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Arzneimitteltherapie

Neue Arzneistoffe im April 2011

21.04.2011
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Von Sven Siebenand / Nach einigen Wochen Pause sind nun zwei neue Wirkstoffe des Jahres 2011 auf dem deutschen Arzneimittelmarkt verfügbar. Besonderes Augenmerk gilt dabei dem ersten oralen Multiple-Sklerose-Mittel Fingolimod. Der zweite Neuling, Cabazitaxel, kommt beim Prostatakarzinom zum Einsatz.

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die in Deutschland mehr als 120 000 Menschen betrifft. Meist verläuft sie schubförmig und betrifft Frauen zwei- bis dreimal häufiger als Männer. Ab den 1990er-Jahren verbesserten Beta-Interferone und Glatirameracetat als Basistherapeutika die MS-Therapie deutlich, vor allem wenn die Behandlung möglichst früh begonnen wird.

Allerdings erfordert die Langzeitbehandlung mit Injektionen und Nebenwirkungen immer wieder eine hohe Motivation und Compliance der Patienten. Seit Mitte März ist das erste peroral verfügbare MS-Medikament zugelassen: Fingolimod (Gilenya® 0,5 mg Hartkapseln, Novartis Pharma).

Neue Wirkstoffklasse

Der Wirkstoff ist nicht nur das erste orale MS-Medikament in Deutschland, sondern auch der erste Vertreter einer neuen Arzneistoffklasse mit immunmodulierendem Wirkmechanismus. Als sogenannter Sphingosin-1-Phosphat-Rezeptormodulator hält Fingolimod Lymphozyten in den Lymphknoten zurück und reduziert dadurch die Anzahl der für MS verantwortlichen autoaggressiven Lymphozyten im Blut. So erreichen weniger Entzündungszellen das Gehirn, und die neuronale Zerstörung wird verringert. Nach Absetzen des Medikamentes ist die Immunkompetenz des Patienten in etwa vier bis sechs Wochen wieder wie vor der Behandlung.

Fingolimod erhielt die Zulassung für die Therapie von Patienten mit hoher Krankheitsaktivität trotz Behandlung mit Interferon beta und von Patienten mit rasch fortschreitender schwerer schubförmig-remittierender MS. Die Patienten sollen täglich eine Kapsel mit 0,5 mg Wirkstoff unabhängig von den Mahlzeiten einnehmen. Ärzte können ihre Patienten, die bisher Interferon beta oder Glatirameracetat erhielten, in der Regel direkt auf das orale Medikament umstellen. Das geht nach Gabe des Antikörpers Natalizumab nicht so einfach. In diesem Fall müssen sie eine längere Wartezeit einplanen.

Als Nebenwirkungen wurden in Studien sehr häufig Kopfschmerzen, Husten, Grippeinfektionen, Durchfall, Rückenschmerzen und der Anstieg von Leberenzymen beobachtet. Patienten mit einem erhöhten Infektionsrisiko aufgrund eines geschwächten Immunsystems dürfen kein Fingolimod erhalten. Gleiches gilt für Patienten mit bestehender Infektion oder einer chronischen Infektion wie Hepatitis. Patienten mit schweren Leberfunktionsstörungen sollten generell nicht mit dem Immunmodulator behandelt werden, ebenso sieht es bei Krebspatienten aus, als einzige Ausnahme gelten Patienten mit Basalzellkarzinom der Haut. Frauen dürfen während der Behandlung mit Fingolimod und bis zwei Monate nach dessen Absetzen nicht schwanger werden. Daher muss vor Therapiebeginn bei Frauen im gebärfähigen Alter durch einen Test eine Schwangerschaft ausgeschlossen sein.

Laut Fachinformation trat bei 0,4 Prozent der mit 0,5 mg Fingolimod behandelten Patienten ein Makulaödem auf, welches überwiegend in den ersten drei bis vier Behandlungsmonaten diagnostiziert wurde. Aus diesem Grund sollten die Patienten drei bis vier Monate nach Start der Therapie einen Augenarzt aufsuchen. Da der neue Wirkstoff möglicherweise die Wirksamkeit von Impfungen beeinträchtigt, sollten sich die Patienten frühestens zwei Monate nach Ende der Behandlung impfen lassen. Aufgrund des Infektionsrisikos sollten Patienten besser keine Lebendimpfstoffe erhalten. Bei der Einnahme anderer Medikamente ist dann Vorsicht angebracht, wenn Fingolimod mit CYP3A4-Hemmern kombiniert werden soll.

Neues Taxan zugelassen

Prostatakrebs ist nach Lungenkrebs weltweit die zweithäufigste Krebsart bei Männern, in der westlichen Welt steht er sogar an erster Stelle. Auch bei den krebsbedingten Todesfällen steht Prostatakrebs weit oben in der Rangliste: In Europa ist er die dritthäufigste Todesursache.

