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Historisches

Lebenssaft als Heil- und Zaubermittel

25.03.2013
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Von Ernst-Albert Meyer / Blut von Mensch und Tier spielte in der Volksmedizin und im Aberglauben vergangener Zeiten eine große Rolle. Denn die Menschen sprachen dem Blut vielfältige lebens­erhaltende, heilende und mystische Eigenschaften zu.

Das Blut nahm unter allen Körpersäften, Organen und Geweben von Anfang an eine besondere Stellung ein. Wahrscheinlich weil die Menschen beobachtet hatten, dass eine starke Blutung zum Tod führen kann. Deshalb galt das Blut früher als Träger des Lebens beziehungsweise verkörperte die Lebenskraft schlechthin. Schon in der Bibel, im dritten Buch Moses steht: »Die Lebenskraft des Fleisches sitzt nämlich im Blut ...« Wenn Blut das den Körper belebende Prinzip darstellt, dann muss es auch besondere heilende Eigenschaften besitzen, so schlussfolgerten die Menschen damals.

Schon der in römischen Diensten stehende Militärarzt Dioskurides (1. Jh.) hob die Heilwirkungen verschiedener Blutarten hervor. So empfahl er, das Blut von Ente, Lamm und Gans den Antidota (Mittel gegen Vergiftungen) beizumischen. Schwalbenblut war seit der Antike ein beliebtes Mittel gegen verschiedene Erkrankungen. Bei Augenkrankheiten und frischen Augenwunden wurde es laut Dioskurides direkt auf die Augen aufgetragen. Auch bei Mandelentzündung sollte Schwalben­blut helfen, so schreibt das sechste und siebente Buch Moses: »Reiße einer Schwalbe den Kopf ab, fange das Blut auf, mische Weihrauch dazu, reibe es zusammen, bis es dick wird, mache bohnengroße Kügelchen daraus und gib dem Patienten drei Tage nacheinander ein.«

Tonikum der Germanen

Die Germanen schätzten Ochsenblut mit Wein und Honig vermischt als »Kraft-Trunk«. Bei Fußleiden und ebenso bei der weit verbreiteten Gicht (Podagra) rieben sie die entzündeten Stellen mit Taubenblut ein. Hierzu entnahmen sie das Blut aus dem angehackten Flügel einer jungen, schwarzen Taube. Sonnenbrand und Leberflecken heilen schnell ab oder verschwinden, wenn die Haut mit warmem Hasenblut eingerieben wird, so die damalige Überzeugung. Das Blut einer Landschildkröte zu trinken, sollte gegen die »Heilige Krankheit« (Fallsucht, Epilepsie) helfen. Bei dieser geheimnisvollen Krankheit wurde bis in die frühe Neuzeit auch ein Trunk aus Eselsblut empfohlen. Katzenblut sollte Fieber beseitigen. Dazu musste man einer schwarzen Katze ein Loch ins Ohr schneiden, drei Tropfen Blut auf Brot fallen lassen und dies essen. In Süddeutschland, vor allem Bayern und Schwaben, war früher bei einem Kropf (Struma) folgendes Mittel üblich: Der oder die Betroffene trug ein in das warme Blut einer Spitzmaus getauchtes Band um den Hals.

Als Liebeszauber

Da sich die Menschen früher die Menstruation nicht erklären konnten, umhüllten sie die »monatliche Reinigung« der Frau lange mit dem Mantel des Mystischen. Für einige Völker, so auch die Germanen, galt das Menstrualblut als giftig und die Frau in dieser Zeit als »unrein«. Doch in den meisten Kulturkreisen schätzten die Menschen dieses Blut als Heil- und Zaubermittel. So schrieb der Araber Zakarija ben Muhammed al Oazwini (gest. 1283): »Das Blut der Menstruation, wenn mit ihm der Biss eines tollen Hundes bestrichen wird, heilt ihn und ebenso knotigen Aussatz (Lepra) …Das Blut der Menstruation einer Jungfrau hilft gegen den weißen Flecken auf der Pupille (Hornhautflecke), wenn man es als Augensalbe verwendet.« Ein mit diesem Blut beflecktes Hemd sollte sogar magische Kräfte besitzen: Es mache unverwundbar gegen Hieb- und Stichverletzungen und lösche, in die Flammen geworfen, jedes Feuer. Besonders häufig wurde das Blut gegen Hautkrankheiten eingesetzt. So empfahl die heilkundige Nonne Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) Bäder mit Menstrualblut gegen den damals weit verbreiteten Aussatz (Lepra). An Krätze Erkrankte sollten ein mit Menstrualblut beflecktes Hemd drei Tage tragen, um geheilt zu werden. Andere bestrichen ihre Feuermale, Leberflecken und Warzen mit diesem Blut.

In Europa und in Nordafrika war außerdem der Einsatz von Menstrualblut als Aphrodisiakum weit verbreitet. Die Mischung aus dem Blut oft mit etwas eigenem Schweiß versetzt gaben Frauen in einem Getränk demjenigen Mann, dessen Zuneigung sie erringen oder erhalten wollten. Ein Brauch, der bis ins 19. Jahrhundert praktiziert wurde. So gestand bei einem Ehescheidungsprozess im Jahr 1885 vor dem Landgericht Kolmar die Frau, sie habe ihrem Ehemann mehrere Tropfen Menstruationsblut in den Kaffee getan, um sich dessen Zuneigung zu sichern.

