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Was ich noch erzählen wollte ...

Erste oder zweite Pubertät?

25.03.2013
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Von Annette Behr / Die Pubertät ihrer Kinder fürchten die meisten Eltern wie ein Schreckgespenst. Die vorher liebreizenden Geschöpfe verwandeln sich in quengelnde, oft kaum zu ertragende Wesen. Dabei ist die Pubertät ein ganz normaler Wachstumsprozess, ein Lebensabschnitt des Wandels, vergleichbar dem der Wechseljahre. Mit viel Humor verlieren beide Lebensphasen etwas von ihrem Schrecken und bieten eine Chance für Neues.

»Ich habe keinen Hunger mehr!«, schnauzte meine Tochter bereits am Frühstückstisch. Anschließend sprang sie auf, ihr Stuhl fiel um und gleich danach auch noch geräuschvoll ihre Zimmertür zu. Mit derlei Auftritten zum Auftakt eines eigentlich harmonisch gedachten Wochenendes konfrontierte sie uns ab dem Alter von elf Jahren häufig. »Nicht Fisch und nicht Fleisch«, nannten unsere Eltern diese Übergangsphase zum Erwachsenwerden. Mal regte sich die Pubertierende über unser zu lautes Umrühren des Kaffees auf, mal über den Geruch von getoastetem Brot. Manchmal brachte sie allein unsere pure Anwesenheit auf die Palme und es störte sie die sprichwörtliche Fliege an der Wand.

Je nach unserer eigenen Verfassung reagierten wir entweder wütend oder lächelten uns nur an. Flüsterte ich dann meinem Liebsten zu: »Ruhig, das geht vorbei. Das sind wieder die Hormone«, war das allerdings grundverkehrt, weil sich das heranwachsende Kind missachtet fühlte. Doch irgendwie konnten wir es ihr sowieso nie recht machen. Auch der Versuch eines einfühlsamen Gespräches endete häufig nur mit Anklagen, wirren Hasstiraden und Heulanfällen des unverstandenen Wesens.

Umbau immer früher

Die gute Botschaft ist bekannt: Auch diese Lebensphase geht vorbei! Die Zeit bis zur Geschlechtsreife dauert zwei bis vier Jahre. Bei jedem Menschen ist die zeitliche Spanne und wohl auch die Intensität dieser Phase unterschiedlich. Noch vor 150 Jahren waren die Mädchen durchschnittlich 17 Jahre alt, als die erste Regelblutung eintrat. Heutzutage sind sie knapp 13 Jahre alt. Ein Grund für den früheren Eintritt soll laut Experten die bessere Ernährung und ein guter Gesundheitszustand sein. Demnach wachsen Kinder aktuell schneller und gleichzeitig nimmt ihr Gewicht früher zu. Für viele Pubertierende sind allein die sichtbaren, körperlichen Veränderungen eine Qual. Außerdem schwitzen sie häufiger und stark und die Haare fetten schneller. Dazu kommt noch eine »blühende« Haut mit unansehnlichen Pickeln, die für jeden sichtbar sind. Ein Zustand, den verunsicherte Jugendliche umso schwerer ertragen können, zumal schöne Menschen omnipräsent sind, ob in Zeitschriften, auf riesigen Werbeplakaten oder in TV-Shows – echt oder mittels Bildbearbeitung erschaffen. Bearbeitete Bildchen werden gepostet, auf Blogs veröffentlicht und entsprechend »geliked« und damit bewertet. Der Druck, einem bestimmten Schönheitsideal zu entsprechen, war wohl nie größer.

