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Mittelalterliches Badevergnügen

»Wiltu ein Tag fröhlich? Gehe ins Bad!«

21.04.2011  14:54 Uhr

Von Ernst-Albert Meyer / Dieser Aufforderung folgten die Menschen im Mittelalter bereitwillig und strömten in die öffentlichen Badestuben. In Kurorten ist die Balneologie fester Bestandteil der Therapie. Auch in der Selbstmedikation sind Bäder nach wie vor sehr beliebt, beispielsweise gegen rheumatische Beschwerden. Wie alt die Kultur des Badens schon ist, zeigt ein Exkurs in die Geschichte.

Ihre Hochphase hatte die Badelust im Mittelalter. Größere Städte verfügten gleich über mehrere öffentliche Badehäuser. So bestanden 1291 in Paris 26 öffentliche Badestuben, und etwa 200 Jahre später, im Jahr 1489 in Wien 29 und in Nürnberg 8. Dass die Menschen des Mittelalters das Baden so liebten, hat seine Wurzeln in den Badesitten der Germanen. So schrieb der römische Historiker Tacitus (58 bis 120) in seiner im Jahre 98 verfassten »Germania«: »...dass die Germanen gleich nach dem Schlafe, den sie meist bis in den Tag ausdehnen, sich öfters baden im warmen Wasser, weil bei ihnen die meiste Zeit über Winter ist.« Cäsar erzählte den staunenden Römern, die Germanen liebten sogar das Baden und Schwimmen in kaltem Flusswasser. Der griechische Arzt Galen (129 bis 199) berichtete, selbst ihre Neugeborenen tauchten sie in den Fluss, um sie abzuhärten.

Auch die Vertreter der Kirche standen dem Baden aufgeschlossen gegenüber. So befahl Papst Hadrian I. im Jahr 795 den Pfarrern, jeden Donnerstag in Prozessionsordnung, Psalmen singend, ins Bad zu gehen. Die Ordensregeln der Klöster gestatteten es, Bäder zu errichten und sie in Maßen zu benutzen. Der angesehene Benediktinerorden trug wesentlich zur Verbreitung der Badestuben bei und das berühmte Dominikanerinnenkloster in der Stadt St. Gallen besaß schon im Jahr 820 ein separates Badehaus, wie aus einer alten Bauzeichnung hervorgeht.

Die Dampf- und Schwitzbäder übernahmen die Germanen vermutlich von den Slawen. Ein interessanter Bericht über diese Bäder stammt von dem arabischen Arzt Ibrahim-ibn-Jakub. Als dieser 975 mit einer Gesandtschaft des Kalifen von Cordoba am Hof des deutschen Kaisers Otto I. weilte, besuchte er slawische Gebiete und erzählte: »Bäder haben die Slawen nicht, aber sie machen ein Gemach von Holz, dessen Ritzen sie zustopfen mit etwas, das auf ihren Bäumen wächst und wie Wassermoos aussieht und sie moch nennen. In einem Winkel dieses Gemaches bauen sie einen Feuerherd von Steinen und lassen darüber eine Öffnung, um den Rauch hinauszulassen. Wenn nun der Herd erhitzt ist, so verstopfen sie das Luftloch und verschließen die Tür. In dem Gemache sind Gefäße mit Wasser, woraus sie nun Wasser auf den glühenden Herd gießen, so dass der Dampf aufsteigt. Jeder hat ein Büschel Heu in der Hand, womit er die Luft bewegt und an seinen Leib treibt. Dann öffnen sich die Poren und das Überflüssige vom Körper kommt heraus und läuft in Strömen von ihnen ab, so dass an keinem von ihnen mehr eine Spur von Ausschlag oder Geschwulst zu sehen ist.«

Noch beliebter wurde das Badewesen im 11. bis 13. Jahrhundert, als die europäischen Heere von den Kreuzzügen heimkehrten. Im Heiligen Land hatten die Ritter und Soldaten die kultivierten Badesitten der Araber kennen gelernt und wollten nun in der Heimat nicht mehr auf diese Annehmlichkeit verzichten.

Privilegierte Badestuben

Als die Städte entstanden, durften Bader und ihre Gehilfen öffentliche, für jedermann zugängliche Badestuben einrichten und als Gewerbe betreiben. Doch nicht jeder Bader konnte nach eigenem Ermessen eine Badestube eröffnen. Von Anfang an gehörten die öffentlichen Badestuben ebenso wie Schmieden, Wirtshäuser, Mühlen und Apotheken zu den »ehehaften«, das heißt privilegierten Einrichtungen. Wer eine »Ehehafte« gründen wollte, bedurfte einer Genehmigung. Das Recht zur Eröffnung von Badestuben verkaufte oder verpachtete der Landesherr an Städte, Dörfer, Klöster oder Einzelpersonen.

