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Stürze im Alter

Gefahren erkennen und beseitigen

21.04.2011
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Von Brigitte M. Gensthaler / Ältere Menschen brechen sich bei einem Sturz oftmals die Knochen. Viele büßen danach langfristig ihre Selbstständigkeit ein. Wer Sturzrisiken kennt und erkennt, kann vorbeugen.

Mit dem Alter steigt das Sturzrisiko: Mehr als 30 Prozent der über 65-Jährigen und 40 Prozent der über 80-Jährigen fallen einmal pro Jahr in ihrer eigenen Wohnung. In Heimen stürzt sogar ein Drittel der Bewohner mehrmals im Jahr, vor allem nachts oder früh morgens auf dem Weg zur Toilette. Meist fallen sie auf die Seite und sind dabei nicht bewusstlos.

Statistisch gesehen hat jeder zehnte Sturz schwere Folgen; oft werden die Patienten mit Knochenbrüchen oder inneren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert. Typisch sind Brüche der Unterarm- oder Hüftknochen sowie des Oberschenkelhalses. Da die meisten Verunglückten alleine nicht mehr aufstehen können, müssen sie mitunter stundenlang auf Hilfe warten. Operation und Narkose, längere Bettruhe und Bewegungsmangel, Schmerzen und die fremde Umgebung schwächen alte Menschen noch zusätzlich. Zudem steigt das Risiko, dass sie an einer Infektion, zum Beispiel einer Lungenentzündung, erkranken.

Wie gefährlich Stürze sein können, zeigt eine amerikanische Studie: Etwa 25 Prozent der Patienten starben innerhalb eines Jahres nach einer Hüftfraktur. 40 Prozent werden aus dem Krankenhaus direkt in ein Pflegeheim eingewiesen. Wenn hoch betagte Menschen stürzen, hat dies immer auch psychische Folgen. Die meisten haben große Angst, erneut zu fallen. Bei manchen ist dies so ausgeprägt, dass sie sich kaum noch bewegen oder sogar depressiv werden. Der englische Begriff »post-fall syndrome« beschreibt die ausgeprägte Sturzangst, die zur Einschränkung aller Aktivitäten, zu Rückzug und Isolation und letztlich zur Abhängigkeit des Seniors von fremder Hilfe führt.

(K)ein echter Sturz

Bemerken PTA oder Apotheker, dass ein älterer Kunde immer gebrechlicher wird, können sie ihm Maßnahmen empfehlen, um Stürzen vorzubeugen. »Fragen Sie: Sind Sie fast schon mal gestürzt?«, empfahl Dr. Markus Rupprecht vom Bethesda-Krankenhaus in Stuttgart bei einer Weiterbildungsveranstaltung. Viele Menschen meinen, es handele sich nicht um einen »echten« Sturz, wenn sie beispielsweise vom Bettrand auf den Boden rutschen. Doch laut Definition ist damit jedes plötzliche unbeabsichtigte und unkontrollierte Herunterfallen oder -gleiten des Körpers aus dem Liegen, Sitzen oder Stehen auf eine tiefere Ebene gemeint.

Außerdem seien die Wohnungen mancher Senioren so beengt, dass sie sich überall festhalten können und daher nicht zu Boden fallen, berichtete der Geriater. Meist kommen viele Faktoren zusammen: Gebrechlichkeit, chronische Krankheiten, Arzneimittel, die das Sturzrisiko erhöhen, sowie Stolperfallen in der Wohnung – daher sprechen Ärzte von einem multifaktoriellen Geschehen.

Blick ins Detail

Ältere Menschen müssen damit zurechtkommen, dass ihre allgemeine Fitness immer mehr abnimmt. So wird ihr Gang unsicherer, sie gehen gebückt, schlurfen oder machen kleine unregelmäßige Schritte und haben Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Viele sehen und hören schlecht und können beispielsweise Hindernisse auf dem Weg oder die Höhe von Treppenstufen nicht mehr richtig erkennen oder abschätzen. Bei Mangel- und Unterernährung und abnehmender Muskelmasse fehlt ihnen zudem die Kraft für größere Schritte oder eine schnelle Reaktion beim Stolpern.

Auch chronische Krankheiten wie Morbus Parkinson, Hüft- oder Kniegelenksarthrose, Fußfehlstellungen und Demenz erhöhen das Risiko zu fallen. Nach einem Schlaganfall steigt die Sturzgefahr ebenfalls erheblich, da die Patienten ihren Körper schlechter wahrnehmen, erklärte Rupprecht.

Gleiches gilt für Menschen mit Polyneuropathie; diese Erkrankung der peripheren Nerven ist häufig die Folge eines langjährigen Diabetes mellitus. Ebenso erhöhen Angststörungen, Depressionen und Alkoholmissbrauch das Sturzrisiko.

Ein häufiges Problem sind Schwindelanfälle, über die etwa 30 Prozent der älteren Menschen klagen. Elektrolytstörungen und Dehydratation begünstigen Schwächegefühl und Schwindelattacken. Eine kurze Bewusstlosigkeit (Synkope) oder ein epileptischer Anfall seien dagegen eher selten, so Rupprecht.

Blick auf die Medikation

Bei der Suche nach Sturzrisiken sollten PTA und Apotheker immer auf die Medikation achten. Bestimmte Medikamentengruppen gelten in diesem Zusammenhang als besonders kritisch. Dazu zählen alle Substanzen, die das zentrale Nervensystem und damit das Bewusstsein beeinflussen.

