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Gesundheitstage

Tag gegen Lärm

25.03.2013
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Von Brigitte M. Gensthaler / Geräusche umgeben den Menschen ständig. Sie ermöglichen ihm Kommunikation und Orientierung, dienen aber auch als Warnsignal. Doch wenn Geräusche zum Dauerkrach werden, können sie krank machen. Der »Tag gegen Lärm« am 24. April will zum Nachdenken anregen.

Weckerklingeln, Hupen, Türenschlagen, Reifenquietschen, startende und landende Flugzeuge, Maschinengeratter, Baulärm: Es gibt sehr viele Lärmquellen im Alltag. Darauf macht der »Tag gegen Lärm« aufmerksam, der seit 1998 einmal jährlich in Deutschland stattfindet. Organisiert wird er vom Arbeitsring Lärm der Deutschen Gesellschaft für Akustik (DEGA) und vom Team »Tag gegen Lärm«. Das genaue Datum orientiert sich am »International Noise Awareness Day« in den USA. Auch in diesem Jahr finden am 24. April weltweit Aktionen statt. In Deutschland lautet das Motto: »ruhig bleiben?«. Im Fokus stehen 2013 zwei Themenschwerpunkte: die Geräuschumwelten von Kindern und Belastungen durch Umgebungslärm.

Mit dem »Tag gegen Lärm« informiert die DEGA die Öffentlichkeit über Ursachen und Auswirkungen von Lärm. »Wir wollen aber nicht plakativ Ruhe gegen Lärm stellen«, erklärt Professor Dr. Brigitte Schulte-Fortkamp von der TU Berlin, Vorstandsmitglied der DEGA, im Gespräch mit PTA-Forum. »Geräusche sind immer da, man kann sie nicht ausblenden. Wir wollen Menschen dazu anregen, besonnen mit Schall­belastung umzugehen und sich damit auseinanderzusetzen.«

Was ist Lärm eigentlich? Ein Kriterium ist der Schalldruckpegel. Geräusche, die lauter sind als 75 oder 80 Dezibel, zum Beispiel ein Rasenmäher oder ein nahe vorbeifahrendes Auto, empfinden die meisten Menschen als Krach. Aber Geräusche haben auch eine emotio­nale Komponente. Dabei spiele der Zusammenhang, in dem sie erlebt werden, eine wichtige Rolle, sagt Schulte-Fortkamp. Die Expertin forscht an der TU- Berlin unter anderem zu Fragen der Psychoakustik und Lärmwahrnehmung. »Lärm ist Schall, der stört, unerwünscht ist und Stress und Krankheit erzeugen kann.« Auch manche leisen Töne, zum Beispiel Pfeifen, Sirren oder Knarzen, würden häufig als störend empfunden.

Die Professorin, die die Idee zum »Tag gegen Lärm« vor 16 Jahren aus den USA nach Deutschland mitgebracht hat, weist auf die hohe Schallbelastung hin, der viele Menschen heutzutage ausgesetzt sind. »Viele sind betroffen, zum Beispiel durch Flug-, Straßen- oder Baulärm«, sagt Schulte-Fortkamp. »Wir wollen die Belastungsschraube herunterdrehen.«

Krank durch Lärm

Dass Lärm auf Dauer krank machen kann, ist bewiesen. Nach Angaben der Weltgesundheits­organisation ist Verkehrslärm in Westeuropa für den Verlust von mehr als einer Million gesunden Lebensjahren jährlich verantwortlich, sei es durch Erkrankung, Behinderung oder vorzeitigen Tod. »Lärm ist nicht nur ein Umweltärgernis, sondern eine Bedrohung für die öffentliche Gesundheit«, stellte die WHO-Regional­direktorin für Europa, Zsuzsanna Jakab, im Jahr 2011 fest. Auf der Liste der krankmachenden Umweltfaktoren steht Umweltlärm nach Luftverschmutzung an zweiter Stelle.

Die Menschen in Deutschland fühlen sich laut Umweltbundesamt (UBA) am häufigsten durch Straßenlärm gestört. Etwa 30 Prozent bewerten Fluggeräusche als Belästigung und damit als Lärm. Zu hohe Schallspitzen oder Dauerschall hinterlassen bleibende Gehörschäden bis hin zur Schwerhörigkeit oder zeitlich begrenzte bis dauerhafte Ohrgeräusche (Tinnitus). Dies bezeichnen Fachleute als »aurale« Wirkungen. Hohe Schallpegel treten nicht nur im Arbeitsleben auf, sondern auch in der Freizeit, zum Beispiel durch laute Musik, Gartengeräte wie Motorsägen oder Kinderspielzeug wie Bobby-Cars.

