im Anschluss an die Operation können jedoch Wundheilungsstörungen, kardiovaskuläre Probleme, Thrombosen oder auch Lungenembolien auftreten. Daher ist es unbedingt notwendig, dass die Patienten intensiv nachbetreut werden.

Die Effektivität chirurgischer Maßnahmen bei Adipositas ist durch eine Vielzahl klinischer Studien belegt. Je nach Verfahren beträgt die Gewichtsreduktion zwischen 21 bis 38 kg nach Ablauf eines Jahres. In manchen Fällen müssen plastische Chirurgen überschüssige Haut entfernen, vor allem wenn sich in den Hautfalten ständig Infektionen bilden.

Fettabsaugung (Liposuktion) ist ein Verfahren der plastischen Chirurgie zur Entfernung überschüssiger lokaler Fettdepots an Bauch, Hüfte und Po. Sie dient nicht der Gewichtsreduktion, sondern allenfalls der Korrektur einer ungünstigen Fettverteilung. Experten warnen, es handele sich dabei um eine aufwendige, mit großen Risiken behaftete Operation. Angesichts immer wieder auftretender, auch in der Presse beschriebener ernster Zwischenfälle raten seriöse Chirurgen fast immer von einer Liposuktion ab.

Rituale für Kinder schaffen

Magenbänder oder -bypässe sind bei älteren Jugendlichen bisher lediglich in ausgewählten Fällen extremer Adipositas zum Einsatz gekommen. Hingegen sind sich die Wissenschaftler einig, dass übergewichtigen Kindern und Jugendlichen auf jeden Fall der Zugang zu multidisziplinären Therapieprogrammen ermöglicht werden muss, gegebenenfalls auch stationär.

Das Adipositas-Rehazentrum »Insula« in Bischofswiesen bietet im deutschen Sprachraum eine einzigartige Adipositas-Langzeittherapie an. Hochgradig adipöse Jugendliche und junge Erwachsene mit hoher Eigenmotivation werden über zwei bis neun Monate dort aufgenommen und lernen neue Ernährungs-, Sport- und Freizeitgewohnheiten kennen. Seit dem Sommer 2010 ist bei Insula für Adipöse mit einem BMI von 30 bis 35 auch eine stationäre Kurzzeittherapie über vier bis acht Wochen möglich.

Ob stationär oder ambulant: Die Adipositas-Therapie bedarf insbesondere bei Kindern und Jugendlichen stets der ärztlichen Betreuung. Von Fall zu Fall entwickeln die Betroffenen eine neue Essstörung oder orthopädische Komplikationen. Die Aus­einandersetzung mit den Ursachen ihrer Fettleibigkeit kann außerdem dazu führen, dass sie psychisch labil werden.

Keine Fastenkuren

Bei Kindern gelten Formuladiäten und andere modifizierte proteinsparende oder hypokalorische Kostformen mit sehr niedriger Energiezufuhr von 800 bis 1200 kcal pro Tag als ungeeignet. Starre Diätpläne, totales Fasten sowie Heilfasten und andere extreme Fastenkuren gefährden die ­altersgemäße Nährstoffzufuhr und das notwendige Wachstum.

»Loben, leben (lassen), lieben, laben« heißt vielmehr die Zauberformel auf dem langen Weg zum Ich. Auch Elternschulung, das heißt integrierte Elternarbeit, gilt als das Nonplusultra bei dem Versuch, das Idealgewicht zu erlangen. Mütter und Väter müssen lernen, die Bemühungen ihres Kindes durch positives Feedback zu unterstützen. Ebenso nützlich im Kampf gegen die erdrückenden Pfunde sind Rhythmen und Rituale und feste gemeinsame Essenszeiten mit drei Haupt- und zwei Zwischenmahlzeiten pro Tag. Ein kompletter Verzicht auf Süßes wird aus psychologischen Gründen nicht empfohlen.

Prägung schon im Mutterleib

Effektive Prävention von Übergewicht beginnt im Mutterleib. Ernährungsweise und Körpergewicht der werdenden Mutter haben großen Einfluss auf das Geburtsgewicht des Kindes und die mögliche Entstehung von Adipositas. Forscher an der Charité Berlin sprechen von einer »perinatalen Programmierung«, die zukunftsweisend für die Funktionsweise von Organen und Organsystemen des Föten ist.

Idealerweise sollten Frauen in eine Schwangerschaft mit Normalgewicht starten, das heißt etwaiges Übergewicht rechtzeitig abbauen. Während der Schwangerschaft ist eine Diät tabu. Doch raten Mediziner werdenden Müttern, keinesfalls für zwei zu essen, damit das Kind nicht auf einen hohen Nährstoffbedarf programmiert wird. Föten, so Adipositas-Forscher, ziehen Nährstoffe, die sie in der Gebärmutter kennengelernt haben, im späteren Leben vor. Der Lebensstil der Mutter prägt also die Ernährungsvorlieben des Ungeborenen. Nicht nur die ersten drei Jahre, sondern schon die ersten neun Monate im Mutterleib entscheiden somit über das weitere Leben. /

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chris-berg(at)t-online.de