Die Bader bildeten vielerorts eigene Zünfte, denen die Bademeister und ihre Gesellen angehörten. »Damit sie Tag und Nacht ihrer Kunst unverdrossen obliegen können«, genossen die Bader mancherorts gewisse Vorrechte. So waren sie von öffentlichen Ämtern und Abgaben befreit, durften unentgeltlich Holz für Bau- und Heizzwecke schlagen und Nebeneinkünfte durch die Herstellung von Seife und Badehüten aus Stroh erzielen.

Jahrhunderte lang führten die Bader einen erbitterten Kampf mit den Scherern, den späteren Barbieren, um bestimmte Arbeiten. Die Streitobjekte waren das Haare schneiden, Rasieren, vor allem aber die Versorgung von Wunden und der Aderlass.

Die Scherer versuchten immer wieder, ein Verbot dieser Tätigkeiten in den Badestuben durchzusetzen. Diese Streitigkeiten legten die städtischen Behörden häufig so bei, dass die Bader ihre Gäste nur frisieren und rasieren durften, wenn diese auch badeten. Das Recht auf diese Tätigkeiten außerhalb der Badestuben erhielten die Scherer.

Um den Aderlass und die Versorgung von Wunden prozessierten die Streitparteien ebenso oft. Meist einigten sie sich, dass die Scherer frische Wunden versorgen und die Bader sich mit alten Wunden und Körperschäden befassen durften. Den Aderlass konnten beide Berufe vornehmen.

Fast nackt unterwegs

Wie beliebt das Baden im Mittelalter war, zeigt folgender Vorfall: Im 15. Jahrhundert ließ der Züricher Bürgermeister Waldmann etliche Badestuben in einem zu Zürich gehörenden ländlichen Gebiet schließen. Die Unzufriedenheit der Bevölkerung wegen dieser „Neuerung“ führte 1489 neben anderem zu einem Aufstand, der den Bürgermeister den Kopf kostete.

Die öffentlichen Badestuben waren ein Ort des Frohsinns, der Geselligkeit und der Körperpflege. In dem Gewirr der engen, mittelalterlichen Gassen konnte keiner sie verfehlen, denn weiße Tücher, die »badlaken« oder gebundene Laubreiser, die »badwedel«, markierten den Eingang und zeigten an, dass der Badeofen geheizt und genügend warmes Wasser vorhanden war. Hinzu kam die lautstarke Werbung: Mit Rufen, Trommeln und Trompeten lockten die Bader mit ihren Knechten die Ba­delustigen an. Ihr Geschrei war oft so ­störend, dass der Stadtrat von Paris im 13. Jahrhundert verfügte, solchen Lärm wenigstens in den Morgenstunden zu unterlassen.

Die meisten Menschen, die zur Badestube eilten, waren nur mit einem einfachen langen Hemd, dem »badhemd«, bekleidet. Andere hingegen machten sich fast nackt auf den Weg, nicht aus Bequemlichkeit oder Schamlosigkeit, sondern aus Angst vor Diebstahl in den Badestuben. Obwohl dieses Vergehen streng geahndet wurde, kam es dennoch immer wieder vor. So wetterte 1610 der tugendhafte Tiroler Arzt und Prediger Hippolytus Guarinonius (1571 bis 1654) über diese Unsitte, »dass…wol erzogene Burger vnd Burgerinnen, sich in jhren Häusern entblößen, vnd also nackend vber die öffentliche Gassen, biß zum Bad- oder Schandhauß vor aller fürgehenden Augen gehen dörffen.« Große Badestuben verfügten über den Luxus eines Umkleideraums, die »Abzieh- oder Hüt­stube«. Dort verwahrte eine Magd, die »Aufheberin«, die Kleidung.

Vornehme Bürger gingen gemessenen Schrittes zur Badestube, wohl wissend, dass sie eine besonders zuvorkommende Behandlung erwartete. Ihre Diener trugen den »Badesack«, der alles Notwendige enthielt: das Badehemd, die »Wischtücher« (Waschlappen), den aus Stroh geflochtenen Badehut und den Krug mit Seifenlauge oder Schmierseife.

