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Depression

Aller Umgang ist schwer

25.03.2013
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Von Andreas Melhorn / Menschen mit Depressionen stellen PTA und Apotheker vor besondere Anforderungen. Ihr Verhalten erschwert alles das, was für den Kundenkontakt wichtig ist: Beratung, den Aufbau einer Beziehung und gegebenenfalls ein Hilfeangebot. Dennoch benötigen gerade diese Patienten besondere Aufmerksamkeit. Ein Rezept mit Antidepressiva oder der Verdacht auf eine Depression sollte zu einem vorsichtigen, aber offenen Umgang mit dem Betroffenen führen.

Depressionen sind eine schwere Krankheit, die nicht nur den Patienten, sondern auch seine Umgebung stark belasten. In sich gekehrt weist der Patient seine Umgebung zurück und will sich anscheinend nicht helfen lassen. Er übt damit auf sein persönliches Umfeld ständigen Druck aus, auf das seine Mitmenschen häufig mit Resignation und ihrerseits mit Rückzug reagieren. Die auf diese Weise selbst verursachte Isolation stürzt die Patienten in eine noch tiefere Depression – ein Teufelskreis beginnt.

Eine pathologische Depression sollte nicht mit normaler Traurigkeit verwechselt werden. Jeder Mensch erlebt Phasen gedrückter Stimmung, geprägt durch Trauer, Angst oder Unsicherheit, aus denen er sich aber selbst oder mithilfe seiner Mitmenschen wieder befreit. Ein Krankheitsbild liegt erst dann vor, wenn eine solche gedrückte Stimmung länger als zwei Wochen anhält. Häufig heilt auch diese Depression von allein wieder aus. In einigen Fällen chronifiziert sie allerdings und dann findet der Erkrankte aus den wieder­kehrenden Schüben an depressiven Tiefs selbst nicht mehr heraus.

Erlernte Hilflosigkeit

Wie eine Depression genau entsteht, ist immer noch unklar. Vermutlich tragen organische und seelische Ursachen zu der Erkrankung bei. So konnten Risikofaktoren ermittelt werden, aus denen verschiedene Erklärungsansätze abgeleitet wurden. Ein besonders anschaulicher Ansatz für psychische Ursachen einer Depression ist die sogenannte erlernte Hilflosigkeit. Gerät der Pa­tient mehrere Male hintereinander in scheinbar ausweglose Situationen, die ihn seelisch stark belasten, akzeptiert er unbewusst diesen Zustand als »normal«. Er »lernt«, an sich zu zweifeln und keinen Ausweg zu wissen, als normal anzusehen. Diese Akzeptanz führt zu weiteren Selbstzweifeln und verstärkt die Angst. Die Spirale in die Depression geht immer weiter.

Einige Lebensumstände begüns­tigen die Entstehung einer Depression, unter anderem

  • das Fehlen einer intimen Beziehung,
  • keine Tätigkeit außerhalb des eigenen Heims,
  • drei oder mehr Kinder unter 14 Jahren,
  • der frühe Tod der Mutter.

Als organische Ursache für eine Depression kommt der Mangel an Mono­aminen in Betracht. Die Monoamine Serotonin und Noradrenalin transportieren Informationen von einer Nervenzelle zur anderen zu deren Berührungspunkten, den Synapsen. Verschiedene Studien belegen, dass ein Mangel dieser beiden Botenstoffe zu den Ursachen einer Depression beitragen kann. Die Ergeb­nisse legen allerdings auch nahe, dass zusätzliche Faktoren nötig sind, um eine Depression auszulösen.

Symptom schlechte Laune

Eine Depression äußert sich in mannigfaltigen Symptomen. Wer schon einmal unter länger anhaltender schlechter Laune und übermäßigem Stress litt, kennt Zeichen wie Appetitlosigkeit und Schlafstörungen. Kopfschmerzen sowie Verdauungsstörungen können hinzukommen. Bei Menschen mit einer voll ausgebildeten Depression sind sie jedoch schwerer und werden meist von weiteren körperlichen und seelischen Symptomen begleitet.

