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Getreide lindert Hautleiden

Haferstroh

21.04.2011  14:36 Uhr
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Von Monika Schulte-Löbbert / »Lebe glücklich, lebe froh, wie der Mops im Haferstroh.« Dieser Spruch schmückt Poesiealben und enthält wie viele Volksweisheiten ein Körnchen Wahrheit. Über Jahrhunderte ernährten sich Mensch und Tier vor allem von Hafer. Heute sind Haferprodukte Teil mancher Schon- oder Diätkost und dienen als Badezusatz zur Linderung von Hauterkrankungen.

Der Echte Hafer oder Saathafer (Avena sativa L.) ist ein Getreide aus der Familie der Süßgräser (Poaceae). Der botanische Name »Avena« geht auf das aus dem Sanskrit stammende »avi« für »Schaf« zurück, da dieses Getreide den Schafen als Nahrung diente. Einen ähnlichen Bezug hat auch der deutsche Name »Hafer«, der sich vom niederdeutschen »haver« für »Bock« ableitet. Das lateinische »sativus« bedeutet »angepflanzt, gesät« und bezeichnet Pflanzenarten, die schon sehr früh kultiviert wurden.

Die Gattung Avena umfasst etwa 35 Arten und bevorzugt kühle, gemäßigte Zonen mit regelmäßigem Regen. Saathafer wird heute weltweit kultiviert. Vermutlich ist die Pflanze als Wildgras mit der Gerste aus Vorderasien nach Europa gelangt. Hier wurde sie bereits in der Bronzezeit um 2000 v. Chr. von den Germanen und Kelten angebaut. Als frühester Beleg für den Haferanbau gelten Funde aus Ausgrabungen bronzezeitlicher Pfahlbausiedlungen in der Schweiz.

Da der Hafer den Germanen als Hauptnahrungsmittel diente, wurden sie von den Römern verächtlich als »Haferfresser« bezeichnet. Die Römer verwandten Hafer nur als Tierfutter. Einige deutsche Familiennamen weisen auf die frühere Bedeutung des Hafers hin, zum Beispiel die Namen Haferkamp oder Haverkate. Seinen größten Siegeszug erlebte das Getreide allerdings in Britannien. Noch heute lieben die Briten ihr Porridge, eine Hafergrütze, als nahrhaftes Frühstück.

Charakteristisches Getreide

Avena sativa ist ein hell- bis blaugrünes, einjähriges Gras. Auf dem Feld können auch Laien Hafer sehr leicht von Roggen, Gerste oder Weizen unterscheiden, da seine Körner nicht dicht an dicht in einer Ähre, sondern locker an kleinen Stielen in einer Rispe wachsen. Die etwa ein Meter hohen Halme sind kahl und glatt. Die lineal-lanzettlichen Blätter umschließen mit ihrer Blattscheide die Stängel. Zur Blütezeit im Juni und Juli neigen sich die 15 bis 30 Zentimeter langen Rispen sanft nach unten. An der Spitze tragen die Rispen Ähren mit zwei bis drei grünen Blüten, aus denen sich die Früchte entwickeln. Hafer ist ein Selbstbestäuber. Die spindelförmigen Haferkörner sind bei der Reife von jeweils zwei sich überlappenden Hüll­spelzen bedeckt. Diese kurz begrannten Spelzen sind fest mit dem Korn verwachsen. Nur beim sogenannten Nackthafer, einer relativ jungen Züchtung, löst sich das Korn leicht von den Spelzen.

Stroh zum Baden

Therapeutisch verwendet werden die Haferfrüchte (Avenae fructus), das Haferkraut (Avenae herba) und das Haferstroh (Avenae stramentum). Die Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamts hat alle drei Drogen monographiert, aber nur Haferstroh positiv bewertet. Die Experten empfehlen Haferstroh zur äußerlichen Anwendung bei entzündlichen Hauterkrankungen, die mit Juckreiz einhergehen, da nur für diese Indikation die Wirkung belegt ist. Die Droge stammt vorwiegend aus mitteleuropäischem Anbau.

Haferstroh besteht aus den getrockneten, gedroschenen Laubblättern und Stängeln von Avena sativa L., die kurz vor der Vollblüte geerntet werden. Avenae stramentum enthält Pektine, Oligo- und Polysaccharide, Saponine, Calcium und reichlich Kieselsäure. An der Heilwirkung auf die Haut sind alle Inhaltsstoffe beteiligt. Für die Zubereitung eines Vollbades werden 100 Gramm zerkleinertes Haferstroh mit drei Litern Wasser 20 Minuten gekocht. Die Abkochung wird durch ein Sieb direkt dem warm temperierten Badewasser zugefügt. Der Patient sollte höchstens zweimal wöchentlich und maximal 15 Minuten darin baden. Patienten mit Herzinsuffizienz oder Bluthochdruck sollten prinzipiell keine Badetherapie mit Haferstroh durchführen.

Kraut zum Trinken

Haferkraut besteht aus den grünen, rasch getrockneten, zur Blütezeit geernteten, oberirdischen Teilen von Avena sativa L. Teeaufgüsse sollen bei nervöser Erschöpfung und Schlaflosigkeit, bei Rheuma und als Durchspülungstherapie bei Stein- und Nierenleiden helfen. Grüner Hafertee soll den Harnsäurespiegel im Blut senken und die Ausscheidung der Harnsäure über die Nieren steigern. Die Wirksamkeit ist jedoch nicht belegt. Traditionell angewendet wird zum Beispiel das Fertigarzneimittel »Vollmers präparierter ­grüner Hafertee N«, der neben Brennnesselkraut und Alpenfrauenmantelkraut überwiegend Haferkraut enthält. Der Tee soll die Ausscheidung der Niere unterstützen.

