PTA-Forum online

Frühdiagnose eröffnet Chancen

25.03.2013
Datenschutz

Von Brigitte M. Gensthaler / Mit der Diagnose Demenz bricht für viele Patienten und ihre Angehörigen eine Welt zusammen. Warum eine frühe Diagnose wichtig ist und wie man das heikle Thema anspricht, erklärt Diplom-Sozialpädagoge Tobias Bartschinski von der Alzheimer Gesellschaft München e. V. im Gespräch mit PTA-Forum.

PTA-Forum: Ist eine frühe Diagnose nicht eher eine Belastung als eine Chance für die Betroffenen?

Bartschinski: Demenz beginnt meist schleichend. Doch wenn sich Vergesslichkeit und Defizite häufen, belastet dies die Familie sehr stark. Oft ist die Situation angespannt. Für viele ist es dann eine Erleichterung, wenn die Veränderungen einen Namen haben und eine Therapie beginnt. Für den Erkrankten ist es wichtig, dass er selbst noch Entscheidungen treffen kann. Die frühe Diagnose eröffnet ihm die Chance, mit der Demenz noch viele Jahre gut zu leben. Arzneimittel und nicht-medikamentöse Therapien können die Erkrankung entschleunigen.

PTA-Forum: Wie kann ein An­gehöriger das Thema Demenz ansprechen, wenn er bemerkt, dass der Partner viel vergisst oder sich auffällig benimmt?

Bartschinski: Das ist immer schwierig. Manchmal ist es gut, den Partner direkt anzusprechen und ihm die eigene Wahrnehmung zu erklären. Oder ihm zum Arztbesuch zu raten. Eventuell können die Kinder oder gute Freunde dabei helfen. Das Wort Demenz muss gar nicht fallen.

PTA-Forum: Was tun, wenn der Betroffene die Symptome leugnet oder bagatellisiert?

Bartschinski: Das ist eine typische Reaktion. Der Erkrankte ist sich seiner Defizite bewusst und ärgert sich darüber. Er möchte sie einfach nicht wahrhaben. Wir empfehlen Angehörigen häufig, mit dem Hausarzt zu sprechen, damit dieser das Thema beim nächsten Arztbesuch von sich aus anspricht. Gedächtnisstörungen müssen medizinisch abgeklärt werden, denn sie können auch andere Ursachen haben, zum Beispiel einen versteckten Schlaganfall. Daher warne ich vor Eigendiagnosen.

PTA-Forum: Manchmal bemerken Apotheker und PTA, dass sich ein Kunde verändert. Was deutet auf eine Demenz hin?

Bartschinski: Die Frühzeichen sind individuell unterschiedlich. Eventuell kommt jemand täglich mehrmals in die Apotheke, um das gleiche Arzneimittel zu kaufen. Andere haben Probleme beim Bezahlen oder Wortfindungsstörungen. Auch Orientierungslosigkeit kann ein Zeichen sein: Ein Kunde läuft mehrmals an der Apotheke vorbei, kommt aber nicht herein, weil er die Apotheke nicht erkennt.

PTA-Forum: Was können Apotheker oder PTA dann tun?

Bartschinski: Das Apothekenteam sollte miteinander besprechen, ob das veränderte Verhalten auch anderen aufgefallen ist. Unter Umständen kann man es vorsichtig ansprechen, am besten zunächst einen Angehörigen. Hilfreich sind Flyer über Demenz-Erkrankungen oder von Beratungs­stellen. Manche Erkrankte sind offen für solche Hinweise, die Mehrheit reagiert jedoch ablehnend.

PTA-Forum: Über eine Demenz­diagnose mit anderen zu sprechen, ist schwierig. Was empfehlen Sie?

Bartschinski: Wenn die Diagnose feststeht, müssen die Patienten und ihre Angehörigen klären, wie offen sie mit der Situation umgehen und ob sie darüber in der Familie und mit Freunden sprechen wollen. Bei dieser Entscheidung hilft häufig eine Beratungsstelle. In unseren Gruppen erfahren wir, dass Menschen die Diagnose meist besser verarbeiten und sich eher Unterstützung holen, wenn sie offen damit umgehen.

Das ist auch für die Familie wichtig. Denn oft wenden sich Freunde und Bekannte ab, weil sie das veränderte Verhalten nicht mehr verstehen. Andere wiederum haben Berührungsängste, weil sie zu wenig über Demenzerkrankungen wissen.

PTA-Forum: Können Personen mit einer frühen Demenz noch rechtliche Dinge klären?

Bartschinski: Ja, sie sind geschäfts­fähig, können Verträge schließen und Bankgeschäfte regeln. Wichtig ist, die spätere Versorgung zu klären und eine Patienten- und Betreuungsverfügung sowie Vorsorgevollmacht zu erstellen. Man sollte auch an die private Unfallversicherung denken, denn die zahlt nicht mehr ab der Diagnose. Auch bei der Haftpflichtversicherung sollte man die Diagnose angeben.

PTA-Forum: Wo bekommen Betroffene Unterstützung und Hilfe?

Bartschinski: Die regionalen Alz­heimer-Gesellschaften beraten zum Thema Demenz. In der Münchner Alzheimer Gesellschaft gibt es Angebote für Betroffene und Angehörige. Hilfe bieten auch Beratungsstellen der Wohlfahrtsverbände, Fachstellen für pflegende Angehörige, Pflegestützpunkte – speziell für ältere Menschen – und die Sozialdienste der Kliniken. Wir wollen dazu beitragen, dass die Betroffenen und ihre Familien mit der Diagnose Demenz leben lernen. Mit den Worten eines Betroffenen: »Es gibt ein Leben nach der Diagnose.« /