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Arzneimittelfälschungen

Gefährlicher Betrug

25.03.2013
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Von Annette Immel-Sehr / Der Begriff »Unerwünschte Arznei­mittel­wirkung« erhält in den armen Ländern dieser Welt eine neue, erschreckende Bedeutung. Die Erkrankung der Patienten kann sich dort sogar lebensbedrohlich verschlechtern, wenn sie Medikamente nehmen, weil diese oft gefälscht sind. Kriminelle Banden machen mit gefälschten Arzneimitteln große Geschäfte und gefährden so skrupellos Menschenleben.

Vor einigen Wochen hatten Unbekannte Omeprazol Ratiopharm gefälscht und in Deutschland über Pharmagroßhändler in Verkehr gebracht – glücklicherweise bestand in diesem Fall für Patienten keine Gefährdung. Doch Arzneimittelfälschungen kommen in den Industrieländern vergleichsweise selten vor. Grund dafür ist eine effektive Kontrolle des Arzneimittelverkehrs inklusive strafrechtlicher Regelungen. Nach Schätzungen der WHO liegt der Anteil gefälschter Medikamente in diesen Ländern deutlich unter 1 Prozent des gesamten Arzneimittelvolumens des jeweiligen Landes. Das Bundesministerium für Gesundheit schätzt die Zahl für Deutschland noch niedriger.

In vielen afrikanischen Ländern und in Teilen Asiens und Lateinamerikas gehen Experten dagegen von einem sehr viel höheren Anteil gefälschter Arznei­mittel aus. Da dort oft eingespielte Vertriebs­ketten fehlen und die staatlichen Überwachungs­systeme schwach sind, ist der Markt für gefälschte Arznei­mittel besonders groß. Fahnder fanden in den genannten Regionen Antibiotika, Antimalariamittel, Arzneimittel zur Geburtenkontrolle und Tetanus-Impfstoffe, die allesamt gefälscht waren. Ein Beispiel: Im Zeitraum von 1999 bis 2006 untersuchte eine Arbeitsgruppe unter der Feder­führung von INTERPOL und der Western Pacific World Health Organisation 391 Antimalaria­mittel mit dem Wirkstoff Artesunat. Die Stichproben stammten aus Vietnam, Kambodscha, Laos und Myanmar. Die Hälfte davon stellte sich als gefälscht heraus.

Lukratives Geschäft

Die meisten Fälschungen enthielten entweder gar keinen Wirkstoff oder zu geringe Mengen davon. Darüber hinaus fanden die Fahnder in den Tabletten Schmerzmittel und Antibiotika, in einigen sogar krebserregende Substanzen. Anhand der enthaltenen Verunreinigungen wurde deutlich, dass die Tabletten in einer Gegend mit hoher Luftverschmutzung und ohne Einhaltung besonderer Hygienevorschriften hergestellt worden waren. Offenbar schwappt die Welle gefälschter Malaria­mittel nun von Südostasien nach Afrika über. Die wirkungslosen »Medikamente« können den Patienten den Tod bringen.

Der Handel mit gefälschten Arzneimitteln ist für Verbrecher ein lukratives Geschäft. Einige kriminelle Organisa­tionen setzen mittlerweile mehr auf diesen Handel als auf Drogen- und Waffenschmuggel. Zunehmend werden auch Krebsmedikamente und Mittel gegen die HIV-Infektion gefälscht und in die legale Verteilerkette eingeschleust. Laut WHO ist etwa ein Zehntel der Medikamente weltweit gefälscht – in einigen Regionen der Entwicklungsländer sollen es sogar fast ein Drittel und mehr sein. Die dramatischen Folgen werden wahrscheinlich meist gar nicht publik. Aber es gibt Beispiele: Über 100 Herzpatienten starben Ende Januar 2012 in Pakistan an toxischen Substanzen in einem kontaminierten Medikament. In den 1990er Jahren starben in Bangladesch, Haiti, Indien und anderswo hunderte Menschen, meist Kinder, an gefälschtem Paracet­amolsirup.

Risiko Resistenzen

Antibiotika, die den deklarierten Wirkstoff nur in subtherapeutischer Menge enthalten, bergen nicht nur für den einzelnen Patienten ein hohes Risiko, sondern auch für die gesamte Region, in der sie angewendet werden: Die Krankheitserreger können auf diese Weise Resistenzen entwickeln. Damit verliert ein Arzneistoff, selbst in der richtigen Dosierung, seine Wirksamkeit. Möglicherweise ist das der Grund, warum in Kambodscha, Thailand, Myanmar und Vietnam Resistenzen gegen den Antimalariawirkstoff Artemisinin aufgetreten sind.

Leider wird die Herstellung gefälschter Medikamente in vielen Ländern lediglich als Verletzung des Patentrechts geahndet, nicht aber als mutwillige Gefährdung von Menschenleben. Die Strafen sind entsprechend gering und bremsen die kriminelle Energie der Fälscher­ nicht. Länderübergreifende Rechtsvereinbarungen fehlen. Das erleichtert den Fälschern und kriminellen Händlern das Handwerk. Experten fordern ein international bindendes Recht, um gegen Arzneimittelfälscher vorgehen zu können – ähnlich wie internationale Abkommen gegen Geldfälschung. Mittlerweile gibt es zwar einige Ansätze, die internationale Zusammenarbeit zu verbessern, doch die Initiativen kommen nur schleppend voran. /

Quellen: Bundesministerium für Gesundheit und Spektrum.de