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Iwan Bloch

Pionier unter der Gürtellinie

25.03.2013
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Von Ralf Daute / Am 8. April vor 141 Jahren wurde in Delmenhorst Iwan Bloch geboren – er prägte den Begriff Sexualwissenschaft.

Unterricht in Sexualkunde? Völlig undenkbar! Jugendliche baten den anonymen Dr. Sommer in der »Bravo« um Ratschläge, weil ihre Eltern das Thema Sexualität tabuisierten. Die Eltern selbst gingen womöglich ins Kino, um dort Filme von Oswald Kolle zu sehen, zum Beispiel »Das Wunder der Liebe II – Sexuelle Partnerschaft«. Das Zeitalter der sexuellen Befreiung, wie es oft genannt wird, währt noch nicht lange. Dass es überhaupt so weit kommen konnte, ist nicht zuletzt einigen Vorreitern und Vordenkern zu verdanken, die sich zu Beginn des vorigen Jahrhunderts erstmals wissenschaftlich mit dem Thema Sexualität auseinandersetzten. Iwan Bloch gehört zu diesen Pionieren. Sein Werk ist allerdings heute weitgehend in Vergessenheit geraten.

Bloch war eine schillernde Figur im Berlin des beginnenden 20. Jahrhunderts. Er wurde am 8. April 1872 in Delmenhorst geboren, er starb unerwartet im Alter von 50 Jahren am 19. November 1922 in Berlin und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee beigesetzt. Ein Jahr zuvor war er an einer Entzündung des Herzmuskels erkrankt. In deren Verlauf mussten ihm wegen Thrombosen beide Beine amputiert werden.

 

Was von ihm bleiben wird, sind seine Verdienste um die Sexualwissenschaft, als deren Vater er gilt. Denn er half mit, diese als eigenständige Disziplin zu etablieren. Sein Hauptwerk »Das Sexualleben unserer Zeit in seinen Beziehungen zur modernen Kultur« erschien im Jahr 1907. Als Überblickswerk über das damalige Wissen wurde es viel gelesen. Im Jahr 1913 gründete Bloch die Ärztliche Gesell­schaft für Sexualwissenschaft und Eugenik, ein Jahr später war er mitbeteiligt an der Gründung der Zeitschrift für Sexualwissenschaft.

 

Was nicht bleiben wird, sind die Inhalte seiner wissenschaftlichen Arbeit zur Sexualität des Menschen. »Bloch blieb gewissermaßen im Zeitgeist stecken«, kommentiert Professor Volkmar Sigusch dessen Werk. Der Frankfurter Sexual­forscher kommt zu dem Schluss, Bloch habe den durchaus widersprüchlichen Sexualdiskurs seiner Zeit zusammengefasst – mehr aber auch nicht. Keine seiner Annahmen ist in eine nach­folgende Sexualtheorie eingegangen. Sigusch fasst Blochs Auffassung von der Sexualität des Menschen mit den Worten zusammen: »Die Sexualität soll sauber, rein und durch und durch heterosexuell sein.«

Bloch forderte die Willensstärke des Einzelnen ein und negierte die Realität der menschlichen Triebe. Vor Studenten der Universität Heidelberg sagte er: »Es wäre nach meiner festen Überzeugung das größte Glück für jeden Menschen, wenn er bis zur völligen Reifung von Körper und Geist, also bis zum 24. bis 25. Lebensjahre, geschlechtlich enthaltsam bleiben könnte.« Und weiter: »Wird der Geschlechts­trieb nicht übermäßig erregt, so kann auch ohne Onanie der geschlechtliche Drang ein sehr mäßiger bleiben und leicht unterdrückt werden.« Diese Brutalität sei bei keinem seiner Zeitgenossen zu Tage getreten, so Sigusch. Beispielsweise plädierte Bloch für eine Fülle rabiater Methoden, um die Selbstbefriedigung zu unterbinden – die Prügelstrafe war da noch eine der milderen Vorgehensweisen. Auch in allen anderen Bereichen der Sexualität lässt sich sagen: Was nicht in Blochs hehres Konzept der reinen Liebe passte, betrachtete er als »degeneriert«, es erschien ihm behandlungsbedürftig und musste gegebenenfalls ausgemerzt werden.

