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Maria Sibylla Merian

Die Frau, die sich traute

25.03.2014
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Von Ralf Daute / Maria Sibylla Merian widmete ihr Leben ganz der Erforschung der Natur. Ihr besonderes Interesse galt den Insekten. Ende des 17. Jahrhunderts war sie so mutig, eine Forschungsreise nach Surinam zu unternehmen. Die Tochter des Verlegers Matthäus Merian wurde am 2. April 1647 in Frankfurt am Main geboren und starb am 13. Januar 1717 in Amsterdam.

­Maria Sibylla Merian war eine außer­gewöhnliche Frau: eine begabte Künstlerin und eine Naturforscherin mit genauer Beobachtungsgabe. Durch ihre eindrucksvollen und detailgetreuen Bilder von Pflanzen und Insekten gilt sie als Wegbereiterin der Insektenkunde.

Um eine Vorstellung davon zu bekommen, wofür sie sich brennend inter­essierte, genügt eine Episode aus ihrem »Studienbuch«. Demnach wollte sie für die Familie drei Lerchen zubereiten: »Als ich sie wollte rupfen lassen, da waren siebzehn dicke Maden an ihnen, wieso sie doch gleich von mir zugedeckt waren. Diese Maden hatten keine Füße und konnten sich doch an den Federn halten. Den andern Tag veränderten sie sich in ganz braune Eier. Am 26. August kamen so viele schöne grüne und blaue Fliegen heraus, welche ich große Mühe hatte zu fangen.«

 

Jede andere Frau hätte sicher über den verdorbenen Braten geklagt. Merian hingegen betrachtete voller Freude die neuen Studienobjekte, die auf den toten Vögeln herumkrochen. Dass sie sich bereits im 17. Jahrhundert als Frau dieser besonderen Passion widmen konnte, verdankt sie einerseits ihrer privilegierten Herkunft, andererseits war sie von einem ungewöhnlichen Eifer angetrieben. »Sie war Naturforscherin, Künstlerin, Lehrerin, Händlerin von Farben und Präparaten, Verlegerin, Hausfrau und Mutter von zwei Töchtern«, schreibt Kurt Wettengl im Katalog zu einer Ausstellung, mit der Maria Sibylla Merian im Deutschen Historischen Museum in Frankfurt am Main geehrt wurde.

 

Frankfurt am Main ist auch ihre Heimatstadt. Dort wurde sie 1647 als Tochter des europaweit bekannten Kupferstechers und Verlegers Matthäus Merian dem Älteren und seiner zweiten Frau Johanna Catharina Sibylla Heim geboren. An ihren Vater dürfte sie kaum Erinnerungen gehabt haben, denn er starb, als sie drei Jahre alt war. Die Mutter heiratete erneut einen Künstler, den niederländischen Blumenmaler, Kunstlehrer und Kunsthändler Jacob Marrel. Die meiste Zeit hielt sich dieser jedoch fernab der Familie in Utrecht auf und ging dort seinen Geschäften nach.

Gleichwohl blieb ihm das außergewöhnliche Zeichentalent seiner Stieftochter nicht verborgen. So beauftragte er einen seiner Schüler damit, Maria Sibylla zu unterrichten. Bereits im Alter von elf Jahren war sie in der Lage, Kupferstiche zu fertigen. Ebenso früh entdeckte das Mädchen auch seine Neigung, Insekten zu beobachten. »Ich entzog mich deshalb aller menschlichen Gesellschaft und beschäftigte mich mit diesen Untersuchungen«, schrieb sie rückblickend Jahre später.

 

Mit ihren Studien betrat Merian wissenschaftliches Neuland. Die Gelehrten der damaligen Zeit gingen davon aus, dass Insekten in einem Ursumpf entstehen. Keiner der renommierten Wissenschaftler hatte Interesse daran, sich mit solchem »niedrigem« Getier zu beschäftigen.

 

Merian hingegen setzte ihre Naturstudien unbeirrt fort. Daran änderte auch ihre Heirat mit Andreas Graff, einem Schüler ihres Stiefvaters, im Jahr 1655 nichts. Nur Hausfrau und Mutter zu sein, diese Rolle kam für Merian nicht in Frage. Im Alter von 21 Jahren brachte sie ihre erste Tochter, Johanna Helena, zur Welt, zehn Jahre später wurde Dorothea Maria geboren.

 

Nach 15 Jahren Ehe zog die Familie in die Heimatstadt des Mannes – nach Nürnberg. Doch nicht Graff hielt die Familie über Wasser, sondern seine Frau. Ihr Handel mit Malerbedarf sicherte deren Lebensunterhalt. Außerdem gab sie Unterricht in Blumenmalerei und -stickerei.