Zuerst die Schwitzstube

Üblicherweise ging man zuerst ins Dampfbad. An den Wänden der Schwitzstube standen terrassenförmig angeordnete Holzbänke. In der Raummitte verströmte ein stark geheizter Steinofen wohlige Hitze. Der Bader, nur mit einem kleinen Schurz bekleidet, und seine Mägde in durchsichtigen, fußlangen Hemden empfingen die Gäste und reichten ihnen »badwedel«. Die Mägde begossen die Besucher mit warmem Wasser, die sich nach dieser Reinigung auf die Holzbänke legten. Um noch mehr zu schwitzen, schlugen sich die Gäste mit den Badewedeln. Wer genug geschwitzt hatte, wurde von den Mägden mit reichlich Wasser begossen und mehrmals am ganzen Körper eingeseift. Den Abschluss der Reinigungsprozedur bildete das Nachspülen mit klarem Wasser. Nun waltete der Bader (nicht der Scherer) seines Amtes: Er rasierte die Männer und schnitt ihnen die Haare. Bevor die Gäste die Badehemden anzogen, um im Nebenraum zu ruhen, erhielten sie einen letzten Guss lauwarmen Wassers.

Im Warmbad ging es bedeutend lebhafter zu. Im »badzuber« oder »badkufen«, großen runden oder ovalen Holzbottichen, saßen Männer und Frauen nackt in lustiger Runde im warmen Wasser, Badehauben, Haarnetze oder Strohhüte auf dem Kopf. Die Badehose für Männer und eine kleine Schürze für die Frauen, die »badehr«, setzten sich erst später durch. Angeregte Gespräche überall: Die Badegäste schlossen Bekanntschaften, machten Geschäfte, lachten und sangen miteinander. Das »zwerchen Standenbrett« lag quer über dem Badezuber und diente als Stellfläche für Becher und Schüsseln. Die Badenden kümmerte nicht, dass die Ärzte immer wieder gegen das Schmausen und Zechen im Bade wetterten. Ihnen gefiel es, und sie sangen aus voller Kehle: »Das zwerchen Standenbrett ist eines Bäders Tisch. Der nicht ist Vogelscheuch, liebt Hühner, Krebs und Fisch.« Geübt bewegte sich das Badepersonal zwischen den Zubern. Es goss warmes Wasser nach, reinigte und massierte die Badenden und reichte Speisen und Getränke.

Auffallende Stille herrschte dagegen in einem besonderen Badezuber, der mit einem zeltartigen Aufbau, dem »baderof«, versehen war. Dorthin zogen sich Liebespaare zurück. Was sie im Wasser trieben, blieb meist verborgen.

Die Krönung des Badens

Verlangten Gäste, geschröpft zu werden, bat der Bader sie, auf einer Bank Platz zu nehmen und die Füße in einen Bottich mit warmem Wasser zu stellen. Er holte die Schröpfköpfe, erhitzte Halbkugeln aus Glas, und setzte sie auf bestimmte Hautpartien. Beim Abkühlen entsteht in den Schröpfköpfen ein Unterdruck, der die Haut in den Schropfkopf hineinsaugt, das Blut in die Haut zieht und den Kreislauf anregt. Wünschte ein Badegast, blutig geschröpft zu werden, ritzte der Bader ihm die Haut mit einem Messer auf und setzte dann die Schröpfköpfe. Durch den Unterdruck lief aus den Schnittwunden Blut in die Schröpfköpfe. Dieser Aderlass sollte den Körper von »überschüssigen« Blutmengen und »unreinen Stoffen« befreien.

Zwar war das Baden im Mittelalter zu einer allgemeinen Volkssitte geworden, doch der Besuch einer Badestube war teuer. Wer auf Speisen, Getränke und das Schröpfen verzichtete, kam mit kleiner Münze davon. »1480 zahlte in Freiberg in Sachsen jeder namhafte Mann drei Pfennige für sich und sein Gesinde, anderthalb Pfennig dem Bader, einen Pfennig in die Stube und der »Schurin« (der Hüterin des Feuers) einen Heller.« (2 Heller waren 1 Pfennig). War der Gast mit der Bedienung durch das Personal zufrieden, gab er den Badeknechten und -mägden beim Verlassen der Badestube üblicherweise ein »badgeld« als Anerkennung.

Vom »Badgeld«

Angehörige anderer Berufe bekamen Badegeld als Zuschlag zum Lohn, damit sie sich den Besuch einer Badestube leisten konnten. So erhielten ab 1315 die Beamten der Stadt Rottweil neben ihrem Lohn an »Ungeltern« auch »battgelt«. Ebenso zahlte die Stadt Basel an ihre Rats- und Unterratsschreiber von Zeit zu Zeit »Geld ins Bad«. Nach Beendigung größerer Arbeiten erhielten die Handwerker vom Bauherrn Badegeld geschenkt, mit dem sie im Bade den glücklichen Abschluss ihrer Arbeit feierten. Badegeld gab es für getane Arbeit, erwiesene Gefälligkeiten und Hilfeleistungen. Als im 16. Jahrhundert das Badewesen langsam zurückging und der ursprüngliche Verwendungszweck des Badegeldes geriet in Vergessenheit. Das heute übliche Trinkgeld hat sich wahrscheinlich aus dem Badegeld entwickelt. /

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