Ausgewählte Symptome einer Depression

  • emotional: traurige, deprimierte Stimmung
  • motorisch: Unruhe oder gedämpftes Verhalten
  • kognitiv: Triade aus negativem Bild von Welt, Selbst und Zukunft
  • motivational: Verlust von Antrieb und Interesse, Entschlusslosigkeit
  • vegetativ: Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, verminderte Libido
  • desweiteren: »Morgentief«, Kopfschmerzen, Verdauungsstörungen, Schwächegefühl, Nervosität, hypochondrische Beschwerden

Quelle: Brigitta Goerke: Patient und Psyche, Govi-Verlag

Viele Patienten verlieren jeden Antrieb und jedes Interesse. Sie haben ein negatives Bild von sich selbst, ihrer Umwelt und ihrer Zukunft, was andere Symptome bedingt (siehe auch Tabelle). Im schlimmsten Fall hinterfragen sie sich und ihre Umgebung konstant und nehmen alle Erlebnisse und Begegnungen nur noch negativ wahr. Sie halten sich selbst für wertlos, ihre Zukunft für ausweglos und fühlen sich von ihrer Umgebung kritisiert und angegriffen. Daher ziehen sie sich immer weiter zurück und wenden sich so von den Menschen ab, die ihnen helfen wollen.

Den Ärzten stehen verschiedene Antidepressiva zur Verfügung, die mit einer tiefenpsychologischen Therapie kombiniert werden können. Am häufigsten verordnet werden Tricyclische Antidepressiva wie Imipramin, Trimipramin, Opipramol, Amitriptylin und Doxepin sowie Tetra­cyclische Anti­depressiva wie Mirtazapin. Das Zusammenspiel aus Wirkungsweise der Antidepressiva und Gegebenheiten der Krankheit macht es notwendig, dass PTA oder Apotheker den Patienten Anwendung, Wirkung und Nebenwirkungen genau erklären. Ohne dieses Wissen brechen viele Patienten die Therapie vorzeitig ab. PTA oder Apotheker sollten die Anwendungshinweise des Arztes wiederholen und nachfragen, ob der Patient noch weiteren Informationsbedarf hat. Je sicherer der Patient im Umgang mit den Medikamenten ist, desto größere Aussichten auf Erfolg hat die Therapie.

Nebenwirkungen sofort

Die stimmungsaufhellende Wirkung der Antidepressiva setzt erst nach zwei bis drei Wochen ein, die Nebenwirkungen spüren die Patienten aber schon zu Beginn. Besonders die häufig auftretende Müdigkeit empfinden die meisten als unangenehm und sie brechen daher die Therapie ab. Andere Nebenwirkungen wie Müdigkeit, trockener Mund, verstopfte Nase, Verdauungsprobleme und Störungen beim Wasserlassen sind zwar unangenehm, sollten aber nicht dazu führen, dass der Patient das Medikament absetzt. Meist lassen diese unerwünschten Arzneimittelwirkungen im Laufe der Behandlung nach. Bei schwerwiegenderen Nebenwirkungen wie Herzrhythmusstörungen, Tremor oder Krampfanfällen muss der Patient den Arzt aufsuchen.

Nebenwirkungen von tricyclischen

Die Nebenwirkungen machen es notwendig, die Dosis nur langsam zu steigern. Der Therapie­beginn erfolgt mit einer niedrigen Dosis, die nach und nach bis zum Erreichen der angestreb­ten Therapiedosis erhöht wird. Zum Ende der Therapie wird die Dosis wieder konti­nuierlich verringert, bis das Medikament schließlich ganz abgesetzt wird. Auf keinen Fall sollte der Patient von sich aus die Therapie plötzlich und ohne Rücksprache mit dem Arzt abbrechen. Auch wenn nach Absetzen der Behandlung die Beschwerden wie Nervosität oder Schlafstörungen den Eindruck erwecken, machen Antidepressiva nicht süchtig.

Dass die Antriebssteigerung früher eintritt als die Stimmungsaufhellung, ist unter Umständen sogar gefährlich. In seltenen Fällen begehen die Patienten Selbstmord oder versuchen dies, weil bisher nur ihre Antriebslosigkeit sie davon abgehalten hat, etwas »gegen ihre Situation zu unternehmen«.

Manchmal verordnen Ärzte zusätzlich weitere Substanzen, zum Beispiel Anxiolytika (angstlösende Mittel), meist Benzodiazepine, um die Zeit zu überbrücken, bis die Antidepressiva ihre volle Wirkung entfalten. Im Gegensatz zu den Anti­depressiva können Benzodiazepine allerdings abhängig machen. Bei Patienten mit wahnhaften Depressionen verschreiben Ärzte auch zusätzlich Neuroleptika.