Trunk gegen Epilepsie

Als noch heilkräftiger und das beste Mittel gegen das Altern und gegen Epilepsie (Fallsucht) galt allerdings das frische noch warme Blut von Menschen, die eines gewaltsamen Todes gestorben waren, beispielsweise durch eine Hinrichtung. So gibt es Berichte aus dem alten Rom, dass sich die Zuschauer im Kolosseum nach den Kämpfen auf sterbende Gladiatoren gestürzt haben, um deren Blut zu schlürfen. Diese »Blut-Therapie« beschreibt auch der römische Naturforscher Plinius (23 bis 79): »So trinken Fallsüchtige sogar das Blut von Fechtern, gleichsam aus lebendigen Bechern…Sie halten es für das wirksamste Mittel, das Blut, noch warm, noch wallend, aus dem Menschen selbst und so zugleich den Lebensodem selbst aus dem Munde der Wunde zu schlürfen.« Und berühmte Ärzte wie der Grieche Alexander von Tralles (geb. um 525 n. Chr.) empfahlen bei Epilepsie das gleiche Rezept.

Der dänische Märchendichter Hans Christian Andersen (1805 bis 1875) erlebte im Jahr 1823 eine Hinrichtung und sah wie abergläubische Eltern ihr epilepsiekrankes Kind einen Becher mit dem frischen Blut eines Hingerichteten trinken ließen und dann schnell mit ihm davonliefen. Das schnelle Laufen bis zur Erschöpfung nach dem Blut-Trunk gehörte zur Therapie. Die Menschen waren damals der Meinung, beim Laufen gerieten der Archeus (die Naturkraft) im Blut des Hingerichteten mit dem rasenden Archeus des Epileptikers in Streit. Nur so würde er aus dem Körper des Kranken »ausgetrieben«. Der Arzt und Professor Dr. Georg Friedrich Most (1794 bis 1845) schrieb in seinem berühmten medizinischen Rat­geber-Buch »Encyklopädie der Volksmedicin« im Jahr 1843: »Das noch warme Blut vom hingerichteten armen Sünder wird im Westphälischen und Hannoverschen von Fallsüchtigen gern aufgefangen und getrunken. Einigen hat es geholfen, bei anderen Kranken verschlimmerte es ihr Übel.«

Diese »Fallsucht-Behandlung« wurde sogar noch im 19. Jahrhundert mit behördlicher Genehmigung praktiziert. So erhielt im Jahr 1861 in der Schweiz ein an Epilepsie leidendes Mädchen von den Behörden die Genehmigung, nach der Hinrichtung eines Verbrechers in Aarau das »Heilmittel« zu versuchen. Das Mädchen erhielt die Auflage, drei Schluck Blut unter Anrufung der drei höchsten Namen – Gott Vater, Sohn und heiliger Geist – warm zu trinken.

Bedarf der Apotheker

Auch die Apotheker meldeten ihren Bedarf an frischem Menschenblut an: So bat ein Leitmeritzer Apotheker im Jahr 1729, das frische Blut eines Hingerichteten auffangen zu dürfen mit der Begründung: »Weilen wir selbes zue sehr nützliche Medizin in unser Apotheken gebrauchen müssen.«

Doch das »Armsünderblut« war nicht nur bei Epileptikern heiß begehrt, denn das frische Blut eines Hingerichteten galt überall als Glücksbringer. Aus dem 19. Jahrhundert sind Berichte erhalten, dass sich Zuschauer nach der Hinrichtung wie toll auf das Blut des Toten stürzten. Ein Zeuge berichtete: »… wohnte ich anfangs Januar 1859 der öffentlichen Hinrichtung einer Giftmischerin bei Göttingen bei. Dieselbe erfolgte mittels Schwertes. Als der Kopf vom Rumpf getrennt war und die Blutfontäne 1,5 Fuß emporsprang, durchbrach das Volk das von Hannoverschen Schützen gebildete Karree, stürzte auf das Schafott und setzte sich in den Besitz des Blutes der Hingerichteten, es auffangend und weiße Tücher darin eintauchend. Es war geradezu ein grauenvoller Eindruck…«

Das in einem weißen Tuch aufgefangene noch warme Armsünderblut sollte übernatürliche Kräfte besitzen. Bäcker tauchten einen solchen Lappen in den Teig, Bierbrauer ins Bier, Kauf­leute und Gastwirte in die Branntweinfässer, um sich so garantiert viele Kunden zu sichern.

Lämmer als Blutspender

Die Erkenntnisse des englischen Arztes und Anatomen William Harvey (1578 bis 1657) zur Physiologie des Blutkreislaufs erschlossen ganz neue therapeutische Möglichkeiten. Bis jetzt hatten sich die Ärzte, bezogen auf den Blutkreislauf, auf den Aderlass beschränkt. Doch nun wurden intravenöse Injektionen von Medikamenten und Transfusionen möglich. Ein Kollege Harveys, der Arzt Richard Lower (1631 bis 1691), führte im Jahr 1665 die erste Bluttransfusion von Schaf zu Schaf durch. Dann wagten auch andere Ärzte und Wissenschaftler Transfusionen zwischen Tieren, was nicht nur auf heftige Kritik sondern auch auf Hohn und Spott stieß.

Aufsehen erregte im Jahr 1667 der Leibarzt des französischen Königs Jean Baptiste Denis (1625 bis 1704). Er übertrug Lammblut mit Erfolg auf einen anämischen 16-jährigen Jungen. Spätere Zwischenfälle in seiner Praxis führten aber schon ein Jahr später, also 1668, in Frankreich zum Verbot von Bluttransfusionen. Erst nachdem der Wiener Arzt Karl Landsteiner (1868 bis 1943) im Jahr 1901 die verschiedenen Blutgruppen des Menschen entdeckt hatte, wurden die Transfusionen wieder aufgenommen.

Heute sind menschliches Blut und daraus gewonnene Produkte aus der Medizin nicht mehr wegzudenken. /

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