Lärm wirkt nicht nur auf das Gehör, sondern auf den gesamten Organismus. Fachleute sprechen von extra-auralen Wirkungen. Dies kann schon bei niedrigeren nicht-gehörschädigenden Schall­pegeln geschehen, die zum Beispiel im Straßenverkehr vorkommen.

Stress für Körper und Seele

Lärm gilt als psychosozialer Stressfaktor, der das autonome Nervensystem und das hormonelle System aktiviert. Der Körper schüttet vermehrt Stresshormone aus. In der Folge können sich unter anderem Blutdruck und verändern. Die autonomen, weitgehend unbewussten Reaktionen treten auch im Schlaf und ebenfalls bei Personen auf, die sich vermeintlich an Lärm gewöhnt haben.

Zu den möglichen Langzeitfolgen chronischer Lärmbelastung gehören Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Arteriosklerose, Bluthochdruck und bestimmte Herzkrankheiten einschließlich Herzinfarkt, meldete das UBA im letzten Jahr. Eine Untersuchung des Amtes ergab, dass Menschen in lauten Wohngebieten häufiger wegen Bluthochdruck in ärztlicher Behandlung waren als Bewohner in leiseren Wohngegenden.

Zumindest für Männer ist nachgewiesen: Ein lautes Wohnumfeld erhöht das Herzinfarktrisiko. Nach einer Meta-Analyse des UBA könnten rund 3 Prozent aller Herzinfarkte in Deutschland auf das Konto von Straßenverkehrslärm gehen.

Zudem fanden die Experten Zusammenhänge zwischen nächtlicher Belastung durch Verkehrs­geräusche und Störungen des Immunsystems und des Stoffwechsels. Außerdem existiert ein deutlicher Zusammenhang zwischen der Häufigkeit behandlungsbedürf­tiger psychischer Störungen und der subjektiv empfundenen Beeinträchtigung durch Lärm während des Tages.

Aktionen in Deutschland

Am 24. April findet in Berlin eine ganztägige Veranstaltung mit Kindern statt. Initiator ist das Deutsche Institut für Normung e.V. (DIN). »Wir erwarten etwa 160 Kinder von sechs bis zwölf Jahren aus acht verschiedenen Schulen«, berichtet Schulte-Fortkamp. Diese könnten einen »Hörführerschein« machen, selbst an Hörspielen oder kleinen Rollenspielen teilnehmen und Experten mit ihren Fragen löchern. »Nach unserer Erfahrung sind Kinder sehr aufgeschlossen für die Auseinandersetzung mit Schall.«

Deutschlandweit rechnen die Veranstalter mit etwa 150 Aktionen, zum Beispiel an Schulen, in Kliniken oder bei Hörgeräteakustikern. Apotheken können sich ebenfalls beteiligen und ihre Kunden über Hörprobleme und deren soziale Auswirkungen informieren oder auf langfristige Gesundheits­gefahren durch den Stressfaktor Lärm aufmerksam machen. Oder dazu motivieren, auch in der Freizeit bei lauten Arbeiten Ohrstöpsel zu tragen.

Am »Tag gegen Lärm« will Schulte-Fortkamp auch auf die positiven, lebenswichtigen Seiten des Schalls hinweisen. Die Expertin befasst sich unter anderem mit Aspekten der Lebensqualität durch eine angenehme Sound-Umgebung und nennt beispielhaft Meeresrauschen, Vogelgezwitscher und Kinderlachen. Wichtiger als sich abzuschotten sei es, sich »Ruhezonen« zu gönnen. »Stille finde ich persönlich unerträglich, denn dann steht alles still. Ich finde den Begriff Ruhe besser; das bedeutet für mich Entspannung.« /

Noch mehr Informationen

www.tag-gegen-laerm.de

Tag gegen Lärm – International Noise­ Awareness Day

www.ald-laerm.de

Arbeitsring Lärm der Deutschen­ Gesellschaft für Akustik (DEGA)

www.umweltbundesamt.de/ laermprobleme

Umweltbundesamt

E-Mail-Adresse der Verfasserin

bm.gensthaler@t-online.de