Pflanzliche Antidepressiva

Bei leichten Depressionen helfen Phytopharmaka aus der Selbstmedikation. Johanniskraut hat sich seit vielen Jahren bei leichten Formen bewährt. Die Wirkung setzt langsam ein und wird im Laufe der Behandlung stärker. Die Stimmung hellt sich auf und der Antrieb wird erhöht.

Leider müssen bei Johanniskraut-Präparaten Wechselwirkungen mit vielen anderen Medikamenten berücksichtigt werden. Auf diese Tasache müssen PTA oder Apotheker den Patienten hinweisen. Sollte er regelmäßig andere Arzneimittel nehmen, ist Vorsicht geboten. Besteht der Verdacht, dass der Patient an einer mittelschweren Depression leidet, muss er einen Arzt aufsuchen.

Relativ neu auf dem Markt sind Lavendel­öl-Kapseln mit beruhigender, angst­lösender und stimmungs­aufhellender Wirkung. Nach bisherigem Erkenntnisstand verursachen diese weniger Wechselwirkungen als Präparate mit Johanniskraut. /

Der Umgang mit depressiven Patienten

Im Gespräch mit einem Depressiven sind manche Aussagen absolutes Tabu, andere fördern die Kommunikation. Hier einige Beispiele:

»Ich weiß ja, dass sie krank ist, aber das geht zu weit!«

Die Kombination aus Hoffnungs- und Antriebslosigkeit macht den Umgang mit depressiven Patienten schwer. Beim Versuch, sich ihnen zu nähern, treffen PTA oder Apotheker häufig auf Widerstand. Manchmal sehen sie sich sogar mit negativen Reaktionen konfrontiert, bei denen der Patient ihnen böse Absichten unterstellt.

Da die Probleme emotionaler und nicht rationaler Natur sind, können sie also mit Argumenten oder gut gemeinten Ratschläge nicht behoben werden. Niemand sollte die Ablehnung eines Patienten persönlich nehmen.

»Das ist doch alles halb so wild!«

Niemand sollte die Probleme des Patienten herunterspielen, denn damit vermittelt er ihm eventuell das Gefühl, nicht selbst mit seinem Leben fertig werden zu können, was seine Selbstachtung weiter angreift. Ihm das Gefühl zu vermitteln, dass seine Probleme nicht wichtig und nicht echt sind, wertet ihn ab. Für den Patienten sind die Probleme real und schwerwiegend.

»Haben Sie vielleicht noch Fragen,­ die ich Ihnen beant­worten darf?«

PTA oder Apotheker sollten dem Patienten signalisieren, dass sie seine Probleme bemerkt und verstanden haben, und Hilfe anbieten, ohne diese aufzudrängen. Zuhören und verständnisvolles Nicken bewirken manchmal mehr als jeder Ratschlag. Außerdem ist es gut, dem Patienten zu vermitteln, dass das Apothekenteam zwar gern hilft, er aber die Hilfe gar nicht nötig hat.

»Ich erkläre Ihnen jetzt noch einmal ganz genau, was bei der Einnahme zu beachten ist, damit es Ihnen bald besser geht.«

Die Tatsache, dass die Nebenwirkungen vor der Wirkung einsetzen und dass es eine Weile dauert, bis echte Besserung eintritt, sind wichtige Informationen für den Patienten. Sie können entscheidend zum Erfolg der Therapie beitragen. Weiß er, was ihn erwartet, hat allein dies einen positiven Einfluss auf seine Psyche. Außerdem kann so das Risiko eines Therapie­abbruchs verringert werden.

Zusammengefasst sollten folgende Verhaltensregeln beachtet werden:

  • Ein Problem nie herunterspielen.
  • Signalisieren: Ich habe Ihre Notlage bemerkt und verstanden.
  • Signalisieren: Ich bin zur Hilfe bereit, ggf. fragen, ob man helfen soll. Die Hilfe aber nicht aufdrängen.
  • Das Gefühl vermitteln, dass man zwar helfen will, der Patient die Hilfe aber gar nicht nötig hat.

So schwierig zunächst der Umgang mit depressiven Patienten erscheint, so können sie doch zu den dankbarsten und treuesten Kunden werden. Sie müssen das Gefühl bekommen, dass sie vom Apothekenteam ernst genommen werden und ihnen geholfen wird, wenn sie es wünschen.

E-Mail-Adresse des Verfassers

a.melhorn(at)gmail.com