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Digitalis-Glykoside

Die Dosis macht das Gift

25.03.2014  11:48 Uhr

Von Edith Schettler / »Ohne Digitalis möchte ich nicht Arzt sein«, soll der deutsche Internist Bernhard Naunyn (1839–1925) gesagt haben. Mehr als hundert Jahre später stellte eine US-amerika­nische Forschergruppe im Januar 2013 bei Herzpatienten einen Zusammen­hang zwischen der Digoxingabe und einer höheren Todes­rate fest. Die Wissenschaftler brachten ihre Ergebnisse auf die kurze Formel: »Digitalis, yesterday and today, but not forever.«

In den Jahren zwischen diesen beiden gegensätzlichen Aussagen wurden erst durch die Anwendung bei einer größeren Anzahl von Patienten Neben- und Wechselwirkungen der Digitalis-Präparate mit anderen Medikamenten bekannt.



Die ersten Erfahrungen mit der pflanzlichen Droge stammen aus dem empi­rischen Einsatz in der Volksmedizin. Die medizinische Anwendung des Fingerhutes hat im Vergleich mit den meisten anderen Heilpflanzen eine kurze Tradition. Lange galt die Pflanze nur als giftig. Die erste Beschreibung findet sich in einem walisischen Kräuterbuch des 13. Jahrhunderts. Dieses enthielt Rezepturen von Salben und Tinkturen zum ausschließlich äußeren Gebrauch. Außerdem empfahlen die Autoren die »Pflanze der Feen und Elfen« (in Anlehnung an das zarte Aussehen der Blüten) gegen den bösen Blick, Dämonen und böse Geister. Auch in Irland, Schottland und England setzten Kräuterfrauen Zubereitungen aus dem Fingerhut gegen die vielfältigsten Leiden ein.

Im Jahr 1542 wurde der deutsche Botaniker Leonhart Fuchs (1501–1566) auf die Pflanze aufmerksam. Bis dahin gab es im deutschen Sprachraum noch keine Beschreibung des Rachenblütlers. Nach der Form seiner Blüten gab Fuchs der Pflanze den Namen Fingerhut. »Nennen wir sie deshalb Digitalis, wobei wir auf den deutschen Namen Fingerhut anspielen – dies möge als Benennung benutzt werden bis uns, oder anderen, eine bessere einfällt.« Das Wort Digitalis leitet sich vom lateinischen digitus (Finger) ab. Fuchs’ berühmtes »New Kreüterbuch« gilt als die beste Darstellung von Heilpflanzen der damaligen Zeit. Neben dem Fingerhut beschrieb Fuchs noch Aus­sehen, Vorkommen und medizinische Anwendung weiterer 516 Arzneipflanzen. Lange dienten seine Ausführungen Wissenschaftlern als Vorlage für die eigene Forschung, so auch dem schwedischen Naturforscher Carl von Linné (1707–1778).

 

Problematische Dosierung

Der Fingerhut enthält eine Vielzahl an Inhaltsstoffen: neben den an Zucker gebundenen Steroiden, den herzwirksamen Glykosiden, unter anderem Anthranoide, Steroidsaponine und Flavonoide. Von den etwa 25 Fingerhut-Arten werden hauptsächlich zwei arzneilich genutzt: der Rote Fingerhut (Digitalis purpurea) mit dem Hauptinhaltsstoff Digitoxin und der Wollige Fingerhut (Digitalis lanata), der vor allem Digoxin enthält.

 

Nach Fuchs’ Beschreibung geriet die Anwendung des Fingerhutes für lange Zeit wieder in Vergessenheit. Das lag an der schwierigen Dosierung der Kräuterauszüge zur inner­lichen Anwendung, deren Gehalt an wirksamer Substanz je nach Jahreszeit und auch nach Standort schwankte. Heute ist lange bekannt, dass die Digitalis-Glykyoside zu den Arzneistoffen mit der geringsten therapeutischen Breite gehören, der Grat zwischen wirksamer und töd­licher Dosis ist also recht schmal. Hinzu kommt noch die lange Plasmahalbwertszeit, also die Spanne, in der der Körper die Hälfte des Wirkstoffes abbaut. Diese beträgt für Digoxin etwa 1,5 Tage, für Digitoxin sogar eine Woche. Vergiftungen mit Pflanzenauszügen traten demzufolge häufiger auf, und es gab keine Hilfe gegen das Gift. Wegen ihrer Gefährlichkeit verloren die Zubereitungen daher nach und nach an Bedeutung.