Das wächst sich aus

Im Gehirn von Teenagern geht spürbar einiges drunter und drüber. Ihr Verhalten gleicht manchmal einer Kehrtwende um 180 Grad. Das ehemals liebe Kind mit Spaß an Büchern, Sport und gemein­samen Aktivitäten mutiert mitunter plötzlich zum scheinbar interessenlosen Couchpotato. Ganz egal, welche Unternehmungen wir vorschlugen, alles fand meine Tochter doof. »Ich komme nicht mit«, bekamen wir permanent zu hören. Auch wenn Eltern wissen, was gerade mit ihrem Kind passiert, macht das den realen Umgang nicht leichter. Die Zeit ist unglaublich nervig und demotivierend. Zumal ja auch Erwachsene nicht immer »cool« drauf sind. Die Launen- und Sprunghaftigkeit, Antriebsarmut und Vergesslichkeitsattacken vieler Jugendlicher können Gehirn­forscher zwar erklären, doch das hilft im praktischen Leben wenig. So mancher Pubertierende erlebt das Auf und Ab der Stimmungen häufig selbst als traumatisch. Die Pubertät ist eine Zeit des Zweifelns und der Sinnfindung. Eigentlich möchten viele Heranwachsende noch Kinder sein und bleiben, gleichzeitig überrollt sie die Flut der unendlichen Möglichkeiten und hohen Ansprüche. Viele Veränderungen bleiben für sie unverständlich und mysteriös: der eigene Körper, das Gefühlschaos der ersten Verliebtheit und der ständige Stress mit den Ansprüchen von Eltern, Schule und Gesell­schaft. In dieser Phase entstehen bei ungefähr 5 Prozent der Jugendlichen ernsthafte Störungen wie Essstörungen und suizidale Gedanken. Auch die Gefahr, Drogen wie Nikotin, Alkohol und »härtere« Substanzen zu nehmen, ist hoch. Daher ist es in dieser Zeit extrem wichtig, dass die Eltern-Generation Nerven und Ruhe bewahrt. Wer jetzt dranbleibt und Interesse, Verständnis und Stärke zeigt, wird später die Erfolge dieser Anstrengung ernten.

»Eltern kriegen genau die Teenager, die sie verdienen«, las ich bei Ralph Dawirs, Professor für Neurobiologie und Leiter der Forschung der Kinder- und Jugendabteilung für Psychische Gesundheit in Erlangen. Ich finde an dieser Aussage ist viel Wahres. Der Satz gilt umgekehrt genauso, finde ich. Psychologen sprechen meist vom »Spiegeln«, wenn Menschen ähnliche Verhaltensweisen oder spiegelverkehrte Reaktionen ihres Umfeldes zeigen. Pubertierende ahmen ihre Eltern nach, häufiger zelebrieren sie allerdings genau die entgegengesetzten Verhaltensweisen. Das geschieht meist unbewusst. Dabei ist es wichtig sich auszutauschen, mit anderen Eltern und den Kindern. Aber auch den eigenen Standpunkt zu erklären und entschieden zu vertreten, gehört dazu. Verhandlungen und Kompromisse sind in dieser Zeit anstrengend, aber langfristig erkennen die jungen Erwachsenen, wie sehr ihnen ihre Eltern durch diese unruhige Lebensphase geholfen haben.

Zweite Pubertät

Eine Art zweite Pubertät beginnt für viele Erwachsene ungefähr ab dem 40. Lebensjahr. Dann wenn einige Lebensziele wie Karriere, Partnerschaft und Kinderwunsch erfüllt sind, stellen sie sich abermals die Sinnfrage nach Sein und Tun. Damit einher geht nicht selten der Beginn des Klimak­teriums, also des zweiten gefürchteten Schreckgespensts mit einem erneuten Hormonchaos. Glücklicherweise trifft dieser »Umbau« beide Geschlechter, auch wenn immer noch mehr über das weibliche Phänomen gesprochen wird. Die meisten Männer gehen mit ihren hormonellen Schwankungen deutlich zurückhaltender um als Frauen. Beide Geschlechter spüren aber die körperlichen und seelischen Veränderungen in der sogenannten zweiten Pubertät. In der Lebensmitte ereilt Männer und Frauen die Frage nach dem, was jetzt noch kommen könnte. Schließlich haben sie die Lebensmitte erreicht und ihnen wird zunehmend bewusst, dass das Leben endlich ist.

Die Generation meiner Eltern mied dieses Thema so weit wie möglich. Für sie war das Klimak­terium eine reine Frauendomäne und ein Horrorszenarium dazu. Anders heute: »Ich hab Midlife«, sagte beispielsweise mein Cousin neulich am Telefon, als er über Rückenschmerzen und Stress mit seiner jugendlichen Freundin klagte. Ich musste lachen und riet ihm, endlich Sport zu treiben. Gleichzeitig fand ich es toll, dass er so offen über seine Lage sprach.

Zum Glück ist das Klischee »Frauen werden alt und Männer interessant« inzwischen passé. Spätestens seit Frauen wie Senta Berger oder Hannelore Elsner würdevoll altern und auch jenseits der Sechzig elegant über rote Teppiche schreiten. Ich wünsche mir, dass zukünftig Männer und Frauen gemeinsam die kritischen Phasen des Lebens meistern. Oder wie es Hermann Hesse ausdrückt: »Wir wollen heiter Raum um Raum durchschreiten. An keinem wie an seiner Heimat hängen, der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen. Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.« /

E-Mail-Adresse der Verfasserin

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