In zahlreichen homöopathischen Kombinationspräparaten dient Avena sativa als Sedativum bei Einschlafstörungen und nervösen Beschwerden wie in Avena sativa comp. Streukügelchen, die schon Säuglingen abends vor dem Schlafen gegeben werden können. Die Homöopathie verwendet die frischen, zur Blütezeit gesammelten oberirdischen Teile von Avena sativa L. Da Homöopathen Avena sativa meist als Urtinktur oder in sehr niedrigen Potenzen empfehlen, entspricht die Wirkung eher einem Phytopharmakon und nicht einem typischen homöopathischen Mittel.

Früchte zum Essen

Haferfrüchte bestehen aus den reifen, getrockneten Früchten von Avena sativa L. Allein durch Dreschen lassen sich die mit dem Korn verwachsenen Spelzen nicht trennen. Zur Gewinnung der Körner, des Rollhafers, müssen daher besondere technische Verfahren eingesetzt werden. Das so gewonnene Korn wird entweder für Grütze grob geschrotet oder in einem Flockierwalzwerk zu Haferflocken gequetscht. Zur Herstellung der Haferkleie werden die Randschichten der entspelzten Früchte verwendet.

Traditionell werden Zubereitungen aus Haferfrüchten als Stärkungsmittel, bei Magen- und Darm-Erkrankungen (Haferschleim) und als Diät- und Babykost eingesetzt. Haferkörner enthalten 50 bis 60 Prozent Stärke, Ballaststoffe in Form löslicher Polysaccharide, leicht verdauliche Proteine und Fette, Mineralstoffe und Spurenelemente sowie Vitamine der B-Gruppe. Die dem Korn nachgesagten Cholesterol, Blutzucker und Blutdruck senkenden Eigenschaften sind nicht belegt, obwohl Studien solche positiven Effekte ergaben. Meist ernährten sich die Probanden allerdings gleichzeitig kalorienarm.

Auch die Volksmedizin schätzt Avena sativa. Umschläge aus Haferkörnern und Lorbeer sollen bei Insektenstichen und unreiner Haut helfen, ein Hafertrank soll die Nerven stärken und eine Abkochung von Haferstroh mit Kandiszucker oder Honig Husten lindern.

Über Jahrhunderte ernährten sich die Menschen von Hafergrütze. Daher gehörte das Getreide bis ins 18. Jahrhundert zu den am meisten verzehrten Nahrungsmitteln, besonders bei den Bewohnern der Mittelgebirge. Erst durch die Einführung der Kartoffel aus den Ländern der »Neuen Welt« verlor der Hafer nach und nach an Bedeutung. Aufgrund des recht geringen Glutengehalts eignete er sich nicht zum Backen. Als die Preise für Roggen und Weizen sanken, verdrängte das Brot schließlich den beliebten Haferbrei. Auch die zunehmende Motorisierung senkte die Nachfrage nach Hafer, denn sie machte die Zugpferde als Haferkonsumenten mehr und mehr überflüssig. Heute hat der Haferanbau in Deutschland im Vergleich zu anderen Getreidearten kaum noch Bedeutung. Nur in wenigen Gegenden ist er noch anzutreffen, da Hafer auch bei schlechteren Bodenverhältnissen gute Erträge liefert. Obwohl Hafer unter Ernährungsgesichtspunkten in Mitteleuropa die hochwertigste Getreideart ist, wird in Deutschland aus einem Großteil der Ernte Tierfutter hergestellt. Ähnlich wie dem Dinkel verhalf auch dem Hafer die Naturkost-Bewegung zu einem Comeback. Da der Hafer von vielen Getreidekrankheiten nicht betroffen ist, wird er zunehmend in der Bio-Landwirtschaft angebaut. Haferkörner werden zu Flocken, Grütze, Mehl, Kleie oder Knusperprodukten verarbeitet.

Rezept für Originalporridge

4 gehäufte Esslöffel zartschmelzende Haferflocken mit 250 ml Milch und einer Prise Salz kurz aufkochen. Von der Herdplatte nehmen und zugedeckt 3 bis 4 Min. abkühlen lassen.

Variante süß: mit Honig oder Zucker und Zimt verfeinern

fruchtig: mit frischen Beeren, Apfelstücken oder Apfelmus servieren

deftig: mit 250 ml Gemüsebrühe anstelle von Milch und Salz zubereiten

Hafer ist ein wichtiger Bestandteil einer ausgewogenen und gesunden Ernährung. In Flockenform findet er sich in oder auf Mehrkornbrot und -brötchen. Großkernige Flocken sind Hauptbestandteil vieler Müslimischungen. Die feinblättrigen Schmelzflocken eignen sich als Zutat für Gebäck oder Aufläufe und sind als Babykost beliebt. Eine Alternative zu Kuhmilch und Sahne bieten Hafermilch und Hafersahne. Dazu werden Haferkörner mit Wasser zusammen vermahlen, unter Zusatz von Enzymen fermentiert und schließlich homogenisiert. Eine echte Rarität ist aus Hafer gebrannter Whisky.

Und was steckt eigentlich hinter dem Spruch: »Dich hat wohl der Hafer gestochen?« Der Hafer war immer ein beliebtes Pferdefutter. Da Hafer ein guter Energielieferant ist, wird ein Pferd, das zu viel Hafer frisst, bewegungsfreudig und übermütig. Manche Pferde jagen dann wie kopflos über die Koppel. Dieses Bild trifft auch auf Menschen zu, die mit ihrer Rastlosigkeit andere ganz nervös machen. /

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