Sowohl in den USA als auch in Europa empfehlen die Fachgesellschaften in den klinischen Leitlinien Docetaxel/Prednison als Standardtherapie für die Erstlinienbehandlung des metastasierten hormonrefraktären Prostatakarzinoms. Was tun, wenn erkrankte Männer nicht mehr auf diese Behandlung ansprechen?

Mit Cabazitaxel (Jevtana® 60 mg Konzentrat und Lösungsmittel zur Herstellung einer Infusionslösung, Sanofi-Aventis) ist seit Mitte April ein neuer Wirkstoff in Kombination mit Prednison oder Prednisolon zur Zweitlinienbehandlung zugelassen.

Cabazitaxel gehört wie Docetaxel zu den Taxanen und hemmt die Zellteilung und Vermehrung von Tumorzellen, indem es an Tubulin bindet und dieses stabilisiert. Das Protein Tubulin hält in den Mikrotubuli die Form der Zellen aufrecht. Weil der neue Arzneistoff die Krebszellen auf diese Weise daran hindert, ihr inneres Zellgerüst abzubauen, können sie sich nicht mehr teilen und vermehren. Leider wirkt Cabazitaxel nicht ausschließlich in Krebszellen, sondern unter anderem auch in Blut- und Nervenzellen. Als Nebenwirkungen wurden in Studien daher zum Beispiel sehr häufig Anämien und Neutropenien sowie Durchfall, Übelkeit und Erbrechen beobachtet.

Diagnostikum mit Stresspotenzial

Mit Regadenoson (Rapiscan® 400 μg Injektionslösung, Rapidscan Pharma Solutions) kam Mitte April zusätzlich ein neues Diagnostikum auf den Markt. Regadenoson erhielt die Zulassung für die sogenannte Myokardperfusionsaufnahme mit Radionukliden. Mit dieser bildgebenden Herzuntersuchung testen Mediziner die Durchblutung des Herzmuskels. Als Adenosinrezeptor-Agonist bindet der neue Arzneistoff an Rezeptoren in den Wänden der Herzblutgefäße. Dadurch erweitern sich diese, und der Herzmuskel wird besser durchblutet, sodass der Arzt das Herz während der Untersuchung besser beobachten kann. Man könnte den Wirkstoff somit als pharmakologischen Stress­auslöser bezeichnen.

Nach der Injektion des Mittels sollte der Mediziner das EKG kontinuierlich überwachen und die Vitalzeichen häufig überprüfen, bis EKG-Parameter, Herzfrequenz und Blutdruck auf die Ausgangswerte vor Behandlungsbeginn zurückgegangen sind. Zudem sollte Regadenoson ausschließlich in einer medizinischen Einrichtung angewendet werden, die über eine Ausrüstung zur Überwachung der Herzfunktion und zur kardialen Wiederbelebung verfügt. Bei Patienten mit bestimmten Herzproblemen oder schwerer Hypotonie müssen Ärzte auf Regadenoson ganz verzichten.

Cabazitaxel erhalten die Patienten im Dreiwochen-Rhythmus als einstündige ­Infusion in einer Dosis von 25 mg pro ­Quadratmeter Körperoberfläche. Zusätzlich müssen sie täglich 10 mg Prednison oder Prednisolon einnehmen. Treten bestimmte Nebenwirkungen auf, kann der Arzt die Dosis auf 20 mg pro Quadratmeter Körperoberfläche reduzieren. Bleiben die Nebenwirkungen danach trotzdem weiterhin bestehen, sollte der Mediziner die Behandlung mit Cabazitaxel abbrechen.

In der Fachinformation empfiehlt der Hersteller, mindestens 30 Minuten vor der Infusion den Patienten prophylaktisch ein Antiemetikum und Antiallergikum (Antihistaminikum und Corticoid) zu geben.

Kontraindiziert ist Cabazitaxel bei ­Patienten, deren Neutrophilenzahl unter 1500 pro mm3 liegt, deren Leberwerte auffällig erhöht sind oder die vor kurzem eine Impfung gegen Gelbfieber erhalten haben oder in Kürze erhalten sollen. Apropos I­mpfung: Aufgrund des durch die Chemotherapie geschwächten Immunsystems ist auf die Gabe von Lebendimpfstoffen komplett zu verzichten. Zwar vertragen die Patienten abgetötete oder inaktivierte Impfstoffe meist, jedoch steht der Erfolg dieser Impfungen in Frage. Last but not least sollte der Patient nicht gleichzeitig starke Induktoren oder Inhibitoren von CYP3A4-Enzymen einnehmen. /

E-Mail-Adresse des Verfassers

siebenand(at)govi.de