 

Wiederentdeckung

Die erste wissenschaftlich fundierte Anwendung gelang dem schottischen Arzt und Botaniker Sir William Withe­­ring (1741–1799). Im Vorwort zu seiner im Jahr 1785 erschienenen Abhandlung über den Fingerhut schrieb er: »Im Jahr 1775 wurde ich nach meiner Meinung über ein Familienrezept zur Behandlung der Wassersucht befragt. Mir wurde gesagt, daß es lange als Geheimmittel einer alten Frau in Shropshire benutzt worden wäre, die manchmal noch Heilung erzielt hätte, wenn die praktischen Ärzte nichts mehr ausgerichtet hätten. Es wurde mir auch berichtet, daß die Wirkung in kräftigem Brechen und Abführen bestanden hätte, denn die diuretische Wirkung schien übersehen worden zu sein. Diese Medizin war aus 20 und mehr verschiedenen Kräutern zusammengesetzt, aber es war für einen in diesen Dingen Erfahrenen nicht sehr schwierig zu erkennen, daß das wirksame Kraut nichts anderes als der Fingerhut sein konnte.«

Im englischen Sprachraum heißt die Pflanze übrigens »Foxglove« (Fuchshandschuh). Dieser Name geht auf eine alte Sage zurück: Danach sollten Feen Hühner stehlen – wie Füchse – und dabei die Blüten als Handschuhe tragen. Auch in einigen alten deutschen Texten verwenden die Autoren mehrfach die Bezeichnung »Fuchskraut« für den Fingerhut.

 

Withering wandte den Fingerhut erfolgreich als Diuretikum an. In den Jahren 1776 bis 1779 untersuchte der Arzt bei 163 seiner Herzpatienten die Wirksamkeit von Digitalis-Aufgüssen gegen Ödeme als Folge einer Herzschwäche. Seine Untersuchungen und Aufzeichnungen bildeten die Grundlage für eine medizinisch fundierte Digitalisthe­rapie. Erst im Jahr 1814 entdeckte sein sächsischer Kollege Friedrich Ludwig Kreysig (1770–1839) die herzstärkende Wirkung des Fingerhut. Daraufhin setzten in den folgenden Jahrzehnten die Ärzte Digitalis in Form von Infusen, Dekokten und Pillen ein. Sie gingen jedoch davon aus, dass die Wirkung stets mit Erbrechen und Übelkeit – eindeu­tigen Zeichen für eine Überdosierung – einhergehen muss.

 

Isolierung des wirksamen Prinzips

Als Mitte des 19. Jahrhunderts die Pflanzenchemie aufblühte, nahmen sich die Forscher auch des Fingerhutes an. Im Jahr 1868 gelang es dem französischen Chemiker Claude-Adolphe Nati­velle (1812–1889), aus Digitalis­blättern ein an Zucker gebundenes Gemisch aus drei Wirkstoffen zu isolieren, dem er den Namen Digitalin gab. Als im Jahr 1874 der deutsch-baltische Pharmakologe Oswald Schmiedeberg (1838–1921) das Digitoxin aus dem Roten Fingerhut in reiner Form gewann, stand endlich die Dosierung auf einer sicheren Grund­lage. Albert Schweitzer, (1875–1965), der bei Schmiedeberg in Straßburg Medizin studierte, nannte den Pharmakologen den »bekannten Erforscher der Digitalissubstanzen«. Gern erzählte Schweitzer folgende Anek­dote: »Nach Jahren sollte ich Gelegenheit finden, dem von mir verehrten Schmiedeberg einen Dienst zu erweisen. Als ich im Frühjahr 1919 zufällig am Bahnhof Straßburg-Neudorf vorbeiging, von dem aus eben ausgewiesene Deutsche mit der Bahn abtransportiert werden sollten, sah ich den lieben Alten unter ihnen stehen. Auf meine Frage, ob ich ihm bei der Rettung seiner Möbel behilflich sein könne – er hatte sie, wie die anderen auch, zurücklassen müssen –, zeigte er mir ein in Zeitungspapier eingewickeltes Bündel, das er im Arme hielt. Es war seine letzte Arbeit über Digitalin. Da alles, was die Ausgewiesenen bei sich und auf sich hatten, im Bahnhof von französischen Unteroffizieren streng kontrolliert wurde und er Angst hatte, daß man ihm die Mitnahme des umfangreichen Manuskripts vielleicht nicht gestatten würde, nahm ich es ihm ab und ließ es ihm später durch sichere Gelegenheit nach Baden-Baden zugehen, wo er bei Freunden Unterkunft gefunden hatte. Nicht lange, nachdem es im Druck erschienen war, starb er.« Dieser Freund in Baden-­Baden war der bereits erwähnte Bernhard Naunyn.