Studien zeigten, dass vor allem Beruhigungs- und Schlafmittel, Neuroleptika und Antidepressiva mit einem erhöhten Sturzrisiko verbunden sind. Paradebeispiele sind Benzodiazepine und die „Z-Substanzen“ (Zolpidem, Zopiclon und Zaleplon). Auch stark wirksame Schmerzmittel (Opioidanalgetika), trizyklische Antidepressiva wie Amitriptylin und sedierend wirkende Antipsychotika wie Promethazin oder Thioridazin bergen dieses Risiko. Das Antidepressivum Mirtazapin wird oft wegen seiner sedierenden Begleiteffekte eingesetzt. Muskelrelaxantien wie Baclofen und Tetrazepam verringern die Muskelspannung und können ebenfalls Stürze begünstigen.

Senken Antihypertensiva und Diuretika den Blutdruck zu schnell oder zu stark, drohen Schwindel und Regulationsstörungen, zum Beispiel beim Aufstehen. Bei Diuretika ist der Einnahmezeitpunkt wichtig. Hier ist die Empfehlung, das Arzneimittel nicht abends einzunehmen, um dem Senior zusätzliche nächtliche Gänge zur Toilette zu ersparen.

In der Selbstmedikation sollten PTA oder Apotheker daran denken, dass vor allem die Antihistaminika der ersten Generation müde machen. Statistisch gesehen steigt die Sturzneigung, wenn ein Patient mehr als vier Medikamente einnimmt. Vermuten PTA oder Apotheker, dass die individuelle Medikation das Sturzrisiko erhöht, sollten sie den Patienten darüber informieren. Wenn er einverstanden ist, kann auch ein Gespräch mit dem Arzt hilfreich sein.

Trainieren, trinken, therapieren

Stürze lassen sich nie ganz verhindern. Aber es lohnt sich, möglichst viele Risiken zu beseitigen oder zu verringern. In der Summe kann dies viele Stürze verhindern. Neben der Umstellung der Arzneimitteltherapie ist es von großer Bedeutung, dass Senioren ihre Beweglichkeit, Muskelkraft und ihr Gleichgewicht trainieren. Das stärkt zudem das Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Hier können PTA oder Apotheker auf Seniorensportgruppen hinweisen, die altersgerechte Trainingsmöglichkeiten bieten. Manche Fitnessstudios haben die Zielgruppe bereits entdeckt. Auch Gebrechliche und Hochbetagte sollen sich möglichst viel bewegen, um ihre Fähigkeiten zu erhalten. Sie können beispielsweise im Sitzen trainieren – Stichwort Hockergymnastik.

Wichtig ist eine gute Ernährung, denn viele Senioren sind mangel- oder unterernährt. Gegebenenfalls können hochkalorische Zusatznahrung (»Trinknahrung«) oder Riegel die Kost bereichern. Reichliches Trinken sorgt für einen klaren Kopf. Nur vermeintlich banal ist der Tipp: immer die Brille aufsetzen und das Hörgerät tragen.

Aktiv sein und bleiben

Wertvolle Informationen zu Sturz- ursachen und -prävention, Gleichgewichts- und Krafttraining für Senioren sowie Tipps zur Wohnungsgestaltung und zu Hüftprotektoren gibt die Initiative »Aktiv in jedem Alter« (www.aktivinjedemalter.de). Mit ­einem Selbsttest kann jeder herausfinden, wie fit er im Alltag und wie gut seine Muskelkraft ist.

Zwar schützen kleine Fettpölsterchen das Skelett, doch Hüftprotektoren sind ebenfalls wirksam. Diese Schutzschalen oder -polster werden eingenäht in einer Hose getragen. Es gibt auch Modelle für Patienten mit Harndrang oder -inkontinenz, die den Toilettengang leichter ermöglichen. Die Schalen mildern den Aufprall und verteilen den Stoß auf das umliegende Gewebe. Damit mindern sie die bei einem Sturz auf den Schenkelhals oder die Hüftknochen einwirkende Kraft, weshalb das Bruchrisiko erheblich sinkt.

Ob Stürze zu einem Knochenbruch führen, hängt wesentlich von der Knochenqualität ab. Daher gehören Prävention und Therapie der Osteoporose, zum Beispiel mit Bisphosphonaten, zu den wichtigen Maßnahmen. Calcium und Vitamin D gehören zum Basisprogramm. Das Vitamin verbessert nachweislich Muskelkraft und -funktion und reduziert das Sturzrisiko deutlich. Fachleute empfehlen daher allen Osteoporose-Patienten, täglich 800 bis 2000 Einheiten Vitamin D3 zuzuführen.

Ältere Menschen und ihre Angehörigen sollten die Wohnung auch auf Stolperfallen überprüfen. Liegt irgendwo ein Teppich, Bett- oder Badvorleger, der Falten wirft oder leicht wegrutscht? Verlaufen Kabel durch den Raum oder sind die Böden glatt und rutschig?

Gefahrenquelle Stolperschwelle

Aufräumen ist angesagt, wenn wackeliges oder ungünstig aufgestelltes Mobiliar Wege einengt. Helle, aber nicht blendende Beleuchtung, stabile Handläufe an Treppen und eine Badematte in der Duschwanne geben Sicherheit. Gleiches gilt für gut sitzende geschlossene Schuhe – statt Pantoffeln oder Schlappen. Nachts sollte ein kleines Licht den Weg zur Toilette weisen. Häufig benutzte Gegenstände wie Essgeschirr, Seife, Hygiene- und Inkontinenzartikel sollten in Haushalt und Bad leicht erreichbar sein. Rollstühle und Rollatoren sollten regelmäßig überprüft werden. /

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