 

Auch in Nürnberg widmete sich Merian in jeder freien Minute dem Studium der Insekten. Die Ergebnisse dieser Arbeit erschienen in den Jahren 1679 und 1683 als das zweibändige, sogenannte »Raupenbuch«. Ihr Leben lang behielt sie das für sie so typische Prinzip der Darstellung bei: Sie fasste sämtliche Entwicklungsstadien vom Ei über Raupe und Puppe bis zum fertigen Insekt auf einem Blatt zusammen – gemeinsam mit der Pflanze, die dem jeweiligen Insekt hauptsächlich zur Nahrung dient.

 

Umzug nach Friesland

Zwei Jahre nach Erscheinen des zweiten Bandes traf die Naturforscherin eine für die damalige Zeit außergewöhnliche Entscheidung: Sie verließ ihren Mann nach 20 Jahren Ehe und zog mit ihrer Mutter und ihren beiden Töchtern ins niederländische Friesland zu ihrem Stiefbruder. Dieser lebte dort in einem Schloss mit 350 Menschen unter Anleitung eines Predigers nach urchristlichen Idealen.

 

Warum die Ehe scheiterte, ist nicht überliefert. Umso verlockender ist es aus heutiger Sicht, in diesem Schritt einen Akt der weiblichen Selbstverwirk­lichung zu sehen. Keine Spekulation ist, dass Merian in Friesland im Selbststudium ihre Lateinkenntnisse verbesserte. Außerdem begann sie damit, die im Schloss vorhandene Sammlung exotischer Schmetterlinge aus der niederländischen Kolonie Surinam zu studieren und zu malen.

 

Die tropische Tierwelt weckte in ihr offenbar so große Sehnsüchte, dass die Forscherin sich Anfang 1699 zu einem weiteren radikalen Schritt entschloss: Sie verkaufte große Teile ihrer Sammlungen und Bilder, warb finanzielle Unterstützung der Stadt Amsterdam ein, schrieb ein Testament und bestieg im Juni gemeinsam mit ihrer Tochter Dorothea Maria ein Handelsschiff, das quer über den Atlantik nach Surinam segelte.

 

Heimreise nach zwei Jahren

In Surinam lebten die beiden Frauen zuerst in der Landeshauptstadt Paramaribo. Später zogen sie in die 65 Kilometer entfernte Provinzstadt Providentia, in der sich die gleiche Pietistengemeinde wie in Friesland niedergelassen hatte. Zwei Jahre lang sammelten Mutter und Tochter alles, was ihnen in die Finger kam. Erst als Maria Sibylla, mittlerweile 54 Jahre alt, an Malaria erkrankte, brachen sie den Aufenthalt in Südamerika ab und traten die Heim­reise an. Am 17. September 1701 gingen Mutter und Tochter in Amsterdam von Bord.

 

In der niederländischen Metropole, damals das kulturelle Zentrum der Welt, wurden ihre Tier- und Pflanzenpräparate in einer viel besuchten Ausstellung gezeigt. Insgesamt dauerte es vier Jahre, bis alle Objekte für ein Buch über die Reise gemalt oder gestochen worden waren. Im Jahr 1705 erschien dann das wissenschaftliche Hauptwerk von Maria Sibylla Merian: Metamorphosis insectorum Surinamensium. In der Einleitung schrieb sie: »Bei der Herstellung dieses Werkes bin ich nicht gewinnsüchtig gewesen, sondern wollte mich damit begnügen, wenn ich meine Unkosten zurückbekomme. Ich habe keine Kosten bei der Ausführung dieses Werkes gescheut.«

 

Das stimmte in der Tat. Gewissermaßen sind diese Sätze auch die Vorboten der letzten tragischen Wende im Leben dieser großen Frau. Um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, gab sie – wie schon in Nürnberg – Malunterricht, handelte mit Malerbedarf und verkaufte überdies immer wieder Teile ihrer Sammlung.

Obwohl sie noch zu Lebzeiten als große Forscherin galt, zahlte sich diese Anerkennung materiell nicht aus. Zwei Jahre nach einem Schlaganfall, der sie an den Rollstuhl fesselte, starb sie unter tristen Umständen am 13. Januar 1717 im Alter von 69 Jahren. Maria Sibylla Merian wurde in einem Armengrab beigesetzt, das nicht erhalten ist.

 

Späte Ehrungen

Ungeachtet des kläglichen Endes wuchs das Interesse am faszinierenden Lebenslauf dieser Frau von Generation zu Generation. Mittlerweile gibt es zwölf Romane über ihr Leben, dazu zahlreiche Biografien. Deutschland ehrte Maria Sibylla Merian, indem ihr Porträt den 500-Mark-Schein zierte, außerdem war ihr Konterfei auf einer 40-Pfennig-Briefmarke zu sehen. Und auf dem Planeten Venus trägt sogar ein Krater ihren Namen. /

E-Mail-Adresse des Verfassers
ralf.daute(at)me.com