 

Umdenken bei Kardiologen

Als Begründer der wissenschaftlichen Digitalis-Therapie gilt der Mediziner Ludwig Traube (1818–1876), denn der Internist führte diese Behandlung im Jahr 1875 an der Berliner Charité ein. Jahrzehntelang war Digitalis der Goldstandard in der Behandlung der Patienten mit Herschwäche. Routinemäßig erhielten Generationen von Über-60-­Jährigen Herzglykoside, wenn ihre Herzleistung nachließ.

Beliebte Mordwaffe

Die Entdeckung der Herzglykoside spiegelte sich auch in der zeitgenössischen Literatur wider. Agatha Christie (1890–1976) ist als Autorin von Kriminalromanen weltberühmt. Die wenigsten Leser wissen wahrscheinlich, dass Christie zunächst Medizin studierte, dann während des Ersten Weltkrieges als Krankenpflegerin und später sechs Jahre als Apothekerassistentin in einer Krankenhausapotheke gearbeitet hatte. Dort eignete sie sich den nötigen Sachverstand an, denn in mehr als der Hälfte ihrer 80 Romane spielt Gift als Mordwaffe eine Rolle. Ihre Täter mordeten stets mit schnell wirksamen und schwer nachzuweisenden Substanzen. Sowohl die Wirkung der Gifte als auch die häufigen Fehldiagnosen der Ärzte beschrieb die Autorin meisterlich: »Und ist sie gestorben? An was?« – »Jemand hat beim Spinat schneiden ein paar Fingerhutblätter erwischt – ein reines Versehen … So etwas ist kaum tödlich.« – »Das würde nicht ganz genügen. Aber wenn Sie eine gute Portion Digitalis in eine Kaffeetasse tun … dann kann man den Fingerhutblättern die Schuld geben, und es sieht alles wie ein bedauerliches Versehen aus«, schrieb Christie im Roman »Alter schützt vor Scharfsinn nicht (im Original: Postern of Fate)«.

Heute setzen Ärzte Digoxin und Digitoxin in der Therapie von Herz­beschwerden zunehmend zurückhaltender ein. Die Leitlinien der European Society of Cardiology sehen ebenso wie die Empfehlungen der American Heart Association den Einsatz von Digitalis nur noch bei Patienten mit Vorhofflimmern und schwerer Herzinsuffizienz vor.

 

Die Arzneistoffe sind besonders für ältere Menschen problematisch. Sie reichern sich im Körper an, weil die Ausscheidungsprozesse bei ihnen lang­samer ablaufen. Zudem ist die notwendige Compliance aufgrund kognitiver Störungen häufig nicht mehr gegeben. Deshalb empfehlen die Autoren der »PRISCUS-Liste potenziell inadäquater Medikation für ältere Menschen« des Bundesministeriums für Bildung und Forschung als Therapiestandard für betagte Patienten Arzneistoffe aus der Gruppe der Betablocker, ACE-Hemmer und Diuretika als Alternative zu Digitoxin. In der Schweiz ist kein orales Digitalis-Präparat mehr im Handel. /