 

Krankheiten im Fokus

Intensiv beschäftigte sich Bloch mit der käuflichen Liebe. Sein Buch »Die Prostitution«, das im Jahr 1912 erschien, bezeichnete er als sein Lebenswerk. Darin rückte er allerdings vor allem den Kampf gegen die Geschlechtskrankheiten ins Zentrum der Darstellung. »Merkwürdig. Im Zentrum seiner Überlegungen und Sorgen stehen nicht Individuen oder gar Sexualsubjekte, sondern Keime, Krank­heiten, Übertragungswege und kul­turelle Verhältnisse«, kommentiert Sigusch. »Ökonomische, soziale und individuell-triebliche Beweggründe spielten bei ihm nur, wenn überhaupt, eine sekundäre Rolle.«

 

Dieser Schwerpunkt lässt sich dadurch erklären, dass Bloch das Thema als gelernter Mediziner anging. Der Sohn eines Viehhändlers war im Alter von 14 Jahren zu Verwandten nach Hannover gezogen, hatte dort sein Abitur gemacht und anschließend in Bonn, Heidelberg, Berlin und Würzburg Medizin studiert. Er spezialisierte sich auf Haut- und Geschlechtskrankheiten und eröffnete in Charlottenburg, damals noch ein vornehmer Vorort Berlins, eine eigene Praxis.

 

Schon früh legte er sich mit den damaligen Größen seines Fachs an, wenn es etwa um den Ursprung der Syphilis ging. Eigentlich wollte er nicht nur die Fachwelt, sondern die ganze Welt von seinen Ansichten überzeugen.

 

Eigene Arzneimittel

Bloch entwickelte sogar eigene Medikamente namens »Testogan« und »Thelygan«, die angeblich »Extrakte der männlichen und weiblichen Keimdrüsen« enthielten und die bei diffusen Krankheits&shy,bildern wie der »sexuellen Dyshormonie« Linderung bringen sollten. Darüber hinaus schrieb er unermüdlich Bücher zu sittengeschicht­lichen Themen wie »Der Marquis de Sade und seine Zeit« oder »Das Geschlechtsleben in England«, die sich gut verkauften. Oft versteckte er sich hinter Pseudonymen, so nannte er sich beispielsweise »Dr. Veriphantor« und Eugen Dühren.

Bloch beherrschte mehrere Sprachen einschließlich Latein und Griechisch und las begeistert historische Literatur. Seine soziokulturellen Studien zur Sexualwissenschaft brachten ihm eine internationale Reputation als Medizinhistoriker ein. Die Erlöse aus seiner schriftstellerischen Tätigkeit sowie aus dem Verkauf der ominösen Präparate ermöglichten es Bloch, seiner wahren Leidenschaft nachzugehen: Er sammelte wie ein Besessener Bücher; Zeitgenossen schätzten den Bestand seiner Privatbibliothek auf 40 000 Bücher und eine umfangreiche Sammlung von Manuskripten. So entdeckte er beispielsweise de Sades Manuskript der »120 Tage von Sodom«, das als verloren gegangen galt.

 

Obwohl er das Wissen seiner Zeit geradezu manisch sammelte, gelang es Bloch nicht, sich vom Zeitgeist abzuheben. So bleiben aus heutiger Sicht von Blochs Lebenswerk zwei Verdienste: Zum einen seine gelehrten Überblicksdarstellungen, zum anderen die Begründung der Sexualwissenschaft als eigenen Forschungsgegenstand. Dass es zu größerem wissenschaftlichen Ruhm nicht reichte, liege – so Sigusch – darin begründet, dass »seine naive Neigung zum Idealisieren und Moralisieren« ihm tiefere Erkenntnisse verwehrte. /

 

Quelle: Volkmar Sigusch, Geschichte der Sexualwissenschaft, Frankfurt/Main 2008

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